Über Herkunft, Rivalität und unsere Verantwortung für die Natur.
»Es zählt nur einer auf dem Hof, das ist der Sohn, der bleibt. Aber die anderen, die übrig sind, die zweiten, dritten, vierten Söhne und die Töchter, die nicht zählen, bleiben Teil der Herde, ob sie wollen oder nicht. Weil sie mit großen Tieren aufgewachsen sind, ihr Atmen und ihr Brüllen kennen, und den Geruch von Milch und Mist noch an sich haben. Weil sie im Glauben an die alte, ungerechte Ordnung großgeworden Vater, Sohn und heiliger Hof, schon immer so gewesen.«Broder Bahnsen wollte nie etwas anderes als Bauer werden, Nachfolger seines Vaters, der ihm den »Kuhverstand« vererbt hat, das Gespür für Tiere. Aber den Hof bekommt sein Zwillingsbruder Henning, nur wenige Minuten älter, immer schon selbstbewusster und mehr an Maschinen interessiert.Vom Hof vertrieben, baut Broder Bahnsen sich ein Gegenleben auf, wird Tierarzt und hält Abstand zum Betrieb, bis er nach über zwanzig Jahren wiederkommt und eine Praxis in der Nähe der Familie übernimmt. Ab da kümmert er sich auch um die Herde seines Bruders, der den elterlichen Hof zu einem hochmodernen Vorzeigebetrieb gemacht hat, mit Kühen, die auf maximale Milchleistung gezüchtet wurden.Doch der Erfolg hat seinen Preis. Broder ist der erste, der bemerkt, dass Henning langsam die Kontrolle über seinen Hof verliert. Und muss sich plötzlich fragen, ob er darauf nicht all die Jahre nur gewartet hat. Ist das die Gelegenheit, endlich den Platz seines Bruders einzunehmen? Oder hegt er genau wie seine Tochter Claire schon längst Zweifel an dieser Art der Tierhaltung? Dörte Hansen schreibt mit großer Klarsicht über eine Welt, in der unser Wachstumsglaube an seine Grenzen stößt und sich die Frage nach der Verantwortung gegenüber der Schöpfung immer dringender stellt.»Dörte Hansen ist mit Broder ein großer Roman gelungen, der mit unwiderstehlicher Klarheit von Umbruch und Verlust erzählt. Nie schreibt sie ein Wort zu viel, nie eins zu wenig. Die Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und die Bilder, die sie findet, ebenso ungewöhnlich wie ergreifend eingängig.« NDR Kultur, Buch des Monats»Wer ein Erzählkunstwerk der geschlossenen Form noch zu schätzen weiß, muss dieses bewundern.« FAZ»Broder ist eine ergreifende und humorvolle literarische Reflexion über Wandel, Vergänglichkeit und die Grenzen des Wachstums.« NZZ
Dörte Hansen (heute Dörte Hansen-Jaax; * 1964 in Husum) ist eine deutsche Linguistin, Journalistin und Schriftstellerin.
Dörte Hansen, born in Husum in 1964, worked as a radio and print editor and author for NDR after completing her linguistics degree. She lives in North Frisia with her family to this day.
2,5 * Ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut, da ich bereits alle anderen Bücher der Autorin mit Freude gelesen habe. Vielleicht hätte ich mich hier vorher mit dem Klappentext befassen sollen. Es ist einfach eine zynische Abrechnung mit dem Landleben, mit Leben auf dem Bauernhof. Es geht viel um Rinder und Schweine und noch mehr um Pferde. Wahrscheinlich soll es provozieren. Mich hat es genervt. Weil ich schon genervt war, fand ich auch die Schreibweise anstrengend. Ein einziges Mosaik. Oft ist nicht klar, aus wessen Perspektive gerade berichtet wird.
Schon mit den ersten Seiten fühlte ich mich in „Broder“ zuhause. Dörte Hansen nimmt einen überschaubaren Ort und macht daraus einen Mikrokosmos, in dem Familie, Arbeit, Tiere und Veränderung ineinandergreifen. Der Hof folgt einem alten Gesetz: Der Sohn, der bleibt, zählt; die anderen sollen sich einfügen oder verschwinden. Hansen erzählt von dieser Härte ohne Pathos und verklärt die Vergangenheit nicht.
Broder Bahnsen wollte Bauer werden, doch der Hof ging an seinen Zwillingsbruder Henning. Er wurde Tierarzt, hielt Abstand und kehrte nach Jahren in die Nähe der Familie zurück. Nun steht er zwischen seinem Gespür für Tiere, alter Kränkung und neuer Verantwortung. Mit James Herriot verbindet ihn höchstens der Tierarztberuf; Hansen verortet ihn in einer viel späteren, technisierten Landwirtschaft.
Der Hof ist dabei mehr als Kulisse: Seine auf maximale Milchleistung ausgerichtete Herde macht den Wachstumsglauben greifbar. Hansen bindet die Frage nach dem Umgang mit den Tieren an den alten Konflikt um Erbe, Anerkennung und Zugehörigkeit. Das Politische bleibt so in den täglichen Beziehungen verankert, statt als These über dem Roman zu schweben. Der technische Fortschritt rüttelt an den Familienbindungen: Wer gehört dazu, wer entscheidet und wem nützt der Betrieb?
