Tamara, bei Licht betrachtet: Roman | Können wir uns je von der Mutter lösen, um in die eigene Rolle zu finden? | Unterhaltung mit Tiefgang und hohem Identifikationspotenzial
Wenn die Mutter geht, kommt das eigene Leben auf den Prüfstand
Marie hat sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein Stück Heimat erschaffen. Der selbstgewählte Tod Tamaras bringt jedoch alles ins Wanken. Schon früh war Maries Mutter vor allem abwesend. Die Künstlerin zog es nach Berlin, wo sie schließlich blieb – weit weg von der Familie im Ruhrgebiet. Nun ist es für Marie an der Zeit, den Entscheidungen ihrer Mutter auf den Grund zu gehen, um in ihrer eigenen Mutterrolle anzukommen. Sie reist von der Lausitz nach Berlin und Gelsenkirchen, und stellt fest, dass sie mehr mit Tamara gemein hat, als ihr lieb ist. Ein aufwühlender Roman über eine Frau, die sich aufmacht, um zu verstehen und ihrem eigenen Dasein als Mutter die entscheidende Wende zu geben. Sarah Meyer-Dietrich erzählt eine Geschichte voller Tiefgang, mit hohem Identifikationspotenzial und einem hoffnungsvollem Ausblick.
»Ein einfühlsamer Roman über die Bedeutung von Familie und Herkunft.« ARD, Westart
"Ich laufe hinter ihr her, während sie laut die Treppenstufen zählt. »Weißt du, dass die Treppe genauso viele Stufen hat, wenn man sie hochläuft, wie wenn man runterläuft?«, fragt sie, unten angekommen. »Ich habe so etwas geahnt«, antworte ich. »Nachgeprüft habe ich das aber noch nie.«"
"In Simons Armen beginnt der Druck der letzten Tage von mir zu weichen. Ich brauche seine Zuversicht so sehr. Auch wenn es mir immer noch schwerfällt, sie zu teilen."
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Suizid, den Verlust der Mutter und andere belastende Themen. Bitte schaut beim Lesen gut auf euch.
Wow, was für ein gewaltiges Buch!
Mit „Tamara, bei Licht betrachtet“ ist Sarah Meyer-Dietrich ein wirklich imposanter Roman gelungen. Die Themen reichen vom Strukturwandel und Bergbau im Ruhrgebiet über den Mauerfall, Mutterschaft, Herkunft und Trauer bis hin zu Zerrissenheit und Selbstverlust.
Marie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter Paula ein ruhiges Familienleben. Als sich ihre Mutter Tamara das Leben nimmt, wird Marie mit einer Vergangenheit konfrontiert, der sie sich eigentlich nicht stellen wollte.
Der Liebe wegen zieht Tamara zu Peter nach Gelsenkirchen, wo die beiden mit ihrer Tochter Marie in einer Zechensiedlung leben. Peter ist Kumpel, wie schon sein Vater vor ihm. Tamara dagegen ist Künstlerin und hält es dort kaum aus. Immer wieder fliegt sie für Tage oder längere Zeit nach Berlin.
Tamara verschwindet immer häufiger und immer länger nach Berlin. Marie hat entsetzliche Angst, dass auch ihrem Vater unter Tage etwas passiert und er nicht mehr zu ihr zurückkommt. Dass auch er sie alleine lässt. Gleichzeitig schließt im Ruhrgebiet eine Zeche nach der anderen.
Der Mauerfall wird schließlich zum Wendepunkt. Für Tamara als Künstlerin bedeutet er unglaublich viel, für die Familie ist er der endgültige Riss. Tamara kommt nicht mehr zurück. Wie so viele Kinder glaubt Marie, dass sie schuld daran ist, und hat ihr Leben lang das Gefühl, von ihrer Mutter verlassen worden zu sein.
Nach Tamaras Tod ist Marie, wie schon ihr ganzes Leben lang, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Wut und Sehnsucht. Sie macht sich auf die Suche nach Antworten und will verstehen, wer ihre Mutter wirklich war. Dabei hinterfragt sie auch ihre eigene Rolle als Mutter und entdeckt Seiten an sich, die sie stark an Tamara erinnern.
Die Beziehung zwischen Tamara und Marie ist unglaublich schwierig. Tamara entscheidet sich für ihre Freiheit, Marie sehnt sich nach ihrer Mama, nach Bindung und Nähe. Als sie erwachsen ist und zu ihr nach Berlin zieht, hat sie große Hoffnung. Doch auch dort bleibt diese Nähe aus.
