Ein fesselndes Hörbuch über die Fundamente unserer Heimat
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Der Roman führt uns durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prä von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten. Shida Bazyar gelingt ein virtuoses Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lüge des Neubeginns und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.
„Die Lücken“ ist für mich ein ganz klarer Favorit auf den Deutschen Buchpreis und ich versuche mal zu formulieren, warum das so ist.
Der dritte Roman von Shida Bazyar ist ein monumentales Mosaik deutscher Geschichte, das den Blick nicht abwendet von deutscher Schuld. Am Beispiel des fiktiven Ortes Heimesbach im Hunsrück (die Autorin stammt aus Hermeskeil, einer Kleinstadt, die nicht nur die Lage mit Heimesbach teilt) macht Bazyar die Lücken deutlich, die verdrängte Erinnerungen, allgegenwärtiges Schweigen und ermordete Menschen hinterlassen haben, überall in diesem Land.
Mit seinen zahlreichen Stimmen und Blickwinkeln ist „Die Lücken“ wie ein Puzzle. Es erfordert etwas Mühe, es zusammenzusetzen. Am Ende werden Teile fehlen und dieser Verlust wird schmerzhaft zu spüren sein.
„Und ich bin hier oben und denke, dass alle, die gingen, immer geblieben sind und falls sie zurückkamen, dann kamen sie verändert zurück, und wenn man sie ermordet hatte, dann war der Ort der Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer, wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“
Die erste, die spricht und im Laufe des Romans immer wieder auftauchen wird, ist ein Geist, in der Zwischenwelt in Heimesbach gefangen wie sie es in ihrem Leben war, als Heimesbach eine ungeliebte Station gewesen ist auf dee Flucht aus dem Krieg. Die Erzählerin sieht alle Zeiten zugleich.
Sie sieht Johanna, eine junge Frau aus der kleinen jüdischen Gemeinde im Heimesbach der 20er Jahre, frisch verliebt. Johannas beste Freundin Lore, der alle im Dorf nachschauen. Sie sieht Parvaneh, aus Persien geflohen, die sich nicht an Deutschland gewöhnen will und kann, aber nicht die Möglichkeit zur Rückkehr nach Hause hat. Sie sieht die schwangere Asrin, Kurdin aus dem Iran, die sich ganz allein in diesem fremden Land ins Krankenhaus begibt, um ihr Kind zu gebären, unsicher, aber in Sicherheit. Sie sieht Emil Ackermann, der zurückgekehrt ist an seinen Heimatort, aus dem er im Holocaust vertrieben wurde, um einen Gedenkstein zu besuchen in dem Land, in dem seine Familie ermordet worden ist. „Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit.“
Die Szenen, die Shida Bazyar beschreibt, sind unvergessliche Momentaufnahmen. Sie machen menschliche Leben aus und sie machen einen Ort aus und sie machen Punkte in der Zeit aus, an denen sich Dinge entscheiden. Bazyar entwickelt eine fabelhafte Sprache, eindrücklich, mitreißend, wie ein Sog. Wie in einem Sog vollzieht sich die Geschichte in Kreisen, in Wiederholungen, ist niemals abgeschlossen. Die Parallelen zu unserer Gegenwart sind deutlich zu sehen, machen Angst: die Nationalsozialisten in Heimesbach, die zunächst Spott und Schläge ernten, bis sie die Macht ergreifen, wir kennen solche. „Die Lücken“ rückt auch immer das Augenmerk auf die Nachkriegszeit: auf die Entnazifizierung, die nie stattgefunden hat, auf den Kampf um Reparationen, auf das Raubgut, von dem noch spätere Generationen profitieren. „"Weißt du, was das für Väter waren? Die waren im Krieg und haben getötet. Die kamen nach Hause und haben geprügelt. Die haben gehasst. Mein Vater war kein Entrümpler. Der war Nazi. Der hat verordnet. Und wenn die Häuser leer waren, dann ist er da als erstes hin."“
Ich sehe auf der Longlist viele zeitgemäße Bücher, aber keines so zeitgemäß wie „Die Lücken“.
