Habe versprochen, keine Review zu verfassen, denn es steht (fast) alles bei Semjon. Daran soll nicht gerüttelt werden, denn ich stimme ihm voll zu. ;-) Nur zwei Anmerkungen und eine Vermutung: An literarischen Anspielungen, die ich so beim kurzen Überblick über die Sekundärliteratur nicht fand, sind der "Mann ohne Eigenschaften" (Musil) und "Kater Murr" (Hoffmann) interessant. In der Tat hat Ulrich im MoE nicht "keine" Eigenschaften, sondern derer zu viele. Seine Motive sind also nicht ein(!)seitig ideologisch, sondern so widersprüchlich wie das Leben selbst. Musil karikiert geradezu diejenigen seiner Protagonisten, die glauben, etwas zu wissen, denn er führt deren Sich- im Kreise Drehen unerbittlich vor. Johnson karikiert Rohlfs, seinen Stasi-Mann, nicht. Er zeigt jedoch einen Menschen, dessen Versuch frühere Irrtümer als faschistischer Soldat "wieder gut zu machen" (und der mit Kriegsverletzungen dafür bezahlt hat) zunehmend mit seinem neuen Menschen- und Gesellschaftsbild aufgrund der zwanghaft aufrecht erhaltenen Linientreue kollidiert. Er hat das neue Weltbild eben nur übernommen und es sich nie selbst erarbeitet. Deswegen überzeugt es auch nicht. Anders ist das bei Jonas, dessen intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Freiheitsproblem im Sozialismus eine originäre und tief erfasste ist; sie gipfelt in dem Postulat, dass totale Freiheit das Ideal der Gleichheit und totale Gleichheit das der Freiheit unmöglich mache. (Wolfgang Harichs Auseinandersetzungen mit Ernst Bloch lassen grüßen!) Weil er dieses Paradoxon, das ihm Westen wie Osten gleichermaßen unannehmbar macht, nicht lösen kann, liefert er sich widerstandslos der Verhaftung durch Rohlfs aus, obwohl er doch hätte in den Westen gehen können. Jonas bleibt quasi im Osten (wenn auch im Knast), weil ihm die Idee der Gleichheit trotz allem besser gefällt, was man an der Affinität zum einfachen Leben Cresspahls und Jakobs sieht. Trotzdem ist er schon in Cresspahls Haus allein. Die Leute in der Versammlung hatten ihn nicht verstanden, sein Chef wollte das erst mal "ausgearbeitet" sehen und Cresspahl und Jacob beschäftigen sich zwar mit Jonas' Überlegungen, stehen ihnen aber hilflos gegenüber (Cresspahl gewiss, bei Jakob bin ich nicht ganz sicher). Dass Jonas mit den Menschen keine Übereinkunft erreichen kann, zeigt Johnson in seiner Hinwendung zur Katze des verstorbenen Pfarrers. Die beiden lernen miteinander umzugehen und einander zu verstehen. Hoffmanns "Unterhaltungen" mit seinem Kater lassen grüßen! - Davon ab noch ein Nachsatz zum Titel: "Mutmassung" kommt das erste Mal (soweit ich sehe) im Text im Zusammenhang mit sprachhistorischen Überlegungen zum Formwandel der englischen Sprache vor. Man kann darüber etwas wissen, aber entschieden ist die Diskussion nicht. Würde man eine rein sprachsoziologische Betrachtung (Klassenkampftheorie des M/L- Johnson erwähnt das in Jonas' Überlegungen) favorisieren, wäre das Problem mit Blick auf Wörter, deren Übernahme und Bedeutungswandel klar, allerdings um den Preis der "Form" (Grammatik, Aussprachewandel etc.) Wer würde hier nicht die Verteidigung der eigenwilligen Sprachform des Buches heraus hören, das sich einer soziologischen Verflachung (Jakob = Arbeiter = klassenbewusst; Jonas = Intellektueller = wankelmütig) im Sinne des Sozialistischen Realismus radikal verschließt? Während soziologische Betrachtungsweisen, ganz platt gesagt, zu einer "Stammbaumtheorie" der Sprachen (Ursprache als "Baum" und dann die Verzweigung in "Äste") nach Curtius führen würden, führt die formalistische Sprachbetrachtung die Entstehung von Einzelsprachen aus der "Überlappung" vieler umliegender Dialektformen ("Sprachen" sind alle "Mischsprachen" - Suchard) zurück. Und ist es nicht so, dass Johnson selbst über die Ziele der Geschichte nur "mutmaßt", indem er zeigt, wie wenig er schon in den privaten Geschichten von Gesine, Cresspahl und Jakob (auch Rohlfs) nur einen (!) Sinn finden kann? Geschichte ist für Interpretationen offen und was daraus wird, kann nicht gewusst werden. So bleibt Jakobs Ende für Interpretationen offen und wie sein Andenken in Gesine, Jonas etc. weiter wirken wird, kann am Ende des Romans niemand vorher sagen. Johnson bleibt der Sache aber auf der Spur und übernimmt sein "Personal" in seine nächsten Bücher, die ich nun noch einmal lesen muss! Danke für die Einladung die Lektüre dieses sperrigen Buches noch einmal zu versuchen. Wie großartig es ist, habe ich mit 22 oder 23 Jahren nicht realisiert!