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Mit beiden Händen den Himmel stützen

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Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird.

Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.

Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.

„Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deshalb lesen muss." Mareike Fallwickl

„Nach der ersten Seite war ich erschüttert, nach dem ersten Kapitel gefesselt. Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel." Edgar Rai

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Published March 11, 2026

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About the author

Lilli Tollkien

1 book1 follower

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Community Reviews

5 stars
96 (37%)
4 stars
115 (45%)
3 stars
35 (13%)
2 stars
8 (3%)
1 star
1 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 57 reviews
Profile Image for le.lyssa.
172 reviews602 followers
February 24, 2026
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" habe ich an einem Tag beendet und das sagt schon viel über das Buch und wie ich es fand aus.

Wir befinden uns in den 80ern in Berlin: Lale wird geboren, ihre Mutter drogenabhängig, ihr Vater im Knast. Von nun an lebt sie mit mehreren fremden Männern zusammen, die in Berlin-Tempelhof eine Kommune bilden. Die Wohnung, die Räume und Erinnerungen haben sich so bei ihr eingebrannt, dass sie sich auch noch Jahre später an alles haargenau erinnern kann.

Mit sexuellem Missbrauch, sexistischen Kommentaren und keinem Halt wächst das junge Mädchen in Unsicherheit und Angst auf. Beim Lesen muss man teilweise die traumatischen Erfahrungen wiederholt lesen, da die Autorin mit so viel Charme, Witz und - ich würde sagen einem starken Hang zum Coping-Mechanismus - ihre Geschichte erzählt.

Das autobiografische Debüt der Autorin erinnert mich stark an einen Mix aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und "Die Schönste Version". Es hat mich als Leserin oft wütend gemacht, weil ich mir ständig dachte ."Wieso hilft denn niemand diesem jungen Mädchen". und ich mir nicht ausmalen kann, wie sie diese ekelhaften Taten der Männer verarbeiten konnte. Ein wirklich lesenswertes Buch!
Profile Image for Carla.
1,092 reviews142 followers
March 15, 2026
„Ich werde Orte suchen, an denen das Grundrauschen lauter ist als mein innerer Tumult.“
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Lales Kindheit ist übersäht von Vernachlässigung. Sie wächst in Berlin in einer Männer-WG auf, in der betrunken Revolutionen geplant werden. Es gibt niemanden, der ihr Grenzen setzt und wenn sie welche fordert, machen sich die Männer darüber lustig. Es gibt auch niemanden, der darauf achtet, das Lale und ihr Körper unversehrt bleiben - ein Mann aus der WG überschreitet regelmäßig Lales Grenzen und niemand hält ihn auf. Lale muss trotzdem groß werden, irgendwie aufwachsen in diesem Milieu. Trost findet sie im Schreiben, während sie einen Weg hinaus sucht ...
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Dieses Debüt von Lilli Tollkien hat mich gleichermaßen überrascht und begeistert. Lales Welt hat trotz der scheinbaren Freiheit so viele Falllöcher, trägt so viel Leid in sich, dass es mich sehr mitgenommen hat. Lale selbst erzählt hier und dort auktorial, was mir sehr gut gefallen hat. Sie blickt auf ihr Leben zurück, schildert ihre Geschichte mit gutem Überblick, aber auch sehr persönlich. Ich habe mir sehr viele Stellen markiert, die mich auch sprachlich sehr überzeugen konnten. Generell ist der Schreibstil sehr gelungen!
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Die Themen in diesem Buch sind schwer: Gewalt (verbal, psychisch, sexuell) und Drogen- und Alkoholmissbrauch setzen kein „Wohlfühl-Setting“, sondern eine Lebensrealität, mit der ich bisher nicht in Berührung gekommen bin. Für mich wirkte die erschaffene, fiktive Welt absolut authentisch und ich war nicht überrascht, als ich im Impressum gesehen habe, dass es teilweise auf wahren Ereignissen beruht.
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Große Leseempfehlung! Für mich ein Debüt-Highlight!
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4,5/5 ⭐️

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Rezensionsexemplar I Vielen Dank @aufbau_verlage @netgalleyde 💚
Profile Image for Floriane.
99 reviews11 followers
April 9, 2026
so so wunderschön geschrieben aber auch so so schmerzhafter Inhalt… musste manchmal zwischendrin Pause machen und immer, wenn ich weitergelesen hab, hat es mich wieder mitgerissen
Profile Image for ˗ˏˋ lia ˎˊ˗.
679 reviews435 followers
March 26, 2026
“ich wollte talente haben, künstlerischen erfolg, der meinen schmerz rechtfertigte. es sollte nicht mehr umsonst gewesen sein.”

der klappentext von mit beiden händen den himmel stützen hat mich direkt angesprochen, das tolle cover sowieso. leider war der inhalt am ende nicht meins.

wisst ihr, wie leute über ein wenig leben sprechen? selbst gelesen habe ich es bisher nicht, daher gebe ich nur erzählungen wieder. aber das buch wird oftmals als trauma dumping bezeichnet, da die charaktere so unglaublich viel durchmachen und man leser:innen für den shock value ertragen lässt. exakt so ging es mir mit diesem buch.

die geschichte dahinter hatte für mich persönlich so wenig substanz und wollte nur seite um seite noch ein bisschen mehr draufhauen. damit konnte ich nichts anfangen, außer mich darüber zu echauffieren, dass nichts kritisch betrachtet und nur geschehen lassen wurde.

2 stars
3 reviews
April 1, 2026
Ich bin hin & hergerissen wie ich das Buch finde. Es ist toll geschrieben & beschreibt ein Berlin, welches ich total wiederkennen aus meiner Kindheit, dass hat mich sehr berührt. Andererseits ist es total traurig, es passieren immer mehr & mehr schlimme Dinge & Schicksalsschläge und auch zum Ende hin ist es zum verzweifeln. Auch wenn das Ende „rund“ ist. Nichts klappt irgendwie. Ich würde es trotzdem empfehlen glaube ich, ich musste es aber in Portionen lesen.
Profile Image for Silvis.Kopfkino.
125 reviews1 follower
April 1, 2026
3⭐️
Lale wird in den 80er Jahren geboren, durch ihre drogenabhängigen Eltern kommt sie in eine Männer-WG, doch auch dort fehlen ihr Fürsorge, Halt und echte Geborgenheit etwas, wonach sie sich ihr ganzes Leben lang sehnt.

Mich hat dieses Buch aufgewühlt und gleichzeitig seltsam auf Distanz gehalten. Die Sprache ist eindringlich, doch die Ereignisse rauschen wie ein Sturm an mir vorbei. Ich hatte kaum Zeit, wirklich mit Lale zu fühlen, weil sich ein Schicksalsschlag an den nächsten reiht. Vieles wirkte überladen, als wollte die Geschichte zu viel auf einmal erzählen. Gerade bei so sensiblen Themen hätte ich mir mehr Tiefe und Raum gewünscht. Einige Aspekte erschienen mir zudem schwer greifbar. Trotzdem bleibt ein Eindruck zurück, der nachhallt. Ein Buch, das ich trotz allem weiterempfehlen würde.
Profile Image for Leni.
8 reviews2 followers
April 12, 2026
ich fand die Geschichte echt mitreißend, aber habe mir bisschen mehr erhofft.. es werden zwischendurch immer wieder Aspekte aus der Gegenwart angerissen, deswegen habe ich die ganze Zeit auf den Cut zum Jetzt gewartet. Ich hätte es spannender gefunden, mehr aus Lales Gegenwart zu erfahren, die ja recht stabil wirkt, und wie ihr ihr Aufwachsen immer noch zu Schaffen macht bzw. bis heute beeinflusst (insbesondere mit eigenem Kind)
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Sophie Kuhn.
73 reviews3 followers
March 15, 2026
Wow, so eine tolle sprache, so viel auge füts kleine portische detail. Hab es wirklich eingesogen. Düster und dark können orte sein, wo kinder aufwachsen - inmitten von alternativer und irgendwie aufbrechender gemeinschaft? arg!
Profile Image for Kuu.
569 reviews5 followers
March 22, 2026
Thank you to NetGalley and the publisher for this ARC/ALC.

This book was amazingly written and incredibly disturbing. Messed up things keep happening, and you already know it's messed up, but then the author casually drops the narrator's age again and you realise just HOW messed up it actually is. You'll think she's maybe in her early teens, which would be bad enough, and then she's actually 7 and you feel sick. This book isn't for people easily triggered, as it deals with REALLY heavy issues - not in an exploitative way, it's not reproducing trauma porn, but the author doesn't shy away from calling things what they are, and from showing you how messed up the things that happen to Lale are.

This book is short, but incredibly impactful. In a way, I was glad it was so short, because I was able to listen to it in one go, and I am not sure how I would have felt if I'd had to come back to it again and again and again and keep reading about the horrible things that happen to Lale.