„Sie werden zu verschiedenen Orten gebracht, deren Namen den Heimesbachern später zu prominent vorkommen, als dass sie glauben wollen, dass ihre ehemaligen Nachbarn dorthin gebracht worden sind. Man ermordet sie in Auschwitz, in Lodz, in Hadamar, in Theresienstadt, in Treblinka und in Chełmno.“
"Was ihn nicht langweilte, waren die Bücher, die er las. So viele Tränen hatte er um Anna Karenina oder um Onkel Tom geweint. Dass Bücher das konnten, dich in eine andere Welt zu tragen, dich zum Weinen zu bringen und dich als neuen Menschen zurück in die echte Welt zu werfen."
"Die Welt war, wie sie war, das war nicht neu, manchmal traf es ihn trotzdem wie eine neue Erkenntnis."
"Die Zusage war der Moment des größten Glücks und beendete das Grübeln darüber, immerzu Opfer des willkürlichen Unrechts des Universums zu sein."
"Ihr Blick glitt die Reihen der Buchstaben entlang, Buchstaben, die Namen ergaben, die Eltern einmal für ihre Kinder gewählt hatten. Jeder Name verbunden mit einer Geburt, mit der Fürsorge, die zwei Menschen für ein hilfloses Wesen aufbrachten, jeder dieser Namen hatte anderen Menschen einmal etwas bedeutet, Menschen, die auch einen Namen hatten. Es brachte niemandem etwas, dass Ella es tat, aber sie las jeden Namen einzeln. Danach las sie nur die Vornamen, so wurden die Menschen gerufen, als man noch nach ihnen gerufen hatte, das Essen war fertig und man rief nach einer Johanna, man rief nach einem Ludwig, nach einer Friederike. Jeder Name erzählte eine der Geschichten, die sie schon vernommen hatte, als sie zum ersten Mal durch den Ort gefahren war, nur waren die Geschichten zu leise, ergaben auch jetzt nichts weiter als ein Raunen, das zwischen und über allem lag. Man fragt nicht nach einem Raunen, man denkt, dass man es sich eingebildet hätte und vergisst es wieder."
"Sein Sohn fiel hin, natürlich fiel er hin, das gehörte dazu. Er weinte und Azad verkniff es sich zu sagen, dass lungen nicht weinen und dass er sich nicht so anstellen solle. Mit solchen Satzen, diesem Irrglauben waren er und die anderen Männer seiner Generation aufgewachsen. Was wäre aus Iran geworden, wenn sie nicht auch noch den Frauen gesagt hätten, sie sollten sich nicht so anstellen. Wenn sie ihren Widerstand gegen die Kopftuchpflicht ernst genommen hätten. Versuch mal, jemandem zu sagen, er solle sich nicht so anstellen, wenn er gesteinigt wird, weil er geliebt hat; oder »Jungs weinen nicht«, wenn jemand getötet wird, weil er seine Meinung laut ausspricht. Der verheiratet wird, weil er neun Jahre alt ist und niemand da ist, der ihn schützt. Dahin hatte sie all der Irrglaube gebracht. Und was hatten sie jetzt? Lauter weinende Männer, im Inland wie im Ausland."
"Wenn abends alles leer und verlassen war, schien es ihm, als würde das Gebäude ansetzen wollen zu einer Rede, die nie gehalten wurde, als würde es Luft holen und dann stocken."
Der Titel "Die Lücken" ist wörtlich zu nehmen. Die verschiedenen Zeitschichten und Perspektiven rund um die verdrängte Dorfgeschichte des fiktiven Ortes greifen zwar thematisch ineinander und erzeugen ein Gesamtbild des Schweigens und der Erinnerung, aber die Leerstellen, Unschärfen und Fragen bleiben gewollt bestehen.
Sprachlich überzeugend und mit starkem Auftakt, verliert sich der Roman im weiteren Verlauf leider in seinen eigenen Erzählsträngen. Die vielschichtigen Perspektiven und Mosaikteilchen der einzelnen Figuren wirken zunehmend unübersichtlich und nehmen dem Buch den Lesefluss, wodurch man zunehmend ins Stocken gerät. Wer eine klassisch strukturierte Handlung erwartet oder Erzählmosaike, die am Ende zusammengefügt werden, könnte hier schnell die Geduld verlieren.
Stand 08.09.2026: Auf der Shortlist!! Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2026!!
