Ein alternder Filmregisseur, eine bröckelnde römische Villa und eine Psychoanalyse, die aus dem Ruder lä In Katerina Poladjans neuem Roman »Goldstrand« erzählt ein Mann um sein Leben
An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom.
Fängt Katerina Poladjan in Zukunftsmusik das nahende Ende der Sowjetunion ein und zwar zum Zeitpunkt des Todes von Konstantin Tschernenko und bindet die Atmosphäre rundum die Suche nach einer Gitarre für ein Kwartirnik, befasst sie sich in Goldstrand mit der Lücke, die der vierzigjährige Kalte Krieg (1949-1989) in viele Familienleben geschlagen hat, in ein Zuvor und ein Danach. Poladjan strukturiert diese Dynamik um einen Filmregisseur namens Elia Fontana, um dessen Mutter Francesca und schließlich Felix, einem russisch-bulgarischen Architekten. Die Lücke selbst heißt Vera, abgeleitet sowohl aus dem lateinischen Sprachraum für „Wahrheit“ und dem slawischen für „Glauben“. Vera, die Schwester von Felix, verschwindet:
Die junge Frau tritt [aus dem Schiffsalon]. Auf dem Achterdeck ist sie allein, schaut auf den weißen Schaum des Kielwassers, dann in die Dunkelheit, wo die Lichter von Odessa längst verschwunden sind. Sie legt die Hände auf die Reling, schwingt ein Bein darüber, der Fuß findet Halt. Dann das andere Bein. Sie zögert. Sie springt. Das Stampfen der Dampfmaschine dröhnt, dumpfer als noch Augenblicke zuvor.
So beginnt der kurze Roman. Vera, mit ihrem Vater und ihrem Bruder auf der Flucht vor den Revolutionsunruhen 1922 und der sich andeutenden Stalinisierung, springt vom rettenden Schiff, das sie von Odessa nach Konstantinopel bringen soll. Später taucht eine andere Vera auf, Elias Tochter, geboren 1989, exakt zum Zeitpunkt als der Kalte Krieg endet und die Berliner Mauer fällt:
Jenny wurde schwanger, in Berlin fiel die Mauer, die Dualität der Weltordnung zerstob in Konfetti, und mir scheint, dass Vera nur einen Augenblick später geboren wurde. Vera war ein friedlicher Säugling, schrie kaum und schlief viel. Es war eine hoffnungsfrohe Zeit.
Doch die Zeit zwischen den zwei Veras hat Spuren hinterlassen, und diese arbeitet der Filmregisseur auf. Die Spaltung der Welt in Ost-West, Links-Rechts, in Kommunismus-Faschismus zerstört Familien, grenzt aus, führt zu Unruhen und Übergriffen, die ein leichtes Anknüpfen nach dem Ende der Spaltung verhindern. Europa wächst nicht einfach zusammen, auch wenn der „Goldstrand“ von Felix, Elias Vater, zu diesem Zwecke konzipiert worden ist, ein Kur- und Urlaubsort am Schwarzen Meer, in der Nähe von Warna, auf just der Höhe, wo Vera 1922 aus dem Schiff gesprungen ist:
Ganze Tage verbrachte [Felix] mit Zeichnen, bebaute das Ufer auf Papier, ließ Häuser in den Himmel wachsen. Hier sollten Menschen aller Nationen zusammenkommen, hier könnten in Sommerkleid und Badehose Klassenschranken und Sprachbarrieren fallen, hier würde Europa nach dem Krieg neu erstehen und zusammenfinden, hier sollte eine glänzende Zukunft mit Meerblick für alle entstehen. Wenn er Lew von seinen Plänen erzählte, nickte der nur.
