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Die Lebensentscheidung

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Frustriert von den Mühlen der Bürokratie trifft Franz Fiala eine »Lebensentscheidung« und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt, misslingt. Dann treten plötzlich wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu »Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.«

Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger als erwartbar wäre? Mit existentieller Wucht und dennoch leichtfüßig erzählt Robert Menasse in Die Lebensentscheidung von einem Wettlauf gegen den Tod. Leben und Sterben, Liebe und Familie, darum geht es in dieser raffiniert-kunstfertigen Novelle.

158 pages, Hardcover

First published February 18, 2026

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About the author

Robert Menasse

38 books145 followers
Robert Menasse is an Austrian writer and essayist. His work has received various awards, including the European Book Prize and the prestigious German Book Prize.

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Displaying 1 - 16 of 16 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
528 reviews553 followers
March 29, 2026
Unklare Maßverhältnisse eines liebend-lügenden idealistischen Kleinbürgers.

Inhalt: 5/5 Sterne (EU-Sterbemetapher)
Form: 3/5 Sterne (spröde)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (personal-inkonsequent)
Komposition: 4/5 Sterne (Unschärferelationen)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (ästhetisch-polyvalent)
--> 19/5 = 3,8 = 4 Sterne


Robert Menasse steht für einen selbsterteilten intellektuellen Anspruch, veröffentlicht er doch Bücher wie Das Land ohne Eigenschaften und Phänomenologie der Entgeisterung, und so nimmt es kaum Wunder, dass er sich immer wieder in politische Themen, insbesondere rundum die Europäische Union, verfängt und diese auch in seinen Romanen verarbeitet wie in Die Hauptstadt und Die Erweiterung. Seine Novelle Die Lebensentscheidung startet insofern ganz gemäß in Brüssel, bei einem Mitglied der Europäischen Union, das aber seine Tätigkeit satt hat:

Franz Fiala war nur ein kleines Rädchen, aber eben doch ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte. Und er fühlte sich betrogen. Er hatte genug. Es war sinnlos. Man konnte nicht für das Bessere arbeiten, wenn es für mächtige Interessensverbände besser war, mit Gift und Tod Profit zu machen.

Der Politiker packt die Koffer, geht mit 58 Jahren in den Vorruhestand und zieht zurück nach Wien, wo er sich um seine 89 Jahre alte Mutter kümmern will. Er steht zwischen drei Frauen: seiner Mutter, die namenlos bleibt, Felicitas, einer Freundin aus der Universitätszeit, und Nathalie, seiner Beziehung in Brüssel, die aus einer Art EU-Adel stammt. Franz Fiala, so der Name des Bübchens, spielt das Schweinchen in der Mitte und hetzt wie ein verlorener Köter von einem Stöckchen zum nächsten, das sich die drei Frauen grinsend gegenseitig zuwerfen.

Sie saßen im Wohnzimmer, ich muss nach Hause, dachte Franz, ich bin zu Hause, dachte er, wo ich mich nie zu Hause gefühlt habe, aber jetzt will ich nach Hause, wo ich mich nicht zu Hause fühle, nach Hause! Murmelte er. Mit aller Kraft versuchte er, seinen Zustand zu überspielen, es gelang ihm, dachte er, es gelang ihm minutenlang, da wurde ihm rot und schwarz vor Augen, und er brach zusammen, rutschte vom Sofa und lag vor dem Thron seiner Mutter.

Erstaunlicherweise gelingt es Menasse in Die Lebensentscheidung, eindeutige Sinnansprüche und Deutungshorizonte zu vermeiden. Seine Figur erscheint schwach, aber nicht unsympathisch, die Frauen willensstark, aber nicht empathielos. Sie treiben alle einem Abgrund entgegen, gepflastert von den sprichwörtlich wohlgemeinten Worten und Taten, ohne dass sie der Katastrophe Einhalt zu gebieten vermögen. Franz Fiala, sein körperlicher Zerfall, seine Unfähigkeit, ehrlich zu sein, und das Misstrauen, das zwischen ihm und den Frauen in seinem Leben besteht, abzubauen, steht symbolisch für die EU wie für den überforderten Menschen schlechthin, der sich Kräften ausgesetzt sieht, denen er keine Lebenswiderstand entgegenzustemmen hat. Er knickt ein, bricht zusammen.