Ich habe eigentlich erst vor knapp 1 ½ Jahre durch Zufall festgestellt, dass ich Fan von Shida Bazyar bin. „Nachts Ist Es Leise In Teheran“ habe ich vor ziemlich genau zehn Jahren gelesen, dann Ende 2024 „Drei Kameradinnen“ (und auch geliebt), aber nicht gemerkt, dass es die gleiche Autorin ist – bis ich dann das Buch beim Buchstaben B …. ins Regal gestellt habe. Huch, neue Lieblingsautorin und jetzt „Die Lücken“ …. Ich war so krass gehyped, daher erstmal 1.000 Dank an NetGalley und den KiWi-Verlag, dass ich das Buch vorab lesen durfte. Was ich im Urlaub getan habe.
Irgendwo habe ich den Satz gelesen, dass Bazyar mit diesem Buch ein Erzählmosaik gelungen ist und das ist einfach so eine treffende Beschreibung und es ist auch so lustig, weil ich neulich durch Zufall auf Instagram in einen Algorithmus zu #mosaicart geraten bin und da macht eine Frau aus Glasscherben Bilder und genau DAS ist „Die Lücken“.
Bazyar macht aus vielen Einzelteilen, aus einzelnen Anekdoten, Geschichten und Erinnerungen der letzten 100 Jahre des fiktiven Dorfes Heimesbach ein fast (fast, weil natürlich bleiben die titelgebenden Lücken) komplettes Bild unserer Gesellschaft. Ungeschönt, wie man sagt. Das Buch ist die bittere Realität aber auch eingängig, es macht mich alles so nachdenklich und es fühlte sich auch gar nicht wie 500 Seiten an. Man fliegt durch die Zeit und die Seiten und die Geschichte(n) und die Menschen und ich denke wirklich noch immer über alles nach.
Ich komme aus einer etwas größeren Kleinstadt als Heimesbach und habe mir dann mal die Internet- und Wikipediaseite angeschaut; ein Eintrag zu 1929 und dann geht es mit den 60er Jahren weiter und auf der Internetseite findet sich überhaupt keine Stadtchronik und da ich mit der Bürgermeisterin Abitur gemacht habe, habe ich mir vorgenommen, da mal nachzuhaken.
Wer vorab überlegt, ob „Die Lücken“ etwas für sie oder ihn ist, dem empfehle ich die Kurz-Rezension von Denis Scheck (HIER). Er bringt das Buch wunderbar treffend auf den Punkt.
Für mich wird sich auf alle Fälle ein re-read des Buches lohnen und ich freu mich schon drauf; es gibt so viele kleine Kleinigkeiten, die ich noch mal vollumfänglich erfassen will und ich werde mir auch eine analoge Ausgabe für’s Regal kaufen, damit beim Buchstaben B dann drei Bücher von Shida Bazyar stehen.
Und ab jetzt: Daumen drücken für den Buchpreis 2026.
Manchmal merkt man schon nach wenigen Seiten, dass man gerade ein besonderes Buch in der Hand hält. Bei Die Lücken von Shida Bazyar ging es mir genau so.
Ich bin durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis auf das Buch aufmerksam geworden. Und ich bin wirklich unfassbar dankbar dafür, denn sonst wäre mir womöglich eines meiner bisherigen Jahreshighlights entgangen.
Im Mittelpunkt von Die Lücken steht Heimesbach, ein fiktiver Ort im Hunsrück. Über einen Zeitraum von rund neunzig Jahren erzählt Bazyar von den Menschen, die dort gelebt haben, von Familien, Häusern und gesellschaftlichen Veränderungen und vor allem von den Dingen, über die später lieber nicht mehr gesprochen wird. Wir begegnen unter anderem jüdischen Familien, die während des Nationalsozialismus verfolgt, beraubt und vertrieben werden, Menschen, die von dieser Verfolgung profitieren und ihre eigene Rolle später anders erzählen, sowie Jahrzehnte später aus dem Iran geflüchteten Familien, für die ausgerechnet dieser Ort zu einem Zufluchtsort wird. Allein diese Konstruktion finde ich wahnsinnig stark.
Heimesbach ist dadurch nie einfach nur ein Schauplatz. Der Ort selbst wird zum eigentlichen Zentrum des Romans. Häuser wechseln ihre Besitzer*innen, Menschen kommen und gehen, Dinge werden vererbt, verkauft, geraubt oder irgendwann auf Dachböden wiedergefunden. Erinnerungen verändern sich. Geschichten werden weitererzählt oder eben bewusst nicht weitererzählt. Und aus all diesen einzelnen Fragmenten entsteht nach und nach etwas, das viel größer ist als die Geschichte einer einzelnen Familie.
