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Glaszeit
Überlebensgroß. Auf einem Werbedisplay in der unterirdischen Taipei Mall. So sieht die junge Ärztin Novana ihre Mutter wieder, die taiwanische Künstlerin March. Achtzehn Jahre ist es her, dass March sie ohne jede Erklärung in Deutschland zurückließ.
Alles, was Novanas Leben zuletzt bestimmt hat, verblasst angesichts dieses unerwarteten Wiedersehens: ihr Wunsch nach einem Neuanfang, der sie aus Köln weggehen ließ. Der Alltag auf der Neugeborenen-Intensivstation in Taipei. Die Nächte, in denen sie schlaflos durch die Millionenstadt streift.
Dann lernt Novana auf einem Karaokeabend Sihan kennen. Eine furchtlose Aktivistin – lebendig, entschlossen. Novana fühlt sich zu ihr hingezogen, und etwas, das längst verloren schien, kehrt in ihr Leben zurück: die Möglichkeit von Nähe.
Alles, was Novanas Leben zuletzt bestimmt hat, verblasst angesichts dieses unerwarteten Wiedersehens: ihr Wunsch nach einem Neuanfang, der sie aus Köln weggehen ließ. Der Alltag auf der Neugeborenen-Intensivstation in Taipei. Die Nächte, in denen sie schlaflos durch die Millionenstadt streift.
Dann lernt Novana auf einem Karaokeabend Sihan kennen. Eine furchtlose Aktivistin – lebendig, entschlossen. Novana fühlt sich zu ihr hingezogen, und etwas, das längst verloren schien, kehrt in ihr Leben zurück: die Möglichkeit von Nähe.
- GenresQueerGerman Literature
289 pages, Kindle Edition
First published August 19, 2026
About the author
Leh-Wei Liao
2 books3 followersLeh-Wei Liao [ˈlə wɛɪ̯ liaʊ̯], geboren 1993 in Göttingen, ist Ärztin und studiert zurzeit Bildende Kunst in Kassel. Seit 2022 schreibt sie und hat seither in zahlreichen Literaturzeitschriften veröffentlicht, u.a in »Jenny« und »Edit«. 2024 war sie Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung und der Kölner Schmiede. »Glaszeit« ist ihr erster Roman.
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Displaying 1 - 13 of 13 reviews
August 22, 2026
The First Cut Is The Deepest –
Der Cut ist das Ereignis des Buches.
In seiner Komposition, die einer Musikpartitur gleicht, wird es selbst zu diesem Ereignis.
Liao, Leh-Wei bedient sich hierbei mehrerer Register und Ebenen.
Eine retrospektiv erzählende Icherzählerin steigt mit einem Schockmoment in das Buch ein, der direkt einen Flashback evoziert.
„ Als ich M. An einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet […] M. Sitzt auf einem Steinboden […] M. Lächelt. Streicht mir übers Haar. [… ] Ich bin drei.M. Wendet sich von mir ab, meine Hand greift ins Leere. Ich bin sechs. Ich bin acht. Das Orange in meiner Faust, rau […] Arme umschließen meinen Körper. […] Nudeln, Koriander,Zimt, Anis, Rindfleisch, Zucker.“
Ich habe das etwas zusammengeschnitten, um das direkte Eintauchen in diese Bewusstseinswelt herauszustellen.
Wir wabern eine ganze Weile etwas diffus mit der Erzählerin herum, bis sich das Bild besser zusammensetzt.
Wird die persönliche Ebene bespielt, lebt die Sprache von den im Zitat veranschaulichten Brüchen und assoziativem Gleiten zwischen Erinnerungen der Kindheit und der näheren Vergangenheit als Erwachsene in Taiwan.
Sie durchlebt ihre Kindheit in isolierten Standbildern.
Von Beginn an ist klar, hier spricht ein Mensch der Verlust erlitten, Angst vor dem Verschwinden hat und keinen emotionalen Zugang zu sich und seinen Erinnerungen findet. Daher bleibt das Erzählte stets in einem ehr nüchternen, neutralen Ton.
Dennoch schwingt bei allem eine enorme Intensität mit. Und diese bindet sie an Geräusche, Klänge, Gerüche – Sinneseindrücke. Sie dienen oft als Überleitung oder sogar Symbolik für ihren Emotionsstau.
Die erwähnte Latenzzeit, überträgt sie kompositorisch, als Rhythmus auf das Erzählte.
Das Buch bleibt weitestgehend in dieser assoziativen Schreibweise. Es gibt auch kaum direkte Rede.
Der Berufsalltag der Erzählerin, auf einer Intensivstation für Neugeborene, bringt eine zusätzliche Ebene hinein. Hier bedient sie sich präziser medizinischer Sprache. Alles ist auf Funktionalität und Überleben der Säuglinge ausgerichtet. Dies sind sehr verdichtete Stellen des Romans, die eine Zerreißprobe der Belastbarkeit darstellen – zwischen Zeitdruck, Fragilität und ethisch-sozialer Verantwortung.
Zudem zieht Liao, Leh-Wei eine dritte Ebene, die politische ein.
„Trump hatte nun nicht nur chinesische Billigwaren mit Zöllen belegt, auch Taiwan litt unter den hohen US-amerikanischen Strafzöllen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wollte Taiwan nicht mit Gegenzöllen antworten, Präsident Lai hatte sogar angekündigt, verstärkt amerikanische Waffen zu kaufen. Ich dachte daran, dass ich im Notfall wieder zurückkönnte. Die Werbung lief weitere fünf Sekunden, bevor ich wieder auf dem Scrabblefeld landete. Ex. Vierundzwanzig Punkte. In einer neuen Buchstabenreihe fand ich ein T, ein O und ein D und hängte es an ein bestehendes Wort an. Sprachtod. Die eingebaute Dudenfunktion erkannte es. Der Sprachtod bezeichnet den Prozess des Sterbens einer Sprache. Er entsteht häufig in Situationen von Sprachkontakt, in denen zwei oder mehr Sprachen in einer Gesellschaft miteinander konkurrieren. Sprachtod muss von dem seltener gebrauchten Begriff Linguizid unterschieden werden, einem provozierten Sprachtod, der insbesondere in kolonialen Zusammenhängen vorkommt.
Die nationale Unabhängigkeit zu verlieren, geht eng mit dem Verlust der Sprache einher. Sie thematisiert diesen Bruch an einer anderen Stelle, an der sie davon spricht, dass die Großmutter chinesisch sprechend und der Großvater japanisch sprechend ausgewachsen sei und man daher kaum miteinander redete. Ohne dass sie einen Exkurs über den historischen Kontext startet, reichen die paar Einsprengsel in Verbindung mit dem Verhalten, Aussprüchen von M. und einigen anderen Situationen aus, um ein Bild zu zeichnen.
Stirbt die Sprache, stirbt ein ganzer Teil die Welt mit ihren Zwischentönen wahrzunehmen. Es stirbt die Handlungsfähigkeit, Schmerz zu bearbeiten. Wir werden stumm gegenüber unserer eigenen Geschichte. Der Schnitt.
Im Studium hatte sie von einem zwanzigjährigen Kommilitonen erfahren, der sich aus Protest zu einer geplanten Schulbuchreform das Leben genommen hatte. Es war darum gegangen, die Schulbücher umzuschreiben. Ein Eingriff in die Geschichtsschreibung Taiwans. Die wesentliche Fragestellung, ob Taiwan jemals zu China gehört habe, sollte in den neuen Büchern bejaht werden. Und damit, sagte Sihan, stehe und falle alles. Ein Lächeln kurz vor dem Tod. Ich versuchte es mir vorzustellen. Es gelang mir nicht. Ein Student, zwanzig Jahre alt, und diese drastische Geste gegen das Vergessen. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Dass es hoffentlich nicht umsonst gewesen sein würde, sagte ich leise.
Die politische Ebene zieht eine Bedrohung ein, die wie ein Basston mitschwingt. Da sie diese Ebene immer mit in eine andere, die der Sprache (die als Wiederholungscharakter, wie das Motiv des Spiegels, immer wieder auftaucht) und des Persönlichen zieht, bleibt sie im Assoziativen. Daher bilden sich daraus keine erklärenden, didaktischen oder ideologische Exkurse, wie es mich an so vielen anderen Gegenwartsliteraturen anätzt. Hier zählt der Kontext des Gefühls der Erzählerin.
