In einer Kleinstadt ist der Aufruhr groß, als eines Tages ein Zelt vor der Villa der von Clüvers auftaucht. Schnell stellt sich heraus, dass darin die entfremdete Tochter des Ehepaares haust. Unglücklich und richtungslos ist Sophie nach Hause zurückgekehrt, trotz des schwierigen Verhältnisses zu ihrer Mutter.
Doch sie ist nicht die Einzige mit Leichen im Keller. Obwohl "Evas Tochter" mit seinem Titel eine Protagonistin vorgibt, werden in dem Buch die Geschichten von mehreren Frauen erzählt. Sie ergeben ein Geflecht aus Personen, das um Eva und ihre Tochter kreist. Dabei hat jede der Erzählerinnen ihre eigenen schwierigen Beziehungen, unerfüllte Träume und Sehnsucht nach Verbundenheit. Jedes Kapitel widmet sich einer anderen Freundin, Nachbarin, entfernten Bekannten und schließlich Sophie und Eva selbst.
Wegen der ständigen Perspektivwechseln kommt die Geschichte nicht gleich in Schwung, auch später kommt kaum Spannung auf. Insgesamt ist das Buch eher Figuren- als Plottgetrieben. Trotzdem hat die besondere Erzählperspektive ihre Reize. Zwar ringt jede Frau mit ihren eigenen unerfüllten Sehnsüchten, aber wegen der Parallelen wirken sie dabei weniger allein. Durch die Verbindungen zwischen den Charakteren wird die Stadtgemeinschaft selbst zu einer Figur.
Doch das Buch wird seinem eigenen Potential nicht gerecht. Egal wer erzählt, jede Person spricht und denkt gleich. Der Versuch, alle Figuren schlussendlich zu verknüpfen, ist unbeholfen; auf einem Haufen wirken die Verbindungen eher konstruiert und individuelle Konflikte sind plötzlich beseitigt. Unabsichtlich wird unterstrichen, dass nicht alle Kapitel sinnvoll in die Hauptgeschichte eingebettet sind. Bei genauerem Hinsehen wird die zunächst interessanten Erzählsituation eher zum Gimmick.
Eine weitere Schwachstelle des Buches sind seine männlichen Figuren. Ohne Ausnahme ist jeder Mann ein Arschloch, gewalttätig, chronischer Fremdgeher oder abwesender Vater. Platte Figuren sind sie alle. Während den Frauen des Romans viel Raum für Fehler gestattet wird, bleibt die Darstellung der Männer vorhersehbar, langweilig und nicht an Nuancen interessiert:
“Sie heiratete Veit, und es geschah nie mehr etwas Ähnliches. Ihr schlechtes Gewissen ließ nach, bis es irgendwann ganz verschwand und die Nacht mit dem Musiker zu etwas geworden war, an das sie von Zeit zu Zeit gern dachte. Manchmal hoffte sie, dass auch Veit solche Erinnerungen hatte, ein oder zwei, die ihre Ehe nicht zerstört und ihn insgeheim beglückt hatten. Ich wäre durchgedreht, wenn meine Frau fremdgegangen wäre, schrieb Thomas. Du bist doch selbst fremdgegangen. Ich weiß. Aber ich bin ein Mann. Ich glaube, da gibt es immer noch einen evolutionären Unterschied.”
Durch klischeehaft ungenügende Männer geraten die weiblichen Figuren in eine ständige Opferrolle, die ihnen ihre eigene Handlungsmacht aberkennt. So werden die Konflikte zwischen ihnen unkomplex, genauso wie deren Bewältigung. Sophies mentale Probleme, zum Beispiel, werden nur vage thematisiert. Der Einfluss dieser auf die Beziehung zu ihrer Mutter rückt vor den zahlreichen unglücklichen Beziehungen in den Hintergrund, die tiefliegenden Probleme zwischen ihnen werden kaum aufgedeckt.