Das westliche Gegenstück heißt in Rom Ostia, ein ebensolcher Strand, verrucht, ausgelassen, und just zu diesem Strand zieht es die neue Vera. Poladjan dynamisiert in Goldstrand die problematische Hoffnung, die Wunden der Vergangenheit heilen lassen zu können. Sie schreibt atmosphärisch, geradlinig, präzise und ruhig um dieses Problem herum. Als einigendes Motiv bleibt die Intensität, der Hedonismus, das Glück des jeweiligen Momentes, die sich in Kunst, Akrobatik, Film, Musik und Gemälden ausdrückt. Ihr Buch Goldstrand rettet ein Stück Utopie, indem sie Sprache in Musik verwandelt, glitternd, glitzernd, schillernd, schwebend, Sonnenlicht auf römischem Wasser. Odysseisches Gegenstück zu Alberto Moravias Die Verachtung.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Elia Fontana, 60 Jahre alt, lebt in Rom, Filmregisseur. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Rahmenhandlung. E geht zu einer Therapeutin, Dottoressa Malatesta. [Errica Malatesta, italienischer Anarchist 1853-1932]. Dort spricht er über seine Vergangenheit. Der erste Teil des Kapitels geht um den Dialog zwischen D und E, danach geht E nach Hause und erinnert sich allein. Kapitel 1: In der Praxis: Großvater Lew von E flieht mit seinem Sohn Felix und seiner Tochter Vera von Odessa nach Konstantinopel 1922, um der Stalinisierung zu entgehen. Sein Freund Leo Isaakowitsch Schestow befindet sich bereits im Pariser Exil, schreibt seine Philosophie der Verzweiflung. Während der Überfahrt, geht Vera verloren, und zwar ziemlich auf der Mitte der Reise. Lew will seine Tochter, zumindest ihre Leiche finden, und lässt sich mit seinem Sohn zurück nach Bulgarien schmuggeln, wohin die Leiche abgetrieben sein könnte. Dort wohnt er am Strand. Später pflegt er den Garten einer Königin in Rumänien. Nach ihrem Tod ziehen sie wieder zurück zum Strand, wo Felix, begeistert von Architektur, ein großes Erholungsgebiet plant für ganz Europa, ohne Klassenschranken und Sprachbarrieren. Lew stirbt 1958, als 79jähriger. Kapitel 1: Außerhalb: Geht in ein Café, trifft einen Fan, geht in eine Kirche, denkt an Jennys Dissertationsprojekt, geht nach Hause, überlegt, welches neue Filmprojekt er beginnen könnte. Kapitel 2: In der Praxis: Über einen Statisten, der sich in den Film geschmuggelt hat, ein Doubles eines emigrierten russischen Schauspielers Iwan Iljitsch Mosjukin. Geschichte seiner Mutter Francesca, Eltern Anhänger von Mussolini, sie Kommunistin. Kurze Erwähnung der mysteriösen Todesumstände von Wilma Montesi – die Eltern geben ihr mehr Freiraum. Sie fährt mit Kommunisten nach Bulgarien, dort hat sie einen One-Night-Stand mit Felix, der sein Traum von dem Erholungsgebiet umgesetzt hat (Goldstrand). Sie bekommt neun Monate später Elia. Kapitel 2: Außerhalb: Wieder Gedanken an neuen Film. Geht in ein Kino, sieht sich dort seinen ersten Film an, in welchem er als Statist mitwirkte. Francesa hat ihn auf die Filmarbeiten aufmerksam gemacht, Start seiner Filmkarriere. Kapitel 3: In der Praxis: Sie sprechen über wichtige Gegenstände für E, Dose mit vier Milchzähnen, Postkarten mit Kathedrale aus Sofia. Familienstand, Jenny, getrennt, in Deutschland mit Tochter Vera, auch in Deutschland, arbeitet in Oranienburg. Brief an Felix aus Italien. Eltern verstoßen die Tochter. E wächst bei konservativ-militanten Großeltern Omero und Giuilia auf. Auf Es Drängen trifft er seine Mutter einmal pro Woche am Samstag, aber die Problematik mit den Großeltern bleibt. Ab 14 sieht er sie nicht mehr. Mit 16 rief sie ihn an wegen der Dreharbeiten. Kapitel 3: Außerhalb: Schaut sich zuhause seinen ersten Film an. Kapitel 4: In der Praxis: E bringt einen Wellensittich mit zu Dottoressa. E hat Geburtstag. Frage nach Büchern zum Untergehen. Pavese würde er