Ich habe mir viele tolle Buchtipps rausgeschrieben, aber streckenweise war mir die Herangehensweise der Autoren (bewusst nicht gegendert, Bianca’s Absätze waren sehr verständlich) zu akademisch und ich fand es schwierig, in die Materie einzutauchen. Nichtsdestotrotz gute Lektüre, um sich einen Überblick über die Queer-Literatur zu verschaffen.
Für „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“ haben drei leidenschaftliche Bücherwürmer eine Wundertüte voller Leseanregungen zusammengetragen: Bianca-Maria Braunshofer, Co-Gründerin der Wiener Buchhandlung o*books, Marlon Brand, der als @booksaregayasfuck seit 2017 auf Instagram über queere Literatur schreibt und Tobi Schiller, der gemeinsam mit Marlon Brand den Literatur-Newsletter „Queerer Kanon?“ herausgibt. Die farbenprächtigen Illustrationen sind von El Boum aus Berlin.
„Und jetzt queer!“ ist eine Einladung zu einem Streifzug durch die queere Literatur und fühlt sich an wie der Moment der Verbundenheit, der zwischen Leser*innen von queeren Büchern im öffentlichen Raum entstehen kann.
Allein während des Schreibens an „Und jetzt queer!“ beobachteten die Autor*innen erschreckende Entwicklungen: der brutale Anstieg queerfeindlicher Übergriffe in Deutschland, Wolfram Weimers Gender-Verbot in seiner Behörde, die verschärfte politische Rhetorik gegenüber queeren Menschen seit dem Einzug der rechtsextremen AfD, die unzähligen, zutiefst menschenfeindlichen Debatten in den Medien, die trans Menschen ihre Existenz absprechen und vieles mehr. Umso wichtiger ist es für uns alle, egal ob queer oder nicht-queer, queere Perspektiven zu erkunden.
Wie weit queere Perspektiven in der Geschichte zurückreichen, das zeigen Braunshofer, Brand und Schiller in gut lesbaren, zum Teil interviewartig angelegten Beiträgen. Schon bei Ovid wurden binäre Geschlechtsauffassungen in Frage gestellt.
Es finden sich kurze, kritische Essays zur Degradierung von queerer Literatur, der ständig eine Nabelschau unterstellt wird, zu erfolgreichen Titeln wie „Ein wenig Leben“, ein Bestseller, dessen Aneignung und Auslassung betrachtet werden muss.
Tolle Leseanregungen beinhaltet „Und jetzt queer!“ für unterschiedlichste Genres, Kinder- und Jugendliteratur wird dabei zu meiner großen Freude nicht ausgelassen. Frischen Lektürewind ins Klassenzimmer für mehr Leselust bringen die zahlreichen Informationen und Tipps für Lehrkräfte.
Ich werde dieses Buch Buchhändler*innen, Lehrer*innen, Verleger*innen und natürlich Leser*innen ganz generell empfehlen. Bibliodiversität für alle <3!
Dieses Buch macht wichtige Aufklärungsarbeit zu queeren Literatur und enthält auch eine tolle Leseliste am Ende. Es ist aber etwas leicht auf der Analyse und nennt stattdessen verschiedene Bücher und deren Inhalt, somit war es etwas wie ein Magazin statt wie ein Buch das mir eine neuen Ansatz zur Literatur gebracht hat (wie zB die Bücher von Teresa Reichl).
„Queere Literatur ist auch heute noch alles andere als selbstverständlich." (S. 10) „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“ ist am 3. März 2026 im Leykam Verlag erschienen. Verfasst wurde es von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller, begleitet von wunderschönen Illustrationen von Jasmina El Bouamraoui (El Boum).
Worum geht’s?
Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die queere Literatur – ihre Geschichte, ihre Genres, ihre Verlage, ihre Kämpfe und ihre Zukunft. Es geht der Frage nach, warum der klassische Literaturkanon nur einen kleinen Teil der Welt abbildet, und zeigt gleichzeitig auf, dass queeres Schreiben und queere Kunstschaffende schon immer fester Bestandteil der Literaturgeschichte waren. Ergänzt wird das Werk durch ein Glossar, eine umfangreiche Leseliste und hilfreiche Linktipps.