Er trank zwei Flaschen Bier, aß dazu ein paar kalte Fritten, dann trank er noch ein Glas vom Pinot Grigio. Der Wein war grauenhaft. Keine Gefahr, dass er zu viel trank. Er saß da, rauchte, nippte und dachte, dass er nachdenken müsste. Das war alles, was er dachte.

Kurz gehalten, präzise erzählt, intensiv umgesetzt und ohne Schnörkel dargeboten, gewinnt Menasses Die Lebensentscheidung von Seite zu Seite mehr Zug und Überzeugungskraft und hinterlässt mehr Rätsel und Geheimnisse, also mehr Offenheit, als zu Beginn durch diverse Essays und andere Werke von Menasse zu befürchten gewesen ist. Das Buch erinnert an eine gelungene Version von Paul Austers Baumgartner und Eugène Ionescos Der Einzelgänger, in Ton und Stimmung sehr nahe an den paradigmatischen Roman für den verlorenen Mann aus Christoph Heins Der Tangospieler, ein individueller Abgesang, ein Offenbarungseid, aber ein stimmungsvoller.





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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Franz Fiala, 58 Jahre alt, Mitglied der Europäischen Kommission, Generaldiktion Umwelt, Naturkapital und Ökosystemgesellschaft, ledig, hat eine Liebesaffäre mit Nathalie, 52 Jahre, eine beste Freundin namens Felicitas, 56 Jahre alt, und eine verwitwete Mutter, die 89 Jahre alt ist und wie Felicitas in Wien lebt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: FF verliert die Freude an seinem Job in Brüssel und beschließt in den Vorruhestand zu gehen. Er fühlt sich in seinen Idealen verraten – Pragmatismus herrscht, den Nationalstaaten wird mehr Freiraum gewährt, um dem Rechtsradikalismus Einhalt zu gebieten. Zudem verschlechtert sich der Zustand seiner Mutter zunehmend. Um die Beziehung mit Nathalie nicht zu gefährden, schlägt er ihr vor zu heiraten. Neben den Lebensumständen plagen ihn noch Magenschmerzen. Er besucht seine Mutter zu ihrem Geburtstag, wo sie nochmals ihren Wunsch nach einem Enkelkind preisgibt. Das Einzige, das er seiner Mutter nicht problemlos schenken kann, nachdem er ihren Wunsch erfüllt und politische Karriere gemacht hat.
Er pendelt nun zwischen Brüssel und Wien, fühlt, wie seine Gesundheit nach und nach den Bach runtergeht. Dann stirbt sein Onkel Fritz, der Bruder von FFs verstorbenen Vater. FF kümmert sich um alles, da dessen Sohn Felix, FFs Cousin und des Mutters Neffe, lebensunfähig wirkt. Mehrere Treffen mit Nathalie platzen nach dem Heiratsangebot, auch aus Missverständnissen heraus entfremden sie sich voneinander. Die Freundschaft mit Felicitas wird wieder enger. Sie teilen Erinnerungen aus der Universitätszeit [der Anarcho-FF auf der Bühne von Marilyn Manson, und die schreckliche Szene mit dem Kotfresser].
Die Schmerzen im Bauch werden schlimmer. Er geht in Wien zu einem Arzt, der ein Pankreaskarzinom feststellt, mit düsterer Prognose. Um seine Mutter nicht zu schocken, verzichtet FF auf eine Chemotherapie. Er beschließt, seine Krankheit zu verheimlichen und für seine Mutter da zu sein und sie zu überleben, als letztes Geschenk, stellt ihr noch Felicitas vor als Freundin. Felix kümmert sich ebenfalls nach dem Tod seines Vaters um FFs Mutter. Auch nimmt er, vor der Mutter, den Beschluss zurück, mit der Arbeit in Brüssel aufzuhören, wiewohl er längst seine Wohnung in Brüssel aufgelöst hat. Nathalie und er treffen sich. Sie will nicht heiraten. FF erleichtert, verheimlicht daraufhin auch ihr seine Krankheit. Sein Zustand verschlechtert sich. Es wird eine Operation nach Whipple durchgeführt, bei der ein massive Entfernung der inneren Organe durchgeführt wird (Pankreatikoduodenektomie).
Er muss zu einer Notoperation, bleibt mehrere Wochen im Krankenhaus, gaukelt eine Geschäftsreise mit der EU-Präsidentin vor und selbst eine Schwangerschaft seiner Freundin Felicitas, die daraufhin meint, dass die Mutter sowieso bereits Bescheid wisse. Am Ende, als er seiner Mutter Honig bringt, bricht er bei ihr vor Erschöpfung im Todeskrampf zusammen. Seine Mutter wusste Bescheid, hatte alles im Krankenhaus von seiner Operation in Erfahrung gebracht. Sie verwendet mehrere Insulinspritzen, um ihren Sohn von seinen Schmerzen zu erlösen.