Bazyar stellt dabei eine vermeintlich einfache Frage: Was bedeutet eigentlich Heimat, wenn man weiß, auf welcher Geschichte diese Heimat aufgebaut wurde? Genau diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart hat mich unglaublich beeindruckt. Der Roman erzählt nicht einfach erst von der NS-Zeit und anschließend von Migration. Die verschiedenen Zeiten treten miteinander in Beziehung. Derselbe Ort, aus dem Menschen ausgeschlossen wurden, kann Jahrzehnte später anderen Menschen Schutz bieten. Häuser und Gegenstände tragen ihre Vergangenheit weiter, auch wenn diejenigen, die heute darin leben, nichts davon wissen. Dabei macht Bazyar etwas, das ich literarisch besonders beeindruckend fand: Sie zwingt diese Parallelen nicht in eine einfache Gleichsetzung. Es geht nicht darum zu behaupten, unterschiedliche historische Erfahrungen seien dasselbe. Stattdessen zeigt sie Strukturen des Erinnerns, Verdrängens, Zugehörens und Ausschließens und lässt die einzelnen Geschichten nebeneinanderstehen. Dadurch entstehen Verbindungen, ohne dass die Unterschiede zwischen ihnen verschwinden.
Besonders beeindruckt hat mich aber wahrscheinlich wie dieses Buch erzählt wird. Wir bewegen uns durch unterschiedliche Jahrzehnte, Figuren und Orte. Der Roman springt durch die Geschichte Heimesbachs und wechselt immer wieder die Perspektive. Die einzelnen Menschen kommen teilweise nur für begrenzte Zeit in den Vordergrund, andere tauchen später wieder auf oder hinterlassen Spuren, deren Bedeutung erst nach und nach sichtbar wird. Zusammengehalten wird das Ganze von einer ungewöhnlichen Erzählerin: einer bereits verstorbenen Frau, die selbst in den 1990er-Jahren als Geflüchtete in Heimesbach gelebt hat und nun durch Zeiten und Gedanken dieses Ortes wandert.
So ein Aufbau hätte unglaublich schnell unübersichtlich werden können. Bei mir war genau das Gegenteil der Fall. Was Bazyar für mich wirklich außergewöhnlich gut kann, ist, innerhalb weniger Sätze einen Ort entstehen zu lassen. Wir wechseln die Zeit, wechseln die Figuren, stehen plötzlich in einem anderen Haus oder befinden uns in einer völlig anderen gesellschaftlichen Situation und trotzdem brauchte ich fast nie lange, um mich wieder einzufinden. Nach wenigen Sätzen hatte ich das Gefühl, diesen Ort zu verstehen. Noch beeindruckender war aber, dass sich dieses Verständnis mit jedem neuen Kapitel weiter verändert hat. Schon auf den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, Heimesbach zu kennen. Und trotzdem lernte ich dieses Heimesbach auf den nächsten 500 Seiten immer wieder neu kennen.
Ein Haus, das zunächst einfach ein Haus ist, bekommt irgendwann Geschichte. Ein Grundstück ist nicht mehr nur ein Grundstück. Eine Familie existiert plötzlich in einer Verbindung zu einer anderen, von der sie vielleicht selbst gar nichts weiß. Und vermeintlich nebensächliche Informationen beginnen, sich in ein immer größeres Bild einzufügen.
Genau das meine ich, wenn ich Bazyars Schreiben als aufmerksam empfinde. Sie scheint sich dafür zu interessieren, was zwischen den großen historischen Ereignissen passiert. Was Menschen sagen. Was sie verschweigen. Wie sie ihre eigenen Entscheidungen rückblickend erklären. Was Kinder von ihren Eltern erfahren und was nicht. Wie selbstverständlich Menschen von Dingen profitieren können, deren Vorgeschichte sie entweder nicht kennen oder lieber nicht kennen möchten. Dabei schreibt sie erstaunlich sensibel. Gerade bei den historischen Themen hätte der Roman sehr schnell didaktisch wirken können. Aber ich hatte fast nie das Gefühl, dass Bazyar mir eine fertige Interpretation vorlegt und anschließend erklärt, was ich daraus lernen soll. Sie vertraut ihren Figuren, ihren Szenen und den Verbindungen zwischen ihnen.