Das Ereignis des Bruchs, der Angst des Verschwindens bleibt motivisch im Vordergrund.
Und mehr möchte ich zu dem Buch gar nicht sagen. Ich lasse ganz bewusst konkreten Inhalt weg, da ich finde, dass dieses Buch so naiv wie möglich erfahren werden sollte. Ich bin von der Komposition immens beeindruckt.
Denn der entscheidende Cut für M. bleibt das Herzstück des Romans, an dem sich die Icherzählerin abarbeitet.
I’ll try….
Dieses Ringen, nicht die Verbindung zu verlieren, ist das schmerzvoll Schönste, das mir seit langem ein Buch der Gegenwartsliteratur schenken konnte.
„Der Horizont als unmögliche Begegnung; auf keinen Fall sei er mit einem Strich darzustellen, der ausschließlich trennen würde.“
Auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2026.
Der Cut ist das Ereignis des Buches.
In seiner Komposition, die einer Musikpartitur gleicht, wird es selbst zu diesem Ereignis.
Liao, Leh-Wei bedient sich hierbei mehrerer Register und Ebenen.
Eine retrospektiv erzählende Icherzählerin steigt mit einem Schockmoment in das Buch ein, der direkt einen Flashback evoziert.
„ Als ich M. An einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet […] M. Sitzt auf einem Steinboden […] M. Lächelt. Streicht mir übers Haar. [… ] Ich bin drei.M. Wendet sich von mir ab, meine Hand greift ins Leere. Ich bin sechs. Ich bin acht. Das Orange in meiner Faust, rau […] Arme umschließen meinen Körper. […] Nudeln, Koriander,Zimt, Anis, Rindfleisch, Zucker.“
Ich habe das etwas zusammengeschnitten, um das direkte Eintauchen in diese Bewusstseinswelt herauszustellen.
Wir wabern eine ganze Weile etwas diffus mit der Erzählerin herum, bis sich das Bild besser zusammensetzt.
Wird die persönliche Ebene bespielt, lebt die Sprache von den im Zitat veranschaulichten Brüchen und assoziativem Gleiten zwischen Erinnerungen der Kindheit und der näheren Vergangenheit als Erwachsene in Taiwan.
Sie durchlebt ihre Kindheit in isolierten Standbildern.
Von Beginn an ist klar, hier spricht ein Mensch der Verlust erlitten, Angst vor dem Verschwinden hat und keinen emotionalen Zugang zu sich und seinen Erinnerungen findet. Daher bleibt das Erzählte stets in einem ehr nüchternen, neutralen Ton.
Dennoch schwingt bei allem eine enorme Intensität mit. Und diese bindet sie an Geräusche, Klänge, Gerüche – Sinneseindrücke. Sie dienen oft als Überleitung oder sogar Symbolik für ihren Emotionsstau.
Die erwähnte Latenzzeit, überträgt sie kompositorisch, als Rhythmus auf das Erzählte.
Das Buch bleibt weitestgehend in dieser assoziativen Schreibweise. Es gibt auch kaum direkte Rede.
Der Berufsalltag der Erzählerin, auf einer Intensivstation für Neugeborene, bringt eine zusätzliche Ebene hinein. Hier bedient sie sich präziser medizinischer Sprache. Alles ist auf Funktionalität und Überleben der Säuglinge ausgerichtet. Dies sind sehr verdichtete Stellen des Romans, die eine Zerreißprobe der Belastbarkeit darstellen – zwischen Zeitdruck, Fragilität und ethisch-sozialer Verantwortung.
Zudem zieht Liao, Leh-Wei eine dritte Ebene, die politische ein.
„Trump hatte nun nicht nur chinesische Billigwaren mit Zöllen belegt, auch Taiwan litt unter den hohen US-amerikanischen Strafzöllen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wollte Taiwan nicht mit Gegenzöllen antworten, Präsident Lai hatte sogar angekündigt, verstärkt amerikanische Waffen zu kaufen. Ich dachte daran, dass ich im Notfall wieder zurückkönnte. Die Werbung lief weitere fünf Sekunden, bevor ich wieder auf dem Scrabblefeld landete. Ex. Vierundzwanzig Punkte. In einer neuen Buchstabenreihe fand ich ein T, ein O und ein D und hängte es an ein bestehendes Wort an. Sprachtod. Die eingebaute Dudenfunktion erkannte es. Der Sprachtod bezeichnet den Prozess des Sterbens einer Sprache. Er entsteht häufig in Situationen von Sprachkontakt, in denen zwei oder mehr Sprachen in einer Gesellschaft miteinander konkurrieren. Sprachtod muss von dem seltener gebrauchten Begriff Linguizid unterschieden werden, einem provozierten Sprachtod, der insbesondere in kolonialen Zusammenhängen vorkommt.
Die nationale Unabhängigkeit zu verlieren, geht eng mit dem Verlust der Sprache einher. Sie thematisiert diesen Bruch an einer anderen Stelle, an der sie davon spricht, dass die Großmutter chinesisch sprechend und der Großvater japanisch sprechend ausgewachsen sei und man daher kaum miteinander redete. Ohne dass sie einen Exkurs über den historischen Kontext startet, reichen die paar Einsprengsel in Verbindung mit dem Verhalten, Aussprüchen von M. und einigen anderen Situationen aus, um ein Bild zu zeichnen.
Stirbt die Sprache, stirbt ein ganzer Teil die Welt mit ihren Zwischentönen wahrzunehmen. Es stirbt die Handlungsfähigkeit, Schmerz zu bearbeiten. Wir werden stumm gegenüber unserer eigenen Geschichte. Der Schnitt.
Im Studium hatte sie von einem zwanzigjährigen Kommilitonen erfahren, der sich aus Protest zu einer geplanten Schulbuchreform das Leben genommen hatte. Es war darum gegangen, die Schulbücher umzuschreiben. Ein Eingriff in die Geschichtsschreibung Taiwans. Die wesentliche Fragestellung, ob Taiwan jemals zu China gehört habe, sollte in den neuen Büchern bejaht werden. Und damit, sagte Sihan, stehe und falle alles. Ein Lächeln kurz vor dem Tod. Ich versuchte es mir vorzustellen. Es gelang mir nicht. Ein Student, zwanzig Jahre alt, und diese drastische Geste gegen das Vergessen. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Dass es hoffentlich nicht umsonst gewesen sein würde, sagte ich leise.
Die politische Ebene zieht eine Bedrohung ein, die wie ein Basston mitschwingt. Da sie diese Ebene immer mit in eine andere, die der Sprache (die als Wiederholungscharakter, wie das Motiv des Spiegels, immer wieder auftaucht) und des Persönlichen zieht, bleibt sie im Assoziativen. Daher bilden sich daraus keine erklärenden, didaktischen oder ideologische Exkurse, wie es mich an so vielen anderen Gegenwartsliteraturen anätzt. Hier zählt der Kontext des Gefühls der Erzählerin.
Das Ereignis des Bruchs, der Angst des Verschwindens bleibt motivisch im Vordergrund.
Und mehr möchte ich zu dem Buch gar nicht sagen. Ich lasse ganz bewusst konkreten Inhalt weg, da ich finde, dass dieses Buch so naiv wie möglich erfahren werden sollte. Ich bin von der Komposition immens beeindruckt.
Denn der entscheidende Cut für M. bleibt das Herzstück des Romans, an dem sich die Icherzählerin abarbeitet.
I’ll try….
Dieses Ringen, nicht die Verbindung zu verlieren, ist das schmerzvoll Schönste, das mir seit langem ein Buch der Gegenwartsliteratur schenken konnte.
„Der Horizont als unmögliche Begegnung; auf keinen Fall sei er mit einem Strich darzustellen, der ausschließlich trennen würde.“
Auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2026.