»Er brüllte erst, als er im Auto saß.«
In diesem Satz steckt viel von Hansens Blick auf ihre Figuren. Sie macht Gefühle sichtbar, ohne sie auszuerklären oder ihre Menschen vorzuführen. Auch Broder ist weder Held noch heimlicher Sieger. Sein Wunsch, den Platz seines Bruders einzunehmen, wird nicht einfach als Gerechtigkeit verbucht. Hansen lässt offen, ob in seiner Sorge auch verletzter Stolz steckt. Das gibt der Familiengeschichte eine moralische Unruhe, die ich sehr mag.
»Großtierarzt und fertig mit der Welt.«
Die Sprache ist wieder das, weswegen ich Hansen lese. Mit wenigen Worten lässt sie eine Biografie, eine Beziehung oder einen inneren Widerspruch aufscheinen. Ihre Sätze sind klar, unaufgeregt und lebensnah, aber nie schmucklos. Darunter liegt große Genauigkeit für das, was Menschen einander antun, schuldig bleiben und woran sie sich trotzdem festhalten. Eine knappe Beobachtung kann zugleich komisch und traurig sein. Hansen deckt etwas auf, ohne ihre Figuren bloßzustellen.
»Ablage im Archiv der Kränkungen, Buchstabe M.«
Das ist für mich ein kleines Beispiel ihrer Kunst: präzise, trocken, warmherzig und mit einem genau gesetzten Stich. Auch beiläufige Szenen über Tiere und alltägliche Verrichtungen verleihen der Welt ihre Dichte. Der Roman zeigt nicht nur, wie sich ein Hof verändert. Mit ihm gerät ein Geflecht aus Gewohnheiten, Erwartungen und familiären Verletzungen ins Rutschen.
Ganz ohne Vorbehalt bin ich trotzdem nicht. Für ein so kurzes Buch treten mir zu viele Personen auf. Einige bleiben eher Stimme oder Umriss, während die Erzählung schon zur nächsten Lebensgeschichte wechselt. Die Episoden spielen vor dem Hintergrund jahrelanger Entwicklungen, ergeben für mich aber keine durchgehend tragende Geschichte. Ich hätte lieber weniger Figuren und einen klareren Handlungsfaden gehabt. Die Beobachtungen sind fein, doch manchmal wünschte ich mir, Hansen bliebe länger bei einer Person und verfolgte ihre Entwicklung weiter.
»ihre Katzen Schatzi nennen«
An dieser Stelle musste ich grinsen, denn ich nenne meine Katze auch schon mal „Katzischatzi“. Der kleine Seitenhieb passt zu Broders Abstand zur Welt der Stubentiger, ohne zum bloßen Witz zu werden. Solche Einzelheiten machen die Figuren lebendig und geben kurzen Begegnungen einen eigenen Ton. Für mich ist das eine Stärke des Buchs: Es beobachtet genau und traut dem Alltäglichen etwas zu.
Im Genre des regionalen Gesellschaftsromans steht „Broder“ in einer Linie mit Hansens eigenen Büchern über kleine Welten im Wandel. Es betrachtet eine Gemeinschaft nicht als Postkartenidylle, sondern als sozialen Raum voller Erinnerung, Reibung und Veränderung. Zugleich zeigt der Vergleich, was hier weniger gut gelingt: Altes Land (Rezension) gibt seinem Ensemble eine fast epische Bewegung; Mittagsstunde (Rezension) bindet mehrere Lebensalter an den Wandel eines Dorfes; Zur See (Rezension) lässt Insel und Bewohner_innen in einer sprachlich dichten, unverklärten Form zusammenfinden. „Broder“ verengt den Blick auf Hof und Familie. Das schafft große Nähe, aber die Episoden ergeben keinen ebenso starken Hauptbogen. Es bleibt für mich hinter der Geschlossenheit dieser Vorgänger zurück, ohne seine sprachliche Souveränität zu verlieren.
Das ändert nichts daran, wie sehr ich mich in diesem Buch zuhause gefühlt habe. Hansen macht aus einem Hof keine heile Welt und aus dem Wandel kein schlichtes Fortschrittsmärchen. Sie schreibt von Menschen, Tieren und Arbeit mit einer Nähe, die weder romantisiert noch auf Distanz geht. „Broder“ ist kein Jahrhundertroman. Es ist aber unverkennbar Dörte Hansen: klug beobachtet, sprachlich großartig und voller vertrauter, moderner Wirklichkeit.
Ein Buch, das einen nicht loslässt. Dörte Hansen kommt so dicht an die Menschen heran, dass es wehtut. Da ist nichts wohlgefühliges, da ist der Mensch in all seiner Rohheit, seine Verletzlichkeit und auch seiner Größe. Es geht um Gemeinschaft, um die Familie, die erdrückt und die wärmt. Es geht um die Natur und die Massentierhaltung, um den Druck, als Bauer oder Bäuerin zu bestehen oder eben auch nicht zu bestehen, sondern unterzugehen. Broder, der zweitgeborene Zwilling, verliert und gewinnt. Es gibt Hoffnung, und es gibt Trauer in diesem Buch. Und es ist egal, ob man ein Nordlicht ist oder ein Südlicht. Ob man Bauer ist oder Städterin. Dieses Buch geht jede und jeden an. Jedes Wort, jeder Satz ist wohl abgewogen. Es hat sich gelohnt, vier Jahre auf dieses Buch zu warten.