●Kurzfassung: Franz Fiala verliert den Glauben an die EU, aber auch seine Gesundheit, vermag es wegen eines Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht mehr für seine Mutter da zu sein, versucht ihr Gesundheit vorzugaukeln, bricht aber zusammen und muss erkennen, dass sie es am Ende ist, die ihm hilft und Sterbehilfe leistet.
●Charaktere: (rund/flach) für eine kurz angelegte Erzählung angemessen konturiert
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die Kotfresser-Szene wirkt gewollt, auch die Umarmungsszene mit der Amnesty-Aktivistin
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Kotfresser-Szene, das Tanzen beim Marilyn Manson-Konzert
●Diskurs: EU-Müdigkeit, Rechtsradikalismus, Bürokratentristesse
… erinnert an Tolstois „Ivan Iljitsch“, ausgedehntes Sterben, Fokus auf dem körperlichen Zerfall, auch an Paul Austers „Baumgartner“, aber auch an Heins Tristesse in „Der Tangospieler“ und Eugène Ionescus „Der Einzelgänger“. Die Sterbeszene, nur diese, wiederum an John Williams „Stoner“, der ebenfalls ein unfreies Leben innerhalb einer ihn nicht schätzenden Institution fristete.
… das kurze Buch besitzt einen enggeführten Plot, der keine Umwege geht. Als Krise lässt er sich auf mehrere Weisen lesen: als Beschreibung der Verlogenheit und Feigheit des EU-Bürokraten, der zu schwach für die Verwirklichung seiner Ideale scheint, als körperlich gebrechlich; als Symbol für die EU selbst, Franz Fiala, der von innen ausgehöhlt wird, um noch ein paar Monate länger zu leben, und das Unvermeidbare nur etwas länger herausgeschoben wird; aber auch als Muttersöhnchen, der zu einem Aufstieg gezwungen wurden, dem er sich nicht gewachsen zeigt, Instrument der Karriere, die der Mutter verwehrt geblieben ist; aber auch als Metapher des Politikadels, denn die arbeitende Bevölkerung erscheint nur als Störenfried für das Umsetzen der Ideale. Die Krise zieht sich also von allen Seiten zur Katastrophe zusammen: die Institution gewährt keine Spielräume, das Individuum zeigt sich als verlogen und schwach. Im Hintergrund schwebt die Mutter, die Ehemann und Sohn überlebt, sparsam haushaltet und Sterbehilfe leisten muss.
… was will Robert Menasse damit sagen? Textlich fällt der Verlust des Glaubens damit zusammen, dass seine Krankheit ausbricht, d.h. der Verlust des Ideals geht einher mit physischen Verfall, parallelisiert wird der Tod von FF mit dem Tod des EU-Skeptiker-Onkels Fritz, die beiden Extreme löschen sich aus. Es bleibt eine unentschiedene Mitte, Felix, als nächste Generation, der sich aus allem raushält. Interessant wird das Buch dadurch, dass es eine klare Allegorie unterbindet und unterwandert. Es bleibt unklar, ob er aus Charakterschwäche, Krankheit oder Unfähigkeit lügt. Er will niemandem etwas Böses, im Gegenteil. Er will seiner Mutter helfen, vermochte aber keine Partnerin zu finden, die ihr gefiel, sodass sie sogar ihre eigene Schuld an dem Ganzen in Betracht zieht. Seine Mutter bedeutet ihm viel, aber am Ende bricht er zusammen. Er vermochte seine Aufgabe, die sie ihm aufgebürdet hat, nicht vollends zu meistern. Ihr großer Anderer zertrümmerte seinen Charakter. Das Ganze wirkt aber nicht tragisch. Es herrscht einfach keine Notwendigkeit in der Erzählung. Es wirkt aber auch nicht komisch. Leichtigkeit gibt es ebenfalls nicht. Es wirkt wirr und beliebig, und dieses Grau in Grau erzeugt den Eindruck einer Selbstabwicklung des europäischen Ideals: die materiellen Lebensverhältnisse, die Physis wurden zu lange ignoriert, der Raubbau am Fundament (FFs Saufen und Rauchen und Fressen). Die Metapher hierfür: wie Nathalie, der EU-Adel, die Dorade skelettiert. Sie entzieht dem Fisch wie FF das Rückgrat, sie entzieht der Politik die materielle Basis. Menasse, im Gegensatz zu Zeh, kennt oder will keine Antwort auf die Problematik kennen, aber er arbeitet die Krise als Situation klar heraus.
--> 5 Sterne