I definitely had to sit with this book before I felt able to write a review, and I still feel like I cannot do this novel justice. All I can say is that I definitely recommend it to anyone who can handle its heavy subject matter.
Profile Image for Benita.
176 reviews1 follower
March 4, 2026
Ein Debut was wehtut

Lilli Tolkiens Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist nichts für schwache Nerven. Beim Lesen laufen einem immer wieder Schauer über den Rücken. Ich habe mich mehrfach dagegen gesträubt weiterzulesen – und konnte das Buch doch nicht aus der Hand legen. Gleichzeitig bin ich fast dankbar, es nun zuschlagen zu dürfen.

Der Roman erinnert in seiner Wucht und thematischen Schonungslosigkeit an Systemsprenger, an Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – und an das raue, ungeschönte Berlin selbst.

Kindeswohlgefährdung und Grenzüberschreitungen beginnen lange vor Lales Geburt. Sie wächst in einer erschreckenden Männer-WG auf – ohne Schutz, ohne Fürsorge, ohne Halt. Ihre Mutter sieht sie nur alle paar Wochen: im Gefängnis oder im Rausch. Ihr Vater behält sie bei sich, ohne sein Vatersein wirklich wahrzunehmen.

In kurzen Kapiteln, in einem scheinbar leichten Schreibstil und doch mit voller Wucht erzählt Lilli Tolkien Lales Geschichte.

Lale kämpft. Und rennt gleichzeitig vor ihrem eigenen Ziel davon.
Weil sie nicht weiß, wie Heilung funktioniert.
Weil sie nicht begreift, was in ihr alles zerbrochen wurde.

Und trotzdem macht diese starke Lale immer weiter.
Profile Image for lara.
88 reviews
March 8, 2026
3.5⭐️

Als Kind wird Lale von einem Freund ihres Vaters als Pflegekind aufgenommen und zieht in eine Berliner Männer WG. Doch was anfänglich als gute Tat und Zeichen von. Freundschaft wirkt eskaliert schnell als Ansgar ins Spiel kommt.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ erzählt die Geschichte von einem jungen Mädchen die nach Halt sucht und deren Leben anders verläuft als sie es verdient. Bei ihrer Suche nach Sicherheit schlägt ihr das Leben vor den Kopf und sie droht sich zu verlieren. Die Geschichte ist emotional und ich habe sehr mit Lale gefühlt. Im Buch begleiten wir Lale über mehrere Jahre, zwischenzeitlich ist es trotz eines einfachen Schreibstil inhaltlich ein wenig zu Mau für mich.
Trotzdem würde ich es empfehlen!
Profile Image for Nachtwandlerin.
33 reviews
March 14, 2026
Selten hat mich ein Buch dermaßen berührt, dass ich aus vielen verschiedenen Gründen weinen musste. Meine Stimmung während der Lektüre wechselte von traurig zu wütend zu hoffnungsvoll... Und wieder zurück zu traurig und wütend.
Ich habe schon einige Fotos des Buchs im Sonnenlicht gesehen und auch meins sieht so ähnlich aus: Das Cover ist wirklich schön mit sehr stimmigen Farben. Den düsteren Inhalt dahinter lässt sich erstmal nicht erahnen. Anhand der Leseprobe konnte ich natürlich einiges erahnen, aber vieles hat mich dann doch eiskalt erwischt. Teils fühlte ich mich an "Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas erinnert, um ein paar Jahrzehnte versetzt.
Lilli Tollkien spannt in "Mit beiden Händen den Himmel stützen" den Bogen von der Geburt der Protagonistin Lale bis hin zur Entbindung ihres Kindes. Hier und da werden einige Ana- und Prolepsen eingebaut, die Erzählung hält sich jedoch an eine chronologische Struktur. Die meisten der losen Fäden werden im Laufe der Handlung wieder aufgenommen, was mir sehr gut gefallen hat. Allgemein war ich sehr begeistert von Tollkiens Schreibstil und wie sich die Kreise wieder geschlossen haben: Es gibt einen sog. Title-drop (der Titel des Werks wird innerhalb des Werkes ausgesprochen oder erwähnt), wiederkehrende Figuren, Elemente und Zitate. Somit fühlte sich auch die Handlung geschlossen an, als ich das Buch zugeklappt habe.
Lale ist eine Protagonistin, mit der ich einfach nur mitfühlen konnte. In ihr steckt so viel Schaffenskraft, Neugier und Kreativität, alles wird jedoch im Keim erstickt. Manchmal wollte ich die Seiten anschreien: "Kann da mal eine Person intervenieren?" Teilweise hätte ich das Buch gern von mir geschmissen, aber nicht aufgrund schlechten Inhalts, sondern um den männlichen erwachsenen Figuren einen ordentlichen Schwindel zu verpassen und sie zur Vernunft zu schütteln. Bereits ihre Geburt als Tochter einer drogenabhängigen Mutter beginnt als Kampf, den sie sich als Säugling nicht ausgesucht hat und trotzdem bestehen muss. Ihr Leben ist geprägt von Grenzüberschreitung und Ausnutzung. Als sie mit zweieinhalb Jahren von einem Freund ihres Vaters als Pflegekind in Obhut genommen wird, betont der letzte Abschnitt den finanziellen Vorteil dahinter: "Karlheinz' aktuelle Beziehungskiste, Marianne, ist ihm dabei als Alibi nützlich, um ein Pflegekind in eine Männer-WG aufzunehmen. Vom Jugendamt gibt es monatlich 700 Mark für die Pflegschaft" (S. 13).
In diesem Abschnitt steckt auch ein weiterer Aspekt, der mich zum Platzen gebracht hat: Der latent sexistische Umgang mit Frauen. "Nützlich", genau das sind sie für die Männer der WG. Für das eigene Ego, die eigene Lust, die eigene Unfähigkeit, alleine zu sein, das eigene Ansehen innerhalb der Männer-WG. Stehen die Frauen für ihre Grenzen oder das Fremdgehen der Männer ein, werden sie schnell als "verrückt" betitelt. Von klein auf ist Lale mit dem lockerroom talk der menners am Küchentisch konfrontiert, was maßgeblich ihr Selbstbild prägt. Wobei das noch einer der "harmloseren" Einflüsse ist. In dieser anarchistischen Hausbesetzenden-Szene bekommt sie ohnehin viel mehr mit, als sie ihrem Alter entsprechend sollte, und was sie dementsprechend schnell nachzuahmen scheint.
Hierin erscheint mir sowieso der Ursprung (fast) allen Übels: patriarchale Strukturen. Nicht unbedingt in der anti-autoritären Erziehung liegt dieser Ursprung, sondern im Patriarchat. Lales Umgebung ist geprägt davon und die einzigen Figuren, die in diese losen Umstände Ordnung oder mal einen Funken Verantwortung einbringen wollen, sind weiblich. Und nicht selten werden sie von der Männer-WG belächelt oder - internalisierter Sexismus und male gaze lassen grüßen - es scheinen sich die Frauenfiguren um Lale kümmern zu wollen, um letztendlich wieder Ansehen bei den Männern zu erlangen. Dieser Roman ist ein Paradebeispiel dafür, wie auch in eigentlich progressiven, linksgerichteten Szenen mehrere Ismen am Wirken sind und das Patriarchat alle und alles beeinflusst.
Lales Suche nach Halt und Zuneigung liest sich durchweg glaubhaft und authentisch. Es hat mir förmlich das Herz gebrochen, als ihr beim Berichten der erfahrenen sexualisierten Gewalt als Kind nicht geglaubt wird, sie anthroposophischen Heilungsmethoden auf den Leim geht und immer und immer wieder von den Personen ausgenutzt wird, die sie liebt. Und die sie ja eigentlich auch zurück lieben, aber gebeutelt sind von Dr*gensucht und Armut, darin liegt die Crux.
Meiner Meinung nach ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein starkes Buch für den Schulunterricht in höheren Gymnasialklassen. Es wird aus der Perspektive einer weiblichen Figur berichtet, präsentiert in den schönen Momenten Beispiele für Sisterhood und Selbstermächtigung, in den dunkelsten die Zusammenhänge zwischen Armut, Abhängigkeit, Klassismus und Sexismus. Ich kann es vollumfänglich empfehlen und gebe 5 von 5 Sternen.
Profile Image for Monika Caparelli-Hippert.
300 reviews5 followers
Review of advance copy received from Netgalley
February 1, 2026
Der Klappentext machte mich neugierig. Die Protagonistin scheint auch in meinem Alter zu sein, also habe ich das Buch bestellt. Und bin jetzt nach 250 Seiten platt, aber nicht unbedingt glücklich nach der Lektüre.
Lale erzählt aus ihrer Ich-Perspektive und das Buch beginnt ziemlich krass mit vorgeburtlichen Erinnerungen: Lales Mutter ist heroinabhängig und Lales Leben beginnt direkt mit einem Entzug. Die Mutter ist auch nicht fähig, die Tochter zu verpflegen; die Großmutter hat schon die Pflegschaft für eine ältere Halbschwester und kann nicht auch noch Lale mit aufnehmen, und so kommt das Kind erst mal in eine Pflegefamilie, bevor irgendwann der Vater einspringt. Jetzt startet die Story, die im Klappentext angekündigt wird, und Lale wächst in der Männer-WG ihres Vaters in Neukölln auf. Wir haben hier eine Kommune aus männlichen Hausbesetzern, Kiffern, politisch ultralink stehenden Aktivisten, Kneipendauergästen und hin und wieder ein paar weiblichen Freundinnen / weiblichen Randfiguren, die das Heranwachsen von Lale in dieser Umgebung teils durchaus kritisch sehen, aber eigentlich sich auch nicht berufen fühlen, dem Mädel irgendwie beizustehen.
Die ganze Geschichte ist eine Art Memoir: Lale erzählt – oftmals auch nicht in chronologischer Reihenfolge – ihr Aufwachsen in diesen für mich prekären Verhältnissen als einziges Kind und dann auch noch als Mädchen in dieser bizarren WG. Die leibliche Mutter tritt hin und wieder als Randfigur auf, schafft es aber zeitlebens nicht, sich aus ihrer Sucht zu befreien und kann ihrer Tochter keinerlei Sicherheit geben und nur annähernd eine Art pädagogische Kraft sein.
Die Männer der WG akzeptieren Lale auf ihre spezielle Art durchaus, sind aber – siehe Klappentext – teils extrem übergriffig bis hin zu sexuellem Missbrauch, den aber Lale nicht recht einordnen kann, zumindest als kleines Mädchen nicht. Wie auch, so wächst sie halt auf. Das macht natürlich etwas mit ihr und ihrem Selbstwertgefühl, und so kommt auch sie relativ früh in Kontakt mit Drogen und, na wie sag ich es salopp, driftet vom Weg ab Richtung Schulabbruch etc.
Irgendwie schafft sie es trotzdem, immer wieder eine Reißleine zu finden und nur „an den Rändern zu taumeln“, aber dieses Taumeln ist schon ziemlich heftig.
Okay, ich mache es kurz: ich fand die Geschichte super deprimierend, und kann keine poetische Spannkraft finden. Poetisch war der Erzählstil nicht, eher sehr realistisch bis „streetsmart“.
Die Erzählung hat durchaus Sogkraft – also ja, ich war angespannt dabei, Frau Tolkien hat mich durchaus gefesselt, aber ich weiß jetzt nicht, was ich davon halten soll. Es gibt keinen Epilog, der mir sagt, wie es jetzt so aussieht in Lales Leben. Hat sie den Absprung geschafft in ein „normales“ Leben? Ist sie glücklich geworden? Was macht sie jetzt? Die Story endet für mich relativ offen und abrupt.
Was lerne ich jetzt daraus? Oder anders gesagt, was nehme ich daraus jetzt mit? Ich fand die Lebensgeschichte echt traurig. Und ich kann nicht sehen, woran sich Lale letztendlich festhalten konnte, um nicht komplett abzudriften. An ihren Kindern? Sie ist ja relativ jung schwanger geworden, wie man so nebenbei erfährt, aber von einem neuen Familienleben erfahren wir als Leser nichts, das Thema wird sehr knapp und fragmentarisch abgehakt.
Der Roman bekommt gerade eine Menge Vorschusslorbeeren und Lob à la „Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.“ (Edgar Rai), und ich sehe dieses Juwel einfach nicht, mich hat die Story irgendwie erschlagen. Hat mich an Christiane F. erinnert („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), nur in nicht ganz so übel, aber irgendwie übel genug. Völliges Versagen von Sozialamt & Co; totales Verharmlosen von Kiffen und Alkohol, und ich hatte ständig das Gefühl, warum sieht hier eigentlich keiner, wie ein Mädel abdriftet?
Würde mich interessieren, inwiefern das tatsächlich eine autobiographische Geschichte ist, oder eben komplett fiktional. Für eine komplett fiktionale Story muss ich dann nämlich sagen: Chapeau, die Autorin hat ein phänomenales Einfühlungsvermögen und dafür ziehe ich echt meinen Hut.
Aber nochmals, es hat mich persönlich berührt, aber auch getriggert und deprimiert. Ich kann den Roman deshalb nur bedingt weiterempfehlen und tue mich extrem schwer mit einer Sternebewertung. Ich schieße mich mal auf 3 Sterne von 5 ein, und empfehle potentiellen Lesern eine Leseprobe. Das hier ist speziell.
Profile Image for Andrea Karminrot.
316 reviews6 followers
March 16, 2026
Schon auf den ersten Seiten war ich von »Mit beiden Händen den Himmel stützen« teilweise mitgerissen und abgestoßen. Lale, sie erzählt aus ihrem Leben, kam mir immer wieder so verletzlich vor. Sie wächst in den 80er Jahren in Berlin Kreuzberg auf. Bei ihrem Vater, der mit anderen Männern in einer WG wohnt. Ihre Mutter war nicht in der Lage das Mädchen großzuziehen und als Lale als Kleinkind eine ordentliche Portion von den Drogen ihrer Mutter geschluckt hatte, wurde das Mädchen in ein Kinderheim gesteckt. Ihr Vater, bzw. ein Freund des Vaters, holte das Mädchen dann dort wieder heraus. Es machte dabei wohl nichts aus, dass der Vater wegen eines Geldtransporterüberfalles gerade erst aus dem Knast entlassen worden war.