In seinen besten Momenten schafft der Roman Figuren, die einen beschäftigen, auch wenn man das Buch beiseite legt. Sehr viel häufiger sind die Charaktere jedoch einfach gestrickt oder wirken nutzlos für die übergeordnete Handlung. Viele wichtige Auseinandersetzungen zwischen Figuren passieren off-page. Einen Handlungsstrang kann man nur manchmal zwischen Nebengeschichten aufblitzen sehen, der zentrale Konflikt zwischen Eva und Sophie wird nie so richtig aufgearbeitet. Wer eine schlüssige Auflösung mag, wird von dem Buch wahrscheinlich eher enttäuscht sein.
Greta steigt vom Rad ab und beobachtet das Zelt genau vor der Klinkervilla. Es stand am Rande des Bürgersteigs, die Heringe in den Vorgarten des großen Anwesens geschlagen. Was das wohl soll? „Mama?“. Isabells Stimme aus dem Fahrradanhänger. Sie muss sie in die Kita bringen, steigt wieder auf und radelt los. In der Kita läuft Isabell ohne jede Scheu auf ihre Freundin zu und Greta verschwindet, mit einem entschuldigenden Lächeln für die anderen Mütter. Small Talk ist nicht so ihr Ding, außerdem muss sie noch für ihre Mutter einkaufen. Lass sie das selbst machen, hatte Frank gesagt. Doch Greta geht ja selbst einkaufen, warum also nicht.
Als sie mit einer Einkaufstüte in der Hand ankommt, geht direkt die Türe auf, als hätte ihre Mutter dahinter gewartet. Ein, da bist du ja endlich, lässt Greta die Luft anhalten. Sie beißt die Zähne zusammen und geht in die Küche, um die Tüte auszupacken. Ihre Mutter räumt das Gemüse in den Kühlschrank. Sie könne übrigens selbst einkaufen gehen, sei schließlich noch nicht alt und tattrig. Greta dreht sich um, sieht ihrer Mutter ins Gesicht. „Du siehst heute wirklich jung aus.“ Sie sei beim Friseur gewesen. „Ach“. Wegwischende Handbewegung. Ist was passiert, will Greta wissen. Sie brauche Fotos für die Kampagne, deswegen sei heute das Fotoshooting geplant. Greta schluckt. Sie sollte sich aus der Kommunalpolitik raushalten. Landrätin! Was soll Greta sagen, wenn sie darauf angesprochen wird?
Hanne schaut aus dem Fenster. Da steht das Zelt immer noch genau vor Evas und Jacobs Haus, wie eine Anklage. Hanne schüttelt den Kopf. Auf die Idee kann eigentlich nur Sophie gekommen sein, Evas Tochter. Wahrscheinlich ist sie jetzt wirklich gestrandet. Jemand sollte das Ordnungsamt rufen.
Fazit: Die Autorin Annette Mingels hat in ihrem 8. Roman virtuos mehrere Frauenschicksale miteinander verwoben. Ich lerne Greta kennen, die sich freiwillig in ihre Rollenzuweisung gefügt hat, jetzt aber damit nicht mehr zufrieden ist und einen erneuten Start ihrer Künstlerinnenkarriere anvisiert. Eva, die Mutter von der zeltenden Sophie, aus deren Ehe alle Luft gewichen ist und die mit ihrer Tochter über die Maßen hadert. Hanne, Evas ehemalige beste Freundin, die sich einsam und verlassen fühlt, seit ihr Mann verstorben ist. Die psychisch angeschlagene Sophie von Clüver kampiert vor ihrem Elternhaus, weil sie neuen Anschluss an das Leben ihrer Eltern sucht und nicht daran glaubt, dass ihre Mutter das freiwillig zulässt. Jeder der Anwohner des Villenviertels ist darauf bedacht, den schönen Schein nach außen zu wahren, doch die rebellische Sophie bringt sie einander näher. Die Autorin zeichnet ein feinfühliges Bild jeden Charakters und lässt mich alles über die inneren Gemütszustände und Bedürfnisse ihrer Darsteller wissen. Kapitelweise beobachte ich die unterschiedlichen Sichtweisen aller Beteiligten und kann mich empathisch einfühlen, ohne zu beurteilen. Am Ende wird ein zartes Band gebunden, dessen Versöhnlichkeit mir ein paar Tränen ins Gesicht gezaubert haben. Ein ganz wunderbares Buch. Für alle, die gerne Kristine Bilkau lesen.