Książka o krowach. Też. O tajnikach produkcji rolniczej, które znają tylko insiderzy. O tym, jak nowe wypiera stare, i jak to stare było jednak może dobre, a nowe nie zawsze - tak przynajmniej przebija między wierszami, choć autorka stara się prezentować różne racje za i przeciw nowym i starym porządkom w sposób neutralny. Jest przy tym znawczynią małych, wiejskich, prowincjonalnych społeczności, gdzie wszyscy znają wszystkich i mają funkcjonować według ustalonych kodów, które trzeba znać, ale które nigdzie nie są spisane. To akurat udaje się Hansen świetnie. Podoba mi się lakoniczne pisanie tej autorki, spokojne, bez językowych ekstrawagancji, ale ze szczyptą liryzmu i - to najlepsze - ironii. Ale jest tu też jakiś podskórny dydaktyzm i obrona starego porządku, co tym razem było nie po mojej myśli.
Norddeuscher Bauern-core, über das Leben mit großen Tieren.
Die Geschichte geht über ein Jahr und schildert das Leben von Zwillingsbrüdern, der eine Bauer auf einem Milchhof, der andere Tierarzt und zornig auf seinen Zwillingsbruder, will er doch Bauer sein anstelle des Bauern.
Hansen zeichnet starke Bilder über das Leben mit Nutztieren und was es mit einem macht (zum Guten, zum Schlechten, kann jeder selber entscheiden). Kann man das Buch als Veganer lesen? Kann man, es wird einem nicht zum Fleischesser machen.
Meine Probleme mit dem Buch: Die Autorin verwendet zu viele Elemente wieder die sie schon in ihren anderen Büchern eingebaut hat... Figuren, Bilder und Sätze, die man genau so schon einmal gelesen hat, und das völlig grundloser Weise. Es ist genau so viel das es ungut auffällt, als wollte sie auf Teufel komm raus noch einmal Elemente ihrer älteren Bücher reinmischen. Dadurch fühlt sich das Buch weniger eigenständig an sondern eher wie ein Spin-Off. Und, wie gesagt, das hätte nicht sein müssen.
Und: sie liest das Buch selber, und Hansen hat nur eine mittelgute Stimme, kein Vergleich zu Hannelore Holger in "Mittagsstunde".
Dörte Hansen nimmt uns mit in den Norden, zu den Zwillingsbrüdern Henning und Broder Bahnsen. Sie gleichen sich zwar bis aufs Haar, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Henning war schon immer der Wildere. Er feierte ausgelassen und begeisterte sich für Motoren aller Art. Broder dagegen war von klein auf der Vernünftigere, einer, der ein besonderes Gespür für Tiere hatte. Schon als kleiner Junge träumte er davon, eines Tages den elterlichen Hof zu übernehmen.
So schien es nur folgerichtig, dass Henning, der wenige Minuten ältere Bruder, das Dorf verließ, um zu studieren. Doch mit seinem Ingenieurabschluss in der Tasche kehrte er zurück. Das Heimweh hatte ihn gepackt, und er pochte auf sein Recht, den Hof zu übernehmen. Broder musste sich daraufhin einen anderen Weg suchen. Er wurde Tierarzt, spezialisierte sich auf Pferde und arbeitete weit entfernt von seiner Heimat. Als sich jedoch auf dem Hof seines Bruders ein Unglück ereignet, kehrt Broder in seine Heimat zurück und arbeitet dort wieder als Tierarzt für Großtiere.
In ihrer gewohnt melancholischen, schonungslosen und zugleich mitreißenden Sprache erzählt Dörte Hansen von einer Familie, die seit Generationen einen „sauberen“ Hof führt. Sie zeigt, wie sehr die Landwirtschaft unter dem Druck steht, immer effizienter und konkurrenzfähiger zu werden, und wie schwer sich dieser Anspruch mit den heutigen Vorstellungen von Tierwohl vereinbaren lässt.
Besonders gefallen hat mir, wie treffend sie die Widersprüche des Dorflebens einfängt. Die Bauern wollen sich eigentlich aus allem heraushalten, und doch ist ihnen das Gerede der anderen alles andere als gleichgültig. Bloß selbst nicht in den Mittelpunkt geraten und zum Gegenstand des Dorfklatsches werden! Gerade diese kleinen Beobachtungen machen die Geschichte für mich so lebendig und glaubwürdig.
Fazit: För mi as norddüütsches Kind weer dit Book een Stück Heimat. Een Blick in de gode Stuuv vun de Nahbers, in een Welt, de mi so vertraut is. Dörte Hansen hett mi mit ehr Geschicht bannig raakt. För mi is dat ehr bestet Book bet nu. Ik kann dat Book blots vun Harten an jo wiedergeven! 5/5
Dörte Hansen schafft es auch in ihrem vierten Roman mit ihren kurzen, prägnanten Sätzen ganz eigene, originelle Figuren zu schaffen, an die man beim Lesen ganz nah ran kommt. Und wieder nimmt sie uns mit, aufs Land, an die Nordsee, mit der ihr eigenen Mischung aus Raubeinigkeit, Melancholie und lakonischem, subtilen Witz. Man merkt sofort, nach wenigen Sätzen, dass man sich in einem Dörte Hansen Roman befindet. Die auch mit "Broder" wieder sehr authentisch und ohne jemals ins Seichte oder Sentimentale abzudriften, von einer Familie auf dem norddeutschen Land erzählt und davon, wie prägend Heimat für die Menschen ist.
