Aladdin, ein Love-Bomber? Pumuckl, ein Pionier des Ghostings? Die Plüschigen, die Maskierten, die Mä Sie alle stehen vor Gericht. Vor dem Internationalen Moralgerichtshof müssen die Ikonen unserer Kindheit Rechenschaft ablegen für Werte, deren Langzeitfolgen bei uns heute offen zutage Minderwertigkeitskomplexe, toxische Schönheitsideale, verzerrte Liebesbilder. Case closed. Oder? Wie schwarz-weiß sind die Grenzen eines Urteils? Während Chefanklägerin Reha den Prozess ihres Lebens vorbereitet, wittert Reporterin Lexi die Story, die sie endlich in die Prime-Time bringt. Zwischen Fallakten, Feenstaub und Schlagzeilen bahnt sich was an bei den beiden – bis die eigene Moral ins Wanken gerät. Dieser satirische Roman ist ein irrwitziger und ideenreicher Ritt durch die Kulturgeschichte unserer Kindheitsideale.
„Edith Löhle entlarvt die Red Flags unserer Kindheitshelden – und zeigt mit Witz und Scharfsinn, wie kompliziert Moral wirklich ist. Ich muss dringend meine alten Kassetten wieder rausholen!“ Ninia LaGrande
„What? Es gibt keine Helden? Diese Satire lässt einen allerdings nicht mit einem Loch im Nostalgie-Herz zurück, sondern mit dem Mut, sich neue Vorbilder zu suchen – oder selbst eins zu werden.“ Coco Meurer, Literaturensohn
Edith Löhle is a German journalist and author. Having worked predominantly for lifestyle magazines for over ten years, most recently as editor-in-chief of the German Nylon Magazine and Blonde Magazine, she is now driven by stories that highlight social injustices and, in particular, discrimination against female-read people. Her creative outlets are diverse: Edith has already written an audio book (the feminist essay "Die Rechtschaffen(d)en"), a documentary for ZDF ("Programmierte Ungerechtigkeit"), which was nominated for the Deutsche Fernsehpreis 2022 (German Television Award 2022). She is also the founder of the granny platform HeyNana.de, which advocates an exchange between two generations of women.
Kurzweilig, poppig, habe stellenweise laut gelacht. Sehr witzige Idee, leicht lesbar ohne hohen Anspruch. Teilweise minimal vorhersehbar und vielleicht hätten mehr Seiten (oder weniger Charaktere) auch mehr Tiefe reingebracht, aber is einfach unterhaltsame Lektüre. Zusätzlich wurden beim Lesen ein paar Kindheitserinnerungen wieder freigeschaltet.
„Kurzer Prozess“ nimmt eine Idee, bei der ich eigentlich sofort dabei bin: Was wäre, wenn unsere Kindheitsheld plötzlich vor Gericht stünden und sich für die Werte verantworten müssten, die sie uns über Jahre hinweg vermittelt haben? Aladdin als Love-Bomber, Peter Pan als Verantwortungsverweigerer, Pumuckl als Ghosting-Pionier oder Dagobert Duck als Vertreter einer problematischen Leistungsethik? Das ist absurd, witzig und gleichzeitig erstaunlich anschlussfähig an aktuelle feministische und gesellschaftliche Debatten. Genau deshalb hatte ich mich auf Edith Löhles zweiten Roman nach „Bible Bad Ass“ sehr gefreut.
Meine Meinung
Die Grundidee finde ich nach wie vor großartig. Leider konnte mich die Umsetzung diesmal aber nicht annähernd so erreichen. Der Internationale Moralgerichtshof ist ein durchaus cleveres erzählerisches Konstrukt. Er schafft einen Raum, in dem sich ganz unterschiedliche Fragen bündeln lassen: Wie bewerten wir Geschichten, die uns geprägt haben, heute? Was ist der Unterschied zwischen rechtlicher Schuld und moralischer Verantwortung? Wie viel Kontext müssen wir berücksichtigen und wann wird Kontext zur Ausrede?
Besonders interessant wird das dort, wo der Roman seine eigene Prämisse wieder infrage stellt. Denn zunächst scheint es verführerisch einfach: Wir nehmen die problematischen Figuren unserer Kindheit, legen ihre Verfehlungen offen und sprechen ein Urteil. Doch je weiter der Prozess fortschreitet, desto deutlicher wird, dass genau dieses Schwarz-Weiß-Denken nicht funktioniert.
