Ein Buch über das Heimkehren — und über die Orte, die mehr über uns wissen als wir selbst.
Wenn Leonard Beck nach seiner Post sieht, ahnt er stets das Schlimmste. Und tatsächlich ist es ein unscheinbarer Brief seiner Mutter, der ihn nach Jahren zurückruft an den Ein Haus steht zum Verkauf. Und obwohl dieses Haus keine guten Erinnerungen weckt, zieht es ihn magisch an. Leonard, der gerade seine Stelle am Theater verloren hat, reist in die Heimat und damit in seine Vergangenheit. Er trifft auf Menschen, die ihm einst wichtig waren. Und immer wieder steht er vor dem unscheinbaren Haus, dessen Geheimnis er damals nicht lüften konnte. Jetzt aber will er ihm auf die Spur kommen, stellt sich endlich seinen Ängsten – und macht dabei Entdeckungen fürs Leben.»Jan Weiler erzählt spannend und feinfühlig ... über den Mut, den es braucht, sich den eigenen Ängsten, der eigenen Geschichte zu stellen.« Buchjournal»Das Vogelhaus ist warmherzig, lustig, aber Jan Weiler hat auch ein Anliegen damit.« NDR Kulturjournal»Mit trockenem Witz erzählt Weiler von alten Ängsten und skurrilen Begegnungen, bei denen Komik und Mitgefühl eng beieinanderliegen und die Tragik zwischen den Zeilen aufscheint.« Hörzu / Gong»Warmherzig und wunderbar beobachtet … Eine Hommage an Freundschaft und die Kraft der Liebe.« Für Sie
Leonard macht um seinen Briefkasten einen großen Bogen. Selten findet er darin etwas Erfüllendes, meist sind es Zahlungsaufforderungen oder Werbebroschüren. Seit drei Tagen ist er wieder drumherum geschlichen, jetzt will er einen Vorstoß wagen. Er entnimmt ein Schreiben seiner Bank und staunend einen Brief seiner Mutter. Sie hat seine Adresse sorgfältig in Blockbuchstaben geschrieben und vermittelt Dringlichkeit. Es muss etwas passiert sein. Sie hätte ihn auch einfach anrufen können, was sie nie macht oder eine E-Mail schreiben, was sie auch nie macht. Damit will er sich jetzt keinesfalls so ad hoc auseinandersetzen, er geht einkaufen. Während des Gangs zum Supermarkt fragt er sich doch, was seine Mutter von ihm wollen könnte. Deshalb macht er sich schleunig auf den Rückweg. Er öffnet die Haustüre, den Briefkasten, entnimmt das Corpus Delicti, ruft den Fahrstuhl, fährt mit Einkauf und Umschlägen ins fünfte. Vor der Wohnung zückt er den Schlüssel, lässt dabei die Briefe fallen, hebt sie wieder auf und verliert den Schlüssel, lacht über seine Schusseligkeit und glaubt, dass diese Trotteligkeit auch eine Begabung ist. In der Küche drückt er einen Espresso, setzt sich, schiebt das Bankschreiben nach rechts, die Werbung nach links. Er ergreift den mittigen Mutterbrief, öffnet ihn und entnimmt ein Hausinserat. Auf dem aufgepappten Post it liest er: „Wir dachten, das könnte dich interessieren!“
Seine Eltern und er haben kein besonders inniges Verhältnis. Zweimal pro Jahr besucht er sie zumeist am 24. Dezember, wo seine Mutter, seinen Vater und ihn mit selbst gebackenen Plätzchen und Kuchen oder „vielleicht lieber etwas herzhaftes?“ bewirtet. Sie schleppt Teller, Tassen, Untertassen über den Läufer zwischen Küche und Wohnzimmertisch und seit ihrer Lunge ein leichter Pfeifton entweicht, nennt Leonard den Teppich im Geiste Seufzerbrücke. Sein Vater gibt alle Todesfälle im Umkreis von zehn Kilometern zum Besten: Die Inge, Oberschenkelhals, zwei Wochen Krankenhaus, dann tot. Oder der Peter, obwohl, der war ja schon die letzten dreißig Jahre tot. Dann die Dings, wie hieß sie noch? Leonard kennt keinen Menschen, der langweiliger ist, als sein Vater.