Ganz an den sensationellen Vorgänger "Zur See" kommt "Broder" dann aber doch nicht heran. Der Perspektivwechsel je Kapitel hat in "Zur See" besser funktioniert. In diesem, mit nur knapp über 200 Seiten eher schmalen Band, sind es dann doch zu viele Figuren, denen zu wenig Platz gewidmet wird, um sie wirklich kennen zu lernen. Zum Teil fühlt man sich eher wie angeteasert - und weil Hansen einfach unglaublich gute Figuren entwickeln kann, würde man von vielen gern noch mehr erfahren. Außerdem ist hier im Gegensatz zu "Zur See" eine Figur titelgebend. Warum wird aber nicht so richtig klar. Mehr "Pagetime" als anderen wird Broder Bahnsen nicht eingeräumt, und wenn, dann nur minimal. Dadurch wird nicht so ganz klar, was eigentlich erzählt werden soll. Und ein wenig thematische Redundanz stellt sich so langsam auch ein.
Dennoch ist auch "Broder" ein wirklich gelungenes, sehr atmosphärisches Buch, das vor allem von seinem tollen Figurenensemble lebt und von der zärtlichen Härte der Autorin ihnen gegenüber, die auch wieder sehr, sehr Dörte-Hansen-typisch ist. Wiedererkennungswert hat sie auf jeden Fall. Und ich freue mich jedes Mal wieder auf ein neues Buch von ihr. Nächstes Mal darf es aber gern wieder etwas abwechslungsreicher sei
Ehrlich, schnörkellos, echt. Starke Charaktere. Dörte Hansen erreicht den Lesenden mit ihrem gewohnten meisterhaften, unverkennbaren Schreibstil und die Frage zieht sich durch das ganze Werk:
Hat der Mensch das Recht, sich alles zu eigen zu machen und an sich anzupassen anstatt sich den natürlichen Gegebenheiten zu fügen und sich zu beugen, ohne immer auf der Suche nach Optimierung zu sein..
Hansens Heimatroman 2.0. Zwillingsbrüder, der eine Bauer, der andere Tierarzt, leben ein hartes, eher freudloses Leben. Gesprochen wird nur über das Notwenige, familiäre Verluste, wie etwa ein tödlich verunglücktes Kind, werden verdrängt. Eindringliche Naturschilderungen im Wandel der Jahreszeiten, dazu stark verknappte Seeleneinblicke. Letztlich sind alle Figuren in ihrer jeweiligen Depression gefangen und kommen dem Leser kaum näher. Von einer Story, einer Geschichte ist kaum etwas zu lesen, abgesehen vom dramatischen Ende. Not my cup of tea.
Ich habe das Buch an etwa vier Abenden durchgelesen. Anfangs musste ich mich etwas an den eigenen Schreibstil gewöhnen, danach ließ es sich aber wunderbar flüssig lesen.
Besonders gefallen haben mir die Einblicke in die Landwirtschaft und das Dorfleben mit ihren Kontroversen sowie die Familiendynamiken, die auf mich sehr authentisch und lebensnah wirkten.
Die eigentliche Tiefe des Buches wurde mir allerdings erst durch die Diskussion in einem Bücherclub bewusst. Vor allem die sprachliche Reduziertheit und Klarheit, mit der auf alles Überflüssige verzichtet wird, hatte ich beim Lesen gar nicht so wahrgenommen.
Insgesamt ein wirklich lesenswertes Buch, das ich gerne gelesen habe. Kein absolutes Jahreshighlight für mich, aber eines, das ich gern gelesen habe und weiter empfehle.
Einsame Spitzenklasse! Dörte Hansen schreibt zum Niederknien. Kaum ein Absatz ohne Metaphern. Nicht übertrieb nicht polarisiert genau richtig! Love it masterpiece 2026
Vater, Sohn und heiliger Hof – Bis der Tod sie scheidet
Es ist eine Geschichte, die man beendet, aber nicht einfach hinter sich lässt. Zugeklappt bedeutet hier nicht vergessen. Die Familie Bahnsen wird mich noch etwas länger begleiteten. Es fühlte sich an, als wäre ich auf dem Bahnsenhof zu Besuch gewesen und müsste mich nur wieder ins Auto setzen, um zu ihnen zurückzukehren.
Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. „Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“
Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert.
Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?
Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.
Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.
„Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“
Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.
Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.
Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.
Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.
tl,dr: Ein kurzweilig geschriebenes Buch für Privilegierte, die sich den Bauch pinseln lassen wollen, weil sie ihr Fleisch in Bioqualität kaufen oder vegetarisch essen und trotzdem gleichzeitig Empathie für Arbeitende in der Landwirtschaft aufbringen. Also: Wohlfühlliteratur für die, denen es sowieso schon gut geht.
Lange Begründung:
Ich hatte erst befürchtet, das Buch sei eine bloße Schicksalserzählung von eine paar alten weißen cis het Männern und war dann positiv überrascht, dass es sich mit so aktuellen Themen wie z.B. Massentierhaltung kritisch beschäftigt. ;)
Es geht in “Broder” also viel um Tierhaltung. Haustiere, Nutztiere. Die Autorin Dörte Hansen sagte in einem Interview dazu: “Dahinter steht natürlich auch die Frage: Wie gehen wir mit den Tieren um? Und dürfen wir Tiere überhaupt nutzen? Und wenn ja, wie? Wer gibt uns das Recht?” - wichtige und aktuelle Fragen, die zu meiner Begeisterung im Buch thematisiert werden.