Form:
●Eindruck: gefällig, unauffällig, an den richtigen Stellen immersiv, intensiv, ansonsten klar gestrickt, eher funktional, bauhausartig, ohne die Sprache als Vehikel allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch den Plot, das Erzählerische, klar fiktional
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
--> 3 Sterne


Erzählstimme:
●Eindruck: problematischer Wechsel zwischen personalen und interpersonalen Erzählen, hierdurch keine wirkliche Entscheidung. Dominant die Perspektive von FF. Andere Perspektiven, wie die von Felicitas oder Nathalie oder der Mutter wären nicht nötig gewesen. Der nur an wenigen Stellen auftretende Erzähler erscheint kompositorisch unschlüssig. „Zunächst aber buchte er einen Wochenendflug nach Wien, wegen des neunundachtzigsten Geburtstags seiner Mutter. Er wusste natürlich nicht, dass nach diesem Heimatbesuch der Begriff »Lebensentscheidung« eine ganz andere Bedeutung bekommen würde.“  sehr schlecht
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): auktorialer, hinter der Erzählung sich versteckender, hier und da durch die Beschreibung hindurch Zeitgeist kommentierende Erzähler, etwas feige, etwas manipulativ
●Erzählverhalten, -stil, -weise: kommentierend, aber meist durch eine Figur hindurch
●Einschätzung: nicht die Stärke des Buches, da aber überwiegend doch personal erzählt, unärgerlich, die Unschärfe wäre deutlicher aus dem strikt personalen Erzählen herausgekommen, der Überforderung des Muttersöhnchens
--> 3 Sterne