nie versenken. Premiere mit der Mutter, die kein Urteil abzugeben vermag. Alles sei gut. Kapitel 4: Außerhalb: Bekommt einen Geburtstagsgruß von Vera, Jenny mit auf dem Photo. Er besucht seine Mutter. Gehen in einen Buchladen. Bunker der Großeltern. Francesca muss ausziehen, vielleicht zu E. Erinnerung an das Zusammenleben mit Jenny und seinen Großeltern. Kollage: Mussolini bedeckt von Gramsci. E geht alleine in eine Bar. Tanzt zu Giorgio Moroder. Vater der Disco. Kommt spät zurück. Kapitel 5: In der Praxis: Ein Paolo gesellt sich in die Therapiestunde. Wie E und Jenny sich kennenlernten, in einem Schuhgeschäft, wollten dasselbe Paar Schuhe, haben dieselben Schuhgröße. Am selben Tag stirbt Großmutter Guilia, Omero außer sich. Jenny beruhigt ihn bei der Trauerfeier. Er zieht zu Jenny, aber bald müssen sie sich um Omero kümmern. Jenny wird schwanger, Vera kommt 1989 auf die Welt. E viel am Arbeiten, Jenny schließt Studium ab, gute Tage am Strand. Hat Kindheit Veras verpasst. Vera und Omero verstehen sich. Kaum stirbt Omero, reisen Vera und Jenny ab. Jenny wirft ihm mangelnden Familiensinn vor. Kapitel 5: Außerhalb: Nach Likör in der Praxis, E etwas schwankend. Kauft Parfüm für seine Mutter. Sie will nicht zu ihm ziehen, als er es ihr übergibt. Er schnüffelt in ihren Sachen, aber sie schiebt ihn aus der Tür heraus. In der Nacht kreisen Hubschrauber über seinen Bezirk. Er ruft Vera an, die ihn beruhigt. Kapitel 6: In der Praxis: Erinnerung am Familienleben, E nicht aufgelegt, sich Terence Hill und Bud Spencer Filme anzusehen. E fragt sich, warum er nicht um die Beziehung gekämpft hat. Erinnerung an einen Besuch in Moskau, Besuch von Vera. Sie ist 16. Drei Jahre später kommt sie mit einer Freundin zu Besuch. Sie erdichtet eine Märchengeschichte über einen von einem Bären gefressenen Ex-Geliebten von Jenny. Danach 6 Jahre keine Besuch, Wiedersehen bei Premiere des Films über die Tante Vera. Vera fragt, was so ein Film soll? Er besucht sie in Deutschland. Sie leitet Führungen durch ein KZ in Oranienburg. Die Therapeutin beendet die Sitzungen, 40 Stück, das war’s. Kapitel 6: Außerhalb: Vor der Haustür will E mit Paolo spazieren gehen, der aber entwischt. E beginnt zu steppen. Kapitel 7: Außerhalb: Gartenarbeit. Er pflückt Orangen und Zitronen und kocht Marmelade. Er überlegt ein Projekt über Adriano Celentano durchzuführen. Maletesta und Paolo kommen zu Besuch, auch Francesca. Er träumt von einem Segeltörn nach Bulgarien. Die Holzente und Kiste mit Milchzähnen kommen von Felix. Francesca wütend über Es Nachforschungen – sie hat Felix einen Brief geschrieben. Vielleicht hat er den Kontakt abgebrochen. E beschreibt den Segeltörn, den er vorhat, wie er zum Schwarzen Meer segelt, in Istanbul Spuren seines Vaters und Großvaters sucht. Er fährt nach Warna, zum Goldstand, beobachtet eine Gestalt, die auf einen weißen Stier klettert. Er geht ins Hotel, dort gibt es einen Kirk. Er geht einkaufen. Er betritt ein Restaurant, wo ein Höllenhund kauert. Er lernt eine Vera kennen, wie sie aus Odessa abreiste, in einem Rettungsboot auf Deck einschlief, ihren Vater und Sohn verpasste, sie suchte, aber nicht wiederfand. Sie befreundet sich mit einem Stier an, wird Zirkusattraktion. Er hat Visionen von der ganzen Familie auf einem Kinderspielplatz. Seine Gäste verabschieden sich. E bleibt zurück. Er macht die Nacht durch, fährt nach Ostia, ruft Jenny an, sagt er vermisst sie, und schwimmt dann ins offene Meer hinaus. … Strukturell: 40 Therapiesitzungen, 40 Jahre Ost-West-Konflikt in Europa (1949-1989). Vera wird zum Zeitpunkt des Mauerfalls geboren. Was ist passiert? Kampf zwischen Faschismus und Kommunismus, innerhalb der Familie von Francesca, was zur Zersplitterung führt; und auch innerhalb Russlands, weshalb