Und dann ist das Buch einfach ZU versöhnlich - Zitat aus dem Buch: “sie haben sich geeinigt auf Uneinigkeit”. Jeder soll, wie er mag, und der eine mag sich eben nicht die Unbequemlichkeit geben, sich an etwas Neues zu gewöhnen. Aber es reicht doch, wenn er die anderen Menschen nicht schlecht behandelt, wenn sie Neues wagen - oder?
Die Autorin hat meine Vermutungen zur Intention dazu im Interview teilweise bestätigt:
“Aber grundsätzlich wollte ich gegen diese reflexhafte Dämonisierung der konventionellen Landwirtschaft schreiben. Die haben wir alle, die habe ich auch. Dieser Impuls, immer zu sagen: Bio ist gut, konventionell ist schlecht. Ich bin überzeugt davon, dass man auch einen großen Betrieb gut führen kann. Wir romantisieren oft im Rückblick, wie es den Tieren früher gegangen ist. […] Ich wollte es nicht dämonisieren, aber auch nicht verharmlosen, sondern so beschreiben, wie es ist, ohne es zu bewerten. Die Familie Bahnsen sind überzeugte und leidenschaftliche Landwirte. Es sind keine profitgierigen Tiereschinder. Und trotzdem kommen sie mit ihrer Hochleistungsherde an einen Punkt, wo sie sich fragen müssen, ist das noch vertretbar? Es gibt viele Krankheiten in der modernen Milchviehhaltung, die anzeigen, dass die Tiere überzüchtet und gestresst sind.”
Und ich bin nun versucht, das Buch mit genau der Nachsicht zu beurteilen, die den Charakteren darin zuteil wird - obwohl es nicht das Buch ist, dass die Tiere und die Ökosysteme dieser Welt brauchen, aber weil es vielleicht ja das Maximum an Kritik ist, das die Gesellschaft gerade bezüglich der Themen verträgt und so die Diskussion doch weiterbringt. Ich sollte dankbar sein, dass es so eine Thematik überhaupt in die Bestsellerliste schafft! Oder das Buch ist eben doch nur absolute Feel-good-Lektüre für genau die, die es eigentlich am wenigsten nötig haben.
Denn “Broder” skizziert die Langsamkeit des Fortschritts und den Schmerz der Veränderung mit so viel Nachsicht, mit so viel Verständnis für die Unbequemlichkeit von Umstellungen, das es für mutige Veränderungen in der Realität nur ein Ausbremsen bedeuten kann! Der Klappentext nennt es Empathie.
Ein bisschen reflektieren - aber so, dass es nicht zu wehtut, bitte? Ich bin unschlüssig und würde gerne andere Meinungen hören.
Pluspunkte: Ruhig, spannend, atmosphärisch, dicht und einfach gut geschrieben. Stimmungsvolle Naturszenen und präzise Beschreibungen der Natur und Landwirtschaft.
Der Februar ist der grausamste Monat im Jahr. Zu früh zum Säen und Pflügen, zu spät für Winterruh. Wer aufgibt, entscheidet sich im Februar. Legt sich ins Bett, zieht die Decke bis zur Stirn, Finger in die Ohren, damit das Gebrüll der Tiere aufhört. Man sucht einen Strick, einen stabilen Balken oder Ast. Dann kommt der letzte Tag im Februar. Der Himmel bricht auf, die Sonne strahlt und vertreibt Nebel und Sorgen. Wer es bis hierhin geschafft hat, atmet auf.
Zwanzig Kilometer weg vom Hof musste er ziehen, damit Marie-Claude mitkam. Ihre Vorgabe, kein Reetdach, keine Klinker, keine Sprossenscheiben. Nun wohnen sie in einem verglasten Bauhaus-Bunker, mitten unter den altehrwürdigen Häusern aus der Gründerzeit. Marie-Claude ist ganz zufrieden in dieser rauen Landschaft mit dem manisch-depressiven Himmel und malt Bilder von einem abgefackelten Hotel in allen Variationen.
Henning hat ihn angerufen, er müsse kommen. Jetzt. Broder Bahnsen regt sich auf, immer dieses Jetzt. Da fummeln und pulen Henning und der Alte die halbe Nacht an der Kuh rum und bekommen die Kälber doch nicht raus und dann soll er schnell kommen, der Tierarzt, der dafür nicht einmal bezahlt wird. Dem Broder hängt die Nacht noch im Kreuz. Er hat den Fahrdienst gemimt, wie er das seit Jahren schon macht für seine Freunde. Der Andi hat wieder des Nachbarn Frau angetanzt, bis der vehement sein Veto eingelegt hat. Holger hat zu vorgerückter Stunde geheult, weil er sich so alleine fühlt. Daneben der schicke Johan, der wie immer eingenickt ist. Die Thermoskanne ist so gut wie leer, weil er sie nicht aufgefüllt hat. Schöner Tagesanfang.