Ein Beispiel dafür ist die Geschichte um ein Grundstück einer jüdischen Familie, auf dem gegen ihren Willen eine Schule entsteht. Bazyar orientiert sich hier an realen Ereignissen aus Hermeskeil, das als Inspiration für das fiktive Heimesbach diente. Das Verstörende daran entsteht nicht durch eine große dramatische Rede, sondern durch die nüchterne Erkenntnis, wie selbstverständlich Unrecht irgendwann Teil einer ganz normalen Ortsgeschichte werden kann. Genau solche Momente sind es, die vermutlich noch lange in mir nachhallen werden. Denn Die Lücken beschäftigt sich eben nicht nur mit der offensichtlichen Frage, wer Täter*in und wer Opfer war. Es interessiert sich auch dafür, was danach passiert. Wer besitzt später das Haus?Wer benutzt den Gegenstand? Wer erzählt welche Geschichte über die eigenen Eltern oder Großeltern? Wer fragt nach? Und wer entscheidet irgendwann einfach, dass etwas lange genug her ist?
Der Titel wird dadurch immer bedeutungsvoller. Diese Lücken befinden sich nicht nur in Geschichtsbüchern. Sie liegen zwischen Generationen, in Familienerzählungen, in Häusern und Biografien. Manche entstehen, weil niemand mehr etwas wissen kann. Andere entstehen, weil niemand etwas wissen will. Diese Unterscheidung fand ich enorm stark.
Auch sprachlich hat mich Bazyar komplett überzeugt. Ihr Stil wirkt auf mich gleichzeitig präzise und sehr menschlich. Es gibt wunderschöne Beobachtungen, ohne dass der Roman permanent versucht, besonders bedeutungsschwer zu klingen. Selbst bei sehr ernsten Themen bleiben die Figuren Menschen mit Eigenheiten, Widersprüchen und manchmal auch ziemlich banalen Gedanken. Gerade dadurch hat der Roman bei mir emotional funktioniert.
Ich hatte nie das Gefühl, historische Stellvertreterfiguren zu lesen, die lediglich eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Position verkörpern sollen. Die Menschen in Heimesbach bleiben kompliziert. Manche verhalten sich feige. Andere helfen. Manche profitieren von Dingen, über deren Herkunft sie kaum nachdenken. Manche erzählen sich ihre Vergangenheit so lange auf eine bestimmte Weise, bis diese Version zur Wahrheit geworden ist. Und trotzdem behandelt Bazyar ihre Figuren nicht mit Verachtung.
Das bedeutet keineswegs, dass sie alles entschuldigt. Im Gegenteil. Gerade weil sie so genau hinsieht, werden Verantwortung und Verdrängung teilweise umso unangenehmer sichtbar.
Wenn ich überhaupt etwas kritisieren möchte, dann wahrscheinlich, dass dieser Aufbau auch Aufmerksamkeit verlangt. Es gibt sehr viele Figuren, Familienverbindungen, Zeitebenen und wiederkehrende Orte. Der Roman erzählt nicht streng chronologisch und liefert einem nicht immer sofort eine Erklärung dafür, warum eine bestimmte Person oder Episode gerade wichtig ist. Man muss bereit sein, Verbindungen im Kopf zu behalten und manchmal auch eine Weile auszuhalten, noch nicht zu wissen, wohin eine Geschichte führt.
Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass manche Leser*innen gerade zu Beginn Schwierigkeiten haben, sich in dieser Vielzahl an Stimmen zurechtzufinden. Auch der Umfang von über 500 Seiten ist nicht unbedingt gering. Einzelne Passagen hätte man vermutlich straffen können, ohne dass die grundsätzliche Aussage verloren gegangen wäre. Nur wäre der Roman dann vielleicht eben auch nicht dasselbe Buch. Denn gerade diese Fülle hat für mich dafür gesorgt, dass Heimesbach irgendwann nicht mehr wie ein erfundener literarischer Ort wirkte. Ich hatte das Gefühl, dort gewesen zu sein. Menschen zu kennen, die dort gelebt haben. Häuser wiederzuerkennen. Und zu verstehen, dass jeder Blick auf diesen Ort nur einen winzigen Ausschnitt seiner Geschichte erfasst. Das ist eine enorme literarische Leistung.
