Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute Alexander habe Achill nachgeahmt und Caesar den Alexander – doch wen haben sich die starken Männer der Gegenwart zum Vorbild genommen? Caligula, Napoleon III., Mao? »Be careful what you wish for«, so ein englisches Sprichwort: Vielleicht hätten die Heutigen vorsichtiger sein sollen, als sie sich in den postpolitischen Jahren Staats- und Regierungschefs mit mehr Charisma wünschten.
»I am the chosen one«, wusste Donald Trump 2019 über sich zu berichten. Seit Wiederamtsantritt lebt er die Madman-Theorie aus, die ein moderner Machiavelli erdacht haben könnte: Wer als unkalkulierbar gilt, macht die besten Deals. Auf der anderen Seite der Erdkugel sammelt der »Überragende Führer« Xi Zar Putin und Narendra Modi um sich, der einem Vorbild die höchste Statue der Welt errichten ließ.
Ein Fürst, der sich behaupten wolle, statuierte Machiavelli, müsse lernen, nicht gut zu sein. Diese Lektion haben die neuen Autokraten gelernt. Peter Sloterdijk schwingt sich nicht zu ihrem Berater auf, sondern erweist sich als so kühler wie hellsichtiger Analytiker des neuen Typs Fürst. In ihm reaktualisiert sich für Sloterdijk die Frage, ob die moderne Welt über die im Königtum gefundene Lösung für die Verkörperung der Macht in Einzelpersonen hinausgekommen sei.
Peter Sloterdijk is a German philosopher, cultural theorist, television host and columnist. He is a professor of philosophy and media theory at the University of Art and Design Karlsruhe.
Peter Sloterdijk studied philosophy, Germanistics and history at the University of Munich. In 1975 he received his Ph.D. from the University of Hamburg. Since 1980 he has published many philosophical works, including the Critique of Cynical Reason. In 2001 he was named president of the State Academy of Design, part of the Center for Art and Media in Karlsruhe. In 2002 he began to co-host Das Philosophische Quartett, a show on the German ZDF television channel devoted to discussing key issues affecting present-day society.
The Kritik der Zynischen Vernunft (Critique of Cynical Reason), published by Suhrkamp in 1983, became the best-selling philosophical book in the German language since the Second World War and launched Sloterdijk's career as an author.
The trilogy Spheres is the philosopher's magnum opus. The first volume was published in 1998, the second in 1999, and the last in 2004.
Eine Relektüre von Machiavelli, Zirkeln um Souveränität, Kritik der Vertikalität, Einleben im Absurden, Genealogie der Raketentechnik... Wenn man das Buch irgendwo sieht, sollte man auf jeden Fall kurz das Nachwort lesen. Ich habe lange nicht mehr so luzide 18 Seiten gelesen.
Die folgenden Zitate sind aus dem Nachwort. "Wer die Behauptung riskiert, es sein nichts in der Technik, was nicht zuvor in der Metaphysik gewesen sei, müßte aus der Logik der Sache selbst hinzufügen: Es ist nichts in der Metaphysik, was nicht zuvor in der Magie gewesen war. Erst mit dem zweiten Schritt kommt das genealogische Manöver ans Ziel. Indem es die Technik über das Mittelglied der Metaphysik von der Magie her begründet, lieferrt es ihr den Stammbaum, aus dem sie sich wirklich angemessen verstehen lässt - nämlich als rationalisierte, operationalisierte, erfolgsgeprüfte Wahrmachung magischer Impulse." "Daß nach den Regeln der Kunst gezaubert wurde, soll sich vor allem dann zeigen, wenn die sichtbaren Wirkungen die sichtbaren Ursachen um ein vielfaches übertreffen." "Man könnte so weit gehen zu behaupten, das Universum der modernen Technik sei aufs ganze gesehen nichts anderes als die Wahrnehmung magischer Optionen mit unmagischen Mitteln. Der Beginn der 'Verwirklichung' von Magie liegt in der griechischen Konzeption der Kriegsmaschine". "Das instrumentell eingesetzte Feuer ist von alters her die Quelle eines Mehrwerts an Wirkung. Diese entspringen nicht mehr nur den primären Hebel- und Katapulteffekten. Man könnte die Freisetzung der pyrotechnischen Gewalt geradewegs als einen Über-Hebel bezeichnen, mit dem die Lebensformen des Homo Sapiens von der Bronzezeit an aus den Angeln gehoben wurden. In diesem Sinn ist Pyrotechnik, ob als Metallurgie oder als Schußwaffen-Ballistik aufgefaßt, immer auch schon erste Politik." "Böse Gedanken kleiden sich inzwischen in die Form von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern". "Aus den frühen, scheinbar spurlos verschwundenen Regungen bösen Willens in die Ferne, des Schadenszaubers, der intensiven Verfluchung, der Totsagung, der sibyllinischen Prophetie, sind heute mehr oder weniger einfach zu handhabende technische Geräte geworden. [...] Kurzum: Telemalignität ist zu einem stabilen Bestandteil der aktuellen Realitätsdefinition geworden."
