Während ich zu survival of the friendliest recherchiere, rufen mir Männer „Miez, Miez, Miez!“ hinterher. Während ich von Experimenten lese, die die Theorie des survival of the fittest widerlegen, verfolgt mich ein Mann auf dem Nachhauseweg. „Ich hasse Männer nicht. Ich habe Angst vor ihnen.“ Es hat Jahre gedauert, bis Nicole List sich erlaubt hat, diese Sätze zu denken – noch viel länger, sie laut auszusprechen. So hart das klingt, so sehr sind sie eine Befreiung: von dem nagenden Gefühl der Unsicherheit in Herz, Hirn und Magen, von selbstauferlegtem Schweigen und nicht zuletzt davon, Männer aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Nicole List findet eine beeindruckende Sprache dafür, was es heißt, in einer Welt aufzuwachsen und zu leben, die von und für cis Männer gemacht ist. Sie benennt schmerzhafte Wahrheiten, teilt Erfahrungen und schont niemanden, am wenigsten sich selbst. Das Kunststück, das ihr mit „Angst vor Männern“ gelingt: Sie verweilt nie in Schuldzuweisungen, sondern fordert vehement das angstfreie Leben für alle – und zeigt, was dafür notwendig ist.
"Meine Angst vor Männern ist nicht eingebildet, meine Angst vor Männern ist keine Erfindung meiner Fantasie. Meine Angst vor Männern ist real, weil die Taten der Männer real sind und dazu geführt haben, dass ich mein Urvertrauen verloren habe." - Seite 32
"Es macht mich wütend, dass Frauen sterben und Männer darüber diskutieren, was man noch sagen darf." - Seite 64
Habe das Buch auf der Leipziger Buchmesse zufällig entdeckt und mich selten beim Lesen so sehr verstanden gefühlt. Es werden so viele Alltagsbeispiele genannt, die ich und meine Freundinnen schon unzählige Male erlebt haben – und die das Problem in unserer Gesellschaft so klar sichtbar machen.
Wahrscheinlich haben alle Frauen diese Situationen schon erlebt, aber kaum ein Mann: Den Freundinnen den Live-Standort schicken, wenn man zu einem Date geht; sich in den Öffis lieber neben den Fahrer oder eine Person gleichen Geschlechts setzen; den Weg über eine gut beleuchtete, belebte Straße wählen statt über die schnellere; ein Getränk wegschütten aus Angst vor K.-o.-Tropfen; so tun, als würde man Musik hören, weil man merkt, dass jemand einen ansprechen will; ein Codewort oder einen kurzen Check-in vereinbaren („Bin gut angekommen“); sich überlegen, was man anzieht, um nicht zu sehr aufzufallen; sogar Schuhe wechseln, um im Notfall schneller wegrennen zu können; jemanden bitten, einen in die Tiefgarage oder bis zur Haustür zu begleiten; jemanden auf dem Nachhauseweg oder im Taxi anrufen oder so tun, als würde man telefonieren usw.
Wie die Autorin richtig sagt: Not every man, but always a man. Nach den schockierenden Nachrichten über Gisele Pelikot, Collien Fernandes und den zahlreichen Femiziden, von denen man tagtäglich liest, wird einem nur noch bewusster, wie dringend sich etwas ändern muss. Ein absolutes must-read für jeden!!
Schmerzhaftes, aber wunderbares Buch! Es erklärt sehr gut, warum viele Frauen Männern gegenüber misstrauisch sind und welche Erfahrungen überhaupt dazu geführt haben. Erkenne darin leider sowohl meine eigenen Erfahrungen, als auch die von Freundinnen und Familie.
List bespricht hier das sehr reale und weitreichende Problem, dass Frauen immer wieder Gewalt von Männern erfahren und die Angst, welches dies bei ihr auslöst. Große Teile dieses Essays sind so persönlich, dass es sich falsch anfühlen würde, diese zu bewerten. Ich war außerdem offensichtlich nicht Zielgruppe des Buches (List addressiert dezidiert cis Männer), was aber in der Aufmachung und Beschreibung des Buches nicht deutlich wurde.
Fand das Buch wirklich gut und natürlich sind die Inhalte erschreckend und belastend, aber (leider) nicht überraschend. Einziger Kritikpunkt wäre, dass die Inhaltswarnung nicht vor Beginn des Buches sondern hinten im Literaturverzeichnis steht, wo sie meiner Meinung nach falsch gelistet ist. Ansonsten fand ich es ungewohnt gesiezt zu werden, aber das ist eher persönliche Präferenz. Finde es ist ein Must-read (no pressure lol)!
Ich hab das Büchlein verschlungen, weil es so lesbar geschrieben war. Bin ich die Zielgruppe? Ich glaube nicht, aber es waren einige gute Stellen dabei und ich wüsste mehrere Menschen/Männer denen ich das Buch am Liebsten in die Hand drücken würde.
