Richard David Precht stellt die radikalste Frage unserer Wenn künstliche Intelligenz nicht nur schneller denkt, sondern auch schöpferischer arbeitet als der Mensch, was bleibt dann von Kultur?Wo früher Kunst, Bildung und Kreativität Sinn stifteten, herrscht nun die Sofortness der Maschine. KI ersetzt nicht nur Arbeit, sondern auch das Gestalten, das Erzählen und das Verstehen.Ausgehend von der Geschichte seines demenzkranken Vaters verbindet Richard David Precht persönliche Erinnerung mit einer eindringlichen Analyse dessen, was wir als Kultur zu verlieren drohen. Auserzählt! ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Selbstabschaffung des Geistes und eine Einladung, neu über Sinn, Schönheit und Freiheit in einer algorithmischen Welt nachzudenken.
Am Ende sieht Precht seinen Vater in der Tür stehen, dünn, mit Händen übersät von Altersflecken, "scheckig vom Leben wie der Rost am Stamm einer Platane." Der Vater wird sterben, seine Demenz hat ihn von den eigenen Erlebnissen getrennt. Sein Sohn führt sie in jedem der Kapitel kurz ein. Es ist ein literarisch überraschend gutes Sachbuch, zumindest berühren mich die persönlichen Momente, wenn Precht über die Jugend seines geldklammen und reisefreudigen Vaters schreibt.
Wie Precht sehe auch ich den Siegeszug der KI als unausweichlich. An meiner Schule gab es zuletzt eine "Fortbildung". Wir Lehrer sollten gewappnet sein für neue Formen der Wissensvermittlung. Dazu wurde uns ein Programm vorgestellt, mit dem fachspezifische Aufgaben digital an die Schüler geschickt werden können. Der Kniff, vom Referenten mit Stolz aus dem Sack gelassen, sah so aus, dass wir einen Prompt erstellen können und dass die KI also ein zuvor festgelegtes Layout füllt. Das Ergebis war zum Kotzen. So sieht moderne Schule in Sachsen aus. Textwüsten mit bescheuerten Piktogrammen, die bei halbwegs intakter Hirnbelichtung keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass keiner unserer Schüler - schon aus Selbstschutz- diese Aufgaben lösen wird ohne den Einsatz von KI. Was folgen wird, ist ein Dialog der KI. Es ist zum Kotzen.
Precht ist sich bewusst, dass das Grundübel der Kapitalimus ist, das Primat ökonomischer Absichten, alles muss sich lohnen. Die Vorherrschaft liberaler Demokratien mit mündigen Bürgern ist ein überkommenes Märchen aus aufklärerischen, also irrelevanten Zeiten. Ich persönlich verstehe Prechts Zaudern nicht, die Folgerung zu notieren: nur der Sozialismus, die Befreiung des Menschen aus der Verwertungslogik, kann uns und die Kultur davor bewahren, in Profitabilität zu verrecken. Vielleicht ist Precht zu sehr in Sphären entrückt, in denen politische Agitation prinzipiell verurteilt wird.
Ein starkes Buch ist es auf jeden Fall. Ich habe einen kleinen literarischen Youtube-Kanal, der mir in den letzten Jahren ans Herz gewachsen ist. Oft stotternd und mühselig die große Literatur verstehen wollend, kroch ich viele Monde durch Sätze, um Erfahrungen wiederzugeben. Als dann die ersten KI-Kanäle auftauchten und schnell eine unglaublich große Anhängerschaft gewannen, war das Glück der oft glanzlosen Anstrengung verflogen. Zu glatt, stromlinienförmig, auf Pointen und Wissenswertes hin geschrieben sind die KI-Texte, als dass die Mehrheit der Zuseher es falsch oder anstößig finden könnte. Zu berückend unbeschwert, weil frei von menschlichen Irritationen und Beschränkungen ist das im Tagesrhythmus servierte Ergebnis. Jedes Video eine glatte Murmel, die ins Säckchen der Kulturbeflissenen wandert. Viele der wohl mehrheitlich älteren Booktube-Zuseher verstehen wohl schlicht und ergreifend gar nicht, dass dort keine Erfahrung geteilt wird, kein ständiges Scheitern an der Vielfalt der Literatur, kein immer wieder neues Versuchen, sich doch individuell mit einem Text auseinanderzusetzen.
Klare Antworten oder gar zielsichere Prognosen bleibt Prechts Buch schuldig und muss es wohl. Zu sehr ist die Kultur der KI mit der politischen Kultur verwachsen. Aber seine essayistischen Analysen haben mich immer unterhalten und oft genug traurig gemacht. Ich bin gespannt darauf, wie sich Kultur, Literatur und schulische Bildung entwickeln. Im Zweifelsfall: Decke über den Kopf und Literatur suchten, den Klassenkampf im Herzen bewahren, sich mit Gleichgesinnten verbinden. Was bleibt sonst?