Lilli Tollkien erzählt von einem Mädchen, dass ich damals gerne gewesen wäre. Sie darf alles, was sie sich zutraut. Sie darf so lange aufbleiben, wie sie möchte. Lale darf Fernsehen, was sie auch immer möchte, sie kann und darf alles Essen, dabei wird nicht darauf Wert gelegt, dass es gesund ist. Das Mädchen stromert zwischen den vollgedröhnten „Freunden“ oder Kunden ihres Vaters durch die versiffte Wohnung, oder verzieht sich in ihr Zimmer.

Ich hätte Lale damals bewundert und wäre gerne ihre Freundin gewesen, hätte gerne ein bisschen von ihrem unkonventionellen, aufmüpfigen Leben abhaben wollen. Doch so toll ist das Leben des Mädchens gar nicht. Jedes Kind wünscht sich ein bisschen Geborgenheit und Sicherheit. In ihrem eigenen Zimmer, in einem vermeintlich sicheren Ort, ist das Kind nicht sicher. Spielerisch wird sie verführt, kommt mit Drogen und betrunkenen Männern zusammen. Manchmal versuchen die Freundinnen der WG-Männer dem Kind ein bisschen Normalität zu geben, aber die meisten Frauen bleiben nicht lange.

»Tatsächlich hatte ich nichts gemein mit den starken Mädchen aus meinen Büchern, weder mit der roten Zora noch mit Pipi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Ich hatte Mühe mit meinem unbeständigen Leben.«
Seite 62

Die 255 Seiten waren schnell gelesen, obwohl ich öfter das Buch mal weglegen musste, damit ich wieder zu Atem kommen konnte. Lale hatte eine verrückte Kindheit. Eine ungestüme und verletzte Kindheit. Man könnte meinen, dass eine solche Umgebung das Kind stark macht, aber stattdessen hat sie oft Angst, ist unsicher und vorsichtig. Die Autorin Lilli Tollkien schreibt einfach toll. Sie reißt den Leser in ihre Welt und „beschmeißt“ ihn mit fast prosaischen Texten. Man kann einfach nicht aufhören, zu lesen. Für mich ist dieses Buch ein Highlight des Jahres. 🐭🐭🐭🐭 hat dieser Roman sicherlich verdient, so finden jedenfalls Rubi und ich.

»Ich stütze den Himmel mit beiden Händen. Während die Sonne zwischen den Wipfeln der Kastanien im Garten der Klinik aufgeht, heben wir die Arme nach oben, …«
Seite 179

Wer ist die Autorin?

Von der Verlagsseite: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ihr erster Roman. In ihrem Instagram Account findet man die passende Musik und Ausschnitte aus ihrem Buch, schau einfach mal hier …
164 reviews
March 16, 2026
Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen Kumpanen in einer Anarcho-Kommunen-WG auf. Was ihr als Kind zugemutet wird, ist unerträglich. Dass alle die Erlebnisse, das Hin- und Herschieben, die Unzuverlässigkeiten, die stets besoffenen und bekifften Männer, die früh beginnenden sexuellen Übergriffe nicht spurlos an ihr vorüber ziehen, verwundert wenig. Als junge Erwachsene versucht sie sich ihrer Haut zu entledigen.

