»Ich schreibe dich – / Zur Welt bist du wieder gekommen / mit geisternder Buchstabenkraft«, heißt es in einem der Gedichte von Nelly Sachs, das Josef Winkler in seinem neuen Roman zitiert, in dem er seine fünf Jahre ältere, mittlerweile verstorbene Schwester Maria, die sich in ihrer gemeinsamen Kindheit auf dem Bauernhof vor allem um den rebellischen Josef gekümmert hat, in die Welt zurückschreibt. Für eine Ausbildung zur Konditorin verlässt sie das Dorf, arbeitet jahrelang in den verschiedensten Hotels, kehrt nach Ausbruch ihrer seelischen Erkrankung und nach dem ersten Selbstmordversuch in ihr Elternhaus zurück, wo sie auf ihren Bruder Josef trifft, der nach dem Skandal um sein erstes Buch ebenfalls dort Zuflucht sucht.
Der Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht, der mit Josef Winklers »Buchstabenkraft«, auch in surrealen Bildern, andeutet, welche ungeheuerlichen Vorkommnisse das Dasein seiner Schwester bis in den Tod verdunkelt haben mögen, verschränkt die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohns ineinander. Wie Josef Winkler seelische und körperliche Gewalt der dörflichen Umwelt zur Sprache bringt, ist in der deutschsprachigen Literatur unvergleichlich.
»Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht« ist das erste Buch, welches ich von Josef Winkler gelesen habe, und es ist ein Buch, an das ich noch lange denken werde. Seit geraumer Zeit habe ich kein derart gutes Buch mehr aus der Landschaft der österreichischen Gegenwartsliteratur gelesen.
Sein neustes Buch hat zwar die Schwester Maria, die verlorene, heimgekehrte Tochter, im Fokus und auf der Rückseite des Buches abgebildet, aber es verhandelt mehr als nur die geschwisterliche Beziehung zwischen der Schwester Maria und dem Ich-Erzähler Josef, dem verlorenen, zurückgekehrten Sohn. In einem nicht-linearen Rückblick, durchzogen von Einschüben und Assoziationen, erzählt der Ich-Erzähler in Anekdoten die Geschichte seiner Schwester, die sich mit seiner eigenen Lebens- und Kindheitsgeschichte überschneidet. Geschildert werden die Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern der Großfamilie - Vater, Mutter, Bruder, Onkel, Großeltern -, die von Vorurteilen, Gewalt geprägt sind - die Darstellungen sind poetisch und authentisch zugleich.
Viele Elemente sind in diesem Buch vereint: Aufwachsen im Dorf in der Nachkriegszeit, großfamiliäre Strukturen und die Beziehung zum Vater, Homosexualität und Geschlechterbilder, Katholizismus, Selbstmord, psychische Probleme und Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen (die Schwester leidet mitunter unter Wahnvorstellungen), Diskrepanzen im Bildungsweg (Josef darf in die weiterführende Schule, die anderen „müssen“ für seine Ausbildung am Hof arbeiten), und letztlich die Sprache. Sprachlich hat der Roman eine Wucht, bei der ich oft inne- und stillhalten musste, einatmen, nochmal lesen und die Sätze inhalieren.
