Vom verschneiten Erzgebirge reist Jungkommunistin Kira für mehrere Monate ins sonnige Kuba. Zurück lässt sie ihren zynischen Exfreund Ben und dessen lebensmüden Vater, einen Räuchermännchenmacher. Aus der Entfernung formt sich zögernd ein Zwiegespräch. Als Ben, der sich als Youtuber und Hatefluencer in der Aufmerksamkeitsökonomie verdingt, seine Greiffener Adresse preisgibt, bricht in das dauerweihnachtliche Spielzeugdorf die Welt garstig ein.
Während das alles erklärende Buch über Ostdeutschland wieder und wieder geschrieben wird, ist Kleiner als drei ein intimer Feldpostbriefroman aus dem Systemkampf zwischen Realsozialismus und -kapitalismus. Ein Dialog am Rande, von teilnehmender Bolschewistin zu giftigem Memefaschisten.
Ken Merten hat mit "Kleiner als Drei" einen Email-Roman mit zwei so fesselnden Stimmen geschrieben, dass ich ihn innerhalb von zweieinhalb Tagen verschlungen habe, was der Komplexität der verhandelten Thematiken vermutlich nicht gerecht wurde. Glücklicherweise kann man aber in Bücher auch öfter hineinschauen, nächstes Mal in dieses mit mehr Zügelung, denn da ist einiges, was man entpacken muss, was an den besonderen Persönlichkeiten und ihren Umstängen liegt, die da korrespondieren: die Kommunistin Kira, die auf Kuba weilt, und ihren Exfreund Ben, der im ostdeutschen Greiffen zurückbleibt, auf beider Hund und seinen suizidalen Vater aufpassend und YouTube-Videos nicht ganz klaren Inhalts ins Netz lädt, die sich aber jedenfalls als so beliebt erweisen, dass er Fan- und Hasspost bekommt. Die beiden schreiben immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig, sind ganz famose Emailschreiber - ich wünsche mir solch einen Austausch: Es wir beziehungsgearbeitet, anekdotisch erzählt, kalauert, diskutiert, die deutsch-deutsche sowie die Geschichte Kubas verhandelt und einander gerügt, wobei die gefestigte Kira mehr zu rügen hat als der Hatefluencer Ben, der einem viel leidtun muss und sich selbst auch ordentlich leidtut. Beide sind starke, komplexe Persönlichkeiten, man ist froh, dass zehntausende Kilometer zwischen ihnen sind und kann sich kaum vorstellen, wie die mal eine Beziehung geführt haben sollen, ohne einander abzumurksen. Trotz aller Liebe, die da noch zu sein scheint, oder zumindest Sorge für- und umeinander. Haarklein berichtet Ben Kira von seinem fehlschlagenden Experiment mit einem anderen Mann - Kira ihm postwendend von ihrem ebenso fehlschlagenden Experiment mit einer trans* Frau, und als das nicht recht zieht, berichtet sie ihm von hübschen Kubanern, die man auch flachlegen kann. Ben berichtet daraufhin davon, dass ihn Onlinedating auf die Bahamas geführt hat, und man ist nicht sicher, ob man ihm da nun glauben soll. Hinter all dem starrt einem die Fratze der BRD entgegen, erstaunlich unverstellt, weil enthalten in dieser Beziehung - so gestaltet man Gegenwart, so fasst man sie und macht sie klar und handhabbar. Ein lehrreiches Buch über den sich viel zu lang hinziehenden Kapitalismus, Deutschland, Kuba - in einer Sprache verfasst, der man anmerkt, dass der Autor Spaß ohne Ende an ihr hatte, und die dementsprechend ein Genuss ist.
Mensch, meine sträfliche Vernachlässigung der deutschen Gegenwartsliteratur, wie soll ich sie nur aufholen? Aber jetzt habe ich schon mal Merten ganz durch.
Also: ein ganz ganz einzigartiger wunderbarer Roman, die Struktur der Email-back-and-forth-Frotzeleien der zwei frisch Getrennten? Konsequent spitze durchgezogen!
Hat mich ein bisserl erinnert an meinen sozialistischen Sohnemann (Daddy is so proud!) und seiner Ex (aus gutbürgerlichem Anwalt/Kunsthändler Hause), die bei unseren Verwandten in Honolulu 2 Wochen nur gestritten, sorry, DISKUTIERT haben über die Gründe der extremen Arm/Reich Schere in den USA, Ausbeutung, (nicht vorhandene)soziale Leistungen und speziell den impact of Tourism in Hawaii.
Natürlich ist sprachlich literarisch Herr Merten auf der absoluten Höhe was so hierzulande angeboten wird. Ach was sag ich: viel zu hoch, aber jetzt nicht so viel loben, gelle, sonst steigt ihm das zu Kopf!
Wortschöpfungen, Metaphern, eine Freude ist es, ein Schmaus für den Connoisseur. One-liner habe ich rausgeschrieben ohne Ende, hier nur ein paar Appetizer:
Page 29: “Wo gemeckert wird, ist noch nicht Schluss.” Page 53: “Die Welt als Narrative. Als faul erdacht und pfiffig erzählt." Page 146: “Wenn China China ist dann meiden sie die Beinanpissung Mordamerikas [sic]”
Jetzt guck ich in junge Welt Rezension und erfahre, dass die Metal Bands ALLE ERFUNDEN SIND WTH? Naja, ich bin ja alt und beim letzten Death Album 1998 ausgestiegen …
Ok, that’s it und ach herrje, jetzt muss ich nach meiner Liste wieder was Englisches lesen. Will Deutsch weiter, habe auch noch vieles. Danke XS, danke Ken! Mehr brauch ich!