Stella, Judith, Wanda und die anderen Heldinnen in diesem Buch sind nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Hineingewachsen in ihre Rollen als Freundinnen, Geliebte, erwachsene Töchter oder späte Mütter, stellen sie fest: Ihre Lebensentwürfe sind brüchig. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen. Feinsinnig, humorvoll und mit entlarvender Ehrlichkeit erzählt Julia Wolf in ihrem ersten Band mit Stories von elf Frauen, die neue Formen von Lust und Wut entdecken.
„Das ist nicht das Ende. Das ist der Anfang von etwas Neuem“
Wenn ich Julia Wolfs neuen Kurzgeschichtenband 'Du, hier' (erschienen im Februar 2026 bei dtv) mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es wahrscheinlich ‚Rebellion.‘ Die Frauen in den elf Erzählungen leisten in den unterschiedlichsten Formen Widerstand und verlassen die alten, vorgezeichneten Lebenswege. Sie begehren auf gegen klassisch weibliche Rollenbilder und gegen die Erwartungen, die an sie gestellt werden; gegen ein Leben, das sich wie ein Gefängnis anfühlt, und nicht zuletzt gegen die eigene Scham und die Selbstvorwürfe, die aus einem ständigen Vergleich mit anderen resultieren. Auf dem Buchmarkt findet man eine Menge feministischer Prosa, doch nur wenige Veröffentlichungen bieten eine solch facettenreiche Aufarbeitung gesellschaftlich-feministischer Problembereiche wie Du, hier.
Die vielfach ausgezeichnete Autorin, die einigen vielleicht bereits durch ihren Roman 'Walter Nowak bleibt liegen' (2017) bekannt sein dürfte, stellt in den Erzählungen verschiedenste Frauen in unterschiedlichsten Lebenssituationen vor, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Sie sind unzufrieden und sie sind wütend. Und sie alle haben den Mut, etwas zu ändern und die ungesunden Muster zu durchbrechen. Wolf beweist dabei, dass die weibliche Rebellion oft im Verborgenen stattfindet, dass Frauen nicht laut sein müssen, um gehört zu werden. Da sind zum Beispiel Mütter wie Ruth und Wanda, die sich im Spagat zwischen Familie und Karriere befinden, die sich nicht mit ihrer bloßen Rolle als Mutter zufrieden geben wollen und mehr und mehr das Gefühl haben, sich selbst zu verlieren. Und nicht zuletzt sind da Frauen wie Stella oder Frederike, die sich aus toxischen Beziehungen befreien und ihre ganz persönliche Rache nehmen.
Wolf gelingt es auf beeindruckende Weise, die Vielfältigkeit weiblicher Erfahrungen auch erzähltechnisch zu vermitteln. So unterschiedlich wie die Protagonistinnen und ihre Schicksale sind auch die Erzählperspektiven und -stile, so dass die Autorin jeder der Frauen eine ganz eigene, unverwechselbare Stimme verleiht. Mal in der ersten, mal in der dritten Person, mal als direkte Ansprache an den Leser oder als moderner Briefroman in Form von E-Mails: Als Leser erhält man immer wieder eine neue Perspektive und bleibt gerade dadurch kritisch und aufmerksam. Hinzu kommt, dass Wolf kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihre stellenweise fast vulgäre Sprache ist dringend notwendig, weil das, was Frauen erleben zum Teil genau das ist: ekelerregend, vulgär. Man spürt die Wut, den Hass, die Verzweiflung.
Die Themen die Wolf behandelt, kreisen zwar um feministische Fragestellungen wie weibliche Sexualität, Mutterschaft, Ehe und den Zwiespalt zwischen Familie und Karriere, aber auch allgemeinere Bereiche wie die Suche nach der eigenen Identität, Liebe und Freundschaft sind zentrale Bausteine ihrer Kurzprosa. Darum ist 'Du, hier' auch abseits der feministischen Thematik für jeden, der gut erzählte Kurzgeschichten mag, eine bereichernde Lektüre.
Bis vor Kurzem hab ich noch gedacht, ich mag keine Kurzgeschichten. Dann hab ich »Du, Hier« von Julia Wolf gelesen. Tja. Jetzt mag ich sie. Kurzgeschichten UND Julia Wolf, von der ich bisher nichts gelesen hatte, was sich aber definitiv ändern wird, vor allem seit mir von allen Seiten ihre Romane so ans Herz gelegt werden. Aber jetzt zurück zu »Du, Hier« und den darin erzählten Geschichten.