Komposition:
●Eindruck: da der Inhalt so überwiegt, und die Erzählstimme eher unschlüssig und die Sprache unauffällig sind, der Inhalt aber austariert und überzeugend in der Wirrnis bleibt, liest sich das Buch überzeugend und klar
●Signal/Noise-Ratio: sehr hohe Signalrate, fast keine Abschweifungen
●Operative Geschlossenheit: ja, durch die Problematik, Lügen-Nichtlügen für das Wohl des Gegenübers
●Rahmenstabilisierende Details: ja, durch den Fokus der Figuren Mutter-Felicitas-Franz-Nathalie.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr geradeheraus erzählt
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: nur die Kotfresser-Szene, völlig hineinmontiert
●Reliefbildung: ja, durch die Krise der Krankheit, der physische Zerfall, die Dramatik
--> 4 Sterne


Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: zuerst langweilig, eher trist, die Figur bleibt als unfähig im Hintergrund, erweist sich aber nach und nach als treuer Freund, liebender Sohn und erhält dadurch Kontur, und eine gewisse Melodramatik. Das Ende, die Sterbehilfe leistende Mutter, überzeugt. Der Kurzroman erhält etwas Geschlossenes, und in seiner Geschlossenheit etwas dynamisch Unentschiedenes in Bezug auf Brüssel-Wien, auf die Rolle des Politikers, über das Lügen und Nicht-Lügen. Tatsächlich in seiner Mehrdeutigkeit ästhetisch wirksam.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr fiktional trotz EU-Themen
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, überaus glaubwürdig, Figur von FF sehr lebendig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, ästhetisch gelungen, aber nicht schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) durch die sich selbst unterwandernde Symbolik ja.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, als Text bleibt er aber zu spröde, zu sprachlich langweilig, konservativ, wenig intensiv, trotz des Frustes der Figur, zu wenig Elan.
--> 4 Sterne

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Profile Image for Michael Madel.
601 reviews13 followers
March 21, 2026
Sprachlich virtuose und überzeugende Novelle über ein kompliziertes Mutter-Sohn-Verhältnis eines todkranken EU-Beamten. Aus der Kombination Krankheit, Europa und Familienbande entwickelt Robert Menasse eine berührende Erzählung, die zeigt, dass angesichts des Todes alles nichts ist.
Profile Image for Billy.
91 reviews12 followers
May 30, 2026
Straßenseitig hatte das Lokal eine große Milchglasscheibe. Franz rauchte, trank und beobachtete die grauen Schatten und Konturen der Passanten, die draußen vorbeigingen. Sie hatten alle ein Ziel, irgendeinen Grund, hier vorbeizugehen. Franz Fiala beneidete diese Schattenleben. (S.54)

Robert Menasse erzählt die Geschichte eines todkranken EU-Beamten, der nach außen noch immer funktioniert, während sein Leben längst zu zerfallen beginnt. Franz Fiala ist dabei eine bemerkenswerte Figur. Schwach, oft feige, voller Ausweichbewegungen und gerade deshalb menschlich. Menasse macht es sich angenehm schwer mit ihm.

Wie ihr die Oper gefallen habe? Sehr interessant, sagte die. Ich bin - und sie machte dirigierende Handbewegungen, Ich bin - dann sagte sie nichts mehr, und Franz dachte, dass ee für sie wohl nichts Größeres zu sagen gab als: Ich bin. Noch
Noch einmal froh.
(S.36)

Fialas körperlicher Verfall lässt sich als Bild für Europa lesen, für Institutionen, die von innen ausgehöhlt werden und ihr Ende lediglich verwalten. Doch Menasse ist klug genug, diese Symbolik nicht zu überdehnen. Der Roman funktioniert auch ohne sie.

Besonders gelungen ist die Präzision, mit der erzählt wird. Keine Umwege, keine großen Gesten, keine künstliche Sentimentalität. Stattdessen wächst die Beklemmung Seite für Seite. Man spürt, wie sich die Möglichkeiten verengen, wie Gespräche misslingen, wie Wahrheiten zu lange hinausgeschoben werden.

