Emma Rodenstock ist ein Phänomen. Kritik, Talkshows und Publikum reißen sich um die junge Dichterin aus der Unterschicht. Sie gibt der Debatte um Klassismus und Privilegien ein Gesicht. Bis Nazanin Esfahani, aufstrebende Journalistin, eine Unstimmigkeit in ihrer Geschichte findet. Sehr bald taucht auch eine zweite Lyrikerin auf, die Emmas Texte geschrieben haben will. Kann das wahr sein? Es wäre ein handfester Skandal. Und für Nazanin ein Coup. Doch wem ist damit geholfen? Und wem schadet es? Ein hochunterhaltsamer Roman über die Macht von Geschichten in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie.
Ich weiß nicht, ob ich voreingenommen bin, weil ich Özge İnan so klasse finde, ihre Gedanken so klug und ihre Weitsicht so bemerkenswert. Vielleicht hat mir das Buch auch deshalb so gut gefallen, weil ich sowohl mit journalistischem als auch kreativem Schreiben vertraut bin - und mich deshalb in beide Hauptfiguren hineinversetzen konnte. In Emma natürlich weniger, aber ich glaube, das war auch Özges Absicht. So wird deutlich, dass Emma vielleicht selbst gar nicht so genau weiß, wer sie ist - oder zumindest lieber jemand anderes wäre. Und natürlich brauchte es auch die Distanz und Unnahbarkeit, um die weitere Entwicklung des Konflikts nicht vorwegzunehmen.
Doch selbst wenn ich Özge nicht mögen würde und beruflich und in meiner Freizeit anderen Interessen nachgehen würde, hätte mich dieses Buch gefesselt. Da bin ich mir sicher. Denn es ist unfassbar gut und flüssig geschrieben, die Spannung war für mich von Beginn an greifbar. Die Fragen, die Özge aufgemacht hat, werden mich noch eine Weile beschäftigen, unter anderem: Wem hören wir zu und warum? Wer hat eine Chance gehört zu werden? Wer bleibt ungehört, weil er nicht einem gewissen Bild entspricht? Welche Verantwortung hat Journalismus wirklich? Ist ein Thema nur so lange relevant, bis die Gesellschaft sich daran sattgelesen hat?
Ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen neidisch, dass Özge ein Jahr jünger ist als ich und trotzdem schon zwei Romane veröffentlicht hat, journalistisch arbeitet, Juristin ist und auch noch Zeit findet, das aktuelle Zeitgeschehen auf Bluesky und Instagram einzuordnen. Deshalb fand ich es fast lustig, dass genau solche Gedanken auch im Buch vorkommen. Aus meiner Sicht ist Neid hier erlaubt - missgünstig ist er jedenfalls nicht, sondern bewundernd.
Das Buch legt ziemlich gnadenlos offen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie des Kulturbetriebs funktioniert. Herkunft und Identität werden zur Ware. Interessant und gefeiert werden sie vor allem dann, wenn sie sich schön in die ästhetischen und moralischen Vorstellungen des Bildungsbürgertums einfügen. Dabei wirft das Buch lauter interessante Fragen auf: Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Stimmen als relevant gelten? Wessen Geschichte ist erzählenswert und wer muss sich erst entsprechend inszenieren, damit überhaupt zugehört wird? Gleichzeitig geht es um die Sehnsucht nach Anerkennung, um die Frage, was man von sich preisgeben muss, um gesehen zu werden, und darum, wie schnell aus einer eigenen Geschichte eine vermarktbare Identität wird.
Hat ein wenig gedauert, bis ich drin war, aber es zieht einen dann doch schnell in seinen Bann. Ein wirklich tolles Buch: Unbedingt lesen!
Ich glaube 4,5 ⭐️ konnte Emma nicht so 100% greifen, aber vllt soll das auch so - hab es auf jeden Fall super schnelle durchgelesen, weil Part 1 so spannend und aufregend war und war sehr von der Geschichte eingenommen
Mit welcher Intention schreiben und veröffentlichen wir eigentlich Geschichten? Und ist diese Intention eigentlich wichtig, wenn die Geschichten einmal draußen in der Welt sind?