Meine Meinung
Mich hat das Buch direkt zu Beginn abgeholt, weil es genau weiß, was es sein will – und was nicht. Die drei Autor:innen benennen im Intro klar ihre eigene Positionierung: queere, weiße, österreichische und deutsche Perspektiven, teils aus nicht-akademischen Familien, teils neurodivers, mit einem eurozentrisch geprägten Blick und bewussten Leerstellen. Für mich ist es bei einem Sachbuch (eigentlich bei jedem Buch) essenziell, dass sich Autor:innen ihrer eigenen Privilegien bewusst sind und aufzeigen, wie sie Leerstellen ausgleichen – etwa indem sie Betroffene direkt zu Wort kommen lassen.
Was „Und jetzt queer!“ zudem auszeichnet, ist seine enorme Breite. Es ist weder ein reiner Essay noch eine Monografie, sondern ein echtes Kompendium. Es behandelt die Definition queerer Literatur, erklärt die politische Relevanz queerer Buchhandlungen als Orte der „Bibliodiversität“ und berichtet von Zensur sowie den kolonialen Ursprüngen anti-queerer Gesetze. Die Reise führt von Lyrik über Science-Fiction bis hin zur Frage, warum ein Kafka-Kapitel in einen queeren Kanon genauso gehört wie eines über Audre Lorde. Besonders stark: Intersektionalität ist hier keine Randnotiz, sondern zieht sich durch die Themen Klasse, Race, Neurodiversität und trans Sichtbarkeit wie ein roter Faden.
Besonders relevant war für mich das Kapitel zur queeren Kinder- und Jugendliteratur, da ich in meiner beruflichen Arbeit täglich erlebe, wie wichtig Repräsentation für junge Menschen ist. Dass die österreichischen Lehrpläne 2025 das Lesen ganzer Bücher nicht mehr vorsehen, ist schockierend. In Bezug auf einen diversen Kanon möchte ich hier ergänzend auf Teresa Reichl verweisen, die in ihrem Buch „Muss ich das gelesen haben?“ in jugendgerechter Sprache den Literaturkanon auseinandernimmt. Dieser Tipp hat mir in der ansonsten hervorragenden Liste von „Und jetzt queer!“ noch gefehlt, gerade wenn es um den Schuleinsatz geht.
Ein weiterer Pluspunkt ist die flexible Struktur: Man kann das Buch, wie von den Autor:innen vorgeschlagen, wortwörtlich „que(e)r lesen“. Ein kleiner Wermutstropfen sind die Querverweise auf Seitenzahlen, die in der Praxis nicht immer ganz konsistent funktionieren, wenn ein Titel mehrfach im Buch auftaucht.
Last but not least: Die Illustrationen von El Boum. Mir fällt dazu nur ein: Ein wahres Feuerwerk an Farben! Ich weiß, „never judge a book by its cover“, aber allein wegen der Gestaltung ist dieses Buch ein absolutes Must-have :D
Fazit
„Und jetzt queer!“ ist für mich kein Buch, das man nur einmal liest. Ich sehe mich schon jetzt die umfangreichen Literaturtipps nach und nach „abarbeiten“. Die Autor:innen haben hier ein Standardwerk geschaffen, das queere Literatur nicht als Nische behandelt, sondern als das, was sie ist: ein zentraler, politisch relevanter und ästhetisch reicher Teil der Literaturgeschichte. Für alle, die lesen. Wirklich für alle. Herzlichen Dank an den Leykam Verlag für das Rezensionsexemplar! 🙏
Ich bin zwar mit anderen Erwartungen an dieses Buch gegangen, aber es war trotzdem keine Enttäuschung. Wer mehr über die Geschichte queerer Literatur wissen und dabei den ein oder anderen Tipp abstauben möchte, ist hier goldrichtig.
Die einzelnen Essays, die auch quer und unabhängig voneinander gelesen werden können, sind zugänglich geschrieben und enthalten viel Wissenswertes.