August 30, 2026
Assoziatives-traumartiges Gleiten im Selbstfindungsversuch: mit leicht angezogener Handbremse.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 2/5 Sterne (Selbstfindungsproblematik)
Form: 5/5 Sterne (gleitend-assoziativ)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (ich-erzählend stimmig)
Komposition: 1/5 Sterne (Inhalt hält die Form nicht)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (ambivalent)
--> 16/5 = 3,2 = 3 Stern(e)
Glaszeit gehört definitiv zu den originären Vertretern eines neuen literarischen Tons, wie er auch bei Joshua Groß in Prana Extrem, Kaleb Erdmann in Die Ausweichschule oder Maren Kames in Hasenprosa zum Stilmittel erhoben wird: eine eindringlich sich selbst beobachtende, beurteilende, in Kontext stellende, detailversessene Sichtweise auf die Welt, also wie die Welt auf die zumeist Ich-erzählende Figur wirkt und einströmt. In Glaszeit erzählt die Intensivstationsärztin Novana von sich:
Das Wasser war heiß. Ich blieb eine Weile in der Wanne stehen, bevor ich in die Hocke ging und in dieser Position verweilte. Der Prof. erzählte von Algorithmen, die eine beginnende Sepsis bei Neugeborenen bis zu vierundzwanzig Stunden früher vorhersagen konnten als herkömmliche Methoden. Seine Stimme beruhigte mich, auch wenn seine professionelle Stimme unnahbarer klang als seine Alltagsstimme. […] Ich ließ mich ins Wasser gleiten. Mein Körper gewöhnte sich langsam an die Temperatur.
Die enorme Aufmerksamkeit auf kleinste Unterschiede und winzigste Emotionsmomente gibt dem Text eine hohe assoziative Impressionabilität. Die Figur wirkt aufgelöst in ihrer je befindlichen Szenerie und Konstellation, exponiert und bedrängt von innen wie außen, von Erinnerungen wie Ansprüchen ihrer Mitmenschen. Novana arbeitet sich in Glaszeit an einem Trauma ab, nämlich von ihrer Mutter ohne Ankündigung im Alter von zwölf Jahren verlassen worden zu sein. Der Roman beginnt damit, dass sie die Mutter in Taipei wiedersieht.
Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet. Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben. Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle. Qīn’ài de bǎobèi.
Der hochgradig als Bewusstseinsstrom inszenierte Text besticht durch die Sprache, den Stil und die Erzählinstanzstimmigkeit. Performativ vorherrschend bleibt eine Auflösung, eine Suche nach der Lücke in einer zu engen, die Figur gefangennehmenden Welt. Diese Art der Ästhetik gehört der Tradition an, in der Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Mrs. Dalloway die Paradigmen für Stimmigkeit vorgeben. Hier aber mischt sich dieses Verfahren mit einem kritischen Realismus, der politische Diskurse, Taiwans Bedrohung durch China, sehr stark in den Vordergrund schiebt, und auch medizintechnische Diskurse anbringt, die den Assoziationsfluss deutlich unterbrechen und zwar mit Absicht:
Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen. Tatsächlich kannte ich das Land nur von M. und ihren leidenschaftlichen Liebes- und Hasserklärungen. Ich kannte Taiwan nur im Zustand eines permanenten Kippbildes. Bevor ich nach Taipei ging, lernte ich es zu lieben, wie man nur ein Fantasieland lieben konnte. In Taiwan hatte M. Sterne vom Himmel geholt.
Hart und störend wirken auch die vielen fremdsprachigen Einsprengsel, die unübersetzt bleiben (Englisch und Mandarin) und die Inkommunikabilität der Hauptfigur unterstreichen, die im semantischen Code ihre Unzugänglichkeit ästhetifiziert. Leider bleibt m.E. der Text zu brav. Nur gelegentliche Gewaltphantasien lassen das Trauma im Text symbolisch-sichtbar werden. Wut, Angst, krasse Rachephantasien hätten dem stockenden, tapsenden Vorwärtsstreben der Hauptfigur gutgetan – hierfür aber war der Stil zu kantisch souverän und leger, fast cool. Ein Joshua Groß inszeniert diese Stimme deshalb auch in einer Urlaubsgegend mit kosmischen Asteroiden-Phantasien passender.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Novana, 30jährige Neonatologin, in einer Klinik in Taipeh tätig, Single, verliebt sich in die Tochter ihrer Oberärztin, Sihan, Aktivistin für Demokratie in Taiwan.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
- Eine Kinderärztin in Tapeih, trifft eine Kindheitsbekannte, M (die Mutter) wieder … die Tochter beschäftigt in de Neonatologie. Hat sich von Theo getrennt, der keine Verständnis vom Verschwinden der Erinnerung gehabt hat.
- Kollegin Yaling, vielleicht die bessere, fleißigere Ärztin.
- Sie heißt Novana (N). Ihre Mutter heißt M. Sihan (S), Tochter ihrer Oberärztin, sie lernen sich beim Karoake kennen. Sihan ist dabei, als N die Mutter wieder sieht.
- Mit 12 zog sie zu Theos Familie, M war oft tagelang abwesend. Trennung von Theo als diese sich ein Haus kaufen wollten. Vater von Theo, Klaus, den N Prof nennt.
- Glasinkubatoren, Babys werden gerettet. N wartet auf S, liest in einer Zeitung über die Künstlerin March, erkennt ihre Mutter wieder. Ihr wird speiübel und flieht, versetzt S mit einer Notlüge. Auch beim zweiten Date kommt was dazwischen, ein Notfall in der Klinik, N zwei Stunden zu spät. Tröstet sich mit einem Basketballspieler, von dem sie ein Damastmesser stiehlt.
- Konstellation: Perfekte Mutter von Sihan, die Oberärztin – fehlende Mutter M für S, Trennung von Theo in Köln, N verliebt in S, und dann gibt es noch Ben und die Kollegin Yaling in der Klinik.
- Spinnen in Ns Zimmer. Sie lässt jemanden kommen, tröstet sich mit ihm.
- S meldet sich, N schläft mit einigen Männern, dann kommt ein Treffen mit S zustande. Sie fahren in den Wald.
- N hört den Podcast von Theos Vater – Stellvertreter-Vater, denkt über ihren Vater nach, der verschwand, zwei Briefe sendete, die M und N verbrannten. N war sechs Jahre alt. M schien S Schmerzen zugefügt zu haben. Kneifspuren.
- Komplement: Verlassen von den Eltern, und die Sorge um die Babies, die ihre Eltern verlassen, weil sie zu früh geboren worden sind. Abschied. Elternschaft. Fürsorge.
- Sie kommt mit S zusammen. Sie stiehlt ein Buch. Sie schlafen miteinander bei S.
- Nachdenken über den Prof, Vaterfigur, sie hört die Nachricht ab, die freundlich ist.
- Plot: das Ablaufen der Möglichkeit, Ms Ausstellung mit S zu besuchen.
- Auf der Party nimmt sie eine Tablette, danach wartet S bei ihm im Zimmer. Sie beschließen auf die Ausstellung zu gehen.
- Nach der Ausstellung, wegen der Reaktion von S, macht N Schluss. Sie will keine Liebe zulassen, lieber davonrennen, sich von S nicht ihren Freundinnen vorstellen lassen.
- N erleidet einen Nervenzusammenbruch, trifft sich mit einem Typen, dem Spinnenmann, sie gehen Ramen essen. Er schlägt vor, dass N sich bei S entschuldigt.
- Die Mutter eines Säuglings, Lianlian, gibt das Kind, das gerade so gerettet ist, zur Adoption frei. N muss dabei sein. Die Mutter verabschiedet sich. N bricht zusammen, schließt sich ein, ihre Kollegin tröstet sie.
- N fährt erneut ins Museum, seit Tagen erzählt sie irgendwelchen Fremden vom Selbstmord ihrer Mutter. M, March, will sich ihre Uterus operativ entfernen lassen und dann ausstellen.
- N meldet sich bei S, fährt sie bei ihrem Vater an der Küste besuchen. Sie versöhnen sich. S will Klarheit. N weicht aus.
- N will auch Klarheit, reist nach Venedig, um ihre Mutter zu konfrontieren. Meldet sich bei Theo, fragt, ob sie noch Familie seien. Er sagt ja, er habe jemanden kennengelernt.
- In Venedig hat N einen kurzen Aggressionsschub, ruft S an, sagt, sie will eine Beziehung. M hat sie gesehen und kommt langsam auf sie zu.