Chapeau und danke, liebe Özge. Ich hatte eine ganz wunderbare und kurzweilige Bahnfahrt dank diesem wirklich spannenden Buch und der Gedanken, die mich jetzt im Nachgang noch verfolgen.
fand die prämisse des buches sehr spannend und find die autorin so toll, aber wie so viele mediale erzeugnisse der heutigen zeit leidet der inhalt des romans unter einem exzessiven übererklären der intentionen und ich bin irgendwie langsam so müde, dass mir alles vorgekaut wird. es gibt keinen raum für eigene interpretationen und auch keinen raum für umintepretationen des werkes. vielleicht liegt das auch an dem trend viel zu viel dialog gepaart mit whatsapp nachrichten in die handlung einzuschreiben?
Das Buch hat wirklich großen Spaß gemacht zu lesen, aber die absolut unbefriedigende Auflösung hat jeden positiven Eindruck komplett zunichte gemacht. Man hatte wirklich den Eindruck, die Autorin hat zum Ende hin die Lust am Schreiben verloren und alles nur noch schnell fertig geschrieben.
özge inan ist einfach krass und klug. neue Gedanken zum Thema U und E Literatur, zum Diebstahl, zum Skandal, alte Gedanken präzise und formuliert. Manchmal gab es vielleicht die ein oder andere Figur, die keine Figur war, sondern Zweck um etwas aufzuzeigen, das war bisschen schade und die realsten Verbindungen, zwischen Tarek und Nazanin und die von Emma und Berit hätten gerne noch Raum bekommen können, aber alles in allem so packend und toll, dass ich es in einer Zugfahrt durchgelesen habe <3
Ich habe es heute an einem Tag gelesen und denke seitdem ständig darüber nach. Es ist, nebenbei, auch ein sehr guter Roman über die Arbeit im Journalismus. Und ich liebe einfach alles über Plagiate. Die Figuren sind bis in die Nebenfiguren sehr plastisch. Es gibt einen Nebenstraßenfehler was den Kurfürstendamm angeht (vom Wittenbergplatz aus ist die Fasanenstraße vor und nicht nach der Schaubühne), aber das fuckt glaube ich nur mich ab, und mich fuckt es auch auf so angenehme Weise ab, das ich mich dadurch zusätzlich unterhalten fühle.
Hat mir richtig gut gefallen und sich sehr schnell und eindringlich lesen lassen! Ich habe zwar nicht so viel Ahnung von den tatsächlichen Abläufen in der Kulturjournalismus- bzw. Literaturbranche, aber kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch sie ziemlich akkurat skizziert. Und ich mochte gerne, dass alle Charaktere irgendwie sowohl ein bisschen klischeehaft waren, als auch genauso mit Klischees gebrochen haben. Und nicht besonders sympathisch waren sie auch, aber auf die Art, die beim Lesen Spaß macht. Am Ende hätte ich mir vielleicht noch ein bisschen mehr gewünscht, aber andererseits passt es vielleicht auch zur Geschichte, dass man mit vielen Fragen und nicht unbedingt zufrieden zurückbleibt.
Dieses Buch ist irgendwie total unfertig. Es verspricht die ganze Zeit eine Spannung, die aber nicht eingelöst, geschweige denn gehalten wird. Emmas Geheimnis wird viel zu schnell und erwartbar gelüftet und dann auch zu einfach aufgelöst. Bei einem Hochstapler-Roman ist ja oft das Innenleben der täuschenden Figur spannend, die Angst erwischt zu werden aber auch die eigene Logik, in der das getane vor sich selber gerechtfertigt wird - das passiert hier alles nicht, Emma wird als Figur gar nicht greifbar, erst recht nicht als Medienphänomen.
Auch die Sprache ist ganz Phrasenhaft- es wird geschnaubt, genestelt und gemurmelt. Die Autorin verliert sich in ihren vielen Dialogen, die aber kein gutes Tempo haben und irgendwie nach Vorabendkrimi klingen.
Hat es mich fesselnd gepackt und überzeugt? Nein. Würde ich wieder etwas von Özge Inan lesen? Absolut.
