A history of major worldwide population movements, free and forced, from about 1500 to the early-20th century. It explores the shifting levels of freedom under which migrants travelled and compares the experiences of migrants (and their descendants) who arrived under different labour regimes.
David Eltis is an Emeritus Professor of History at Emory University, Atlanta and a Research Associate at the Hutchins Center, Harvard University, Massachusetts and at the University of British Columbia. His publications include Atlas of the Transatlantic Slave Trade (with David Richardson, 2010), The Rise of African Slavery in the Americas (1999), and Economic Growth and the Ending of the Transatlantic Slave Trade (1989).
Diese Rezension widmet sich dem Sammelband „Coerced and Free Migration: Global Perspectives“ (2002), herausgegeben von David Eltis, der eine der ersten umfassenden vergleichenden Analysen erzwungener und freiwilliger Migrationsströme in der modernen Geschichte bietet. Ziel des Bandes ist es, die bislang getrennt erzählten Geschichten von Zwangs- und Freiwilligenmigration – von Sklaverei und Sträflingstransport bis zu europäischer Auswanderung und asiatischer Kontraktarbeit – in einen gemeinsamen analytischen Rahmen zu stellen, um die globalen Muster und langfristigen Folgen menschlicher Mobilität besser zu verstehen.
1. Zentraler Ansatz und methodische Stärken
Die Verfasser argumentieren überzeugend, dass kulturelle Werte, Identitätskonzepte und die Definition des "Anderen" ebenso zentral waren wie ökonomische Impulse bei der Gestaltung der Migration. Diese „Konstruktionen des Anderen“ bestimmten, unter welchem Migrationsregime eine Person reiste und welche Behandlung ihr zukam.
Stärken der vergleichenden Perspektive:
• Demografie und Physiologie:
Der Band liefert faszinierende Parallelen in den demografischen und physischen Erfahrungen der Migranten. So erreichten die Nachkommen sowohl freier als auch erzwungener Migranten in Nordamerika ähnliche vitale Raten und Ernährungsstandards, die oft besser waren als jene der Bevölkerung in ihren Herkunftsländern.
<• Epidemiologie:/b>
Die Analyse der „Umsiedlungskosten“ (relocation costs) in Form erhöhter Morbidität und Mortalität durch Krankheiten verdeutlicht, dass diese Kosten extrem variabel waren und stark vom Zielort abhingen (z. B. niedrig in Kanada, extrem hoch in Französisch-Guayana oder Westafrika). Dies liefert eine wichtige statistische Grundlage für das Verständnis der Risiken und Härten transozeanischer Bewegungen.
• Ökonomische Effizienz vs. Moral:
Ein kritischer und provokanter Befund ist die Feststellung, dass Zwangsarbeit, insbesondere die Sklaverei, das größte Potenzial zur Steigerung der Produktion hatte. Damit geriet der Wert der Freiheit in direkten Konflikt mit dem Ziel der Maximierung wirtschaftlicher Leistung in den Aufnahmegebieten.
2. Differenzierung der Migrationsregime und deren Auswirkungen
Der Band beleuchtet die komplexen Unterschiede zwischen den Migrationsregimen:
• Sklaverei:
Der atlantische Sklavenhandel wird als die bedeutendste moderne Zwangsmigration und als besonders folgenreich hervorgehoben. Die Entscheidung der meisten Europäer, Regionen mit harten Bedingungen (wie Zuckeranbau oder Edelmetallgewinnung) zu meiden, führte dazu, dass immer mehr afrikanische Sklaven in diese schlimmsten Bedingungen gezwungen wurden, wodurch sie weit schlechter abschnitten als freie Europäer oder Kontraktarbeiter. Die Zwangsmigration legte die Basis für rassisch definierte Identitäten und tief sitzenden Hass.
• Sträflinge (Convicts):
Die Deportation (z. B. nach Australien und Amerika) war primär ein Versuch, Kriminelle dauerhaft aus der metropolitanen Gesellschaft zu entfernen. Die Sträflinge in Australien, die ersten europäischen Siedler, konnten jedoch bemerkenswert schnell wohlhabend und angesehen werden.