Je näher das Ende rückt, desto kleiner wird der Radius dieses Lebens, bis schließlich nur noch die Beziehung übrig bleibt, an der es sich von Anfang an abgearbeitet hat. Darin liegt die stille Tragik dieser Novelle.
Profile Image for Seli.
20 reviews
May 12, 2026
Naja, hatte mir mehr erhofft aufgrund der Rezensionen. Ausdrücke wie Dr.Google oder das eingestreute EU-Thema waren für mich schwammig und weniger literarisch. spannender wäre es, wenn die Lügen ggü der Mutter weiter ausgearbeitet worden wären. So bleibt es leider enttäuschend.
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Johanna Berger.
151 reviews6 followers
May 15, 2026
Ein lustiges Buch ist das nicht, auch wenn man schon manchmal lächeln muss. Es geht um die Liebe und den Tod, klassisch und als Novelle – also mit einem besonderen Ereignis im Mittelpunkt: „denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ (Goethe).
Franz Fiala, der Protagonist in Robert Menasses Buch, trifft am 26.2.24 eine Entscheidung. Lang hat er mit sich gerungen. Nach vielen politischen Enttäuschungen beendet er seinen Dienst als Beamter der Europäischen Kommission in Brüssel vorzeitig. Der Nationalismus und die Erpressbarkeit der Kommission haben ihm schwer zu schaffen gemacht. Und der Fortschritt hin zu einem klimafreundlichen und gerechten vereinten Europa scheint ihm ferner denn je. In dieser Institution will er nicht mehr weiter nach oben, von der Arbeitszelle mit zwei Fenstern nicht mehr zu einer mit drei. Doch das ist noch nicht die Lebensentscheidung, die dem Buch den Titel gibt.
Franz Fiala bekommt Krebs und trifft eine weitere Entscheidung, die dann wirklich zu einer Lebensentscheidung wird. So ganz nüchtern und vernünftig, wie der Jurist sich gibt, läuft das aber nicht ab. Er geht zurück in seine Heimatstadt Wien, in die Nähe der hochbetagten Mutter, deren einziger Sohn er ist. In diversen Rückblicken auf seine Kindheit und Jugend erfährt man mehr von der symbiotischen Beziehung, der Liebe, die die beiden empfinden. Von der Mutter, die immer aus ihrer kleinbürgerlichen Welt ausbrechen will und ihren Heine, ihren Schiller und die Droste auswendig kennt. Die sich nicht zu schade ist, dem Direktor des angesehensten Gymnasiums in Wien mitzuteilen, dass er einen ungeheuren Fehler begeht, wenn er ihren Sohn nicht auf die Schule gehen lässt. Das hat sie seiner Freundin Feli bei einem Besuch erzählt:

„Hören Sie zu, Herr Direktor! Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sie werden später einmal keine Gedenktafel draußen anbringen können, auf der steht, dass Franz Fiala diese Schule besucht hat! […] Ich hätte gern jemand gehabt, sagte Feli, der so bedingungslos zu mir gestanden hätte. Ja, sagte Franz, heute, rückblickend, ja, sie war großartig.“

Menasse erzählt lakonisch, lässt seinen Franz mal bitter, mal ironisch und mal traurig und liebevoll werden. Dass das Buch nicht in Trauer abstürzt, dafür sorgt der Autor mit seinem trockenen Humor. Als der verabscheute Onkel stirbt, weiß Franz nicht, was er dem Trauerredner sagen soll:

„Was sollte er sagen? Welche Ressentiments Fritz gehabt hatte und welche Vorurteile? Und welche herrische Anwandlungen von Besserwisserei? Sollte er sagen, dass Fritz Kaiserschmarrn geliebt hatte?“