Es sind elf Stories, in denen wir ganz unterschiedliche Protagonistinnen und ihre Leben kennenlernen. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Vielseitigkeit und die sprachliche Qualität des Buches: Für jede Geschichte und jede Figur findet Julia Wolf einen ganz eigenen Ton, eine ganz eigene Art des Erzählens: Mal werden die Geschichten als innerer Monolog oder gar als Bewusstseinsstrom erzählt, mal aus einer Du-Perspektive, mal neutral, mal aus einem kollektiven Wir heraus. Ich war beim Lesen immer ganz schnell drin und trotz der Kürze hat es sich angefühlt, als würde ich die Figuren schon ganz lange kennen. Und am Ende jeder Geschichte war ich immer auch ein bisschen traurig, weil ich gerne noch länger verweilt wäre.
Die Themen der Geschichten sind dabei ebenso vielschichtig und interessant wie ihre Figuren: Es geht um die vielen kleinen Herausforderungen des Lebens und des Alltags, um Freundschaft, Solidarität, und ums Dazugehören, um Liebe, Sex und Lust, um Familie und Mutterschaft, ums Alleine-Sein, um Ängste und um Träume. Ich habe alle elf Geschichten sehr gerne gelesen, meine zwei liebsten waren "Passagiere" und "Eden".
Julia Wolf schafft es in ihrer Sammlung an Kurzgeschichten nicht mehr sehr häufig ein Gefühl von Beklemmung, sondern auch einen tiefen Blick in die Seele hervorzurufen. Als Frau kann und konnte ich mich mit vielen Charaktere identifizieren. Meistens auf der Perspektive von Frauen und Mädchen, berichtet sie über Liebe, Unerwiderte, Liebe, Gewalt, Übergriff ige, Partner, dienende Situation und gesellschaftliche Verurteilung und Rat, zum Beispiel im Fall der Pferdemädchen. Dabei hat jede einzelne Kurzgeschichte ihren ganz eigenen Stil vom Nachrichten Stil, über eine fast schon Fiebertraum,mäßige ich Erzähler, Geschichte, bis hinzu, der Perspektive der drei Teenager Mädchen in der letzten Kurzgeschichte. Das Buch ist schnell gelesen, regt zum nachdenken, schockiert sein und staunen an. Dabei haben die Kurzgeschichten genau die richtige Länge, die meisten circa eine halbe Stunde Lesezeit, um zu fesseln, um ausführlich genug zu sein, ins Detail zu gehen, aber auch nicht zu lang oder langatmig, um sich zu ziehen.
Kleine, feinfühlige Geschichten um Frauen in verschiedenen Rollen. Man erfährt von ihren Gedanken und Emotionen. Das ist ganz gut gemacht, aber nicht jede Story ist überwältigend. Es geht viel um den Status von Beziehungen und der Überlegung, ob Veränderungen notwendig sind. Weibliche Leser werden sich vielleicht in manchen Situationen wiedererkennen, die männlichen Figuren sind hingegen leider überwiegend flach und eindimensional angelegt. Auffällig die Erzählung „Ein schönes Paar“, da diese aus 10 Kapiteln besteht und so eine Beziehung über einen etwas längeren Zeitpunkt auch mehr in die Tiefe zeigt. Zu meinen favorisierten Stories gehören ansonsten die erste und die Titelgeschichte.
Ein spontaner Glücksgriff aus meiner Stadtbücherei! Dieses Jahr möchte ich mehr Kurzgeschichten lesen und dieses Buch kam mir dazu sehr gelegen. Es handelt sich um eine Sammlung an Erzählungen über Frauen in den verschiedensten Lebenssituationen, jeweils in unterschiedlichen Erzählstilen, was das ganze interessant und abwechslungsreich hält. Die Geschichten haben mir insgesamt alle gut gefallen, allerdings ist keine davon wirklich mit Nachdruck in meinen Gedanken verblieben. Daher "nur" 4 Sterne, aber auf jeden Fall eine Empfehlung, wenn man eine Sammlung an Kurzgeschichten lesen will.