Dieses Buch ist ehrlich gestanden schwer zu ertragen. Sprachlich ist es eindringlich, es gibt viele starke Stellen, die ins poetische reichen, besonders wenn es um den Missbrauch geht, arbeitet die Autorin mit Andeutungen, muss nicht auserzählen was geschieht - das finde ich hervorragend. Die Art der Verwahrlosung, aber vor allem was die Männer, die sich selbst zum linken Milieu zuordnen, dem kleinen Mädchen zumuten: das ständige besoffen-und-bekifft-Sein, das sich-selbst-überlassen-Sein, diese Wurschtigkeit gegenüber dem kleinen Kind und das Krasseste: die frühe Sexualisierung des kleinen Mädchens, da entsteht ein Kloss im Hals und im Bauch und man möchte diese ekelhaften Männer schütteln und sie am besten schnurstracks ins Gefängnis befördern.

Und wären Lale die Akutsituation erstaunlich tapfer übersteht, bricht erst, als sie sich von dieser Männer-WG lösen kann, das wahre Leid aus ihr heraus. Das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist eigentlich nicht vorhanden und auch mit Beziehungen tut sie sich schwer, klammert sich an jede und jeden, der ihr Aufmerksamkeit schenkt und versucht, diese Personen zu kopieren oder sich an sie dauerhaft zu binden. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so verschwindet Lale und ihr Körper immer mehr, bis es zum Zusammenbruch kommt.

Wie die Autorin in Interviews angibt, hat der Roman autofiktionale Momente - man möchte sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so eine Tortur tatsächlich mitmachen mussten. Was Lale - und vermutlich auch die Autorin - rettet, ist das Schreiben, eine heilende Kraft, die uns dieses heftige, unverblümte und harte Buch beschert. Es ist eine Wucht, für die man viel Kraft braucht und des Öfteren das Kopfkino ausschalten sollte. Um einen positiven Aspekt hervorzuheben: die popkulturellen Bezüge - allen voran Musik, aber auch Filme, sind im Buch allgegenwärtig und sie helfen dem Mädchen - und auch den Lesenden - das ganze besser zu überstehen.

Bei der Sternebewertung bin ich mir unsicher: ich habe das Buch in einem Schwung gelesen, habe es - so absurd das bei dieser Thematik klingt - sehr gerne gelesen - und doch musste ich immer an "Siebenmeilenherzen" von Katharina Winkler denken, die den Missbrauch in kindlicher Märchenform erzählt, der Absturz als Erwachsene kommt mit der gleichen schwammigen, intensiven Realitätsverweigerung daher wie bei der Protagonistin Lale. Und doch: Winklers Buch hatte ich zuerst gelesen und das Leseerlebnis war noch einprägsamer. Nichtsdestotrotz ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein beeindruckendes Buch mit einer Intensität und Grausamkeit menschlicher Abgründe, die einem beim Lesen stetig die Luft anhalten lässt. Absolute Leseempfehlung für alle, die ein so hartes Thema lesend schaffen.
226 reviews
May 6, 2026
ein emotional sehr forderndes Buch


Dass die Startbedingungen eines Menschen für sein späteres Leben wichtig sind, wissen wir schon lange. Was aber kann mit einer Kinderseele passieren, wenn es diese guten Startbedingungen nicht hat, keine Struktur erlebt, keine Wärme, keine Geborgenheit und Verlässlichkeit?
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, erschienen im @aufbau_verlage , erzählt die autofiktionale Geschichte von Lale, die in den 80 ziger Jahren in einer Berliner Männerkommune groß wird. Ihre Mutter ist drogenabhängig und muss öfter wegen Beschaffungskrminalität ins Gefängnis und der Grund, warum Lale in die Männer WG einzieht ist, dass ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen wurde und ihr Vater gerade wegen Einbruchs im Gefängnis sitzt. So kommt Lale zu einem Freund ihres Vaters.
Das Leben in der WG ist geprägt von Drogenkonsum, wechselnden Partnerschaften der dort wohnenden Männer und sogenannter „antiautoritärer Erziehung“.Lale kann bestimmen , was und wann sie essen und schlafen will, was sie im Fernsehen sehen will und bekommt das Liebesleben der Männer „hautnah“ mit ,im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch vor Missbrauch ist sie nicht geschützt.Das „freie Leben“würde ich Verwahrlosung nennen und war schon erstaunt,wie schnell sich ein Jugendamt zufrieden gibt. Als Lale größer wird ,findet sie ein wenig Struktur in der Schule, in die sie gerne geht. Doch die Sozialisation hinterlässt Spuren bei Lale. Sie trudelt durch‘s Leben, ohne ihren Platz darin zu finden. Ihr ganzes Leben besteht aus „losen Fäden“, sie fängt vieles an, bringt aber nichts zu Ende.Da sie auch nie eine verlässliche Bindung zu ihren Eltern hatte, ist sie immer auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und festen Freundschaften, hält sich selbst aber nie für „wertvoll“ genug, um diese einzugehen. Auch sie gerät in einen Strudel von Drogen, bindungslosem Sex und Kriminalität, nur um sich zu spüren. Depressionen bleiben da nicht aus.

Ich muss sagen, dass das mich das Buch emotional stark gefordert hat.Ich hatte eine Wut auf die Erwachsenen, die ihr verantwortungsloses Verhalten hemmungslos auslebten und hatte die ganze Zeit das Verlangen Lale in den Arm zu nehmen, ihr Halt und Stabilität zu geben.
Die sexuellen Übergriffe der Männer waren für mich schwer erträglich und ich spreche hier eine‼️ „T r i g g e r w a r n u n g „ ‼️aus, denn dieses Buch ist an manchen Stellen kaum auszuhalten,vor allem,weil man weiß , dass es Kinder gibt, die genauso aufwachsen.
Erträglich wird dem Leser das Geschriebene ein bisschen dadurch gemacht, dass die Autorin, von der ich annehme, dass sie Ähnliches erlebt hat, mit einer gewissen Distanz zum Geschehen schreibt, als wenn sie das Geschehene als dritte Person beobachtet,doch meine Vorstellungskraft reicht aus, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das mit einer Kinderseele macht. Verletzungen, die nie richtig verheilen.

Immer wieder wird mir beim Lesen bewusst, welche Verantwortung man übernimmt, wenn man ein Kind in die Welt setzt.

Dieses Buch trifft mitten ins Herz und benötigt eine stabile Grundstimmung, denn das Schicksal von Lale lässt niemanden kalt. Ich wünsche der Autorin nur das Allerbeste für sich selbst , aber auch für den Erfolg des Buches, der hoffentlich ein Befreiungsschlag für sie war, für mich war es ein sehr intensives Leseerlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde.
Profile Image for Diana (buecher.berge).
153 reviews12 followers
March 25, 2026
Es sind keine einfachen Umstände, unter denen Lale in den 80er-Jahren in Berlin aufwächst: Ihre Mutter ist drogensüchtig und unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern. Die Zeit im Heim liegt im Schatten, Erinnerungen beginnen mit ihrem Pflegevater, einem Freund ihres Vaters, und dem damit zusammenhängenden Einzug in eine Männer-Kommune im Alter von zweieinhalb Jahren. Eine Kommune, in der auch Lales biologischer Vater nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ziehen wird. Ihre Mutter wird sie kaum noch sehen, ihr Leben gehört den Drogen. Lales Leben wird sein, auf der einen Seite: keine Regeln, keine feste Schlafenszeit, so viel Süßkram und Fernseh, wie sie möchte. Auf der anderen Seite: niemand, der sich um Lale kümmert, nur erwachsene Männer, die rauchen, trinken, Drogen nehmen und ihre Frauen häufiger wechseln als sprichwörtlich anzunehmend ihre Unterwäsche. Vernachlässigung, Einsamkeit, fehlende Beständigkeit, Angst. Und Übergriffe. Kein Umfeld, in dem ein Kind groß werden sollte. Und trotzdem gelingt es Lale, irgendwie, auf ihre Weise. In der Schule findet sie die ersehnte Struktur, ein Rettungsanker, bis das Umfeld greift und sie ihn für lange Jahre aus den Augen verliert. Jahre, die Lale für den Rest ihres Lebens zeichnen werden, hinterlassene Spuren auf Körper und Seele. Und doch, auch, ein Rettungsanker, erzählt Lale uns ihre Geschichte doch aus ihrer erwachsenen Sicht heraus als Mutter zweier Kinder.