Eine sehr schöne Novelle! Auf der Bahnfahrt nach Wien begonnen, auf der Rückfahrt beendet. In Franz Fialas Stammcafé „Café Engländer“ keinen Veltliner von Waldschütz (Franz‘ bevorzugtes Getränk) getrunken, nur ein Soda Zitron. War auch gut.
18 reviews
May 12, 2026
Franz ist Österreicher, Beamter bei der EU und arbeitet seit über 30 Jahren in Brüssel in der Abteilung für Landwirtschaft und Umwelt. Doch inzwischen ist er müde und frustriert von der Politik. Er entscheidet sich, frühzeitig in Rente zu gehen. Seine fast 90-jährige Mutter lebt allein in Wien, aber er möchte nicht ganz nach Wien zurückziehen, wo er kaum noch Bezugspersonen hat.

Deshalb macht er seiner Freundin, die ebenfalls für die EU arbeitet, einen Heiratsantrag, damit er weiterhin in Brüssel leben und seine Mutter nur gelegentlich besuchen kann.

Er ist ein Einzelkind und stand seiner Mutter immer nahe. Sie glaubte von Anfang an an sein Talent und seine Fähigkeiten und hat ihm viel vorgelesen, als er noch klein war. Die Mutter ist unheimlich stolz auf seine Karriere, weil weder sie noch ihr Mann selbst die Möglichkeit auf Bildung hatten. Deshalb reagiert sie mit Unverständnis auf seine Entscheidung, früh in Rente zu gehen.

Doch während eines Besuchs in Wien bekommt Franz so starke Bauchschmerzen, dass er sie nicht länger ignorieren kann. Die Diagnose lautet Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihm wird klar, dass er bald sterben wird. Dennoch will er nicht, dass seine Mutter von seiner Krankheit erfährt oder seinen unvermeidlichen Tod miterleben muss. Er muss seine Mutter unbedingt überleben.

„Was konnte es für sie, was konnte es für eine Mutter Schlimmeres, Entsetzlicheres geben, als den eigenen Sohn zu überleben? Er musste alles tun, um seine Mutter zu überleben. Wie lange auch immer, er musste durchhalten. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit verheimlichen. Wenn er ihr schon keine Enkel schenken konnte, dann musste er ihr jetzt die Katastrophe ersparen, ihn sterben zu sehen, am Ende ihres Lebens den größtmöglichen Lebensschmerz zu erfahren.“

Ob sich sein Wunsch erfüllt, möchte ich euch nicht verraten. Allerdings ist das Buch sehr gut, auch wenn deprimierend, geschrieben. Durch den Protagonisten stellt der Autor der Leserschaft viele Fragen: Was ist ein gutes beziehungsweise gelungenes Leben? Was bedeutet Liebe? Und ab wann beginnt man, die Wahrheit zu verschweigen?
Profile Image for Ernst Hafen.
58 reviews7 followers
February 20, 2026
Robert Menasse ist, oder war ein EU Enthusiast, der in seinen beiden Romanen Die Hauptstadt und Die Erweiterung einen kritischen Blick auf die inner workings der EU Kommission geworfen hat. Der neuste Roman, oder besser Novelle, ist ein fesselnder, zu tiefst bedrückender Einblick in das Leben eines österreichischen EU Beamten, der 25 Jahre seines Lebens der Idee der EU und der Kommission gewidmet hat. Mit 58 kündigt er desillusioniert seinen Job um sich um seine rasch alternde Mutter zu pflegen. Das Schicksal spielt ihm nochmals mit. Paul Jandls Rezension verweist auf den literarischen Bezug zu Karl Fialas Namensvetter in Franz Werfels Novelle Der Tod eine Kleinbürgers (https://www.nzz.ch/feuilleton/letzter...). Mich wundert, wie weit der Tod von Franz Fiala auch Parallelen zum Niedergang des EU Gedankens und der EU Kommission hat. Wie das Leben von Franz Fiala nur Sinn in Bezug auf die Familie - seine Mutter - und seine Beziehungen ergibt, sollte die Idee EU nicht nur von den Kommissionsmitgliedern, sondern von den Menschen in dein einzelnen Ländern getragen werden. Leider wollen diese immer mehr nur weniger Vorschriften (z.B. für die Reinheit des Honigs) und kümmern sich nicht um die heute so wichtige Solidarität. Bauern fahren lieber mit Traktoren und Mist nach Brüssel um ihre Interessen durchzusetzen. Die Welt nach dem Westen (Daniel Marwecki) hat leider schon lange begonnen.
Profile Image for Herwig Oberlerchner.
48 reviews
April 8, 2026
Robert Menasse