Auch die feministischen Themen sind vielfältig. Der Roman nimmt sich toxische Männlichkeitsbilder, Care-Arbeit, Schönheitsideale, sexuelle Grenzüberschreitungen, romantisierte Beharrlichkeit, Körpernormen und die gesellschaftliche Erwartung an Frauen vor, sich anzupassen und aufzuopfern. Besonders gelungen finde ich, dass nicht nur die weiblichen Figuren betrachtet werden. Wenn Peter Pan dafür zur Verantwortung gezogen wird, dass seine ewige Unreife auf Kosten anderer geht, wird die Verbindung zu Care-Arbeit und vergeschlechtlichten Verantwortlichkeiten sehr deutlich: „Solange wir die männliche Verweigerung von Verantwortung romantisieren, bleibt Care-Arbeit eine Last auf den Schultern der Frauen.“ (S. 73)
An Ideen mangelt es diesem Roman wirklich nicht. Im Gegenteil: Es gibt so viele davon, dass ich mich stellenweise sogar gefragt habe, ob weniger hier mehr gewesen wäre. Feministische Kritik, Popkultur, Medienkritik, Klassismus, Rassismus, Care-Arbeit, Männlichkeit, Körperbilder, Moral und die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung: „Kurzer Prozess“ möchte sehr viel gleichzeitig verhandeln. Vieles davon finde ich relevant und spannend. Nur gelingt es mir nicht immer, die einzelnen Gedanken zu einem organischen liLesefluss zu verbinden, sodass es nicht nur an der Oberfläche kratzt.
Vieles wird ausgesprochen, erklärt und teilweise sogar mehrfach benannt. Die Figuren diskutieren die gesellschaftlichen Zusammenhänge, formulieren die feministischen Erkenntnisse und liefern häufig gleich die passende Einordnung mit. Löhles Figuren besitzen eigentlich ein enormes satirisches Potenzial. Und manche Einfälle sind wirklich witzig. Gleichzeitig hat der Humor für mich nicht immer funktioniert. Manche Gags wirkten eher aufgesetzt oder zu bemüht, andere waren mir schlicht zu flach.
Auch die Handlung um Reha, Lexi und das Team des Moralgerichtshofs konnte mich emotional nicht so erreichen, wie ich es mir gewünscht hätte. Gerade Reha hätte als Figur großes Potenzial: Sie ist Chefanklägerin, trägt ihre eigene Geschichte mit sich und muss im Verlauf des Romans feststellen, dass die moralischen Fragen, die sie bei anderen verhandelt, auch ihr eigenes Leben betreffen. Besonders deutlich wird das, als sie erkennt, dass sie selbst längst in den Widersprüchen steckt, die sie zuvor bei ihren Held kritisiert hat. Denn genau hier liegt eigentlich die spannende Frage: Was machen wir mit der Erkenntnis, dass wir selbst widersprüchlich sind? Dass wir problematische Geschichten geliebt haben können, ohne deshalb alle ihre Werte übernommen zu haben? Dass Menschen Fehler machen und trotzdem nicht auf eine einzige moralische Eigenschaft reduziert werden können? Zum Ende hin findet „Kurzer Prozess“ darauf auch eine Antwort, die ich grundsätzlich sehr sympathisch finde: Moral soll eben nicht zu einem starren Regelwerk werden. Das ist für mich die Kernaussage des Romans.
Fazit
Diese Rezension fällt mir auch schwerer, als ich zunächst gedacht hätte. Denn ich möchte ausdrücklich sagen: Ich finde die Idee dieses Romans weiterhin richtig gut. Ich sehe, was Edith Löhle damit machen möchte, und ich finde viele der Fragen, die sie aufwirft, wichtig. Nur hat mich der Roman sprachlich und in seiner konkreten Umsetzung leider nicht erreicht. Für mich blieb vieles zu sehr an der Oberfläche und wirkte stellenweise konstruiert. Wer Freude daran hat, bekannte Kindheitsfiguren aus einer feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive neu zu betrachten, wird hier vermutlich viele spannende Gedanken und Anknüpfungspunkte finden. Für mich bleibt am Ende allerdings vor allem die Erkenntnis, wie viel Potenzial in dieser Ausgangsidee steckt und der Wunsch, dass der Roman dieses Potenzial literarisch noch stärker ausgeschöpft hätte.