»Mit beiden Händen den Himmel stützen« ist eins der beeindruckenden Debüts, die ich bisher gelesen habe. Bereits auf der ersten Seite kamen mir die Tränen – eine Grundstimmung, die sich über die Buchlänge hinweg aufrecht hielt. Ein Kloß im Hals mein ständiger Begleiter beim Lesen. Zwischen vermeintlicher Freiheit und tatsächlicher Vernachlässigung wächst Lale auf, umgeben von Drogen, Alkohol, Sex, den Ausschweifungen erwachsener Männer am Rande der Gesellschaft, begleitet von immer neuen Grenzüberschreitungen, Unsichtbarkeit und einem immerwährenden Kampf um ihre eigene Daseinsberechtigung. Zwischen Zigarettenstummeln, Nutellabroten und Fanta als Abendessen, ständigem Ausgeliefertsein und dem Wunsch, den Erwachsenen Gefallen zu wollen, entwickelt sich Lale. Mit beeindruckendem Feingefühl beschreibt Lilli Tollkien aus Lales erwachsener Sicht rückblickend und reflektierend diese Jahre bis hin zum Jetzt. Schildert die Auswirkungen, die ihr Aufwachsen auf Lales Psyche hatte, die Narben und Spuren, falsche Entscheidungen und dem Vertrauen in die falschen Menschen. Erzählt von persönlichen Tiefpunkten, Psychatrieaufenthalten, Angstmomenten. Aber auch von Hoffnungsschimmern, von der Wiederaneignung ihres Körpers, von eigenen Entscheidungen, von Leben und Momenten des Glücks. Sprachlich poetisch und erzählerisch eindrücklich gibt uns Lilli Tollkien mit »Mit beiden Händen den Himmel stützen« einen unfassbar schmerzlichen, aber wichtigen und gleichzeitig auch wirklich schönen Roman in unsere Hände. Und vielleicht, wenn wir Lales Geschichte lauschen, helfen wir ihr, den Himmel zu stützen, liegt weniger allein in ihren Händen, kann sie etwas von der Last ablegen, die auf ihr liegt. Denn dieser Roman erzählt von Stärke, von Resilienz und davon, dass jedes Kind auf dieser Welt ein sicheres Zuhause verdient.
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March 16, 2026
Manche Bücher lassen sich leicht besprechen. Andere machen einen erst einmal sprachlos. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien gehört für mich zu den Büchern der zweiten Kategorie.
Der Lebensweg von Lale zu begleiten war für mich emotional herausfordernd. Nicht, weil der Roman schwer zugänglich wäre, sondern weil er eine Realität zeigt, die viele von uns lieber auf Distanz halten: eine Kindheit jenseits von Stabilität, Schutz und Privilegien.
Die Geschichte spielt im Berlin der frühen Nachwendezeit. Lales Mutter ist drogensüchtig; schon als Neugeborenes muss das Baby einen Entzug durchstehen. Ihre Kindheit verbringt sie zunächst in einer alternativen Männer-WG bei einem Freund des Vaters, später zeitweise mit dem Vater selbst. Es gibt guten Willen, Momente von Zuneigung und Fürsorge. Doch Verantwortung und Stabilität bleiben brüchig. Niemand weiß wirklich, wie man ein Kind großzieht, Drogen gehören zum Alltag, und die Systeme, die Kinder schützen sollen, greifen nicht.
Beim Lesen hat mich besonders beschäftigt, wie widersprüchlich dieses Umfeld ist. Lale wächst in einem Milieu auf, das Freiheit hochhält und sich selbst als progressiv versteht. Doch für ein Kind kann grenzenlose Freiheit auch etwas anderes bedeuten: Haltlosigkeit. Ohne Schutz, Grenzen und Orientierung wird sie schnell zur Form von Vernachlässigung. Der Roman stellt damit auch unbequeme Fragen an Szenen, die sich selbst als emanzipiert verstehen und dennoch nicht frei von patriarchalen Machtstrukturen und Verantwortungslosigkeit sind.
Was mich beim Lesen ebenfalls nicht losgelassen hat, ist die Frage, wie sehr wir solche Geschichten noch immer als Ausnahme betrachten. Gewalt und Missbrauch an Kindern erscheinen in unserer gesellschaftlichen Vorstellung oft als Einzelfälle. Studien zeichnen jedoch ein anderes Bild: Metaanalysen gehen davon aus, dass etwa jede fünfte Frau in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt hat, während nur ein kleiner Teil der Fälle angezeigt wird (nur 10-30% nach Schätzungen!). Die Dunkelziffer ist unglaublich hoch. Vor diesem Hintergrund wirkt Lales Geschichte nicht nur wie ein individuelles Schicksal, sondern auch wie ein Spiegel struktureller Realität.
Und doch ist dieses Buch keine reine Chronik von Leid. Lale überlebt. Sie probiert Identitäten aus, entwickelt Strategien, die sie durchs Leben bringen. Lange Zeit sucht sie nach sich selbst, tastend, manchmal zerstörerisch, oft einsam. Erst spät eröffnet sich ihr ein Raum, in dem etwas möglich wird, das zuvor kaum existierte: Luft holen. Atmen. Fühlen, ohne sofort von Angst, Überforderung und Überwältigung überrollt zu werden.
Vielleicht hat mich genau das am meisten berührt: dass dieses Buch nicht nur Verletzlichkeit zeigt, sondern auch die enorme Kraft eines Menschen, weiterzugehen. Im Nachwort schreibt die Autorin, dass der Roman auf realen Erfahrungen basiert, aber fiktional gestaltet ist. Gerade dadurch wirkt er so nah. Die Sprache bleibt dicht an der Figur, manchmal rau, manchmal überraschend poetisch. Dass dies das Debüt von Lilli Tollkien ist, macht die Wucht des Buches umso bemerkenswerter.
Profile Image for Mona.
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March 14, 2026
Lilli Tollkien berichtet in ihrem Buch von einer Bilderbuchkindheit. Zumindest wenn man andere Kinder fragen würde. Keine Regeln, keine Bestrafungen, Junkfood und Süßigkeiten. Erwachsene, die sie an nichts hindern, sie fast schon ebenbürtig behandeln und in die Mitte ihrer eigentlich eher jugendlich-rebellierenden Welt einladen. Wie schön doch eine Kindheit sein kann!
Lale wächst in einer Berliner Männer-WG auf, Frauen gehen ein und aus, Drogen wechseln von einer in die andere Hand. Antifaschistische Parolen werden geschwungen, der Staat, im besten Fall, müde belächelt. Eine Mutter, die sich nicht von den Drogen lossagen kann und immer abseits wandelt. Abseits der Gesellschaft, abseits ihrer Rolle als Mutter, inmitten von Selbstzerstörung. Ein Vater, der nicht in der Lage ist, Beziehungen zu führen, aber immerhin sein Bestes im Umgang mit seiner Tochter gibt, außer wenn es darum geht, aktiv hinzugucken und eine (be-)schützende Instanz zu sein. Und so wächst das geschichtenvernarrte Mädchen auf, sehnt sich nach Stabilität und ist gern in der Schule, denn „Das Beste ist […] die Normalität der anderen“ (S. 48) oder das, was sie sich darunter vorstellt.

Und in einer Lebenswelt, in der es keine Grenzen gibt, können auch keine überschritten, müssen keine beschützt werden. Und so kann ein Mädchen, das Opfer von (sexueller) Übergriffigkeit wird, in dem Glauben aufwachsen, dass es selbst der Auslöser dafür war. Und so geht ein schädliches Muster in die nächste Generation über, bis sich irgendwann jemand mutig und entschlossen dem entgegenstellt.

Die Autorin blickt relativ objektiv auf ihre Figur, weder romantisch-verklärt, noch zutiefst verurteilend. So ist der Leser selber in der Verantwortung, sich eine Meinung zu bilden von diesem zutiefst prägenden Aufwachsen und all seiner Konsequenzen. Denn die Brücke wird permanent geschlagen – von einem Kind, das nicht Kind sein kann/darf/soll/muss, zu einer Erwachsenen, die mit starken Selbstzweifeln und Unsicherheiten kämpft, nichts zu Ende führen kann und sich keiner Welt richtig zugehörig fühlt, sich aber sehr danach sehnt. Und die sich der schmerzhaften Erkenntnis stellen muss, dass erwachsen werden auch heißt, nicht nur die Normalität der anderen, sondern vielmehr die Normalität in der eigenen Biographie zu hinterfragen.

Ein intensives Buch, das zweifellos betroffen macht und ich habe mir während Lesens oft die Frage gestellt, wie es anders, wie es besser für Lale hätte sein können (und hier ist ausdrücklich nicht die Übergriffigkeit gemeint!). Hätte der Staat mehr eingreifen müssen, wäre ein Aufwachsen komplett abseits der Wurzeln besser gewesen, hätte allgemein mehr hingeschaut werden müssen? Das Buch gibt uns darauf keine Antwort und das Leben wird es auch nicht tun, aber solche Lebensgeschichten hinterlassen bei den Lesenden Spuren und sensibilisieren im besten Fall. Und das macht diese Geschichte wunderbar.
Profile Image for JennifersBooks.
46 reviews
May 3, 2026
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert.
Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich.
Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren.
Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen.
Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd.
Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert.

Fazit: Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.
Profile Image for Marie.
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April 6, 2026
“In der Kneipe zu stehen, mit dreizehn Jahren, und mit meinem Vater einen Joint zu rauchen ist meine einzige Möglichkeit zu rebellieren und zugleich der letzte Versuch dazuzugehören.”