Die Lebensentscheidung

In Franz Fialas Leben gibt es keine Höhen und Tiefen mehr, es geht nur mehr steil bergab. Er verliert die Freude an seiner Arbeit und kann sich mit seinem Arbeitgeber – der EU – und dessen wechselnden Zielen und Visionen nicht mehr identifizieren. Er plant Brüssel, jene Stadt, in der er vor Jahrzehnten mit so viel Enthusiasmus und voller Pläne angekommen ist, zu verlassen und riskiert damit auch die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin. Er möchte sich mehr um seine schon sehr betagte Mutter in Wien kümmern, den vorzeitigen Ruhestand genießen, doch dann stirbt ein Onkel und er erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Operation, Komplikation, Zweitoperation. Nur noch wenige Wochen, er kämpft um jeden Tag, um nicht vor der Mutter zu sterben. Und dann das Ende, so gut und dicht und berührend erzählt, dass man versteht, warum man dieses scheinbar so schmerzhaft-hoffnungslose Buch zuvor nicht schon weggelegt hat.
Profile Image for Sasha  Wolf.
572 reviews24 followers
May 12, 2026
Ich habe dieses Buch gewählt, weil es für meine eigene Situation relevant schien. Das war auch einigermaßen so, und die Handlung hat mein Interesse gut gehalten. Die Wendung zum Ende war anders, als ich beim Lesen vermutet hatte, passte aber gut. Leider fand ich aber die Hauptfigur ausgesprochen unsympathisch. Auch die Schreibweise hat mir nicht gefallen, da es zuviele unnötige Wiederholungen gab.
13 reviews
February 23, 2026
Ein wunderbares, berührendes Buch, das mit Humor und sprachlicher Finesse ein ernstes Thema behandelt. Bei mir war die Novelle ein „Pageturner“
Profile Image for Laura.
10 reviews
April 10, 2026
Ich liebe die EU-Insider-Referenzen und generell den Blick hinter die Kulissen der EU. Im Vergleich zu „Die Hauptstadt“ war dieses Buch allerdings sehr pessimistisch. Fast durchgehend eine eher schwere, düstere Stimmung. Für mich persönlich etwas zu viel.

Die Mutter-Sohn-Beziehung fand ich teilweise sehr toxisch und schwer zu lesen. Gleichzeitig hat mich genau dieser Teil aber auch zum Nachdenken gebracht, darüber, was am Ende im Leben eigentlich bleibt und wie sehr man sich aufgeben soll für den eigenen Job.

Easy read aber nicht uplifting.
Profile Image for Reta Caspar.
39 reviews
April 29, 2026
Wohltuend leichte und doch prägnante Erzählung einer Mutter-Sohn-Beziehung und deren Ende...
Profile Image for Caroline Klima.
50 reviews
May 29, 2026
Schwieriges Rating. Erzählweise meisterhaft, doch manche Beziehungen zu flach. Hätte 3,5 gegeben.
14 reviews
February 26, 2026
Dicht und eindringlich schreibt Robert Menasse über das Sterben und nimmt ihm vorbeigehen noch eine harsche Kritik an der Entwicklung, die die Europäischen Union in den letzten Jahren genommen hatte, mit.
Berührend und intelligent. Ein großartiges Buch!
Displaying 1 - 16 of 16 reviews