Fazit: Dörte Hansen hat abgeliefert. In ihrem heiß ersehnten neuen Roman zeigt sie eine Familie, die sich der Viehwirtschaft verschrieben hat. Die Zwillingsbrüder Henning und Broder Bahnsen wurden in die Milchwirtschaft hineingeboren. Henning, drei Minuten älter als Broder, tritt in Vaters Fußstapfen, weil er sich mit Maschinen besser auskennt. Broder meidet fortan den Hof und wird Tierarzt. Als er mit seiner Frau zurückzieht, wird er unentgeltlich in den Betrieb eingespannt, was zu regelmäßigen Wutausbrüchen führt. Henning hat alles so gut durchdacht. Auf Effizienz und Optimierung gesetzt, die Kühe hochgezüchtet und Milch im Überfluss. Die Besamung möglichst früh und genmanipuliert, denn Bullen kann der Betrieb nicht brauchen. Gummimatten gegen Klauenseuche, Melkroboter und doch rutscht der Betrieb in die roten Zahlen und Henning rutscht mit. Die Autorin erzählt von Landwirtschaft, die sich den Umständen anpasst oder verliert oder trotzdem verliert. Von einem höher, schneller, weiter, bei dem nicht nur die Tiere auf der Strecke bleiben. Sie erzählt von alten Traditionen und Rivalität zwischen den Brüdern, aber auch im Dorf. Man beäugt sich kritisch, wer hat den best geführten Hof, wer backt den besten Kuchen? Der schöne Schein ist wichtig. Dörte Hansen hat mich mit ihrer einzigartigen Erzählstimme wieder voll abgeholt, mich an die Hand genommen und staunen lassen. Ich habe dieses Buch ebenso gerne gelesen wie ihr drittes Buch „Zur See“.
Dörte Hansen: Broder ist ein besseres Buch als „Zur See“. Es ist ein kürzeres Buch als „Zur See“. 162 Seiten zeigte mein Reader, dank an NetGalley. Warum ist das Buch besser? Weil es kürzer ist? Vielleicht. Weil es mit weniger der konstruiert wirkenden Figuren ausgestattet ist? Möglich. Während „Zur See“ auf mich wirkte, als glaubte eine Sommerfrischlerin, sie könne von den InsulanerInnen erzählen (konnte sie nicht: Aber die Erklärung dazu ergäbe einen anderen Text.), scheint sie nun wieder auf dem Festland, auf festem Land zu sein. Hansen kehrt zurück zu dem, was schon in „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ die LeserInnen überzeugte; Bilder, Figuren und Begegebenheiten, die sich in der dörflichen Welt wiederholen, die sie vermutlich seit ihrer Kindheit beobachten und studieren konnte. Dem entgegen stellt sie die Anforderungen der globalisiertenten Welt, des digitalen Wandels, zeigt, wie der Druck konkurrenzfähig zu bleiben, die hintersten Dörfer der Provinz antreibt. Der so genannte „Sound“ der Autorin funkelt, wenn es ihr gelingt, kurze Hauptsätze zu verfassen, die sofort das richtige Bild im Kopf, sofort die richtige Schlussfolgerung erwirken. Sätze, über die man nachdenkt, verblüfft, wie einfach gehalten, sie eindrucksvoll nachhallen: „Ertrag kommt von ertragen.“ Ein Leitmotiv des Textes. Dann wieder verliebt sich Dörte Hansen in Neologismen, Metaphern, zerhackt Bilder mit Ellipsen, setzt Attribute, die verwirren, statt zu verdeutlichen und mit diesem Streben nach Originalität den Text überfrachten. Es schreit Kitsch. „Dorfgrammatik“ ist so ein Wort. Gut, die Linguistin Hansen wählt also Grammatik. Die Lehrerin nennte es vielleicht heimlichen Lehrplan. Man könnte es auch ungeschriebene Gesetze, Regeln, Erwartungen, Druck, Taktung, Planerfüllung, Ansprüche, Normen usw. nennen. Gemeint ist der unterschwellige Konkurrenzkampf der Landfrauen, sich keine Blöße zu geben und nach außen Perfektion zu zeigen und natürlich lauern alle darauf, dass jemand daran scheitert. Dann ist frau froh, es traf eine andere. Im Ganzen gibt es in der Vergangenheit der Figuren wieder Verluste und Verletzungen, es wundert, wie in einer so kleinen Gemeinschaft so viel Leid zusammenkommen kann- aber es ist ja zusammengedichtet. „Mittagsstunde“ schließt damit, die Veränderungen, die wir Menschen während unseres kurzen Daseins erleben, mit denen der Erde seit ihrer Entstehung in Relation zu setzen. Führt uns vor Augen, wie nichtig wir sind. „Broder“ schließt hoffnungsvoller. Ein Schritt zurück kann ein Fortschritt sein. Veränderungen können auch zu Verbesserungen führen, Milde und Verständnis gegenüber der Kreatur und uns selbst sind wichtiger als das Mithalten, Dagegenhalten, das Höher-Weiter-Schneller. Es ist nicht Dörte Hansens bestes Buch, aber es ist vielleicht ihr versöhnlichstes.
„Im Februar steht alles auf der Kippe. … Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar.“
„Alle um die sechzig, wie er selbst, und alle mürbe von den endlos langen Fahrten über Land, die Mägen überreizt vom schrecklichen Kaffee aus alten Thermoskannen, der am Ende einer Nacht lauwarm ist und wie Gift schmeckt. Man braucht ihn dann nicht mehr zu trinken, es genügt, wenn man ihn hört. Schon das Schwappen einer abgeschrammten Kanne, die im Fußraum über leere Zigarettenschachteln rollt, lässt einen angezählten Tierarztmagen beben.“
Mein erstes Buch der Autorin hat mich zerstört und ich liebe es. Darum geht es grob inhaltlich:
Henning und Broder Bahnsen sind Zwillinge und Erben eines großen Bauernhofs an der Nordseeküste. Während Broder eigentlich das Talent des Vaters mitbekommen hat und den Bauernhof gern übernehmen würde, bekommt ihn der wenige Minuten ältere Henning. Broder zieht weg und baut sich zunächst ein eigenes Leben als Tierarzt auf. Eine Tragödie lässt ihn zurückkommen… Der Hof der Bahnsens ist währenddessen ein Vorzeigebetrieb geworden, effizient und modern, aber was geschieht im Hintergrund?