Tolle Gedanken zum gesamten Thema Verlagswesen: wer entscheidet, was relevant ist? Welche Machtstrukturen beeinflussen junge Autor*innen? Zwischendurch kam mir der Gedanke, dass „Die Assistentin“ von C. Wahl stellenweise (!) dorthin wollte, wo „Die Dichterin“ ist.
Mich hat die Autorin jedoch trotzdem im letzten Drittel verloren, weil ich manches unlogisch fand.
Originalität und Urheberschaft scheinen für Autoren fesselnde Themen zu sein. “Die Dichterin” ähnelt ironischerweise einer Geschichte, die auch schon Martin Suter in “Lila Lila” und R. F. Kuang in “Yellowface” beschrieben haben.
Ich bin Fan von Özge Inan. Sie besitzt die Doppelqualifikation schlechthin; sie ist Schriftstellerin und ausgebildete Journalistin, was sie angenehm einfließen lässt. Der Roman wechselt immer zwischen den Perspektiven der Journalistin und der Dichterin. Özge Inan hat viele erfrischende Gedanken, die sich galant in das Pingpong der Perspektivwechsel einpflegen. Meiner Meinung nach braucht es die auch, denn ich war teilweise von der Perspektive der Dichterin gelangweilt. Die Kapitel aus Sicht der Journalistin waren spannender, aber auch, weil der Charakter vielschichtiger war und das Berufsbild des Journalisten besser gezeichnet wurde.
Durch die Gedanken der Journalistin bekommt man als Leserin ständig die Chance, sich selber zu hinterfragen präsentiert. Zentrale Themen sind Integrität, Wahrhaftigkeit und Originalität.
Özge Inan ist bekennende KI Haterin. Im Buch gibt es eine Stelle, in der, der Vater der Journalistin, ihr von einem seiner Studenten erzählt, der einen Ghostwriter engagiert hat. Der Vater ist davon schwer erschüttert, er fragt sich, wie der Student ihn und die Wissenschaft so hintergehen konnte. Der Schluss war, dass von diesem Student nicht mehr erwartet werden kann, die Wahrheit zu sagen. Kennen wir also alle keine Wahrhaftigkeit, wir, die so viel mithilfe von KI produzieren lassen? Das ist nur eine der Fragen, die dieser Roman aufwirft.
Die Parallele zu “Yellowface” wirkt vielleicht widersprüchlich, ist aber mit Sicherheit von der Autorin bewusst gesetzt und eine interessante Herangehensweise.
Die Dichterin, eine Antiheldin, mischt den Kulturdiskurs auf, weil sie jung ist, weil sie gut aussieht, weil sie in ihren Gedichten über Klasse schreibt und in Interviews spannende Takes abgibt. Das fasziniert eine Journalistin, die einen Artikel über sie schreiben will. Sie nähert sich ihr mit Interviews und Recherche und findet auf einmal etwas, das nicht passt.
Mochte dieses Wechselspiel von den beiden Perspektiven zweier junger Frauen, die sich in der Kulturbranche gegen die Strukturen durchsetzen müssen. Auch wenn eine der beiden nicht mal sympathisch ist! Ab dem Überraschungsmoment, wo sich dei Geschichte wendet, war ich hooked und hab die Suche nach der Wahrheit, auf die man sich mit der Journalistin begibt, geliebt! Also wer sich für Journalismus, Diskurse oder spannende Bücher mit unerwarteten Plot Twists begeistert, lesen 📖
Der Roman über einen Skandal im Literaturbetrieb hat mir gut gefallen. Wir verfolgen die Geschichte wechselnd aus Sicht von Emma, die durch einen Gedichtband über Armut in Berlin zum jungen Star der Szene wird, und aus der Sicht von Nazanin, die sich zum Ende ihres Volontariats einem Portrait über Emma widmet und auf einige Ungereimtheiten stößt. Die Geschichte hat mir einige neue Perspektiven in den Literaturbetrieb, Journalismus und Wahrheit und Lüge gegeben.
das war so kurzweilig, witzig und schnell! so viel herrliche ambilvalenz und doppelmoral. so viele stellen, die ich mir zum vorlesen markiert habe, weil sie so pointiert und schlagfertig und frech sind, dass es mir unheimlich viel freude gemacht hat in diese welt abzutauchen :———)
In mir wird vermutlich für lange Zeit keine letzte Seite so viel Wut und Ekel für eine Figur erzeugen, gleichzeitig aber auch genauso große Bewunderung dafür, wie konsequent diese Geschichte zu Ende erzählt wurde.