Vielleicht erklärt das auch, warum mich das Buch so nachhaltig beeindruckt hat: Bazyar schreibt über große Begriffe wie Heimat, Erinnerung, Verantwortung und Verdrängung, ohne dass diese jemals abstrakt bleiben. Sie zeigt sie an Menschen. An Häusern. An Familien. An einem Dorf. Und plötzlich versteht man, wie Geschichte nicht einfach irgendwann vorbei ist, sondern sich in der Gegenwart fortsetzt. Manchmal sichtbar und manchmal eben nur in den Lücken.
Ich habe Die Lücken über die Longlist des Deutschen Buchpreises entdeckt und kann natürlich nicht beurteilen, wie es im Vergleich zu den anderen nominierten Romanen abschneidet, weil ich diese noch nicht gelesen habe. Aber nach diesem Buch fällt es mir ehrlich gesagt schwer, mir vorzustellen, was es noch übertreffen soll.
„Die Lücken“ ist für mich ein sehr heißer Anwärter auf den Deutschen Buchpreis. Selten habe ich einen Roman gelesen, der sprachlich so präzise ist und gleichzeitig derart viele historische und gesellschaftliche Zusammenhänge miteinander verknüpft. Shida Bazyar schafft es, komplexe Sachverhalte in wenigen Sätzen auf ihre Essenz herunterzubrechen. Dabei erzählt sie nicht einfach von einem kleinen Ort im Hunsrück, sondern legt anhand dieses Ortes Strukturen frei, die weit über ihn hinausreichen.
Mich hat beeindruckt, wie deutlich der Roman zeigt, dass die Zeit des Nationalsozialismus keineswegs abgeschlossen hinter uns liegt. Ihre Spuren sind überall vorhanden, manchmal sichtbar, viel häufiger jedoch so sehr in den Alltag integriert, dass sie kaum noch wahrgenommen werden. Ein ehemaliger jüdischer Friedhof wird zur unscheinbaren Wiese, irgendwo in einem alten Schrank hängt noch eine Wehrmachtsuniform und in den Köpfen leben Vorstellungen weiter, deren Herkunft kaum noch hinterfragt wird. Gerade diese vermeintlich kleinen Beobachtungen fand ich enorm wirkungsvoll. Bazyar macht deutlich, wie sich Denkweisen über Generationen fortsetzen und wie eng historische nationalsozialistische Vorstellungen mit Rassismus und Ausgrenzung in der Gegenwart verbunden sind.
Sprachlich ist der Roman für mich herausragend - gleichzeitig aber auch alles andere als leicht zu lesen. Die Handlung verläuft nicht linear, es gibt zahlreiche Zeitsprünge und eine große Anzahl an Figuren. Immer wieder musste ich überlegen, ob mir ein Name bereits begegnet war und in welchem Zusammenhang. Eine Übersicht über die Familien und ihre Beziehungen hätte mir beim Lesen durchaus geholfen.
Allerdings, fand ich, liegt genau darin auch eine der großen Stärken des Romans. Erst nach und nach erkennt man Verbindungen zwischen Figuren, deren Geschichten zunächst völlig unabhängig voneinander erscheinen. Manchmal genügt ein Nachname, der erst viel später genannt wird, und plötzlich fügen sich zwei zuvor getrennte Erzählstränge zusammen. Diese Momente haben mein Verständnis einzelner Figuren mehrfach vollkommen verändert. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, aber gleichzeitig auch so unglaublich spannend.
Interessanterweise blieben mir vor allem die Figuren im Gedächtnis, zu denen ich eine emotionale Verbindung aufbauen konnte. Viele der Menschen, die vom Nationalsozialismus profitierten, mitmachten oder später ihre eigene Rolle kleinredeten, verschwammen für mich dagegen zunehmend miteinander. Was für mich anfangs das Lesen und Verstehen schwierig machte, erschien mir im Laufe des Romans aber sogar sehr passend. Es waren ab einem bestimmten Zeitpunkt eben nicht mehr die Nachbarn XY, sondern ein einziger, wütender Mob in dem jede Individualität unerwünscht war.
„Die Lücken“ ist kein Roman, den man nebenbei liest. Er fordert Konzentration und verlangt seinen Leser*innen einiges ab. Dafür bekommt man aber ein sprachlich beeindruckendes und gesellschaftlich relevantes Buch, das zeigt, wie Vergangenheit in Familien, Orten und Denkweisen weiterlebt. Gerade weil es dabei keine einfachen Antworten liefert, hat es mich nachhaltig beschäftigt.