Man merkt immer wieder, wie gehemmt Marie ist, bei ihrer Mama genauso wie bei ihrem Papa. Sie hat so viele Wünsche und Bedürfnisse, die sie ganz intensiv spürt, ist zu diesem Zeitpunkt aber nicht in der Lage, sie zu äußern. Unter den Folgen dessen, was unausgesprochen bleibt, leidet sie noch lange.
Tamara ist mit ganzem Herzen Künstlerin. Für sie ist Gelsenkirchen zu klein. Sie braucht das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Gerade während und nach dem Mauerfall, als sich Berlin so sehr verändert, ist ihr Drang nach Freiheit nicht mehr aufzuhalten. Familie, Partnerschaft und Mutterschaft sind für sie eine solche Beschneidung ihres Freigeistes, dass sie sich mit der Zeit einfach für sich selbst entscheidet.
Sehr interessant fand ich Maries kindlichen Gedanken, dass den Kumpeln unter Tage nichts passiert, solange sie die Klötzchen aufeinanderstapelt und der Turm nicht umfällt. Solche Gedanken kenne ich von mir selbst aus meiner Kindheit, mit so etwas Kleinem alles unter Kontrolle halten zu wollen.
Ein Lichtblick in Maries Leben sind Fatih und Thilo, die mit ihrer Tochter Ela in Berlin neben Tamara wohnen. Bei ihnen erlebt Marie, wie Familie im besten Sinne sein kann. Sie fühlt sich bei ihnen angenommen und geborgen und kann mit ihnen über alles reden. Auch da ist ganz klar spürbar, wie sehr sie sich gewünscht hätte, dass Tamara sich um sie bemüht und um ihre Liebe, um eine Beziehung und Bindung kämpft.
Und dann ist da noch Maries Papa. Er tut sich schwer, über Gefühle zu sprechen, aber er ist immer da. Jahrelang war Marie verletzt und gekränkt. Erst nach langer Zeit erkennt sie, dass eigentlich er es war, der sie nie im Stich gelassen hat und ihr immer wieder mit offenen Armen begegnet ist.
Die Beziehung von Paula zu ihrer Oma hat mich wahnsinnig berührt. Die beiden haben sich sehr gut verstanden und Paula war die Leidtragende der schwierigen Beziehung zwischen Tamara und Marie. Marie wollte nämlich nie, dass Paula überhaupt Zeit mit Tamara verbringt.
Der Roman zeigt, wie sehr uns unsere Eltern prägen und wie leicht man sich selbst verlieren kann, wenn man ein Leben lang auf Liebe, Nähe und Bindung wartet. Das Ende trägt eine wichtige Botschaft. Da meine Mama selbst erst vor einem halben Jahr gestorben ist und auch unsere Beziehung nicht gerade leicht war, hat mich das Buch zutiefst berührt.
Ich kann euch dieses Buch von Herzen empfehlen, vor allem wenn ihr euch gerne mit schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen befasst.
Vielen herzlichen Dank an HarperCollins für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
'Tamara, bei Licht betrachtet' begleitet Protagonistin Marie durch ihre Kindheit und Jugend, das frühe Erwachsenenalter und ihre Anfang-30er, jeweils in alternierenden Kapiteln, Im inhaltlichen Zentrum steht dabei Maries defizitäre Beziehung zu ihrer Mutter Tamara. Als diese plötzlich verstirbt, sieht sich Marie damit konfrontiert, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Marie ist mittlerweile selber Mutter und erfährt stückchenweise immer mehr über die Hintergründe von Tamaras Verhalten. Das Buch behandelt damit intergenerationale Konflikte und sucht Antworten auf die Frage, wie unsere Eltern uns und eine eigene Elternschaft prägen. Meyer-Dietrichs Schreibstil hat mich von der ersten Seite an ergriffen. Das Buch wirkt durch Satzreihen und kurze Kapitel kurzweilig, teilweise fast hektisch, was jedoch hervorragend zu den antizipierten Emotionen passt. Marie hat mir als Protagonistin ebenfalls zugesagt. Ihre Unsicherheiten wirkten unfassbar vertraut; ich trauerte mit ihr um ihre Kindheit, die Ambiguität des Todes der Mutter, die verlorenen Freundschaften und fand ihre Reflektionen super nachvollziehbar. Insgesamt war das Buch für mich wirklich absolut vollkommen und ich würde es jeder Mutter und jeder Tochter mit bestem Gewissen ans Herz legen.