Richard David Precht hat ein interessantes und gleichermaßen trauriges Essay über den Einfluss von KI auf uns und auf unsere Kultur verfasst. Er erzählt im Rahmen der Demenzerkrankung seines Vaters von der gewissermaßen kulturellen Demenz, die gerade ihren Anfang nimmt. Das, was für mich am wichtigsten war, ist der Verlust des Verstehens dadurch, dass alles erklärt wird (von KI). KI kann für Erkenntnisse keine Gründe angeben und somit geht auch uns diese Fähigkeit immer mehr verloren. Es gibt keine Kausalität mehr, nur Korrelationen, ohne Gründe und Begründungen.
“Wir wissen nicht mehr, was wir zu wissen glauben.”
Wenn Richard Precht in Podcasts auftritt, höre ich ihm gerne zu. Es tut gut, eine Perspektive zu gesellschaftsrelevanten Themen zu erhalten von einer neutralen Person, die nicht im Politikbetrieb involviert ist. Außerdem begründet Precht seinen Positionen stets, er bringt gute Argumente, man merkt, dass er nachgedacht hat und über einen weiten Horizont verfügt.
Auserzählt habe ich gekauft, weil mich der Untertitel neugierig gemacht hat: Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft. Ich hatte einen Essay erwartet, der sich mit Kultur im engeren Sinn beschäftigt. Da ich selber im Kultursektor arbeite, erfahre ich die Auswirkungen von KI auf die verschiedenen Werkbereiche - Text, Bild, Musik, Film, Games - frühzeitig: viele kreative Berufe sind am Aussterben (Übersetzerinnen, Synchronsprecher), stehen kurz davor (Illustratorinnen, Animationsfilmer) oder wandeln sich sehr stark (Musikkomponistinnen, Drehbuchautoren). In den Sektoren, die bleiben (Belletristik, Regie), sind Spitzenkräfte weiterhin gefragt, aber der Mittelbau bricht weg. Übrig bleibt ein breites Feld an Amateuren, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Wer wird in Zukunft einen kreativen Beruf ergreifen, wenn man damit nur im Spitzenfeld Geld verdienen kann?
Prechts Essay setzt sich in einem Kapitel mit dem Einfluss von KI auf den Kulturbetrieb auseinander, in ziemlicher Flughöhe und zu skizzenhaft für mich. In den übrigen Kapiteln geht es um andere Kulturen: um unsere Lesekultur, unsere Verstehenskultur, unsere politische Kultur. Jedes Thema hätte einen eigenen Essay verdient. Der Rundumschlag, zu dem Auserzählt ansetzt, kann als Weckruf verstanden werden, sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen. Die pessimistische Haltung des Autors muss nicht schaden, sie kann auch als Reibungsfläche dienen.
Ich persönlich habe einen Faible für Science Fiction und damit eine grundsätzliche Neugier, was die Zukunft angeht. Sicherlich haben Dystopien ihren Reiz und die "zweite Maschinenrevolution", in der Maschinen nicht die menschliche Hand, sondern den menschlichen Geist ersetzt, eröffnet das Feld für starke Disruptionen. Aber wenn wir in die Geschichte zurückblicken: sind nicht immer die Zeiten der Umbrüche die spannenden Phasen? Sollten wir der KI-Revolution nicht mit einer positiv neugierigen Grundhaltung entgegentreten? Zumindest "Wir waren dabei!" sagen können?
Vielleicht ist die Haltungsfrage eine Frage des Alters. Precht ist über 60. Wir Älteren neigen zu Zukunftspessimismus, das war schon im alten Griechenland so. Meinen Söhnen würde ich Auserzählt deshalb eher nicht empfehlen ;-)
Ein anstrengendes, überhebliches, perspektivlos pessimistisches Essay. Ein klarer, liebevoller und emotionaler Text. Ein aufweckendes Buch.
Die Geschichte über seinen Vater macht das Buch sehr rund und Precht braucht sie dringend für einen versöhnlichen Ausklang nach einem tief pessimistischen, düsteren Essay. Persönlich war mir dieser rote Faden leider stellenweise zu kitschig. Er passt, das muss man dem sterbenden Geist des Vaters, der als Allegorie für eine kulturelle "Devolution" herhalten muss, aber sehr gut in die ebenfalls stellenweise absurd romantisierten Beschreibungen einer Kultur der Nachkriegsgesellschaft. Unbehelligt von freidrehendem Technofaschismus, Smartphones und Massentourismis konnte diese Generation, so Prechts Erzählung, das eigene Menschwerden noch in einer Form erleben, die heute unmöglich geworden ist. Der Text weckt Widerstände, man möchte Precht unentwegt anschreien, muss sich aber oft genug geschlagen geben und seinen Analysen zustimmen.
Precht enthält sich jeglicher guter Ratschläge, nur die Phantasie eines Schulsystems, das Menschen nicht entlang einer kapitalistischen Problemlösungsorientiertheit ausbildet, konnte er sich nicht verkneifen.
Ein treffendes, scharfes, aber leider völlig unproduktives Essay. Vielleicht ganz der Vorstellung des Autors folgend, dass grosse Kunst zweckfrei sein muss.