Meine Meinung:
Dieses Buch traumatisiert einen mit voller Absicht und ist dabei ganz offen. Mir hat es von der ersten Seite an gefallen und obwohl ich selbst absolut nichts mit der Thematik als solche zu tun habe, zieht sie mich in Büchern schon immer magisch an.
„Broder“ ist die Art Highlight, die man erst mal nicht (später schon) im Favoritenordner speichert, weil man sich nicht vorstellen kann, dass man es jemals wieder auf sich nehmen könnte, es zu lesen. Weil es wirklich weh tut. Aber um es mit Broder‘s eigenen Gedanken zu sagen, die er zwar denkt, aber seiner Tochter schlussendlich nicht sagt:
„Es ist nicht alles schwarz oder weiß, und du entkommst der Schuld nicht dadurch, dass du dich heraushältst!“ (Seite 179)
Zwischen diesen Buchdeckeln steckt viel mehr, als man vom Klappentext erahnen kann. Der Schreibstil ist einfach berauschend gewesen, ich war wie im Kino. Man muss sich allerdings klarmachen, dass das Buch sehr ernst und nichts für zwischendurch ist. Was nicht heißt, dass kein norddeutscher, extrem trockener Humor drin ist, denn das ist er. Die Figuren sind komplex, man lernt sie kennen, man sitzt mit ihnen zusammen am Tisch mit der Wachsdecke.
Meine Rezension wird dem Gelesenen niemals gerecht werden, aber ich hoffe, dass ich Euch dennoch einen Eindruck vermitteln konnte.
Zum Inhalt: Broder kehrt nach 20 Jahren zurück in seine alte Heimat irgendwo in Norddeutschland. Dort übernimmt er eine Praxis als Landtierarzt. Sein Traum war es, den elterlichen Hof zu übernehmen…
Doch diesen hat Henning bekommen, sein Zwillingsbruder. Der Hof ist hochmodern. Das Milchvieh sind keine Lebewesen, sondern Produktionsmaschinen.
Der Vater der Zwillinge ist so ein ganz anderer Bauer. Er sieht das Tier im Ganzen, tastet es ab und prüft, ob es gesund ist und die Last der Milch tragen kann. Genau wie Broder. Er hat diese Gabe von seinem Vater geerbt.
Doch die Monate ziehen ins Land. Die Landwirtschaft verändert sich, die Milchpreise auch…
Und dann macht Broders Tochter ein Praktikum bei ihm. Sie studiert ebenfalls Tiermedizin. Nach diesem Praktikum hagelt es Vorwürfe. Doch Broder zweifelt selbst an sich und an dem Umgang mit den Tieren auf den großen Höfen.
Bis ein Streit alles verändert…
Mein Fazit:
Ja, ja und nochmal ja! Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen.
Dörte Hansen schafft es, auf etwas über 200 Seiten eine komplexe Familiengeschichte zu erschaffen, die mich tief bewegt hat.
Die beiden Brüder, die auf ganz unterschiedliche Weise mit ihren jeweiligen Leben hadern. Und trotz all ihrer Meinungsverschiedenheiten klingt immer wieder durch, wie sehr sie sich doch brauchen.
Aber dieses Buch spielt nicht nur aus der Sicht der beiden Brüder. Fast alle Familienmitglieder bekommen ihre eigene Geschichte, ihre eigenen tragischen Schicksale und dadurch eine ungeahnte Tiefe.
Ja, es geht hier überwiegend um Landwirtschaft, manchmal auch sehr detailliert. Und ich mochte diese Mischung aus Menschen und Tieren so, so sehr.
Als Norddeutsche vom Land hab ich die Kuchen der Landfrauen fast schmecken und beim Hoffest den Dorfgesprächen lauschen können.
Dörte Hansen erzählt in ihrem neuen Roman wieder von einer norddeutschen Familien- und Dorfgeschichte: Zwei Zwillingsbrüder, Broder und Henning, die aufgrund der Frage, wer den elterlichen Hof übernimmt, in Konflikt geraten. Von einer Welt, die gefangen ist zwischen Tradition und Moderne, dem wirtschaftlichen Druck auf einem Bauernhof und der Frage nach dem richtigen Umgang mit den Tieren.
Der Schreibstil der Autorin ist wie gewohnt die große Stärke des Romans: In knappen und präzisen Sätzen offenbart sie uns eine ganze Welt der Gefühle und Konflikte. Ihre Beobachtungen sind auf den Punkt. Natur und Landschaft werden trotz der wenigen Worte eindrucksvoll beschrieben. Dieser Stil passt exzellent zur rauen norddeutschen Landschaft und ihren ebenso wortkargen Bewohnern. So erzeugt die Autorin eine konstante melancholische und bedrückende Atmosphäre, äußerlich ruhig, innerlich jedoch vor Spannungen brodelnd. Wohldosiert aufgelockert wird dies durch den ebenso norddeutschen trockenen Humor, der manchmal in der Geschichte aufflackert.