Alles in Allem ein solides Buch mit einem sehr persönlichen Zugang, den man aber doch leider selbst kennt. Ich kann die Angst vor Männern super verstehen und nach dem Buch noch besser.
Der Titel, die Angst, und wie sie von der Autorin definiert und erklärt wird ist sehr einsichtig und soll auch gar nicht in frage gestellt werden. insgesamt werden viele wichtige themen angeschnitten freund/innenschaften, Partner/innenschaft, gewalt, mangelndes vertrauen, femizide und social media etc. keines der themen wird leider ausführlich dargestellt. insgesamt fehlt es mir vor allem an tiefe. so wie genau am anfang „männer“ definiert werden kommt das leider bei frauen zu kurz. ja wird sind alle frauen aber das heißt nicht dass wir alle ein kollektives verständnis fürs Frau-sein haben. Die Intersektionalität und wie das mit unterschiedlichen Privilegien und Marginalisierungen einhergeht fehlt mir leider total. Ich weiß aber nicht ob die Kritik hier berechtigt ist weil die Autorin oft aus der Ich Perspektive schreibt, aber gleichzeitig oft auch das kollektive „Frauen“ benutzt, daher kann ich hier gar nicht abschätzen ob das gewollt ist oder nicht. Das Buch wollte viel. Ein poetisch Sachbuch was sehr eindringlich ist. Gleichzeitig eine art „Anleitung“ für Männer (oft direkte ansprache an Männer, die leider manchmal etwas stumpf ist), gleichzeitig auch viel (berechtigte) Wut. Habe es in einem Rutsch durchgelesen aber es hätten auch 5 separate Buchideen sein können. Trotzdem habe ich mich in vielen Teilen gesehen gefühlt und konnte einiges mitnehmen.
Konnte es nicht weglegen und habe es gestern Abend durchgelesen. Ganz oft genickt oder laut „Ja“ gerufen. Nicole schafft es, in einfacher Sprache ohne schwierige Fachwörter, zum Nachdenken anzuregen. Sie schafft den Spagat zwischen „Ich fühle mich als Frau da komplett verstanden“ und „irgendwie ist das Buch auch für Männer geschrieben“, da diese oft auch in der Du-Form angesprochen werden. Die aktuellen Studien in Kombination mit ihren eigenen Erfahrungen waren eine gute Kombi. Top!
"Angst vor Männern" ist das Debüt von Nicole List, erschienen am 05.03.2026 bei Wasser Publishing, und umfasst 128 Seiten. Nicole List ist (hoffentlich ;)) vielen bereits als leidenschaftliche Buchhändlerin (Buchhandlung List) und unermüdliche Buchexpertin aus dem Fernsehen und den sozialen Medien bekannt. Dass die Germanistin nun selbst zur Feder gegriffen hat, ist ein absoluter Glücksfall für die feministische Literatur. Ihr erzählendes Sachbuch verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Analysen rund um Angst, Gewalt, patriarchale Strukturen und die Frage, wie ein angstfreies Leben für alle möglich werden kann.
Meine Meinung
Was für ein Debüt! Schon die ersten Seiten haben mich mitten ins Herz getroffen; ich musste so oft nicken und habe innerlich JAAAAA geschrien. Nicole List schreibt direkt, klar und gleichzeitig unglaublich reflektiert über etwas, das viele Frauen kennen, aber oft nicht auszusprechen wagen – aus Angst vor den Reaktionen (von Männern). Der Autorin gelingt es unglaublich gut, persönliche Erlebnisse mit sachbuchartigen Einschüben zu verbinden, ohne dass der Text jemals belehrend wirkt. Stattdessen entsteht ein intensiver Dialog zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlicher Realität.
„Ich hasse nicht. Ich bin wütend, ja. Aber vor allem fürchte ich mich.“ (S. 29) Dieser Satz bringt den Kern des Buches (für mich) auf den Punkt. Denn es geht keineswegs um pauschale Schuldzuweisungen (ja, wir wissen hoffentlich alle: „not all men, but always a man!“), sondern um Strukturen, Erfahrungen und die Müdigkeit, die entsteht, wenn Angst leider selbstverständlich zum Alltag gehört. Und obwohl der Text schononungslos ehrlich ist, schreibt Nicole List, ohne den Blick für Differenzierung zu verlieren. Meinen Respekt dafür.
Ein kluger Schachzug waren für mich auch die einleitenden Kapitel, die verschiedene Alltagssituationen beschreiben, in denen Frauen jeden Alters belästigt werden. Soweit ich es verstanden habe, sind es alles Situationen, die der Autorin selbst zugestoßen sind. Leider habe ich mich selbst in einigen wiedergefunden – und da bin ich sicherlich nicht die einzige Frau. Die Szenen, die für Außenstehende (Männer!) „klein“ und wie Einzelfälle wirken mögen, summieren sich im Buch zu einem bedrückenden Gesamtbild.