●Kurzfassung: Eine Ärztin in Taipei arbeitet auf der Neugeborenen-Intensivstation. Sie trifft überraschend ihre Mutter, die 18 Jahre zuvor aus ihrem Leben verschwunden ist. Ein Jahr nach der Trennung von ihrem Kindheitsfreund Theo versucht Novana ihr Leben wieder auf die Reihe zu bringen und eine neue Beziehung mit der Tochter ihrer Oberärztin zu starten. Hierfür muss sie sich mit ihrer schmerzlichen Vergangenheit konfrontieren.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die vielen Sextreffen tragen nichts bei, Ben auch nicht, und ihre Kollegin Yaling besitzt auch keine Konturen. Eigentlich gibt es kaum Figuren außer der Ich-Erzählerin selbst.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gewaltphantasien mit dem Maskottchen, Aufschlitzen des Teddy-Bären, und auch gegen die Mutter. Intensive Szene in Venedig bei der Ausstellung.
●Diskurs: Taiwan-China-Konflikt, „regretting motherhood“
… intensives Psychogramm einer Frau, die sich gegen das Gefühl, abgelehnt worden zu sein, wehrt und aus dieser Ablehnung Befreiungsschritte unternimmt. Die Befreiung besteht einerseits darin, nicht in Deutschland zu bleiben, wo sie verlassen wurde; andererseits nicht die Verlobte von Theo zu bleiben, sondern sich neu zu erfinden; sich neue Wurzeln zu suchen und diese in Taiwan zu finden. Bevor sie aber ein neues Leben mit Sihan starten kann, muss sie einerseits hören, dass sie eine Familie hat (Anruf bei Klaus und Theo), und andererseits ihrer Mutter gegenübertreten, sich mit ihr konfrontieren. Nachdem sie das getan hat, kann sie sich verbindlich für Sihan entscheiden. Es ist also eine Liebesgeschichte, von der aber nur der eine Teil der Beziehung in Erscheinung tritt. Sihan bleibt ein Geheimnis, nur ihre aktivistischen Tätigkeiten nicht. Sie steht aber für das Wiedererstarken der Erinnerung (Great Recall – hier aber als Bedeutung, dass die Kuomintang abgewählt werden soll, da diese zu Beijing-nah operiere, also eben die Vergangenheit, die Oppression in Vergessenheit geraten lässt).
… das Buch erinnert durch die Handlung, Verlust der Mutter, die Mutter als Performerin, die durch die Performance wieder entdeckt wird, an „Märtyrer“ von Kaveh Akbar.
… das Buch handelt von Verlustängsten, einem Traum, dass durch das Verschwinden der Mutter bewirkt worden ist (und durch den gänzlich fehlenden Vater). Es zeichnet eine in ständiger Bedrohung sich befindende Psyche nach. Diese Bedrohung erzeugt verdichtende Momente und äußerst intensive Szenen. Hat aber Längen im On-and-Off zwischen Sihan und Novana, die im Laufe des Buches dann mit Diskursfetzen ausgefüllt werden, weshalb es gegen Ende sich sehr deeskaliert und entleert. Die Hauptfigur nimmt sich selbst nicht genug unter die Lupe. Ihr Augenmerk richtet sich auf die anderen, wie sie mit ihr umgehen. Das ist dann aber kein wirklich interessanter Plot mehr. Es gibt nur den Konflikt für die Hauptfigur selbst, die sich aber nicht darlegen kann – weil sie symbolisch gehemmt ist. Ihr fehlt die Sprache.
--> 2 Stern(e)
Form:
●Eindruck: eine sehr geschliffene, harmonische, gleitende Schreibweise, die assoziativ-monologisch einen eigenen Stil erschafft, erinnert stark an Joshua Groß „Prana Extrem“ oder in selbiger Erzählweise Kaleb Erdmann „Die Ausweichschule“ oder von Dana von Suffrin „Toxibaby“, mglw. auch an Maren Kames‘ „Hasenprosa“ …
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität trotz vieler Diskurselemente
●Wortschatz/Auffälligkeiten/Innovation: extreme Brechung des Erzählflusses durch lange fremdsprachliche Sätze, die nicht übersetzt und auch nur teilweise erschlossen werden können. Es handelt sich um Mandarin-Chinesisch in Hanyu-Pinyin. „Hǎo ba, wǒmen huàngè huàtí ba.“
●Sprachform:
Poetisch: nein
Episch: nein
Experimentell: nein
Werbesprache: ja, illustrativ, professionell.
Schriftsprache: auch
Umgangssprache: nein
●Einschätzung: die gleitende Form, das Ineinanderwischen der englischen und chinesischen und deutschen Sprache bewirkt ein Semantikteppich, eine gewisse Losgelöstheit, sodass hier das Thema, die Wurzellosigkeit, die Lücke, ästhetisch eingebunden wird. An der Sprache selbst gibt es kaum etwas zu bemängeln. Sie überzeugt.
--> 5 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck (reflektiert, situiert, perspektiviert): Ich-Erzählerin, reflektiert, situiert, nämlich in Venedig aus der Retrospektive erzählend, Wechsel ins Präsens am Ende des Buches, in der Konfrontation mit der Mutter (der Beginn, die erste Seite auch im Präsens, also stets dort, wo die Mutter zugegen – die Mutter als Präsensanker). Die Erzählstimme ist zudem enorm ich-bezogen, auf sich und ihre Impression, sehr verschlossen, traumatisiert.
●Erzählform:
Kamera: nein
Allwissend: nein
Personal: nein
Ich-Erzählend: ja, monomanisch
Auktorial: nein
Unentschieden: nein
●Einschätzung: die Erzählposition ist stringent durchgesetzt, die Zeiten plausibel eingesetzt, die Reflexionsspur überzeugend angesetzt
--> 5 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Hauptproblem des Buches, denn die Verschlossenheit der Ich-Erzählerin lässt das Buch beschwerlich gegen Ende werden, das Nicht-Sprechen können trägt irgendwann nicht mehr, die ständige Unterbrechung des Textes mit unübersetzten Sätzen exkludiert das Publikum, das kein Mandarin spricht, überhaupt bleibt vieles sehr vage, und Sihan als Figur undeutlich. Das Problem selbst, von der Mutter verlassen worden zu sein, erlaubt keinen stimmigen Rahmen, der Stoff gibt das nicht ehr.
●Operative Geschlossenheit/Rahmen: Familie/Nichtfamilie, Heimat/Fremde
●Extradiegetische Abschnitte: keine, nur Träume, Vorstellungen
●Lose Versatzstücke: Taiwanesische Innenpolitik bleibt unausgestaltet
●Kompositionsform:
Interferierend: nein
Synthetisch: nein
Brüchig-offen: ja
Seriell-offen: nein
darstellend: ja,
●Einschätzung: Schwankt zwischen medizinisch-erklärend, über Taiwan aufklärend, und brüchig-Ich-erzählend offen sehr unentschieden. Die Figur bringt das nicht unter einen Hut.
--> 1 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: sehr gemischt, sehr Auf und Ab für mich, einerseits tolle Sprache, überzeugende Erzählstimme, andererseits zu selbstbezogen, zu wenig offen für den Ansatz der Lücke, sehr verschlossen, zu viele Fremdwörter, zu viel Ablehnung und Wertung, zu viel Kampf für die lockere, flüssige Form
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? denke nicht, Hauptproblem besteht in der Hauptfigur, die nicht sich selbst und ihre Gefühle, ihr eigenen Gefühle analysiert, sondern das Verhalten der anderen stets mit einbezieht.
--> 3 Stern(e)
Ästhetik: (jeweils 0-5)
●Kant (Werbesprache-humorvoll-icherzählend-seriell-offen): ich-erzählend - 1
●Lukacs (Schriftsprache-diskursiv-auktorial-darstellend): darstellend - 1
●Adorno (experimentell-allegorisch-personal-brüchig-offen): brüchig offen - 2
●Hegel (episch-heroisch-allwissend-synthetisch): nein - 0
●Kyberästhetik (poetisch-transgressiv-Kamera-interferierend): transgressiv - 1
●Einschätzung - stimmig?: keine stimmige Mischung aus Adorno und Lukacs, mit problematischer Erzählstimmenwahl.