Nachdem Özge İnan mit "Natürlich kann man hier nicht leben" die Messlatte für mich so extrem hochgelegt hatte, war ich mehr als dankbar, dass ihr zweiter Roman ein ganz anderes Thema verhandelt. Wir tauchen ab in den Literaturbetrieb und den Journalismusbetrieb, erzählt durch die Brille der beiden Hauptprotagonist*innen mit wechselnder Perspektive.
Kurzweilig und erfrischend rasant geschrieben verhandelt der Text auf leichte Art große Fragen nach Wahrhaftigkeit, Klassismus und Schuld. Dabei kann man wechselseitig die beiden Protagonist*innen anklagen, aber auch sich selbst als lesende Person. Verloren hat am Ende eine ganz andere Person, deren Perspektive (vermutlich bewusst) nicht erzählt wird.
Ich mochte die verschiedenen Ebenen des Buches, Andeutungen und dass so viel leiser Reflektionsraum angeboten wird. Und wer das nicht mag, fliegt einfach so durch die Seiten und wird sich gut unterhalten wissen.
Wer hat die Macht, welche Geschichten zu erzählen? Und wem hören wir zu? Mit »Die Dichterin« hat Özge Inan ein spannendes und sehr kluges Buch über den Kulturbetrieb, über die Grenzen von Wahrheit und Lüge, Authentizität und Aneignung geschrieben, das einen Skandal in der Literaturbranche ins Zentrum stellt.
Emma Rodenstock ist ein Phänomen. Alle Welt reißt sich um die provokativen Texte der jungen Dichterin aus der Unterschicht, feiert Emma für ihr Talent, ihr Charisma und ihre Schlagfertigkeit. Nazanin Esfahani, eine aufstrebende Journalistin, soll ein Porträt von Emma für eine Tageszeitung verfassen. Doch während der Recherche wird Nazanin das Gefühl nicht los, dass etwas bei Emma nicht stimmen kann. Sie ist zu perfekt, zu glatt, um echt zu sein. Nazanin beginnt zu graben – und findet mehr, als sie zu jemals träumen gewagt hat…
Ich liebe ja Bücher mit Antiheldinnen und in »Die Dichterin« bekommen wir genau eine solche Figur präsentiert: Emma ist keine sehr sympathische, aber dafür eine umso faszinierende Protagonistin. Sie verkörpert das Bild, das die Gesellschaft gerne sehen möchte, ein Idealbild – aber auch eine Illusion. Ich werde auf keinen Fall spoilern, worum sich der Skandal genau handelt. Es reicht zu sagen, dass Özge Inan anhand von Emma die Machtmechanismen der Literaturbranche feinsinnig beobachtet und zugleich kritisiert. In Kombination mit der Perspektive der Journalistin Nazanin, deren investigativer Recherche nach der Wahrheit man beim Lesen gebannt folgt, ist dieser Roman ein Page-Turner mit Sogkraft und Verstand. Unbedingte Empfehlung!
Plot ist genau richtig dosiert für die Menge an Buch. Ich mochte auch sehr die Sprache, weil es sehr „meine“ Sprache war bzw. Die meiner Peer Group. Ich hab glaube selten ein Buch gelesen, das so nah an meiner eigenen Wortwahl ist, allein das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich finde auch, die Geschichte fühlt sich feingliedrig und nuanciert aufgebaut an, mit viel Wahrheit, ohne dass es zu on the nose ist.
so gut beobachtet und kurzweilig und toll gelesen von Maximiliane Haecke. Ich war nur manchmal verwirrt von der Erzählart im letzten Teil nach der Veröffentlichung der Enthüllung