Meine Empfehlung geht an alle, die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur mögen und bereit sind, sich auf eine komplexe Erzählstruktur einzulassen. Für mich ist „Die Lücken“ ein außergewöhnlicher Roman, der deutsche Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes betrachtet, sondern danach fragt, wo sie bis heute weiterwirkt. Ein forderndes, kluges und für mich äußerst eindrucksvolles Buch.
Im Mittelpunkt dieses Buches steht Heimesbach im Hunsrück, ein fiktiver Ort, bestehend aus einem Dorfkern mit Kirche, Friedhof und ein paar Geschäften. Hier wird die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts in vielen Kapiteln erzählt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Menschen, sondern auch Taten, Gebäude und Feste. Einst lebten in diesem Ort Christen, Juden, Atheisten, Muslime und Menschen anderer Glaubensrichtungen zusammen. Während des NS-Regimes ist man jedoch stolz darauf, „judenfrei“ zu sein. Später ist es dasselbe Dorf, das Flüchtlinge aus dem Iran aufnimmt und ihnen ein neues Zuhause gibt.
In vielen, teilweise sehr langen Kapiteln lernen wir – zeitlich immer wieder springend – ganz unterschiedliche Menschen kennen: Anni etwa, die im Altenheim lebt und die Kinder kritisiert, die ihr zu Weihnachten Lieder vorsingen. Oder Stefan, der 1998 gemeinsam mit seinen Klassenkameraden ein Zelt anzündet, in dem Menschen schlafen. Und Johanna, die sich 1920 unsterblich verliebt.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Viele der Figuren begegnen uns später noch einmal, und wir erfahren, was aus ihnen geworden ist. Das hat mir gut gefallen, denn gerade bei Kurzgeschichten geht es mir oft so, dass ich von einzelnen Personen oder Geschichten gerne mehr erfahren würde. Gleichzeitig interessieren mich manche Episoden schlichtweg weniger oder ich finde sie langweilig. So ging es mir leider auch hier.
Es gibt immer wieder kleine Momente, die mir gefallen haben – etwa die Hühnersprache oder die Erinnerungen an Kindergeburtstage. Trotzdem war mir das Buch insgesamt etwas zu politisch und auch zu lang. Sprachlich ist es zweifellos brillant, allerdings empfand ich den Einstieg als ziemlich sperrig und auch im weiteren Verlauf konnte mich die Geschichte nicht durchgehend fesseln.
Fazit: Wichtige Themen, die nicht vergessen werden dürfen. Für mich jedoch zu politisch und nicht durchgehend fesselnd. Sprachlich brillant, zu Beginn sehr sperrig. Chancen auf den Buchpreis? Bestimmt. Die Jury liebt schließlich etwas sperrige, politische und literarische Bücher. 3,5/5
„Die Lücken“ ist ein ganz besonderes, großes Buch, dessen Lektüre man so schnell (hoffentlich) nicht vergisst. Auf einzigartige Weise erzählt Shida Bazyar fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte anhand des fiktiven Ortes Heimesbach, der durchaus Parallelen zu einem realen Ort im Hunsrück erkennen lässt. Vor allem aber füllt Bazyar Lücken: Sie erzählt von den jüdischen Menschen im Ort, davon, wie Nachbar und Freund, und schließlich ein ganzes Dorf, allzu bereitwillig mitmachen oder zumindest schweigen und wegschauen, während die Gräueltaten immer weiter zunehmen. Sie erzählt aber auch davon, wie schwer es ist, nach Flucht und Verfolgung in den 80er- und 90er-Jahren in Deutschland anzukommen. Von Heimat, Träumen und Ängsten. Und von einer Erinnerungskultur im Täterland, die an vielen Stellen mehr als fragwürdig erscheint. Mit „Die Lücken“ hat Bazyar ein erschreckend aktuelles Meisterwerk geschaffen, das private und politische Geschichte miteinander verwebt. Die Lektüre ist nicht immer einfach: Wir springen zwischen Zeiten, Geschichten und Figuren. Die Zusammenhänge sind vielschichtig, dicht verwoben und nicht immer sofort greifbar. Doch wer sich darauf einlässt und dranbleibt, wird, auch sprachlich, auf eindrucksvolle Weise belohnt. Fazit: Ein großartiges, wichtiges Buch, das herausfordert und berührt und vor allem lange im Gedächtnis bleibt. Eine ganz große Empfehlung!