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Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 2/5 Sterne (Selbstfindungsproblematik)
Form: 5/5 Sterne (gleitend-assoziativ)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (ich-erzählend stimmig)
Komposition: 1/5 Sterne (Inhalt hält die Form nicht)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (ambivalent)
--> 16/5 = 3,2 = 3 Stern(e)
Glaszeit gehört definitiv zu den originären Vertretern eines neuen literarischen Tons, wie er auch bei Joshua Groß in Prana Extrem, Kaleb Erdmann in Die Ausweichschule oder Maren Kames in Hasenprosa zum Stilmittel erhoben wird: eine eindringlich sich selbst beobachtende, beurteilende, in Kontext stellende, detailversessene Sichtweise auf die Welt, also wie die Welt auf die zumeist Ich-erzählende Figur wirkt und einströmt. In Glaszeit erzählt die Intensivstationsärztin Novana von sich:
Das Wasser war heiß. Ich blieb eine Weile in der Wanne stehen, bevor ich in die Hocke ging und in dieser Position verweilte. Der Prof. erzählte von Algorithmen, die eine beginnende Sepsis bei Neugeborenen bis zu vierundzwanzig Stunden früher vorhersagen konnten als herkömmliche Methoden. Seine Stimme beruhigte mich, auch wenn seine professionelle Stimme unnahbarer klang als seine Alltagsstimme. […] Ich ließ mich ins Wasser gleiten. Mein Körper gewöhnte sich langsam an die Temperatur.
Die enorme Aufmerksamkeit auf kleinste Unterschiede und winzigste Emotionsmomente gibt dem Text eine hohe assoziative Impressionabilität. Die Figur wirkt aufgelöst in ihrer je befindlichen Szenerie und Konstellation, exponiert und bedrängt von innen wie außen, von Erinnerungen wie Ansprüchen ihrer Mitmenschen. Novana arbeitet sich in Glaszeit an einem Trauma ab, nämlich von ihrer Mutter ohne Ankündigung im Alter von zwölf Jahren verlassen worden zu sein. Der Roman beginnt damit, dass sie die Mutter in Taipei wiedersieht.
Als ich M. an einem lauen Februarabend in der unterirdischen Taipei Mall sehe, erkenne ich sie nicht sofort. Es gibt eine Latenzzeit von mehreren Sekunden. Ihr Körper erscheint vor mir, überlebensgroß und hell erleuchtet. Es gibt keinen Grund, stehen zu bleiben. Menschen drängen sich um mich herum. Glänzende Regencapes und tropfende Schirme. Ränder aus Wasser und Schmutz auf den glatten Bodenkacheln, das halbe Profil einer Sohle. Qīn’ài de bǎobèi.
Der hochgradig als Bewusstseinsstrom inszenierte Text besticht durch die Sprache, den Stil und die Erzählinstanzstimmigkeit. Performativ vorherrschend bleibt eine Auflösung, eine Suche nach der Lücke in einer zu engen, die Figur gefangennehmenden Welt. Diese Art der Ästhetik gehört der Tradition an, in der Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Mrs. Dalloway die Paradigmen für Stimmigkeit vorgeben. Hier aber mischt sich dieses Verfahren mit einem kritischen Realismus, der politische Diskurse, Taiwans Bedrohung durch China, sehr stark in den Vordergrund schiebt, und auch medizintechnische Diskurse anbringt, die den Assoziationsfluss deutlich unterbrechen und zwar mit Absicht:
Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen. Tatsächlich kannte ich das Land nur von M. und ihren leidenschaftlichen Liebes- und Hasserklärungen. Ich kannte Taiwan nur im Zustand eines permanenten Kippbildes. Bevor ich nach Taipei ging, lernte ich es zu lieben, wie man nur ein Fantasieland lieben konnte. In Taiwan hatte M. Sterne vom Himmel geholt.
Hart und störend wirken auch die vielen fremdsprachigen Einsprengsel, die unübersetzt bleiben (Englisch und Mandarin) und die Inkommunikabilität der Hauptfigur unterstreichen, die im semantischen Code ihre Unzugänglichkeit ästhetifiziert. Leider bleibt m.E. der Text zu brav. Nur gelegentliche Gewaltphantasien lassen das Trauma im Text symbolisch-sichtbar werden. Wut, Angst, krasse Rachephantasien hätten dem stockenden, tapsenden Vorwärtsstreben der Hauptfigur gutgetan – hierfür aber war der Stil zu kantisch souverän und leger, fast cool. Ein Joshua Groß inszeniert diese Stimme deshalb auch in einer Urlaubsgegend mit kosmischen Asteroiden-Phantasien passender.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Novana, 30jährige Neonatologin, in einer Klinik in Taipeh tätig, Single, verliebt sich in die Tochter ihrer Oberärztin, Sihan, Aktivistin für Demokratie in Taiwan.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
- Eine Kinderärztin in Tapeih, trifft eine Kindheitsbekannte, M (die Mutter) wieder … die Tochter beschäftigt in de Neonatologie. Hat sich von Theo getrennt, der keine Verständnis vom Verschwinden der Erinnerung gehabt hat.
- Kollegin Yaling, vielleicht die bessere, fleißigere Ärztin.
- Sie heißt Novana (N). Ihre Mutter heißt M. Sihan (S), Tochter ihrer Oberärztin, sie lernen sich beim Karoake kennen. Sihan ist dabei, als N die Mutter wieder sieht.
- Mit 12 zog sie zu Theos Familie, M war oft tagelang abwesend. Trennung von Theo als diese sich ein Haus kaufen wollten. Vater von Theo, Klaus, den N Prof nennt.
- Glasinkubatoren, Babys werden gerettet. N wartet auf S, liest in einer Zeitung über die Künstlerin March, erkennt ihre Mutter wieder. Ihr wird speiübel und flieht, versetzt S mit einer Notlüge. Auch beim zweiten Date kommt was dazwischen, ein Notfall in der Klinik, N zwei Stunden zu spät. Tröstet sich mit einem Basketballspieler, von dem sie ein Damastmesser stiehlt.
- Konstellation: Perfekte Mutter von Sihan, die Oberärztin – fehlende Mutter M für S, Trennung von Theo in Köln, N verliebt in S, und dann gibt es noch Ben und die Kollegin Yaling in der Klinik.
- Spinnen in Ns Zimmer. Sie lässt jemanden kommen, tröstet sich mit ihm.
- S meldet sich, N schläft mit einigen Männern, dann kommt ein Treffen mit S zustande. Sie fahren in den Wald.
- N hört den Podcast von Theos Vater – Stellvertreter-Vater, denkt über ihren Vater nach, der verschwand, zwei Briefe sendete, die M und N verbrannten. N war sechs Jahre alt. M schien S Schmerzen zugefügt zu haben. Kneifspuren.
- Komplement: Verlassen von den Eltern, und die Sorge um die Babies, die ihre Eltern verlassen, weil sie zu früh geboren worden sind. Abschied. Elternschaft. Fürsorge.
- Sie kommt mit S zusammen. Sie stiehlt ein Buch. Sie schlafen miteinander bei S.
- Nachdenken über den Prof, Vaterfigur, sie hört die Nachricht ab, die freundlich ist.
- Plot: das Ablaufen der Möglichkeit, Ms Ausstellung mit S zu besuchen.
- Auf der Party nimmt sie eine Tablette, danach wartet S bei ihm im Zimmer. Sie beschließen auf die Ausstellung zu gehen.
- Nach der Ausstellung, wegen der Reaktion von S, macht N Schluss. Sie will keine Liebe zulassen, lieber davonrennen, sich von S nicht ihren Freundinnen vorstellen lassen.
- N erleidet einen Nervenzusammenbruch, trifft sich mit einem Typen, dem Spinnenmann, sie gehen Ramen essen. Er schlägt vor, dass N sich bei S entschuldigt.
- Die Mutter eines Säuglings, Lianlian, gibt das Kind, das gerade so gerettet ist, zur Adoption frei. N muss dabei sein. Die Mutter verabschiedet sich. N bricht zusammen, schließt sich ein, ihre Kollegin tröstet sie.
- N fährt erneut ins Museum, seit Tagen erzählt sie irgendwelchen Fremden vom Selbstmord ihrer Mutter. M, March, will sich ihre Uterus operativ entfernen lassen und dann ausstellen.
