Gulistan lebt mit ihrem Mann Çiya in einem Land, das sie anfeindet für ihre Sprache, ihr Denken, ihr ganzes Sein. Unter dem diktatorischen Regime Saddam Husseins werden sie als Kurden verfolgt. Als Çiya verschwindet, begibt Gulistan sich auf die Suche nach ihm. Nichts kann ihren Willen brechen, ihren Geliebten wiederzufinden, auch wenn ihr immer wieder das Ausmaß ihrer eigenen Ohnmacht vor Augen geführt wird. Schließlich begegnet sie Çiya bei einer Versammlung inmitten einer Menschenmasse wieder – in der Uniform des Diktators, als dessen Doppelgänger. Gulistan wird verhaftet und verliert zunehmend den Verstand, doch entwickelt umso stärkere Widerstandskräfte, nicht erst, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt. Wie soll man nicht dem Wahn verfallen angesichts einer Diktatur, die Wahrheiten verdreht, den Menschen alles nimmt und nichts kennt als die Sprache der Gewalt? Karosh Taha schreibt über die Angst in den Straßen, die Grausamkeit eines paranoiden Systems und den Widerstand durchs Erzählen, vielstimmig, lyrisch, dicht.
„Darf ich dich berühren denn ich habe alle Tage angebrochen und dich nicht gefunden.“
Gulistan sucht ihren Mann Çiya, der von einem auf den anderen Tag verschwunden ist. Sie sind Kurden und werden vom Regime ihres Landes (aka Diktator Saddam Hussein) verfolgt. Dabei fehlt ihr so schon der Zugang zur Sprache, was ihre „Ermittlungsarbeit“ zusätzlich erschwert. Als sie Çiya dann wiederfindet, sieht er plötzlich so aus wie der verhasste Diktator. Gulistan wird verhaftet - sitzt ihr da ein Doppelgänger gegenüber, oder ist es wirklich Çiya?
Für mich war es ein sehr (sprach-)gewaltiges Buch. Karosh Taha verdeutlicht die fürchterlichen Realitäten, in denen Menschen ihre eigene Identität hinter sich lassen müssen, um ihr Leben zu schützen. In einer Verbindung aus Lyrik und Prosa gelingt es ihr, die Verzweiflung Gulistans greifbar zu machen. Ich mochte es sehr, wie Gulistans Stottern dargestellt wurde.
Jedem Kapitel sind Ausschnitte von Äußerungen von Saddam Husseins Arzt vorangestellt, in dem er aus seiner Sicht über den Diktator erzählt, ihn dadurch menschlicher werden lässt. Im Gegensatz dazu folgen wir Gulistan durch ihre Odyssee, auf der ihr immer weniger Menschlichkeit entgegengebracht wird. Dieser Kontrast hat mir sehr gut gefallen!
Zugegeben, ich fand den Text nicht immer zugänglich (was er vermutlich auch nicht sein soll) und habe mich sich daran gewöhnen müssen, keine Kommata zur Verfügung zu haben. In den Sätzen, und auch in den Figuren, ist aber immer eine gewisse Dopplung vorhanden: Sätze, die auf zwei Arten gelesen werden können, Personen, die zweimal auftauchen. Auch Gulistan selbst kommt in der Ich-Perspektive und in der dritten Person vor. Diese experimentelle Struktur fand ich sehr beeindruckend.
Für mich wäre es ein großer Shortlist-Tipp gewesen, auch einfach aufgrund von Gulistans Andersartigkeit und den wichtigen Themen, die aufgegriffen werden.
4/5 ⭐️
--- Digitales Rezensionsexemplar I Vielen Dank @dumontbuchverlag @netgalleyde ❤️
„Gulistan“ ist das wohl schwerst verdauliche Buch auf der Longlist, in Form und Inhalt. Und das ist gut so.
Der dritte Roman der in Zaxo, Kurdistan, geborenen Karosh Taha beschäftigt sich mit der Diktatur Saddam Husseins, vor der die Autorin einst fliehen musste.
Schon beim ersten Durchblättern nimmt der Text ungewohnte Form an, erinnert an Konkrete Poesie.
Den Kapiteln vorangestellt sind Bruchstücke eines Interviews mit Husseins Leibarzt Ala Bashir, der den Diktator als zwiegespaltenen Mann beschreibt.
Protagonistin Gulistan lebt als Kurdin in Angst vor Saddam Husseins Baath-Partei, den Geheimdiensten, dem Militär. Jeden Tag verschwinden Menschen in ihrer Umgebung. Eines Abends kehrt ihr Ehemann Çîya nicht von der Arbeit heim, ist wie vom Erdboden verschluckt.
