mein grossvater hiess auch albert. er war ein bisschen jünger als der grossvater des autors, geboren in den ausläufern des ersten weltkriegs. sein vater starb an der spanischen grippe, noch bevor er geboren war, und seine mutter fürchtete bis zum ende seiner schulzeit, er würde ihr weggenommen und verdingt werden. sie starb während des zweiten weltkriegs, mein grossvater war im jura stationiert.
beim lesen dieses kleinen büchleins, wenn der autor die zeit kurz vor kriegsausbruch mit zeitungsartikeln und informationsfetzen nachzeichnete, fragte ich mich oft, wie mein grossvater sich fühlte. er war gerade mal zwanzig, eine lehre zum käser hatte er gemacht, das leben war nicht leicht aber möglichkeiten taten sich vor ihm auf. wie ging er wohl um mit dem aufziehenden gewitter?
ich weiss, dass er später einmal davonlief wie der grossvater des autors, als er auf der autobahn arbeitete in den 60er jahren. ein auto raste in einen kollegen direkt neben ihm, er sah alles mit an. zu fuss ging er nach hause, zwei tage lang, rauchte pfeife, dachte nach. meine grossmutter, eine ängstliche frau mit einer undiagnostizierten depressiven erkrankung, wurde fast krank vor sorge.
auch das ging mir beim lesen durch den kopf. einsame verarbeitung in der natur und im sport in allen ehren, provider bleiben, stoizismus - aber was tun die frauen zuhause? warum dieser drang, alles mit sich auszumachen, und, wenn man die einsamkeit plötzlich sucht, nicht einmal anständig zu kommunizieren? und wäre louise einfach davongelaufen ohne zu sagen wohin, ich bin mir sicher, das wäre sozial sehr viel weniger akzeptiert gewesen.
nichtsdestotrotz bin ich ja froh, haben die beiden alberts ihre sorgen in der natur weggetschaupet (in beiderlei sinne), statt sie im alkohol zu ersäufen oder in wut an ihren familien auszulassen. ich bin aber auch froh, dass mein freund und ich heute inhaltlich und emotional auf augenhöhe über unseren weltschmerz sprechen können.
ich mochte meyers text insbesondere in der rekonstruktion der vergangenheit - ich liebe es, geschichte durch menschenleben zu erfahren, das grosse ganze durch die zufälle und ausnahmen eines einzelnen lebens zu erfassen.
was die beschreibungen der gegenwart angeht, die mir etwas weniger zugsesagt haben, liegt das vermutlich an meinen politischen differenzen mit dem autor. hochzuheben, dass albert keinem "politischen extrem" verfallen sei, klingt mir dann doch etwas zu sehr nach hufeisentheorie. bekanntlichermassen hat die sozialdemokratie uns nicht nur nicht vor dem dritten reich gerettet, sie hat uns daran verraten. die nazis haben neben jüdischen menschen und anderen minderheiten nicht die politische mitte (was auch immer das in einem gleichgeschalteten staat sein soll, vom overton window ganz zu schweigen) in konzentrationslagern ermordet, sondern die kommunist*innen, die anarchist*innen, das sogenannte "politsche extrem". die übrigens auch, im gegensatz zur sozialdemokratie und den altparteien, im untergrund und von erster stunde an wirklichen widerstand gegen die nazis geleistet haben. kann ich nicht ernst nehmen, sorry - gerade auch in der heutigen lage (die klimakrise erwähnt er ja selbst, die wird kapitalismus light nämlich auch nicht aufhalten). aber zu dieser nothingburger-haltung passt auch, von der situation in den usa geschockt zu sein, aber den genozid in gaza "nahostkonflikt" zu nennen. find ich zu unspezifisch, sorry.
und auch die schlussfolgerung, durchzuatmen und zu schauen, was man im eigenen leben tun kann, find ich einfach tami nochmal zu kurz gegriffen. wo kommen wir denn da hin, wenn die reaktion auf totale krise bisschen achtsamkeit und rückkehr ins private sind (ich überspitze), statt organisierung, haltung mit rückgrat und aktiver widerstand? gerade als historiker sollte herr meyer es besser wissen.
tldr: krise wegstrampeln in allen ehren aber können wir bitte auch 1. das patriarchat abgeschaffen und 2. anerkennen, dass widerstand auf die strasse und die hufeisentheorie auf den müllhaufen der geschichte gehört.