Womit ich nicht in dem Ausmaß gerechnet habe, ist der Fokus auf die aktuelle politische Lage, auch in anderen Ländern, auf banned books und auf Diskriminierung früher und heute. Ich wollte mich intensiv mit queerer Literatur auseinandersetzen und nicht in Depressionen versinken... aber ich verstehe auch, dass es vielleicht nötig ist, das alles so umfangreich zu benennen.
Besonders gefallen haben mir die Abschnitte zu Kinder- und Jugendliteratur sowie Fantasy und Sci-Fi. Letzteres ist eben genau meins und ich finde, da hätte man noch so viel mehr sagen und empfehlen können.
Leider liegt der Fokus stattdessen etwas zu sehr auf Klassikern und Literary Fiction - zwei Genres mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Man bekommt auch den Eindruck, dass die Autor*innen da nicht so ganz aus ihrer akademischen Haut können. Komplett gefehlt haben dafür queerer Horror und Romance. Dabei gibt es da so viel, vor allem im englischsprachigen Raum! Und zumindest bei Romance kriegt man dann auch das so viel gewünschte Happy End, das ist da nämlich Standard.
Ich lese seit über 10 Jahren viel queer und darf mir ein Sternchen in mein Heft eintragen: ich kannte die meisten der erwähnten Bücher und Autor*innen. Trotzdem habe ich bei der literarischen Weltreise noch was gelernt und musste mir Leerstellen eingestehen.
Alles in allem ein wirklich wichtiges und gutes Buch, auch wenn ich mir persönlich einen anderen Fokus gewünscht hätte. Aber das ist einfach Geschmackssache.
Vielen Dank an NetGalley für das Renzensionsexemplar! Ich durfte eine E-Book Fassung von „Und Jetzt Queer!“ lesen.
Dieses kleine aber feine Buch hat wirklich mega viele gute Leseempfehlungen — intersektional, aus verschiedensten Genres, mit Blick auf queere Literaturgeschichte. Richtig viele Bücher kannte ich noch nicht! Meine Leseliste ist wirklich exponentiell gewachsen. Außerdem fand ich die Illustrationen süß.
Der Schreibstil war für eine Verschränkung von Non-Fiction und Hierarchie-brechendem queeren Ansatz wirklich angemessen. Auf mich persönlich wirkt so etwas oft auf Zwang locker, so auf „how do you do fellow kids?“, aber ich verstehe definitiv wieso sich hierfür entschieden wurde.
Mein einziges echtes Manko betrifft das Einleitungskapitel. Es ist die Frage nach der Zielgruppe: Sind es Queers auf der Suche nach neuem Lesestoff? Uneducated straight people? Für die einen ist die lange Einleitung mit Definitionen von den basic Begriffen sicherlich überflüssig, und für die letzteren tun die vielen Ausschweifungen über in-fighting in der queeren Community nichts zur Sache. Ich vermute, dass man wahrscheinlich einfach versucht hat, es allen recht zu machen; das ließ den Anfang aber leider etwas schwammig und insecure wirken.
Sehr kompakter, breiter Überblick zum "Genre" queere Literatur, der neben zahlreichen Buchtipps, auch spannende kritische, analytische, politische Passagen enthält. Da für alles wegen des Formats leider so wenig Platz ist, sind die Wiederholungen und Überschneidungen in den Kapiteln, sogar in der Leseliste, etwas schade. Für mich wäre mehr hier mehr gewesen, aber ich bin auch einfach ein Nerd in diesem Thema - und hab trotzdem noch viel Neues oder neu Beleuchtetes entdeckt. 🙏🏻
Ein schönes Sachbuch über die queere Geschichte und Literatur, die natürlich eng miteinander verbunden sind. Besonders spannend ist der Bezug zur aktuellen Situation in Schulen und Schulliteratur. Auch die Befragung der Lehrkräfte ist äußerst aufschlussreich. Einziger Kritikpunkt ist, dass einige Abschnitte viel stärker wissenschaftlich formuliert sind als andere, was den Lesefluss etwas ins Stocken bringen kann.