Cover & erster Eindruck: Dieses Cover verwirrt mich. Ich habe aus Reflex den Titel erst von oben nach unten gelesen und mich gefragt, was das bitte bedeuten soll. Bis mir wieder der englische Titel einfiel, “Flashes”, und mir klar wurde, dass das Cover Charleys Lichtblitze wiederspielgelt. Denn aktuellsten kräftig und am größten, während die davor bereits wieder verblassen! Interessante Idee!
Das Taschenbuch fasst und blättert sich angenehm, Druck und Papier entsprechen der gewohnten Chicken House Qualität. Die serifenlose Schrift des Buchsatzes irritierte mich zuerst, aber nach den ersten Seiten besserte sich das.
Figuren: Die Charaktere haben alle ihren Charme und wirken überzeugend. Für Charley habe ich gleich Sympathie empfunden, nach dem Tod ihrer besten Freundin und einzigen Vertrauten, was diese Blitze angeht, ist sie ziemlich verloren. Sie ist manchmal zu naiv, gerade was die Bekanntschaft zu Tom betrifft, aber das ist vermutlich ihrer Situation verschuldet. Ein Leben lang für diese übersinnliche Kraft gemobbt und verurteilt, ist der Wunsch, dass ihr jemand glaubt, wohl zu übermächtig. Eine starke Figur ist sie jedenfalls, sie kämpft dafür, diese angeblichen Unfälle der toten Mädchen aufzuklären, selbst wenn es sie in Gefahr bringt.
Mit Tom bin ich nicht gleich warm geworden, trotz der beiden Ich-Perspektiven konnte ich ihn mir schwer vorstellen. Sein Gerechtigkeitssinn und der Drang, die Wahrheit aufzudecken, ehren ihn, aber in dieser Hinsicht ist er so naiv wie Charley. Anfangs riss er noch groß die Klappe auf, da er anscheinend so gut kombinieren kann, aber das legte sich im Verlauf der Handlung. Schade eigentlich. Jedoch gefiel mir seine Rolle, wie er Charley zur Seite steht, sehr gut.
Die leichte Verliebtheit der beiden bleibt im Hintergrund, sodass die Handlung sich auf das Mysterium der Blitze konzentrieren kann sowie die Suche nach dem Täter.
Auch die Nebenfiguren sind gut gezeichnet. Der aufgeblasene Jackson ist trotz seines manchmal widerlichen Charakters gut getroffen und die Zweifel und Sorgen von Charleys Vater konnte ich nachvollziehen.
Sprache & Umsetzung: Der Schreibstil ist flüssig und schnell, die Seiten fliegen nur so dahin. Dabei passiert nicht auf jeder Seite etwas Actiongeladenes, ruhige Szenen, wie Momente, die die Spannung wieder heben, wechseln sich ab. O’Rourke gelingt es, eine düstere Stimmung durch den Roman hinweg aufrecht zu erhalten, schauerlich und nervenaufreibend. Jedoch hält er sich bei den Beschreibungen der Opfer zurück, sodass es nicht zu blutig wird. Die Gedankenblitze und die Erscheinungen, die Charley dabei sieht, machen den Reiz des Buchs aus und fesselten mich an die Buchseiten.
Leider wusste ich schon auf Seite 100, wer der Täter war, dennoch muss ich gestehen, dass O’Rourke die falschen Fährten gut gelegt hat und ich bis zum Schluss der kompletten Auflösung entgegenfieberte. Das Ende kam mir ein wenig abgehackt vor, aber die Geschichte ist abgeschlossen, das Wichtigste hat ein Ende gefunden. Ob auf den Vorschlag von Toms Chef noch eingegangen wird, wird die Zeit zeigen.
Fazit: Schneller, spannender Mystery-Thriller für Jugendliche ab 14 Jahren. Überzeugende Charaktere und mal eine andere Art, einen Täter zu fassen. Daher gibt es für “Ich sehe was, was niemand sieht” 4 von 5 Sternen.