Neben den Beschreibungen vieler Situationen, die mit Angst und Schmerz verbunden sind und hoffentlich den einen oder anderen LESER (ja, bewusst nicht gegendert) zum Nachdenken anregen, richtet sich Nicole List aber auch bewusst an Frauen. So spricht sie im Sinne von Empowerment über Solidarität, Selbstermächtigung und Veränderung: „Jeder Satz, den ich wage auszusprechen, befähigt eine andere Frau.“ (S. 118) Das finde ich so wichtig, denn wir sind nicht allein. Wir sind viele!
Auch formal hat mir das Buch gefallen. Die essayistische Sprache wirkt literarisch und bleibt trotzdem zugänglich. Durch die ästhetische Gestaltung und die kurzen Kapitel liest es sich trotz der schweren Themen gut weg. Ich habe es zumindest an einem Nachmittag am Stück „inhaliert“. Wichtig finde ich auch den Hinweis auf die Content Notes am Ende des Buches, da viele geschilderte Erfahrungen belastend sein können.
Fazit
„Angst vor Männern“ ist – SURPRISE – kein bequemes Buch, aber ein wichtiges. Nicole List findet Worte für Erfahrungen, die gesellschaftlich noch immer viel zu oft relativiert oder individualisiert werden. Eine große Empfehlung für alle, die sich für feministische Literatur, gesellschaftliche Debatten und persönliche Essays interessieren. Und bitte Männer: Gerade ihr solltet es lesen. Vielen Dank an Wasser Publishing für das Rezensionsexemplar!
Ein wichtiges Buch von einer mutigen Autorin - ich habe aller größten Respekt vor Nicole List, dass sie über ihre Erfahrungen und Gedanken sprechen/schreiben kann und den Mut hat, dies öffentlich zu tun, womit sie sich natürlich auch angreifbar macht.
Das Buch selbst habe ich am Stück weggelesen - ich konnte es nicht aus der Hand legen. Inhaltlich war für mich nichts Neues dabei - viele der geschilderten Situationen habe ich selbst erlebt oder kenne Freundinnen, die so etwas erlebt haben. Dennoch hat es unglaublich gut getan, dieses Buch zu lesen - ich habe mich gesehen und verstanden gefühlt. Gedanken, die ich selbst schon oft hatte, schwarz auf weiß vor mir zu sehen, zu sehen, dass auch andere Menschen (Frauen) so denken, ist eine unglaubliche Erleichterung.
Trotz des Titels ist das Buch keinesfalls von Männerhass geprägt. Vielmehr bemüht sich die Autorin, verstanden und gehört zu werden - gerade von Männern. Sie möchte, dass Männer endlich mal zuhören, anstatt sofort in eine Verteidigungshaltung zu verfallen. Und vor allem wünscht sie sich, dass Männer sich aus eigener Motivation für Feminismus und die Lebensrealitäten von Frauen interessieren.
Deshalb auch meine Leseempfehlung: Dies ist eigentlich ein Buch, was Männer lesen sollten, denn für Frauen (oder zumindest die Frauen in meinem Umfeld) ist das Beschriebene gelebte Realität.
„Angst vor Männern“ hat mich echt überrascht – vor allem, weil ich mich beim Lesen so oft selbst wiedererkannt habe. Dieses Gefühl, abends allein unterwegs zu sein und automatisch vorsichtiger zu werden, schneller zu laufen oder ständig zu checken, wer hinter einem ist – ich glaube, das kennen leider sehr viele Frauen.
Das Buch bringt genau diese alltäglichen Situationen richtig gut auf den Punkt. Es geht gar nicht nur um extreme Fälle, sondern um diese kleinen, ständigen Unsicherheiten, die irgendwie immer mitschwingen. Dinge, über die viele Männer wahrscheinlich gar nicht groß nachdenken müssen, die für Frauen aber total normal sind.
Was ich daran besonders stark finde: Es wirkt nicht belehrend, sondern zeigt einfach, wie die Realität für viele aussieht. Und genau deshalb finde ich auch, dass es eigentlich jeder Mann lesen sollte. Nicht, um sich angegriffen zu fühlen, sondern um mal eine andere Perspektive zu bekommen.
Ist auf jeden Fall kein „leichter“ Stoff, aber ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken bringt.
Realität von Frauen so verdichtet zu lesen ist heftig, tut weh, berührt, entgeistert, macht wütend Und regt hoffentlich zum Umdenken, zur Diskussion und zur Veränderung von Strukturen an, die Frauen systematisch in ihrer aktuellen Rolle halten