- N meldet sich bei S, fährt sie bei ihrem Vater an der Küste besuchen. Sie versöhnen sich. S will Klarheit. N weicht aus.
- N will auch Klarheit, reist nach Venedig, um ihre Mutter zu konfrontieren. Meldet sich bei Theo, fragt, ob sie noch Familie seien. Er sagt ja, er habe jemanden kennengelernt.
- In Venedig hat N einen kurzen Aggressionsschub, ruft S an, sagt, sie will eine Beziehung. M hat sie gesehen und kommt langsam auf sie zu.
●Kurzfassung: Eine Ärztin in Taipei arbeitet auf der Neugeborenen-Intensivstation. Sie trifft überraschend ihre Mutter, die 18 Jahre zuvor aus ihrem Leben verschwunden ist. Ein Jahr nach der Trennung von ihrem Kindheitsfreund Theo versucht Novana ihr Leben wieder auf die Reihe zu bringen und eine neue Beziehung mit der Tochter ihrer Oberärztin zu starten. Hierfür muss sie sich mit ihrer schmerzlichen Vergangenheit konfrontieren.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die vielen Sextreffen tragen nichts bei, Ben auch nicht, und ihre Kollegin Yaling besitzt auch keine Konturen. Eigentlich gibt es kaum Figuren außer der Ich-Erzählerin selbst.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gewaltphantasien mit dem Maskottchen, Aufschlitzen des Teddy-Bären, und auch gegen die Mutter. Intensive Szene in Venedig bei der Ausstellung.
●Diskurs: Taiwan-China-Konflikt, „regretting motherhood“
… intensives Psychogramm einer Frau, die sich gegen das Gefühl, abgelehnt worden zu sein, wehrt und aus dieser Ablehnung Befreiungsschritte unternimmt. Die Befreiung besteht einerseits darin, nicht in Deutschland zu bleiben, wo sie verlassen wurde; andererseits nicht die Verlobte von Theo zu bleiben, sondern sich neu zu erfinden; sich neue Wurzeln zu suchen und diese in Taiwan zu finden. Bevor sie aber ein neues Leben mit Sihan starten kann, muss sie einerseits hören, dass sie eine Familie hat (Anruf bei Klaus und Theo), und andererseits ihrer Mutter gegenübertreten, sich mit ihr konfrontieren. Nachdem sie das getan hat, kann sie sich verbindlich für Sihan entscheiden. Es ist also eine Liebesgeschichte, von der aber nur der eine Teil der Beziehung in Erscheinung tritt. Sihan bleibt ein Geheimnis, nur ihre aktivistischen Tätigkeiten nicht. Sie steht aber für das Wiedererstarken der Erinnerung (Great Recall – hier aber als Bedeutung, dass die Kuomintang abgewählt werden soll, da diese zu Beijing-nah operiere, also eben die Vergangenheit, die Oppression in Vergessenheit geraten lässt).
… das Buch erinnert durch die Handlung, Verlust der Mutter, die Mutter als Performerin, die durch die Performance wieder entdeckt wird, an „Märtyrer“ von Kaveh Akbar.
… das Buch handelt von Verlustängsten, einem Traum, dass durch das Verschwinden der Mutter bewirkt worden ist (und durch den gänzlich fehlenden Vater). Es zeichnet eine in ständiger Bedrohung sich befindende Psyche nach. Diese Bedrohung erzeugt verdichtende Momente und äußerst intensive Szenen. Hat aber Längen im On-and-Off zwischen Sihan und Novana, die im Laufe des Buches dann mit Diskursfetzen ausgefüllt werden, weshalb es gegen Ende sich sehr deeskaliert und entleert. Die Hauptfigur nimmt sich selbst nicht genug unter die Lupe. Ihr Augenmerk richtet sich auf die anderen, wie sie mit ihr umgehen. Das ist dann aber kein wirklich interessanter Plot mehr. Es gibt nur den Konflikt für die Hauptfigur selbst, die sich aber nicht darlegen kann – weil sie symbolisch gehemmt ist. Ihr fehlt die Sprache.
--> 2 Stern(e)
Form:
●Eindruck: eine sehr geschliffene, harmonische, gleitende Schreibweise, die assoziativ-monologisch einen eigenen Stil erschafft, erinnert stark an Joshua Groß „Prana Extrem“ oder in selbiger Erzählweise Kaleb Erdmann „Die Ausweichschule“ oder von Dana von Suffrin „Toxibaby“, mglw. auch an Maren Kames‘ „Hasenprosa“ …
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität trotz vieler Diskurselemente
●Wortschatz/Auffälligkeiten/Innovation: extreme Brechung des Erzählflusses durch lange fremdsprachliche Sätze, die nicht übersetzt und auch nur teilweise erschlossen werden können. Es handelt sich um Mandarin-Chinesisch in Hanyu-Pinyin. „Hǎo ba, wǒmen huàngè huàtí ba.“
●Sprachform:
Poetisch: nein
Episch: nein
Experimentell: nein
Werbesprache: ja, illustrativ, professionell.
Schriftsprache: auch
Umgangssprache: nein
●Einschätzung: die gleitende Form, das Ineinanderwischen der englischen und chinesischen und deutschen Sprache bewirkt ein Semantikteppich, eine gewisse Losgelöstheit, sodass hier das Thema, die Wurzellosigkeit, die Lücke, ästhetisch eingebunden wird. An der Sprache selbst gibt es kaum etwas zu bemängeln. Sie überzeugt.
--> 5 Stern(e)
Erzählstimme:
●Eindruck (reflektiert, situiert, perspektiviert): Ich-Erzählerin, reflektiert, situiert, nämlich in Venedig aus der Retrospektive erzählend, Wechsel ins Präsens am Ende des Buches, in der Konfrontation mit der Mutter (der Beginn, die erste Seite auch im Präsens, also stets dort, wo die Mutter zugegen – die Mutter als Präsensanker). Die Erzählstimme ist zudem enorm ich-bezogen, auf sich und ihre Impression, sehr verschlossen, traumatisiert.
●Erzählform:
Kamera: nein
Allwissend: nein
Personal: nein
Ich-Erzählend: ja, monomanisch
Auktorial: nein
Unentschieden: nein
●Einschätzung: die Erzählposition ist stringent durchgesetzt, die Zeiten plausibel eingesetzt, die Reflexionsspur überzeugend angesetzt
--> 5 Stern(e)
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Hauptproblem des Buches, denn die Verschlossenheit der Ich-Erzählerin lässt das Buch beschwerlich gegen Ende werden, das Nicht-Sprechen können trägt irgendwann nicht mehr, die ständige Unterbrechung des Textes mit unübersetzten Sätzen exkludiert das Publikum, das kein Mandarin spricht, überhaupt bleibt vieles sehr vage, und Sihan als Figur undeutlich. Das Problem selbst, von der Mutter verlassen worden zu sein, erlaubt keinen stimmigen Rahmen, der Stoff gibt das nicht ehr.
●Operative Geschlossenheit/Rahmen: Familie/Nichtfamilie, Heimat/Fremde
●Extradiegetische Abschnitte: keine, nur Träume, Vorstellungen
●Lose Versatzstücke: Taiwanesische Innenpolitik bleibt unausgestaltet
●Kompositionsform:
Interferierend: nein
Synthetisch: nein
Brüchig-offen: ja
Seriell-offen: nein
darstellend: ja,
●Einschätzung: Schwankt zwischen medizinisch-erklärend, über Taiwan aufklärend, und brüchig-Ich-erzählend offen sehr unentschieden. Die Figur bringt das nicht unter einen Hut.
--> 1 Stern(e)
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: sehr gemischt, sehr Auf und Ab für mich, einerseits tolle Sprache, überzeugende Erzählstimme, andererseits zu selbstbezogen, zu wenig offen für den Ansatz der Lücke, sehr verschlossen, zu viele Fremdwörter, zu viel Ablehnung und Wertung, zu viel Kampf für die lockere, flüssige Form
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? denke nicht, Hauptproblem besteht in der Hauptfigur, die nicht sich selbst und ihre Gefühle, ihr eigenen Gefühle analysiert, sondern das Verhalten der anderen stets mit einbezieht.