Mit einem Heroinrausch auf der Neugeborenen-Station ist Lales Start in die Welt alles andere als glücklich. Die Mutter suchtkrank, der Vater nach einem Banküberfall im Gefängnis. Nach einer kurzen Zeit im Heim, zieht Lale zu Karlheinz in die Männer-WG am Kotti. Ein anarchisch-linkes Hausprojekt, in dem offiziell viel Wert auf antiautoritäre Erziehung gelegt wird. Inoffiziell heißt das aber: Alkohol rund um die Uhr, Dope-Kunden im Wohnzimmer und ständig wechselnde Freundinnen der Männer auf dem Sofa. Auch als ihr Vater in die WG zieht, ändert sich für das junge Mädchen - abgesehen von einem kurzen Intermezzo in Nicaragua - wenig. Denn auch er lacht über Autoritäten und Regeln und hängt Beschwerden der Lehrerin lachend an die Wand. Dabei übersieht aber auch alle Anzeichen des sexuellen Missbrauchs, den Lale unter dem Deckmantel der Antiautorität ausgeliefert ist. Ob es dem Mädchen gelingt, als Frau ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen?

Wie man an der Inhaltsangabe sieht, ist Lilli Tollkiens Debüt "Mit beiden Händen den Himmel stützen" keine leichte Kost. Alkohol- und Drogenmissbrauch und sexuelle Übergriffe werden an zahlreichen Stellen thematisiert. Die Autorin kennt sich aus, arbeitet sie doch unter anderem in einer Suchtberatung. Diese Realitätsnähe merkt man dem Roman an. Genau das macht einige Kapitel schwer aushaltbar. Man wünscht sich die gesamte Lektüre über eine bessere Zukunft für Lale und ahnt doch, dass die Protagonistin ihre Geschichte stets mitnehmen wird. Besonders berührt hat mich, dass Lale so oft ihre Wahrnehmung abgesprochen wird. Die Ex-Partnerinnen ihres Vaters betonen beispielsweise immer wieder, dass die Männer in der WG alles für sich getan hätten. Alles, was sich für Lale falsch anfühlt, wird damit relativiert. Herzzerreißend sind daher auch ihre Versuche, dazuzugehören. Sei es in der WG, mit deren Mitgliedern sie schon mit dreizehn Jahren Joints raucht oder in der Grundschule voller Bewunderung für die gut sortierten Mäppchen der Mitschüler. Auch später kopiert sie stets die Menschen, die ihr nahestehen, in der Hoffnung, so zu werden wie sie.

Auch wenn "Mit beiden Händen den Himmel stützen" bei weitem keine Feel-Good-Lektüre ist, kann ich das Buch insgesamt empfehlen. Literatur soll Türen in fremde Lebenswelten öffnen. Das gelingt der Autorin ausgesprochen gut. Lales Lebenswelt wird plastisch und die Klischees über die Junkies am Kotti durch Tollkiens Figuren mehr als lebendig. Auch die vielen fast schon popkulturellen Anspielungen der 80er und 90er tragen dazu bei, dass man Dinge in Buch wiedererkennen kann.
Profile Image for Christiane Fischer.
559 reviews8 followers
Review of advance copy received from Netgalley
March 11, 2026
MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN
Lilli Tollkien
ET: 11.03.26

„Das Fruchtwasser, von dem ich täglich einen halben Liter trinke, schmeckt süß, denn meine Mutter ernährt sich von Haribo Colorado. Sie klammert sich an den Zucker, braucht ihn als Ersatz für das Heroin, auf das sie zu verzichten versucht, jetzt da sie mit mir schwanger ist. […] Ich werde nicht auf die Brust meiner Mutter gelegt. Unter kontrollierten Außenbedingungen, im Mikroklima des Inkubators, mache ich den Entzug, den meine Mutter nicht geschafft hat. Es ist Winter 1980 …“

Direkt nach der Geburt wird Lales Mutter das Sorgerecht entzogen. Auch ihr leiblicher Vater, der ausgerechnet an diesem Tag einen Geldtransporter überfällt und verhaftet wird, kommt als Erziehungsberechtigter nicht infrage. Doch Lale scheint zunächst Glück zu haben: Ein Freund des Vaters übernimmt die Rolle des Pflegevaters und nimmt sie in seiner Berliner WG auf – einer Wohngemeinschaft, die ausschließlich aus Männern besteht.

Geborgenheit findet Lale dort jedoch nicht. Sie wächst in einem Umfeld auf, das von Vernachlässigung geprägt ist. Freundinnen der Männer gehen ein und aus, Alkohol und Drogen gehören zum Alltag und liegen frei herum. Während die Männer ausschlafen, ist das kleine Mädchen morgens oft auf sich allein gestellt. Das Jugendamt schaut nur selten und angekündigt vorbei.

Erst als Lale in die Schule kommt, begegnet sie zum ersten Mal festen Regeln und klaren Grenzen. Ausgerechnet diese Einschränkungen geben ihr ein Gefühl von Halt und Struktur. Doch wie sehr die ersten Jahre ihres Lebens sie geprägt haben und welchen Weg sie später einschlägt, müsst ihr selbst herausfinden.

Uff. Dieses Buch hat mich gleich zu Beginn hart getroffen. Nach dem ersten Kapitel musste ich es erst einmal zur Seite legen. Was Lale in ihrer Kindheit erlebt, ist schwer auszuhalten und sollte kein Kind erfahren müssen. Viel zu oft werden Warnsignale übersehen, und auch das Jugendamt wirkt hier erschreckend passiv.

Ich habe beim Lesen stark mit Lale mitgefühlt und mich über die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen geärgert. Manchmal wurde es mir zu viel – und trotzdem wollte ich unbedingt wissen, ob Lale irgendwann ein kleines bisschen Glück findet. Genau diese Hoffnung hat mich durch die Seiten getragen.

Besonders mochte ich die vielen kleinen Flashbacks in die 80er-Jahre: Musik, Süßigkeiten und Alltagsgegenstände wie der Walkman rufen Erinnerungen wach und verankern die Geschichte stark in ihrer Zeit.

Fazit:
Ein schmerzhaftes und eindringliches Debüt über eine Kindheit ohne Halt, das lange nachwirkt.
5/5