Dieses Buch hat sich angefühlt, als hätte die Autorin eine Idee gehabt ("Müssen fiktionale Figuren 100% moralisch handeln?"), ein Ende gehabt ("Nein, Moral lässt sich nicht anhand kurzer Ausschnitte erkennen" [Anm.: probably, aber keine Ahnung, das Ende war ein Epilog mit kurzen Absätzen/ Zweizeilern zu einzelnen Charakteren]) und dann nicht gewusst, wie man das ganze verbinden soll. Das Ergebnis sind eine Flut an kurzen Kapiteln, die irgendwelche moralischen Probleme aus nostalgischen Comics, Kinderserien u.ä. anschneiden, diese aber weder wirklich erklären, warum da etwas problematisch sein könnte, noch irgendwas damit anfangen. Keine Analyse, keine Ausarbeitung, kein Ergebnis. Und selbst wenn man wohlwollend davon ausgeht, dass das alles nur Denkanstöße sein sollen, bleiben viele Kapitel völlig zusammenhangslos. Auch eine charakterliche Weiterentwicklung ist bei kaum einer Figur erkennbar. Also eigentlich nur bei Franka (in Form von Rückblicken)...
Irgendwo in der Mitte des Buches fällt der Autorin auch noch auf, dass ja Rassismus und Homophobie existieren, aber auch das wird nur angehaucht. Es scheint, als hätte die Autorin versucht alle (gesellschaftlichen) Probleme der Welt in ein Buch zu pressen und dabei vergessen, dass ein reines Aufzählen irgendwie auch niemanden weiterbringt. Dazu verhält sich die eine Hauptcharakterin völlig "out of character". Nichts ist ihr wichtiger als moralisches Handeln, aber auf einmal tut sie etwas, was ihre Karriere (und ihren Charakter) völlig zerstört... naja...
Die andere Hauptcharakterin könnte man immerhin noch als personifizierte Gesellschaftskritik an weiblichen Schönheitsstandards, (internalisierter) Homophobie und den Privilegien weißer Menschen auslegen. Wenn man die Augen zusammenkneift... weil wird dieser Charakter auf die Probleme angesprochen, wischt sie dies sofort beiseite. Gesellschaftskritik ausgesprochen. Ergebnis? Alles nicht so schlimm. Achso und natürlich hat sie einen schwulen besten Freund, der das genaue Gegenteil von ihr ist... oder so...
[Und die Moral von der Geschicht'] Alles in allem war dieses Buch auf sämtlichen Ebenen enttäuschend. Außer man mag Kurzgeschichten über potenziell problematische KindheitsheldInnen und (fragwürdige) wlw Repräsentation.
Die 1,5 Sterne sind allesamt Franka und Said zu verdanken. Die einzigen sympathischen Figuren dieses Buches!!
Was passiert, wenn die Moral und Vorbildfunktion unserer Kindheitsheld:innen vor einem sogenannten Moralgericht verhandelt werden? Von Karla Kolumna und Miss Piggy über Peter Pan bis hin zu Aladdin treten Figuren aus den unterschiedlichsten Königreichen, Zeichentrickwelten und Comicuniversen ihren Weg zu ihrem Urteil an.
„Kurzer Prozess“ ist ein wilder, popkultureller Ritt, der vor allem unglaublich viel Spaß macht! Voller Humor, Anspielungen und Kindheitserinnerungen sorgt der Roman für jede Menge Wiedererkennungsmomente und beste Unterhaltung. Die wichtige Botschaft, dass auch unsere fiktiven (Kindheits-)Helden zum einen Produkt ihrer Zeit sind und zum anderen durchaus auch mal widersprüchlich sein dürfen, so wie wir Menschen eben auch, gibt es inklusive!
Fazit: Ein origineller und sehr unterhaltsamer Roman voller Humor und popkultureller Anspielungen – große Empfehlung!
Mich hat lange kein Buch mehr so gut unterhalten. Edith Löhle hat einen sehr lustigen und pointierten Roman geschrieben, der die aktuellen Debatten rund um Cancel Culture und Political Correctness wunderbar einfängt. Beim Lesen kann man sich selbst daran erinnern, wie man die einzelnen Figuren in der Kindheit empfunden hat und in ein bisschen Nostalgie eintauchen. Unbedingt lesen!!