--> 3 Stern(e)
Ästhetik: (jeweils 0-5)
●Kant (Werbesprache-humorvoll-icherzählend-seriell-offen): ich-erzählend - 1
●Lukacs (Schriftsprache-diskursiv-auktorial-darstellend): darstellend - 1
●Adorno (experimentell-allegorisch-personal-brüchig-offen): brüchig offen - 2
●Hegel (episch-heroisch-allwissend-synthetisch): nein - 0
●Kyberästhetik (poetisch-transgressiv-Kamera-interferierend): transgressiv - 1
●Einschätzung - stimmig?: keine stimmige Mischung aus Adorno und Lukacs, mit problematischer Erzählstimmenwahl.
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August 20, 2026
„Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen.“ (S.85)
Novana hat ihr Leben in Deutschland hinter sich gelassen und fasst in Taipei Fuß. Sie arbeitet als Ärztin auf der Neugeboren-Intensivstation, trägt täglich viel Verantwortung und Erinnerungen an eine Mutter mit sich herum, von der sie als Kind zurückgelassen wurde. Jetzt in Taiwan verliebt sie sich in die starke Sihan, die für Demokratie einsteht und Proteste organisiert. Nova (so nennt Sihan sie) gerät vollends aus dem Gleichgewicht, als sie ihre Mutter auf einem Werbeplakat entdeckt. Ist die Künstlerin etwa in der Stadt? Hat Novana sie endlich gefunden?
Ich mochte direkt von Beginn an das Fragmentarische, Episodenhafte an diesem Werk sowie die wunderschöne, wohl überlegte Ausdrucksweise der Autorin. Novana war eine spannende Protagonistin, immer getrieben von der Suche nach einer Mutter, einer Identität, etwas, das sie menschlicher machen kann, ihr endlich Zugehörigkeit gibt.
„Glaszeit“ hat mich sehr bewegt und ist in meinen Augen ist es ein absolut gelungenes Debüt. Dass die Autorin selbst Ärztin ist, hat für mich beim Lesen sehr viel Sinn gemacht. Ich mochte die medizinischen Aspekte, das Setting der Neugeborenen-Intensivstation und den Klinikalltag. Gerade im Kontrast zu den politischen Themen rund um Taiwans Zukunft, mit denen Novana durch Sihan konfrontiert wird, hat sich ein sehr großes Netz an Dimensionen gebildet, das sehr viel Tiefe offenbart.
Wer auf komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen steht, Länder und Kulturen kennenlernen möchte, und innere Konflikte rund um Herkunft und Identität interessant findet, kommt hier definitiv auf seine/ihre Kosten.
Für mich ist dieses Buch ein Monats-/Jahres-/Longlist-Highlight, weil es mir auf den letzten Metern die Tränen in die Augen treiben konnte.
Große Empfehlung!
4,5/5 ⭐️
--
Rezensionsexemplar I Vielen Dank @team.bloggerportal @luchterhandliteratur 💜
Novana hat ihr Leben in Deutschland hinter sich gelassen und fasst in Taipei Fuß. Sie arbeitet als Ärztin auf der Neugeboren-Intensivstation, trägt täglich viel Verantwortung und Erinnerungen an eine Mutter mit sich herum, von der sie als Kind zurückgelassen wurde. Jetzt in Taiwan verliebt sie sich in die starke Sihan, die für Demokratie einsteht und Proteste organisiert. Nova (so nennt Sihan sie) gerät vollends aus dem Gleichgewicht, als sie ihre Mutter auf einem Werbeplakat entdeckt. Ist die Künstlerin etwa in der Stadt? Hat Novana sie endlich gefunden?
Ich mochte direkt von Beginn an das Fragmentarische, Episodenhafte an diesem Werk sowie die wunderschöne, wohl überlegte Ausdrucksweise der Autorin. Novana war eine spannende Protagonistin, immer getrieben von der Suche nach einer Mutter, einer Identität, etwas, das sie menschlicher machen kann, ihr endlich Zugehörigkeit gibt.
„Glaszeit“ hat mich sehr bewegt und ist in meinen Augen ist es ein absolut gelungenes Debüt. Dass die Autorin selbst Ärztin ist, hat für mich beim Lesen sehr viel Sinn gemacht. Ich mochte die medizinischen Aspekte, das Setting der Neugeborenen-Intensivstation und den Klinikalltag. Gerade im Kontrast zu den politischen Themen rund um Taiwans Zukunft, mit denen Novana durch Sihan konfrontiert wird, hat sich ein sehr großes Netz an Dimensionen gebildet, das sehr viel Tiefe offenbart.
Wer auf komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen steht, Länder und Kulturen kennenlernen möchte, und innere Konflikte rund um Herkunft und Identität interessant findet, kommt hier definitiv auf seine/ihre Kosten.
Für mich ist dieses Buch ein Monats-/Jahres-/Longlist-Highlight, weil es mir auf den letzten Metern die Tränen in die Augen treiben konnte.
Große Empfehlung!
4,5/5 ⭐️
--
Rezensionsexemplar I Vielen Dank @team.bloggerportal @luchterhandliteratur 💜
September 7, 2026
with a mother like that, who wouldn’t have mummy issues
August 26, 2026
Einerseits ein wirklich schöner Text über eine junge Frau zwischen zwei Heimaten, zwei Sprachen, auch zwei Lieben, sowie über Trauer, Schmerz, Verlust, Einsamkeit, Neuanfänge und Hoffnung.
Andererseits ist besonders das erste Drittel etwas zu sehr gefüllt mit Beschreibungen von Werbeanzeigen, Shopping Malls, Bahnhöfen, Essensgerichten und Bekleidungsläden. Und zu oft spiegelt sich irgendwo zu nah am Kitsch das Licht. Da durch droht der Text stellenweise ins Triviale abzurutschen und indem das Thema der politischen Bedrohung Taiwans durch China etwas konstruiert mit eingebaut wird, scheint versucht zu werden, den banalen Passagen sehr durchschaubar entgegen zu wirken. Auch die zu vielen und zu ausführlichen Passagen im Krankenhaus sind zum Teil zäh und steuern wenig bei. Man merkt der Autorin durch die große Genauigkeit ihre medizinische Fachkenntnis an. Das Lektorat hat aber versäumt, hier so zu kürzen, dass auch Lesende aus dem nicht medizinischen Bereich eingebunden werden. Zu viele Fachbegriffe, zu redundant die Krankenhausszenen im Allgemeinen. Das stört den Lesefluss des eigentlich sehr poetischen Textes doch immer mal wieder.
Wiederum andererseits findet sich eine der stärksten Passagen des ganzen Buches innerhalb des Krankenhauskontextes. (Achtung Spoiler: die Szene, in der sie den Eltern eines Neugeborenen erzählt, dass keine Überlebenschancen bestehen, ist Bären stark).
Ohnehin sind es die Szenen, in denen man ganz nah ans Innenleben der Protagonistin kommt, die am meisten überzeugen. Die privaten Erinnerungen an ihr Aufwachsen bei der Familie eines Jungen, mit dem sie später eine Liebesbeziehung eingeht ist genauso berührend wie ihre Einsamkeit in Taipeh und das Entstehen einer zarten, aber intensiven Liebesbeziehung mit einer jungen Aktivistin in Taiwan.
Die Suche nach Identität und Zugehörigkeit zieht sich dabei durch den Text wie ein roter Faden. Und das sind die Teile des Textes, die wirklich überzeugend und berührend sind.
Insofern ist "Glaszeit" für mich schwierig zu bewerten. In der ersten Hälfte war ich eher bei 2/5 Sternen, in der zweiten Hälfte eher bei 4/5.
Somit werden es nun 3/5.
Ein interessantes Romandebüt, das Lust auf mehr Literatur von dieser Autorin macht. Gleich auf die Longlist für den Buchpreis hätte ich es nicht gesetzt - andererseits: ohne die Nominierung hätte ich es auch nicht entdeckt.
Fazit: Ein Must-Read nicht unbedingt. Lesenswert ist "Glaszeit" aber allemal.