Die beiden Brüder Broder und Henning sind umgeben von einer Reihe anderer Familienmitglieder, die den Blick auf die Situation erweitern und die Geschichte um weitere Perspektiven ergänzen. Zum Beispiel Claire, die Tochter Broders, die wie ihr Vater Tierärztin werden möchte, jedoch die Lebensbedingungen der Tiere auf den Höfen anprangert. Oder Maibritt, die Tochter Hennings, ganz und gar Nachwuchsbäuerin und damit vermutlich die erste Frau, die den familiären Betrieb erben wird. Menschen und ihre Beziehungen werden von Dörte Hansen genau beobachtet, ihre Konflikte ganz ohne dramatische Entwicklungen spürbar gemacht. So entsteht eine eindrucksvolle Geschichte über eine Familie im gesellschaftlichen Wandel.
Broder ist der Zweite. Der zweit geborene Zwilling, der Zweite seines Namens, nicht weil sein Vater oder Großvater ihn schon trug, sondern weil er überraschend kam und da musste der Name des verstorbenen Bruders her halten. Den Bauernhof bekam dadurch sein Bruder der daraus ein funktionalen High End Hof gemacht hat. Broder ist Tierarzt, er behandelt die Tiere seines Bruders umsonst. Sonst wäre der Hof wohl nicht zu halten. Die Brüder sind eins, nur in der Frage um den Hof da bekommen sie sich in die Haare. Das erlebt man aber nicht beim Lesen sondern es steht in wenigen kurzen Sätzen und zwischen den Zeilen. Es ist eine Bauernfamilie die auf der einen Seite sehr auf Traditionen bedacht ist, im Dorf eine wichtige Rolle spielt, mit vielen Problemen hinter verschlossenen Türen. Man redet nicht. Dörte Hansen schließt mit diesem Buch an "Altes Land" an. War es dort noch teilweise humorig, ist es hier eher bitter und verzweifelt. Der Trecker Protest ist noch in Erinnerung, die Gründe dafür weniger. Hier werden sie einmal angesprochen. Hier kommt die Milch von der Kuh und nicht aus dem Supermarkt. Schonungslos in kurzen knappen Sätzen wird der Beruf des Milchbauern und des Tierarzt beschrieben. Die Familien müssen es mit tragen oder gehen, möglichst weit weg. Es ist der Schreibstil der offen, fast schroff sehr viel transportiert. In wenigen Worten werden Schicksal, Angst, Trauer und Wut transportiert. Schöne Gefühle gibt es nur am Rand aber die bringen Licht ins Dunkel.
Broder und Henning sind Zwillinge. Weil es immer schon so war, übernimmt der Erstgeborere Henning den Bauernhof mit Kühen. Für seinen Bruder ist das bitter, denn er ist derjenige mit Gespür für Tiere. Er wird Tierarzt, kommt nach zwanzig Jahren zurück in sein Dorf, und fährt Tag täglich mit seinem alten Hund die Bauernhöfe an, um Tiere zu impfen oder anderweitig zu versorgen. Den elterliche Betrieb hat Henning zu einem hochtechnisierten Vorzeigebetrieb mit maximaler Milchleistung - alles digitalisiert - gemacht. Das Kuhgefühl ist verloren gegangen und wie lange kann die Ausbeutung der Tiere weiter gehen, um immer mehr Profit zu machen. Broder und seine Tochter, die auch Tierärztin werden will, hinterfragen diese moderne Tierhaltung. Das Dorfleben mit seinen ungeschriebenen Gesetzten, der Tierarztalltag, die Generationenkonflikte beschreibt Dörte Hansen sehr genau. Viele Gespräche gibt es in diesem Buch nicht, die Atmosphäre lebt von dem, was nicht ausgesprochen wird. Die Figuren leben Konflikte und Unbehagen in ihrer eigenen Gedankenwelt.
Ich habe vieles über die moderne Tierhaltung ohne menschliche Nähe erfahren, was mich als Fleischesser erschüttert und nachdenklich gemacht hat. Veganer haben ein gutes Gewissen.
Eigentlich ist Broder mehr an der Landwirtschaft interessiert als sein um ein paar Minuten älterer Zwillingsbruder Henning, doch die Tradition spricht dem Älteren den Hof zu. Ob das gut oder schlecht war, müsst ihr selber lesen.
Das Buch beschreibt das Leben in einem kleinen Dorf an der Nordsee im jahreszeitlichen Rhythmus. All die kleinen, aber bedeutenden Eigenheiten, die für die Bewohner so wichtig sind, werden liebevoll beschrieben. Broder und Henning sind von außen nicht unterscheidbar, doch ihr Wesen könnte unterschiedlicher nicht sein. Beide sind wunderbar beschrieben, vielleicht mag man den einen mehr als den anderen, aber das macht das Buch so lesenswert. Über allem liegt eine melancholische Stimmung, da es den Bauernhöfen nicht gut geht. Fallende Milch- und Butterpreise machen die Höfe unrentabel und Maßnahmen, die die Produktion steigern, erhöhen das Krankheitsrisiko der Tiere. All dies ist anschaulich beschrieben. Man muss das Buch einfach mögen, deswegen gibt es eine klare Leseempfehlung meinerseits.