723 reviews1 follower
Review of advance copy received from Netgalley
March 11, 2026
Auf der Suche nach Verlässlichkeit
Lale wächst in einer Berliner Wohngemeinschaft auf, in der vieles erlaubt ist und kaum feste Regeln gelten. Erwachsene diskutieren über Politik, feiern lange Nächte und sprechen von Freiheit. Für ein Kind wirkt dieses Leben zunächst offen und grenzenlos. Doch zwischen Gesprächen, Partys und ständig wechselnden Menschen fehlt etwas, das für ein Kind wichtig ist: Verlässlichkeit, Schutz und ein fester Platz im Alltag.
Der Roman begleitet Lale durch diese ungewöhnliche Kindheit in den achtziger Jahren. Kleine Szenen aus dem Alltag zeigen, wie sie zwischen Freiraum und Vernachlässigung ihren eigenen Weg sucht. Schon früh wird spürbar, dass sie vieles allein verstehen muss, weil sich kaum jemand wirklich um ihre Fragen kümmert.
Die Geschichte wird in ruhigen, klaren Bildern erzählt. Viele Szenen wirken fast unscheinbar. Oft sind es gerade diese kleinen Beobachtungen, die im Kopf bleiben. Immer wieder versucht Lale, ihren Platz zu finden, während die Erwachsenen um sie herum mit ihren eigenen Ideen und Konflikten beschäftigt sind. Neben Momenten von Freiheit liegt über manchen Situationen auch ein leises Unbehagen.
Im Verlauf der Kindheit wird deutlich, dass Grenzen nicht immer geachtet werden. Einige Begegnungen zeigen, wie wenig Schutz ein Kind in dieser Umgebung manchmal hat. Diese Übergriffe werden nicht dramatisch ausgeschmückt, sondern ruhig und direkt geschildert. Durch diese nüchterne Erzählweise wirken manche Szenen besonders belastend.
Mit den Jahren verändert sich der Blick auf das Erlebte. Aus dem Mädchen, das lange nur versucht hat, zurechtzukommen, wird eine junge Frau, die beginnt, ihre eigene Geschichte zu ordnen. Das Erzählen wird dabei zu einer Möglichkeit, das eigene Erleben langsam zu begreifen.
Die Sprache des Buches bleibt über weite Strecken ruhig und klar. Viele Gedanken werden eher angedeutet als ausführlich erklärt. Dadurch entsteht eine große Nähe zu Lale und zu ihrem inneren Erleben. Vor allem in den stillen Momenten wird spürbar, wie sehr ihr Halt und Geborgenheit fehlen.
Dieser Roman erzählt von einer Kindheit, die nach außen frei wirkt und zugleich von Unsicherheit geprägt ist. Gerade dieser Widerspruch zieht sich durch die ganze Geschichte. Zwischen politischen Ideen, langen Nächten und vielen Menschen wächst ein Mädchen auf, das sich nach etwas ganz Einfachem sehnt: jemandem, der wirklich für sie da ist.
Ein ruhiger und ehrlicher Roman über Kindheit, über Verletzlichkeit und darüber, wie ein Mensch irgendwann beginnt, die eigene Geschichte auszusprechen.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.
6 reviews
Review of advance copy
March 13, 2026
Der Roman *Mit beiden Händen den Himmel stützen* von Lilli Tolkien erzählt die erschütternde Geschichte von Lale, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in einer Berliner Männerkommune aufwächst. Was nach einem Ort radikaler Freiheit klingt – lange aufbleiben, Süßigkeiten essen, fernsehen, keine strengen Regeln – entpuppt sich schnell als eine Umgebung, in der Verantwortungslosigkeit, Vernachlässigung und Grenzüberschreitungen zum Alltag gehören.
Tolkien schildert Lales Kindheit und Jugend in einem auffallend nüchternen, distanzierten Stil. Die Sprache wirkt häufig fast emotionslos und kühl, was die geschilderten Ereignisse umso bedrückender erscheinen lässt. Gerade diese Zurückhaltung verstärkt die Wirkung: Die Leserinnen und Leser müssen die emotionale Wucht der Erlebnisse selbst erfassen, ohne dass der Text sie direkt kommentiert.
Die Erzählung zeichnet das Bild einer Kindheit, die von Drogen, Verwahrlosung und sexuellem Missbrauch geprägt ist. In einem Umfeld, das sich selbst als frei und progressiv versteht, fehlt es dem Kind an Schutz, Orientierung und verlässlichen Bezugspersonen. Besonders erschreckend ist dabei, wie viele Erwachsene im Leben des Mädchens verantwortungslos handeln oder schlicht wegsehen.
Aus dieser Kindheit geht eine junge Frau hervor, die immer wieder nach Sinn und Halt sucht, ihn aber nur schwer findet. Lale taumelt von Job zu Job und von einer toxischen Beziehung zur nächsten. Ihr fehlt ein stabiles Gefühl für sich selbst und ihren eigenen Körper; zugleich scheint sie nie gelernt zu haben, ihre Gefühle klar wahrzunehmen oder auszudrücken. Das Buch zeigt eindringlich, wie stark soziale Beziehungen und frühe Lebensumstände einen Menschen prägen und wie lange ihre Folgen nachwirken.
Der Roman wirkt dabei stellenweise wie eine literarische Aufarbeitung persönlicher Erfahrungen. Auch wenn dies nicht ausdrücklich bestätigt wird, entsteht der Eindruck, dass autobiografische Elemente in die Geschichte eingeflochten sind. Dadurch erhält der Text eine zusätzliche Authentizität und Dringlichkeit.
Am Ende bleibt *Mit beiden Händen den Himmel stützen* ein sehr eindringliches, stellenweise schwer auszuhaltendes Buch. Es erzählt nicht nur von einer traumatischen Kindheit, sondern auch von der langen Suche nach Identität, Selbstbestimmung und einem eigenen Platz im Leben. Gerade durch seine nüchterne Erzählweise hinterlässt der Roman einen nachhaltigen Eindruck und macht deutlich, wie tief die Spuren sind, die ein verantwortungsloses Umfeld in der Entwicklung eines Kindes hinterlassen kann.
101 reviews1 follower
March 14, 2026
Eine Kindheit ohne Verbote? Was bei Pipi Langstrumpf Spaß macht, sieht in diesem Buch ganz anders aus.
Lale wächst in den 1980iger Jahren in Berlin auf. In einer Männer-Kommune.
Ihrer Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, den ersten Entzug hat Lale direkt nach der Geburt, den zweiten als Kleinkind, denn sie hat ein paar Pillen die sie auf dem Boden fand gegessen. Die Mutter ist drogenabhängig.
So bekommt Lale einen Vormund, der Vater ist es nicht, aber er wohnt auch (manchmal) in der WG. Er übernimmt aber keinerlei Verantwortung für seine Tochter.
Lale darf so lange aufbleiben wie sie möchte, früh schlafen gehen ist bei der Geräuschkulisse in der Wohnung auch nicht möglich. Sie darf essen was sie will, gesunde Lebensmittel sind selten vorrätig. Der Fernseher läuft den ganzen Tag. Sie ist frei, aber total vernachlässigt. Ab und zu hat einer der Männer eine Freundin die sich ihrer annimmt. Mal was Anständiges kocht, ihr was zum Anziehen oder später Schulsachen kauft.
Lale geht Anfangs auch total gerne in die Schule, dort erfährt sie Halt und Struktur. Doch dieses Leben zieht auch Lale hinab in den Strudel von Drogen und Alkohol.
Das tut schon echt weh, das zu lesen. Immer wieder sucht sie Anschluss, Geborgenheit, Zugehörigkeit. In der Männer WG ist sie ein Fremdkörper, wird verhätschelt, ignoriert, missbraucht, vergessen.
Später sucht Lale nach einem Weg mit ihrer Versehrtheit durch die Nicht-Erziehung umzugehen. Sie findet einen Weg im Schreiben und der Fotografie. Sie sagt sie „Fotografieren ist Ordnung in die Welt sehen.“.
Der Text ist nicht gradlinig, oft poetisch, was ein krasser Gegensatz zum Inhalt ist. Der Roman ging mir sehe nahe, er schmerzte regelrecht, weshalb ich immer wieder Pausen einlegen musste.
Ich bin recht behütet aufgewachsen, natürlich hätte ich mir oft mehr Freiheiten gewünscht, doch das, was Lale durchmacht ist nicht wünschenswert, eher ein Alptraum. Es gibt so viele Möglichkeiten als Eltern zu versagen, die in diesem Buch beschriebene ist schon übel.
In den 1980iger Jahren war ich Teenager, mit der passenden Playlist die Tollkien auf Spotify zur Verfügung stellt kann ich mich in vielen Songs identifizieren. So war das Buch auch eine Art Zeitreise für mich, nur das meine Zeit in denselben Jahren ganz anders war. Zum Glück. Ich glaube nicht, dass ich soviel Kraft wie Lale gehabt hätte.
Profile Image for Sue Wid.
35 reviews
March 16, 2026
Titel: Ein leiser Roman über eine laute Kindheit.

Kurzmeinung: Ein intensiver Roman über eine Kindheit im Ausnahmezustand – schmerzhaft, ehrlich und dennoch voller Hoffnung.


„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist das Debüt der Autorin Lilli Tollkien. Angezogen hat mich dabei vor allem das Cover: Ein junges Mädchen blickt forsch und fordernd den Betrachtenden in die Augen. So wollte auch ich direkt in dieses Buch eintauchen, um herauszufinden, was sie mir sagen will.

In dieser Geschichte begleiten wir Lale, deren Aufwachsen sich in einem fortwährenden Ausnahmezustand befindet. Da ihre Mutter nicht für sie sorgen kann und eher eine selten gesehene Randfigur in ihrem Leben ist, wächst sie Anfang der 80er-Jahre in Berlin in einer Männerkommune auf.
Die Männer – auch ihr eigener Vater – taumeln zwischen verschiedenen Frauen, Alkohol und Drogen hin und her.
Als kleines Kind scheint Lale bestenfalls ein Haustier oder Maskottchen zu sein, statt ein Kind mit Bedürfnissen. Halt und Sicherheit erfährt sie nicht. Ihre Grenzen werden wiederholt missachtet, ihre Ängste kleingeredet.

Mich hat der Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ berührt und ein wenig sprachlos zurückgelassen. Wie muss sich eine solche Kindheit und Jugend anfühlen? Ich hatte beim Lesen oft ein Gefühl von Beklemmung.
Besonders interessant fand ich, dass dieser Roman teilweise von realen Ereignissen inspiriert wurde. Wenn man sich das bewusst macht, wirkt vieles noch intensiver und nachhallender.
Der poetische, eher leise Text geht tief. Dennoch schafft es die Autorin, ihrer Protagonistin Lale eine gewisse Abgebrühtheit und Distanziertheit zu geben, die sehr gut zum Ton des Romans passt.
Insgesamt ist es ein ruhiges Buch mit vielen Untiefen, Grenzüberschreitungen und Momenten der Hilflosigkeit – aber nie perspektivlos oder hoffnungslos. Lale versucht immer wieder, für sich selbst einzustehen und ihren eigenen Weg zu gehen, mag er auch noch so schwer sein.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein emotionaler Gegenwartsroman mit tiefgründiger Thematik, geschrieben in einem flüssigen und intensiven Stil.

Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die auch auf wenigen Seiten eine intensive Leseerfahrung machen möchten.
Ein Buch, welches still erzählt wird und tief trifft.
Profile Image for j.and.the.boys .
144 reviews1 follower
April 18, 2026
. Suchst du nach einem Roman, der dich schon mit der ersten Zeile in seinen Bann zieht und dich noch lange nach der letzten nicht mehr freigibt?
Dann solltest du
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ unbedingt lesen oder hören.
Eine Geschichte, die nicht nur durch ihre Erzählkunst besticht, sondern durch ihre Tiefe lange nachhallt.

. Aber was erwartet dich genau…
Lale wächst in den 80er Jahren bei ihrem Vater in einer Männerkommune auf.
Grenzen oder Regeln gibt es nicht. Ihre Mutter kann sich aufgrund ihrer Drogensucht nicht kümmern.
Lale sehnt sich nach Geborgenheit und Zuverlässigkeit, doch genau das Gegenteil ist der Fall.

. In „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ begleiten wir Lale als Ich-Erzählerin und tauchen tief ein in die Schichten ihres Lebens. Vor allem sind es die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die den Erzählraum prägen und doch öffnen sich immer wieder Fenster in ihr Erwachsenenleben, in denen sichtbar wird, wie unauslöschlich die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Schon bald begreifen wir, wie sehr ihre frühen Jahre von Traumata durchzogen sind. Besonders die Kapitel aus kindlicher Perspektive gehen unter die Haut, leise und doch mit umso größerer Wucht.
. In meinem Fall wurde diese Wirkung noch verstärkt! Als Hörbuch entfaltet der Text eine zusätzliche Intensität, nicht zuletzt durch die eindringliche Interpretation von Aileen Wrozyna, die Lale mit einer Stimme versieht, die zugleich verletzlich und standhaft klingt. Ihre Erzählweise erzeugt eine beinahe intime Nähe, als säße man selbst mit Lale am Tisch, eine Tasse Kaffee zwischen den Händen, und lauschte ihren Erinnerungen.
. Lale ist ein vernachlässigtes Kind, das früh lernt, auf sich allein gestellt zu sein, und dennoch unbeirrt nach Licht sucht. Was uns als Leserinnen und Lesern erschreckend klar erscheint, bleibt ihr selbst lange verborgen…die Abgründe ihrer eigenen Kindheit. Und doch wird sie zur stillen Heldin ihres Lebens, die nicht aufgibt, die Strategien des Überlebens entwickelt und sich auf einer rastlosen Suche nach sich selbst immer wieder in fremden Identitäten verliert.
. Die erzählte Wirklichkeit wirkt beklemmend realistisch und ist es wohl auch für viel zu viele Kinder. Wo Fürsorge fehlt, öffnen sich Räume, in denen alles ins Wanken gerät. Diese Dynamik beschreibt Tollkien eindringlich, emotional und ohne Beschönigung. Sie legt schonungslos offen, was geschieht, wenn ein von patriarchalen Strukturen geprägtes System versagt, wenn weggesehen wird bei Sucht, Missbrauch und Vernachlässigung.
. Lales Vergangenheit durchzieht ihre Gegenwart wie ein unsichtbares Gewebe und wird unweigerlich auch ihre Zukunft formen. Tollkien zwingt uns, hinzusehen, auszuhalten, nicht wegzublicken. Es ist eine unangenehme, aber notwendige Erfahrung.
. Gerade darin liegt die Stärke dieses Romans! Er ist ein schonungsloses Zeugnis einer zerstörten Kindheit und Jugend, ein Leben im Ausnahmezustand, das zugleich verstörend, beklemmend und von einer stillen, poetischen Kraft durchzogen ist.
. Eine eindringliche Lese- und mehr noch – Hörempfehlung.
Profile Image for Toni.
150 reviews
Review of advance copy received from Netgalley
March 12, 2026
Danke an NetGalley und Aufbau für das Exemplar des Romans.

“Mit beiden Händen den Himmel stützen” ist eine Nacherzählung von Lales Kindheit im Westberlin der 1980er Jahre. Lale erzählt vom Aufwachsen in ungünstigen Verhältnissen und darüber, wie sie traumatische Erlebnisse navigierte und überlebte, und wie diese sie nachhaltig geprägt haben, indem sie ihr ganzes Erwachsenenalter, ihre Beziehungen und ihr Blick auf das Leben, beeinflussen.

Ich fand den Klappentext und das Cover des Buches sehr interessant, was auch im Endeffekt der Grund war, warum ich diesen Roman bei NetGalley angefragt habe. Die Geschichte von Lale schien wie etwas, das ich gerne Lesen würde, was am Ende leider nicht ganz so war.
Die Charaktere sind sehr gut aufgebaut, man fühlt komplett mit Lale mit und das führt dazu, dass man vollends investiert ist. Die Themen des Buches sind sehr schwer, deshalb sollte man definitiv Trigger Wahrnungen angucken bevor man das Buch anfängt.
Mein Problem mit dem Buch beginnt darin, dass die einzelnen Erzählungen nicht chronologisch aufgebaut sind, an manchen Stellen fehlte mir Kontext und, dadurch das eben auch keine zeitliche Einordnung geschieht, werden eingeschobene Erlebnisse von später in ihrem Leben extrem verwirrend. Das nimmt einen aus dem Lesefluss und egal wie gut die Geschichte geschrieben ist, der Fokus wird darauf gelenkt. Ich kann nicht beurteilen, wie sehr mir der Schreibstil gefällt, wenn ich nicht sein volles Potenzial vermittelt kriege und deshalb wäre für mich an diesem Punkt wichtig, dass Probeleser und der Verlag dies in ihrem Feedback mit ansprechen. Wenn es stilistisch so gewollt war, dann bin ich wahrscheinlich einfach kein Fan von Tollkiens Schreibstil.
Für mich persönlich ist es außerdem sehr fragwürdig, über die Themen zu reden, die eben angesprochen wurden, aber keinerlei Reflektion über die Geschehnisse zu bieten. Lale nimmt das was passiert einfach hin und sieht es auch nicht mal ansatzweise als kritisch oder komisch.
Ich bin offensichtlich nicht das Publikum für dieses Buch, leider kann ich mir aber auch nicht wirklich vorstellen, welche Personengruppe das tatsächlich sein würde. Ich hoffe einfach für die nächsten Leser, dass sie Spaß am Buch finden und das diese Rezension hilfreich für die Eindrücke anderer ist.
12 reviews
April 6, 2026
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist der Name einer der acht Brokate, sozusagen Bewegungen, einer Qi Gong Übung, die eine Standardtherapieform in vielen Trauma- oder Stresserkrankungskliniken ist. Dort finden wir Lale gegen Ende des Buchs auch, als sie versucht zu verstehen, was mit ihr nicht stimmt.
Gleichzeitig gibt uns der Name dieser Bewegung ein sehr treffendes Bild für Lales Leben, die ihr ganzes Leben versucht, den Himmel vom Einstürzen und sich selbst vor dem Tod zu bewahren, während sich traumatische Erfahrungen aneinanderreihen.

Ihre Geschichte erzählt vom Aufwachsen in einem Umfeld von Sucht, Gewalt, Vernachlässigung und Armut. Lale wird als Tochter einer drogensüchtigen Mutter geboren und wächst nach postnatalen Entzug in einer Männer-WG auf, in der sie unter dem Deckmantel der freien Liebe und anti-autoritären Strukturen schon früh mit sexualisierter Gewalt in Berührung kommt. Die Männer hängen sozialistischen Idealen nach und fliegen zur Solidarisierung mit der Revolution der Sardinisten in Nicaragua gar nach Südamerika, um sich als Kämpfer zu brüsten. Doch auch dort erfährt Lale nur Grenzüberschreitungen.

Ihre Suche nach Stabilität, Liebe und Anerkennung bleibt lange ertragslos. An verschiedenen Nebenfiguren wird sichtbar, wie glücklich sie sein kann, nicht selbst am Kotti zu stehen, dem Drogen-Hotspot in Berlin. Bezugspersonen, Freunde und Liebespartner kommen und gehen. Wenig bleibt.

Der Roman hat durch die steten Vorausdeutungen auf Lales zukünftiges Leben eine grosse Zugkraft. Man will wissen, wie die traumatisierte Lale zu dieser weisen und umsorgten Lale wird, von der wir nur immer in kurzen Ausschnitten erfahren.

Die Sprache ist bildhaft und als Stimme der kleinen, naiven und unwissenden Lale sehr schmerzvoll. Sie wird mit dem Älterwerden der Protagonistin sehnsüchtig und oft auf die Auswirkungen auf Lales Zukunft ausgerichtet. Das kann mit der Zeit zu pathetisch wirken, da diese sich wiederholenden Satzstrukturen im Futur 1 zu häufig vorkommen für lyrische Formen.

Es ist eine Geschichte, die einfährt.
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