Andererseits ist besonders das erste Drittel etwas zu sehr gefüllt mit Beschreibungen von Werbeanzeigen, Shopping Malls, Bahnhöfen, Essensgerichten und Bekleidungsläden. Und zu oft spiegelt sich irgendwo zu nah am Kitsch das Licht. Da durch droht der Text stellenweise ins Triviale abzurutschen und indem das Thema der politischen Bedrohung Taiwans durch China etwas konstruiert mit eingebaut wird, scheint versucht zu werden, den banalen Passagen sehr durchschaubar entgegen zu wirken. Auch die zu vielen und zu ausführlichen Passagen im Krankenhaus sind zum Teil zäh und steuern wenig bei. Man merkt der Autorin durch die große Genauigkeit ihre medizinische Fachkenntnis an. Das Lektorat hat aber versäumt, hier so zu kürzen, dass auch Lesende aus dem nicht medizinischen Bereich eingebunden werden. Zu viele Fachbegriffe, zu redundant die Krankenhausszenen im Allgemeinen. Das stört den Lesefluss des eigentlich sehr poetischen Textes doch immer mal wieder.
Wiederum andererseits findet sich eine der stärksten Passagen des ganzen Buches innerhalb des Krankenhauskontextes. (Achtung Spoiler: die Szene, in der sie den Eltern eines Neugeborenen erzählt, dass keine Überlebenschancen bestehen, ist Bären stark).
Ohnehin sind es die Szenen, in denen man ganz nah ans Innenleben der Protagonistin kommt, die am meisten überzeugen. Die privaten Erinnerungen an ihr Aufwachsen bei der Familie eines Jungen, mit dem sie später eine Liebesbeziehung eingeht ist genauso berührend wie ihre Einsamkeit in Taipeh und das Entstehen einer zarten, aber intensiven Liebesbeziehung mit einer jungen Aktivistin in Taiwan.
Die Suche nach Identität und Zugehörigkeit zieht sich dabei durch den Text wie ein roter Faden. Und das sind die Teile des Textes, die wirklich überzeugend und berührend sind.
Insofern ist "Glaszeit" für mich schwierig zu bewerten. In der ersten Hälfte war ich eher bei 2/5 Sternen, in der zweiten Hälfte eher bei 4/5.
Somit werden es nun 3/5.
Ein interessantes Romandebüt, das Lust auf mehr Literatur von dieser Autorin macht. Gleich auf die Longlist für den Buchpreis hätte ich es nicht gesetzt - andererseits: ohne die Nominierung hätte ich es auch nicht entdeckt.
Fazit: Ein Must-Read nicht unbedingt. Lesenswert ist "Glaszeit" aber allemal.
Read
September 16, 2026DNF @ 60%
This could have been a good book if the prose hadn’t been so forced and fabricated and tried so hard to be “literary” and “poetic”.
Also minus a million point for the multiple mentions of Instagram Reels, 🤢🤢🤢. Can we please stop inserting that garbage in books?
This could have been a good book if the prose hadn’t been so forced and fabricated and tried so hard to be “literary” and “poetic”.
Also minus a million point for the multiple mentions of Instagram Reels, 🤢🤢🤢. Can we please stop inserting that garbage in books?
September 27, 2026
„In meiner Vorstellung sprachen wir nicht Mandarin oder Englisch, sondern eine Sprache, in der wir ebenbürtig waren. Eine Sprache, in der nichts verloren ging.“
September 30, 2026
Das mochte ich nach ein paar Anfangsschwierigkeiten sehr gerne. Das Buch macht wirklich sehr viele Themen auf, die sich aber alle sehr gut ineinander einfügen, weswegen es mir nie zu viel vorkam. Vor allem das Thema ungewollte Mutterschaft und deren Folgen für das ungewollte Kind hat mich sehr bewegt, aber auch die Szenen auf der Neonatal-Station (was sich mit der Geschichte der Protagonistin perfekt ergänzt) und ihre Suche nach ihrer Identität waren toll gemacht. Die politische Note rund um Taiwan hat gut gepasst, war meinem Eindruck nach aber vor allem dazu da, die Identitätsfindung von Nova nochmal facettenreicher zu machen und war deswegen auch nicht super tiefgreifend.
Was mich allerdings sehr gestört hat: Die vielen unübersetzten chinesischen Sätze im Buch. Ich bin immer für Authentizität in Büchern zu haben und finde es auch vollkommen okay, den Leser:innen etwas zuzutrauen, das war mir allerdings bisschen zu sperrig und hat den Lesefluss sehr gestört.
Im Generellen ist die Protagonistin ein bisschen sperrig, weswegen es vor allem am Anfang ein bisschen dauert, ins Buch reinzukommen. Ich wurde aber am Ende sehr von der Entwicklung des Buchs rewarded.
Kann und sollte man machen.
Was mich allerdings sehr gestört hat: Die vielen unübersetzten chinesischen Sätze im Buch. Ich bin immer für Authentizität in Büchern zu haben und finde es auch vollkommen okay, den Leser:innen etwas zuzutrauen, das war mir allerdings bisschen zu sperrig und hat den Lesefluss sehr gestört.
Im Generellen ist die Protagonistin ein bisschen sperrig, weswegen es vor allem am Anfang ein bisschen dauert, ins Buch reinzukommen. Ich wurde aber am Ende sehr von der Entwicklung des Buchs rewarded.
Kann und sollte man machen.
August 31, 2026
Ciekawy setting, choć w kontekście dwukulturowości (Tajwan/Niemcy) oczekiwałabym więcej smaczków związanym ze zderzeniem kultur i języków. Tu autorka zdecydowała się na nietypowy, odważny krok - w ogóle nie tłumaczy dialogów i wstawek obcojęzycznych. Ciekawy zabieg, bo choć w większości wypadków można się z kontekstu domyśleć, o czym mowa, ale bez znajomości madaryńskiego szczegóły umykają. Za to wielkim plusem okazał się dla mnie kontekst medyczny (autorka jest lekarką, więc bardzo wiarygodny), neonatologiczny, który w powiązaniu z centralnym tematem porzucenia przez matkę nabiera tu głębszego wymiaru.
W ogóle jest to krucha opowieść o ranach psychicznych tak trwałych, że niemal uniemożliwiających jakąkolwiek partnerską relację. Bohaterka i narratorka podejmuje próbę zbliżenia się do drugiej osoby, i to o tym jest ta książka. O odrzuceniu, lęku przed odrzuceniem, pragnieniem bliskości i akceptacji.
Piękna, choć nie bez wad.
W ogóle jest to krucha opowieść o ranach psychicznych tak trwałych, że niemal uniemożliwiających jakąkolwiek partnerską relację. Bohaterka i narratorka podejmuje próbę zbliżenia się do drugiej osoby, i to o tym jest ta książka. O odrzuceniu, lęku przed odrzuceniem, pragnieniem bliskości i akceptacji.
Piękna, choć nie bez wad.
September 10, 2026
>M. sagte, die Deutschen seien viel zu ernst. Das kalte Essen machte sie innerlich kalt. M. sagte von Brot werde man dumm.<
>Vielleicht gab es eine schlafwandlerische Sicherheit, mit der sich Menschen in ihrem Elternhaus bewegten, die über die gängige Vertrautheit einer Umgebung hinausging und mehr war als nur das Muskelgedächtnis für die Abstände zwischen Möbelstücken, zwischen Lichtschalter und Tür.<
>Es gibt kein akustisches Pendant zum Abwenden eines Blicks.<
>Vielleicht gab es eine schlafwandlerische Sicherheit, mit der sich Menschen in ihrem Elternhaus bewegten, die über die gängige Vertrautheit einer Umgebung hinausging und mehr war als nur das Muskelgedächtnis für die Abstände zwischen Möbelstücken, zwischen Lichtschalter und Tür.<
>Es gibt kein akustisches Pendant zum Abwenden eines Blicks.<
September 5, 2026
Breche das jetzt ab. Find's wirklich einfach furchtbar langweilig. Weder Charaktere noch Story sind i.wie greifbar, dazwischen dann noch Sätze, die ich nicht verstehe (weil Mandarin) und dann leider null Emotionen. Check und fühl ich nicht.
Review of advance copy received from Publisher
es lässt sich nicht ganz in Worte fassen aber das ist ein ganz besonderes Buch und man merkt das Recht schnell. Es ist roh und gefühlvoll, ehrlich und wütend und so verzweifelt
Read
September 9, 2026Ein Buch, dass sich mir aktuell leider entzieht.
Displaying 1 - 13 of 13 reviews