Gulistan macht sich auf die Suche, fragt bei der Polizei nach, schreibt den Namen ihres Mannes mit Kreide auf die Mauern der Stadt. Ihre Suche wird sie in tiefste Finsternis führen.
Dieser Text ist lyrisch, ist voller Leid und Gewalt. „Gulistan“ führt an Grenzen, ist schwer zugänglich, ein langes Gedicht voller Schmerzen, das leise zerfällt. Sätze, die sich über Seiten ziehen. Kaum Interpunktion, Lücken im Text, Sprachlosigkeit. „Gulistan“ ist eine Art Gebet, das gefühlt werden will und es niemandem leicht macht.
Ich konnte nicht viel mehr mit dem Text anfangen als dem Schmerz nachzuspüren. Diese Klageschrift will nicht funktionieren, denn die Funktionäre sind Uniformträger, sind Folterer.
„Hat dich die Nacht verschlungen dass der Tag dich nicht mehr findet? Welchen Fluss muss ich überqueren um dich wiederzusehen? Oder sollte ich deinen Körper zwischen den Strommasten neben den anderen hängend suchen im Himmel so kalt dass die Wolken in ihm verschwinden. Çîya ich suche dich zwischen den Steinen im Fluss in der Kälte neben einem Schatten in den Mauern aber nicht zwischen den Drähten am Himmel. Nicht zwischen den Drähten am Himmel.“
Ich wollte das Buch so sehr mögen. Das Thema ist wirklich wichtig, aber stilistisch konnte ich mit dem Text leider nicht so viel anfangen. Es war mir dadurch sehr schwer zugänglich.
Habe noch nie einen solchen Text gelesen. So vieles zwischen den Seiten und Zeilen. Ich glaube ich muss es nochmals lesen um zu verstehen. Bereichernd und befremdend!
Das Buch behandelt ein wirklich spannendes und wichtiges Thema. Besonders die Darstellung der kurdischen Bevölkerung unter der Diktatur Saddam Husseins und die Frage, wie Menschen mit Gewalt, Unterdrückung und einer ständig verdrehten Wahrheit umgehen, hat mich überzeugt. Auch Gulistans Geschichte und ihr Widerstand gegen ein System, das ihr zunehmend jede Kontrolle über ihr eigenes Leben nimmt, fand ich sehr eindringlich.
Mit der Umsetzung hatte ich allerdings etwas Schwierigkeiten. Vor allem die fehlenden Satzzeichen haben meinen Lesefluss immer wieder gestört. Zwar stehen am Ende der Sätze Punkte, aber gerade durch die fehlenden Kommas wurde das Lesen für mich teilweise ziemlich anstrengend. Das ist sicherlich eine bewusste stilistische Entscheidung und letztlich Geschmackssache – für mich persönlich hat sie die Geschichte aber leider etwas schwer zugänglich gemacht.
Inhaltlich konnte mich das Buch deshalb deutlich mehr überzeugen als sprachlich. Ein wichtiges und eindringliches Buch mit einem starken Thema, dessen Schreibstil für mich jedoch nicht ganz funktioniert hat.
Leider war dieses Buch nichts für mich. Es gab keine Interpunktion (außer der Punkte), was mich sehr aus dem Lesefluss genommen hat. Einerseits untermalt das die Verwirrung bzw. den Zustand der erzählenden Stimme, gleichzeitig hatte ich es dadurch schwer, konzentriert zu lesen. Es ist ein doch ziemlich experimentelles Buch und vielleicht werde ich es nochmal versuchen, wenn ich auf so ein Buch Lust habe. Denn thematisch fand ich es super spannend. Ich sage daher, eher aufgeschoben als aufgegeben.
Wie lässt man Leid zu Sprache werden? Gulistan ist anspruchsvoll, Gulistan ist verwirrend, Gulistan ist laut. Bilder sind verstörend, schwer verständlich und nicht kohärent. Leid aber auch nicht. In Gulistan spürt man Seite für Seite wie Gulistan ihren Verstand verliert, wie ihr die Sprache entgleitet und Schmerz lauter als alles andere wird. Kein Buch zum Nebenherlesen, kein Plot, keine Stringenz in der Handlung. Wichtig und groß, aber auch nicht für jeden was.
Absolutes Highlight der Longlist. Es ist vermutlich Tahas bisher poetischster Roman....oder ihr poetischster Text, der als Roman vermarktet wird. Die Protagonistin sucht ihren Mann. Dieser muss als Saddams Doppelgänger arbeiten. Wie geht man mit solch einer Situation um? Was denkt man? Was fühlt man? Was sieht man? Was riecht man? Was hofft man? Was will man? Was kann man? Usw. Darum geht es.