• Freiwillige und Kontraktmigration (Asien/Europa):
Die Massenmigration (wie deutsche und irische Siedler im 18. Jahrhundert) war oft selbsterzeugend und hing stark von informellen Bindungen, Verwandtschaftsnetzwerken und erfolgreicher Kommunikation (z. B. durch Briefe) ab. Für Kontraktarbeiter aus Asien bot die Auswanderung eine erhebliche Steigerung der Wahlfreiheit im Vergleich zu den sozialen Beschränkungen der Heimat. Obwohl diese Arbeiter strengen Bedingungen und oft Missbrauch ausgesetzt waren, was an Sklaverei erinnerte, besaßen sie im Gegensatz zu Sklaven die Freiheit, Verträge zu erneuern, Arbeitgeber zu wechseln oder repatriiert zu werden.
3. Kritische Aspekte und Ambivalenzen
Die Quellen legen selbst einige kritische Punkte offen, die die Komplexität der Forschung verdeutlichen:
• Definition von Freiheit und Zwang:
Die Grenze zwischen „frei“ und „unfrei“ wird als nicht selbstverständlich oder natürlich, sondern als historisch verschiebbare rechtliche und kulturelle Konvention betrachtet. Die Unterscheidung ist besonders schwierig bei der asiatischen und afrikanischen Kontraktarbeit, die von modernen Historikern oft als „kaum verhüllte Sklaverei“ angesehen wird. Die französische Praxis, rekrutierte Afrikaner als „befreite Sklaven“ zu kennzeichnen, wurde von britischer Seite scharf kritisiert, da sie faktisch die Beschaffung von Sklaven in Afrika förderte.
• Psychologische Folgen und Identität:
Die Analyse der Identitätsveränderung zeigt die ambivalente Rolle der Migration. Obwohl einige Migranten in neuen kollektiven Identitäten (etwa religiösen Gemeinschaften) ein Zuhause fanden, war die Schaffung neuer Identitäten in Amerika oft von der Ablehnung und dem Hass auf einen „feindlichen Anderen“ (alien other) abhängig. Schwarze (für Weiße), Männer (für Frauen) oder Iren (für andere Gruppen) dienten als negative Modelle („projection of the not-me“) zur Selbstdefinition als „Amerikaner“.
• Datenqualität und Abdeckung:
Der Band weist selbst auf Lücken hin: Die Daten zu Migrationsströmen nach Amerika sind besser dokumentiert als jene über Land nach Osten (z. B. Russland, Ukraine). Auch bei den epidemiologischen Daten bestehen Defizite, insbesondere für nicht-europäische Migranten.
Fazit
Das Werk Coerced and Free Migration: Global Perspectives leistet einen entscheidenden Beitrag zur Migrationsgeschichte, indem es das Forschungsfeld durch eine radikal komparative und globale Perspektive neu ordnet. Es zeigt, dass Migration nicht nur zu einer Neudefinition des Selbst in den Ankunftsgebieten führte (häufig unterstützt durch religiöse Überzeugungen oder den „achievement-oriented individualism“), sondern auch, dass die Art der Migration – erzwungen oder frei – die Grundlage für die dauerhafte Strukturierung von Gesellschaften entlang rassistischer oder ethnischer Linien legte. Damit liefert der Band nicht nur eine globale Typologie der Migration, sondern auch ein methodisches Modell für die Integration kultureller und ökonomischer Ansätze – ein Anspruch, dem viele Migrationsstudien bis heute kaum gerecht werden. Ein Thema also, das nicht nur in den Archiven der Globalgeschichte, sondern auch in den Fluren des deutschen Innenministeriums gelegentlich aufmerksamer gelesen werden dürfte – vor allem dort, wo „Migrationssteuerung“ zunehmend mit Abschottung verwechselt und historische Erfahrung allzu gern durch sicherheitspolitische Kurzsichtigkeit ersetzt wird.