Und noch ein Zitat, nicht aus dem Nachwort, für den Spaß. "Wo Selbsthypnose - diskreter gesprochen: Selbstbetrachtung - scheitert, bietet sich als Alternative die Fremdbetrachtung an. [...] Kein Zweifel: Machiavelli wäre heute Chef eines Consulting-Unternehmens. Von Illusionen über seinen Beruf wäre er so frei wie seit jeher. Er wüßte, dass man in seinem Metier jedes Wort abwägen muss. Souverän ist, wer den Berater feuern kann."
Wichtiger Inhalt, der so unverständlich wie nur irgendwie möglich erklärt wird. Die unverständliche, mit Fremdwörtern und unübersetzten, fremdsprachlichen Zitaten gespickte Ausdrucksweise dient maximal als Abschreckung für alle Leserinnen und Leser, für die eine nachvollziehbare Auseinandersetzung mit dem Thema Diktatur, Autokratie etc. wohl am Wichtigsten wäre. Meine Frage: An wen richtet sich dieses Buch? Personen die nicht vor der übertrieben komplexen Sprache abschrecken, werden hier keinen nennenswerten neuen Gedanken finden zu können
Weiters bin ich sehr enttäuscht, dass ein Verlag wie Suhrkamp das Titelbild AI generieren lässt... Die hätten das Buch vielleicht zuerst lesen sollen
Ich würde das Buch dennoch weiterempfehlen, zumal das Lesen nur etwa 3h in Anspruch nimmt.
Tatsächlich das erste Mal, dass ich einen Sloterdijk lese. Ich habe nichts erwartet, und vielleicht auch deshalb wurden meine Erwartungen mehr als übertroffen! Ich wusste schon vorher, dass Sloterdijk ein herausragender Rhetoriker ist, und ihm die elegante Formulierung vielleicht wichtiger als eine sauber ausgearbeitete Dramaturgie. Das zeigte sich auch im Buch: Er vollführt eine Schleife nach der anderen, schachtelt die Referenzen (der Mensch ist unfassbar belesen), bis man den Faden verliert, der schon von vornherein gar nicht so klar zu greifen war. Der Mangel eines roten Fadens, so glaube ich, ist aber auch Teil der Denkart Sloterdijks: Denn das Denken in Geschichte, gleich ob philosophisch oder herrschaftshistorisch, ist ein Denken in Parallelitäten. Und das meistert der Autor ehm meisterhaft. Wem das nicht zusagt, wird am Buch keinen Genuss finden.
Tatsächlich fand ich das Nebensächliche des Buches viel interessanter als die beiden zentralen Begriffe: der »Sturz in den Staat« und die »verwilderte Vertikalität«. Kurz gesagt meint Sloterdijk mit ersterem die demokratische bzw. allgemeiner die republikanische Verweltlichung der Herrschaft. Er macht aus dem Staat ein historisches Gebilde, keine ewig gottgleich währende Monarchie. Der Sturz in den Staat sei deshalb auch ein Sturz in die Geschichte. Gleichzeitig bleibt Sloterdijk schuldig, zwischen verschiedenen Staaten und Staatsformen zu unterscheiden. Der Sturz in den Staat bleibt stilistisch griffig, aber inhaltlich vage.
Ähnlich ergeht es dem Konzept der verwilderten Vertikalität, die in etwa bedeutet, dass die Erbmonarchie nicht mehr gilt, und deshalb alle Herrschaftspositionen von allen umkämpft werden und entsprechend legitimiert werden müssen. Die Verwilderung, also die quasi fürstenhaften Ambitionen der Exekutive in demokratischen Staaten, wird allerdings kaum systematisch beschrieben. Ist es der Rausch der Macht, ist es ein Problem von Vielvölkerstaaten (was auch immer das genau meint), ist es eine Projektion, die sich aus den Schwächen der Demokratie speist? Hier schwimme ich beim Lesen. Gut fand ich, wieder einmal en passant, solche Begriffe wie »Selbstabglauben«, um die narzisstische Selbstvergöttlichung zu beschreiben, die an religiösen Formen Anleihen nimmt, um eine weltliche Diktatur zu begründen (was man an Trump ganz gut sieht).
Deshalb: Als anekdotische Aneinanderreihung von außerordentlich wohlformulierten und teils äußerst klugen Gedanken mehr als lesbar, das Buch ist ja auch recht kurz. Als systematische Frage, wie und warum das Motiv des Fürsten auch im Herzen der Demokratie ein so starker Sehnsuchtsort bleibt, nur inspirativ zu gebrauchen.