Ein tolles Buch!
Und zwar deshalb, weil es erschreckend deutlich zeigt, wie gut es der Gesellschaft heutzutage geht:
In "Bodentiefe Fenster" geht es um Sandra, die, gute vierzig, zweifache Mutter und in einer Beziehung lebend, in eine schlimme Depression rutscht, weil sie sich komplett überfordert fühlt und ihre Mitmenschen mit ihren jeweiligen kaputten Leben langsam aber sicher nicht mehr erträgt. Sie wohnt in einem Wohnprojekt, einem Haus mit mehreren Parteien, in dem das Miteinander gelebt werden soll, ohne Status oder Herkunft. Man besucht sich gegenseitig, es gibt alle zwei Wochen eine Versammlung im Gemeinschaftsraum, in dem aktuelle Probleme und/oder Themen besprochen werden, der Garten ist für alle da.
Die Geschichte ist in der Ich-Form geschrieben und lässt sich flüssig lesen. Auch die Dialoge sind gut gesetzt. Man ist also schnell durch damit.
Was mich so erschreckt hat, an dieser Geschichte ist die Tatsache, dass es abertausenden von Eltern so geht wie Sandra. Die nicht aus noch ein wissen, weil das Gedanken- und Grübelkarussell niemals stillsteht: wenn sich nicht sämtliche Überlegungen um das eigene Kind drehen, so dann doch um die der Schwester, oder der besten Freundin, oder der Nachbarn. Die eigene Beziehung wird von vorne bis hinten durchanalysiert, und dann auch gleich noch die der Verwandten und Bekannten. Nahrungsaufnahme ist ohnehin eine Wissenschaft für sich, denn schließlich muss ja alles BIO sein, Probleme werden bis zum Erbrechen ausdiskutiert, und wo das nicht möglich ist, entwickelt sich aus den unterdrückten Lösungswünschen Geschwüre, die über kurz oder lang alle Gedanken zuwuchern. Alles muss perfekt sein, alles muss perfekt laufen, innerlich wie äusserlich - und an diesem ganzen Summs scheitert Sandra schlussendlich.
Sie lebt in einer einigermaßen harmonischen Beziehung, ist nicht obdachlos und/oder arbeitslos, hat zwei gesunde Kinder und ist selbst eigentlich eine selbstbewusste, normale Frau. Doch die zig-millionen Gedanken, mit denen sie ihr tägliches Dasein verstopft, lassen sie wie in einem Hamsterrad immer schneller und schneller rotieren, und irgendwann kollabiert sie schlussendlich.
Vielleicht lag es daran, dass ich zufällig an dem Tag, als ich dieses Buch ausgelesen habe, mit meiner Mutter über meine Kindheit geredet habe, wie sie mich und meine Zwillingsschwester ohne jegliche fremde Hilfe (mein Vater war arbeitstechnisch viel zu viel eingespannt) aufs Leben vorbereitet hat. Nach "Bodentiefe Fenster" frage ich mich schon, wie sie das geschafft, nein: überlebt hat. Wie gut muss es einer Sandra-Generation gehen, die sich in Problemen, wie in "Bodentiefe Fenster" beschrieben, ihr eigenes Grab schaufeln? Die dermaßen fixiert sind auf Kinder, auf Partner, auf ihre ganze Lebensweise, dass sich dabei irgendwann die Katze selber in den Schwanz beißt.
Natürlich wird hinterfragt, und natürlich läuft nicht immer alles glatt. Es gibt Zeiten, da sind die Batterien einfach leer, und natürlich macht man sich über dies und das Gedanken. Das ist auch richtig und gesund. Aber im Buch von Anke Stelling hätte ich Sandra gerne selbst von ihrer Dachgeschosswohung in den Gemeinschaftsgarten gestossen, damit sie es endlich hinter sich hat!