Wenn Maria, Josef Winklers Schwester, in jener Sommersaison nicht in Döbriach am Millstättersee als Konditorin gearbeitet hätte und nicht schon vor Saisonende ins Elternhaus zurückgekehrt wäre, hätte die leidenschaftliche Mehlspeisenfabrikantin dort nicht den auch aus dem Tritt geratenen Bruderautor vorgefunden, sondern vielleicht eher den Weg nach Paris genommen und hätte dort in der Patisserie Chaim Soutine in der Rue Chabrol Kirschkuchen und andere Köstlichkeiten gebacken. Und Josef Winkler hätte sie dort auf einer seiner Reisen zu Peter Handke besuchen können. Hätte er sie aus der Kreuzdorfwelt rausreißen können, so wie er Unterstützer und Rausreißer hatte, um nicht in die Kameringer Jauchengrube zu fallen und zu ersticken? Dafür hätte es jedoch nicht nur externe Hilfe gebraucht, sondern auch Mut und Biss, doch schon früh lässt sich Maria unnotwendigerweise alle Zähne im Oberkiefer ziehen, die Prothese und ihre Trägerin schwimmen dann in der familiären und bäuerlichen Welt wie Goldfische weiter, schwimmen wie die Prothese des Vaters im Glas im trüben Winklerwasser. Potentielle Liebhaber bleiben vorm Haus, denn Liebe, Zärtlichkeit und Körperlichkeit sind zutiefst irritiert durch die schleimige Mischung aus Blut, Schweiß, Tränen, Jauche und andere Körpersäfte, die mitunter auf Marias Körper oder Bettdecke landen, gegen die es keinen Gegenzauber zu geben scheint, obwohl der Fundus in der katholischen Kirche ja eigentlich umfassend und reichhaltig ist. Passiert die Kontaminierung der Sexualität, das Abweichen in eine resignativ-einsame Welt beim Streicheln des Fuchses im Pferdestall, zu dem der Großvater seine Enkelin immer wieder auffordert? Weicht dort jegliche Hoffnung auf in zwischenmenschlicher Liebe und nicht in viehischem Begehren befriedigbare Sehnsüchte? Und wer lebt im ominösen, Maria regelmäßig heimsuchenden und lockenden Vegetarier weiter? In der dünnen Ritze zwischen Lust und Unlust beginnt der „Wahnsinn“ der Schwester zu gedeihen. Während der Seppl über ein breiteres Bewältigungsrepertoire verfügt, die archaischen, viehischen Dorf- und Familienbilder über unzählige Wiederholungen in Sprache verwandelt und ihnen so den betäubenden Schrecken nimmt, bleibt die verletzliche Maria in den Bildern stecken. Oft helfen sich zwar die Kinder/die Jugendlichen das Unerträgliche, die Entwertungen und das Unbesprochene zu ertragen, hilft Lachen, Laufen, Beten, kommen Trost und Tröstung auf, doch zu den innersten Nöten stoßen die nicht vor, auch nicht die Depotspritze gegen die vermeintliche Depression. Das Buch kommt daher wie Winkler selbst, oft irritiert und verunsichert er wie das erste Kapitel durch Wucht und Impulsivität beim Eintreffen, dann tritt der sanftere und behutsame Mensch in den Vordergrund, um beim Abschied wieder zu toben. Das erste Kapitel führt in eine überfordernde Welt verwirrender Assoziationen, dann beruhigt sich der Autor und wir lesen eine liebevolle, zarte Episodenfolge im Gedenken an die Schwester aber durch die Eltern. Ja, altbekannte Bilder und Figuren tauchen auf, und je öfter, desto harmloser und ihres Schrecken beraubt. Die Moorleiche des Massenmörders Globocnik, die das Getreide der Familie düngt und so bis in die zellulären Strukturen jedes Familienmitglieds vordringt, wird zur bereits mit Vorfreude erwarteten Handpuppe im Kasperletheater des Bauerndorfes. Und so macht es Winkler mit vielen auch aus den Vorbüchern bekannten Elementen, die Wiederholung „entschreckt“, potentielle Traumen werden so zu Märchensequenzen und erträglichen, schon fast herbeigesehnten, verharmlosten Bildern und beruhigend vertrauten Formulierungen. Der Lesegenuss des mittleren Teiles bleibt auch im letzten Drittel erhalten, doch die Stimmung ändert sich, jetzt wird mit Verwandten vor Gericht gezogen, abgerechnet. Das Requiem für die Schwester mutiert zur Anklage gegen die Verwandten, so entsteht statt Trauer Wut, statt Tränen Schaum. Noch deutet Winkler Versöhnungsbereitschaft gegenüber nur wenigen Menschen aus seiner Vergangenheit an, dem Vater, der Mutter, in diesem Buch dem Schicksal der Schwester Maria gegenüber, mit vielem anderen hadert er weiter in der vertrauten kraftvollen, provozierenden Intensität. Vermutlich das beste und intensivste Buch Winklers. Nachdenklich und zart hält er die Hand der Schwester, die Schwester an der Hand.