Fazit: Jan Weiler hat wieder sein humoristisches Geschick spielen lassen. Diesmal zeichnet er einen ungeschickten Theaterregisseur, den ein Hausverkaufsgesuch in die alte Heimat lockt. In seinem Elternhaus lässt er seine Vergangenheit Revue passieren und versucht die traumatischen Erfahrungen während seines Zivildienstes zu verarbeiten. Allen voran die Eindrücke in besagtem Vogelhaus mit seinem skurrilen Besitzer. Ich erfahre alles über die demente Frau Beinhard, das zierliche Gespenst, das sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Die Eheleute Passlack, er ketterauchend und beinlos im Rollstuhl, seine Frau Dialysepatientin. Herr Berger, der sich immer hinter der Schlafzimmertür versteckte und sein Versteck kichernd preisgab. Und natürlich über den gruseligen Cordt Schwabe mit seinen vier kreischenden Aras. Wieder hat Jan Weiler Situationskomik geschaffen, die mir Tränen in die Augen getrieben hat. Ich mag die Ideen des Autors ebenso wie seine Schreibweise. Dieses Buch ist nicht mit „Der Markisenmann“ zu vergleichen, das ich aus vollem Herzen geliebt habe, aber das muss es auch gar nicht. Hier zeigt Jan Weiler, wie es sich für junge Männer ohne große Lebenserfahrung anfühlen kann, plötzlich alten, pflegebedürftigen Menschen sehr nahezukommen. Die Interaktionen sind liebevoll und amüsant beschrieben. Es geht aber auch um die Annäherung eines Sohnes an den Vater und entfernt um sexuelle Orientierung. Hier steckt insgesamt viel zum Thema Männlichkeit drin, das ich überaus unterhaltsam fand.
So vieles lässt sich über diesen intensiven Roman sagen, zu vieles möchte ich aber gar nicht aufdröseln, da die fantastische Reise nicht durch zu viel Vorwissen geschmälert werden sollte.
Jan Weiler nimmt uns mit auf eine Fahrt in die Vergangenheit seines Protagonisten Leonard Beck. Mitte dreißig, Dramaturg und in Berlin lebend, erreicht ihn ein Brief seiner Mutter. Gleich zu Beginn dreht sich Leonards Welt um das bisschen Papier und man denkt, dass der Herr ein wenig eigen wirkt. Gleichzeitig macht das auch neugierig. Erst nach und nach wird klar, warum Leonard so ist, so wurde, wie er ist.
Er fährt also zu seinen Eltern in seine kleine Heimatstadt. Aktuelle Episoden wechseln nahtlos über in Leonards Erinnerungen. Er durchlebt seine Zeit als junger Erwachsener, als Zivi, erneut - befeuert von Begegnungen und Erinnerungsstücken, die er nach und nach hat und hervorholt. Leonard lernt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Eltern besser kennen, als er versucht, eines seiner ältesten Geheimnisse aus jener Zeit aufzudecken.
“Das Vogelhaus” ist gleichermaßen eine Hommage an kleinbürgerliches Landleben und fast so etwas wie ein Coming-of-Age-Roman. Das Buch bricht außerdem eine Lanze für die “Demut vor der Bedürftigkeit anderer Menschen”.
In diesem simplen Satz liegt so vieles, das wir heute mehr denn je brauchen. Leonard startet seine Zivi-Karriere als unsicherer, schambehafteter Teenager, der mit dem Zivildienst das kleinere Übel wählt. Er geht aber daraus als gefestigter, an Erfahrungen reicherer junger Mann hervor, der in dieser kurzen Zeit mehr geschafft hat, als er sich selbst davor jemals zugetraut hätte.
Natürlich dreht sich die Geschichte um das große Geheimnis, das Leonard seit damals immer noch irgendwie beschäftigt. Dennoch lässt man sich zwischendurch gerne ablenken und taucht in Leonards präzise Erinnerungen ein. Das gelingt, weil Jan Weiler einen so detaillierten, liebevollen Mikrokosmos erschafft, dass man die Menschen, die Leonard trifft, nur allzu bald für absolut real hält.
Ein unheimlich berührender Roman mit einer speziellen Leseempfehlung an 17-jährige Jugendliche.
Leonard will dem dunklen Geheimnis des Vogelhauses auf den Grund gehen. Seit er dort als Zivi die vier schimpfenden und angriffslustigen Aras füttern musste, lässt es ihn nicht mehr los. Von der ersten Seite an ist der Roman unheimlich spannend . Jan Weiler gelingt es wunderbar , die beiden Erzählstränge von Leonard als Zivi und als erwachsener Mann zu verknüpfen, dass ein wunderbar spannende und berührende Geschichte daraus wird, die am Ende noch viel mehr zu bieten hat als die Auflösung um das Vogelhaus.
Ein berührendes Buch über das Erwachsenwerden. Ein tolles Buch (aber nicht so gut, wie mein absolutes Lieblingsbuch „Der Markisenmann“ - aber das kann fast nicht getoppt werden.