es zur Emigration der Familie von Felix kommt. Strukturell: Vera verschwindet, als die Heimat verloren geht – Vera wird geboren, als der Ost-West-Konflikt formal beendet wurde. Zwischenzeitlich haben sich aber die Banden, die Zusammenhänge gelöst, und was nach dem Ost-West-Konfliktende passiert, lässt sich als Sturz ins Leere begreifen, ohne Verbindlichkeit. Wie also die Verbindlichkeit wieder etablieren? Durch Anamnese, durch Anarchismus (Malatesta, Name der Therapeutin und Name eines berühmtem italienischen Anarchisten), also gegen die Zwei-Ordnungsstruktur. … Goldstrand in Bulgarien, von Felix geplant, vor dem Beginn des Kalten Krieges, als Versöhnung, dort treffen sich Felix und Francesca, West und Ost. Partytourismus seit 1956, nordöstlich der Stadt Warna. Besonders beliebt bei Deutschen. Dort wo seine Schwester hingeschwommen oder hingespült sein könnte. Der Ort, der genau zwischen Heimat und Exil liegt. … Ostia, ein wichtiger Ort. Einerseits wurde dort Wilma Montesi tot aufgefunden, Skandale im Außenministerium. Omero, der auf die Prostituierten in Ostia schimpft. Später fährt Elia mit Vera nach Ostia, an den Strand, aber immer kommt etwas dazwischen. Nach Ende seiner Therapie fährt er alleine dort hin und geht schwimmen, vorher ruft er Jenny an und sagt, dass er sie vermisse. Ostia steht eben für das westliche Gegenstück zu Goldstrand. … Großeltern heißen Romero und Julia, Omero und Guilia, auch Geschichte zweier verfeindeter Familien. Beide sterben. … Vera heißt slawisch Glauben. Auf dem Weg aus ihrer Heimat ins Exil nach Konstantinopel verlieren Lew und Felix den Glauben (Vera). Sie suchen. Es entsteht Goldstrand. Am Goldstrand wird Elia gezeugt („der Herr ist mein Gott“), und Elia zeugt erneut mit Jenny, einer Deutschen, den Glauben (Vera). … Verknüpfung über das blaue Seidenband von Veras Sommerhut, dass in die Hände von Elia gelangt. Die Rückbindung. … insgesamt sehr stimmig, synthetisch, als Code der West-Ost-Konfikt (Rechts-Links/Faschismus-Kommunismus) im System Europa (Zeus/Stier, Entführung), die Formen erzeugt. ●Kurzfassung: Eine Familie in den Revolutionswirren aus Russland, die Tochter Vera geht verloren, wird gesucht nicht gefunden. Am wahrscheinlichen Ort ihres wahrscheinlichen Ertrinkens baut ihr Bruder eine Hotelanlage und hat einen One-Night-Stand mit einer Italienerin, mit der er einen Filmregisseur namens Elia zeugt, der später ein Tochter namens Vera hat und seiner Familiengeschichte nachforscht, vor allem weil seine Familie äußerst zersplittert ist. ●Charaktere: (rund/flach) geheimnisvoll. ●Besondere Ereignisse/Szenen: die imaginierte Reise der Vera, die Art der Odyssee, wie Elia von Rom aus nach Warna mit dem Boot fährt. ●Diskurs: Gespaltenheit der Welt in politische Lager; Ende des Kalten Krieges und was er hinterlassen hat. … atmosphärisch sehr ähnlich zu Alberto Moravias „Die Verachtung“, auch ein Filmregisseur, auch ein Strand, auch ein Tod, der Topos „Odyssee“ nur hier als Ehedrama verarbeitet, bei Poladjan eher als Familienfluch. Sonne, Meer, Film, Italien erzeugen aber einen sehr gemeinsamen Background. Somnambul. Spannend und charakterlich überzeugend. Im Haus von Eli auch große Ähnlichkeiten zu Martin Suters „Melody“. --> 5 Sterne
Form: ●Wortschatz: Nüchtern, distanziert, sehr präzise, auch sehr verdichtet, ohne poetisch zu sein, sehr wenig Schmalz, sehr wenig Kitsch, sehr zurückhaltend geschrieben, ohne Wort- ●Type-Token-Ratio, Satzlängen-Verteilung-Median, Anteil der 1000 häufigsten Wörter – 0,216 hoher Variationsgrad; 75% der 1000 häufigsten Wörter am Gesamttext, 1470 Wörter werden benötigt um 80% abzudecken; 12,6 Wörter pro Satz/STAB 9,7 Wörter ●Stimmige Wortfelder: stimmig, familiär, persönlich, melancholisch, keine wissenschaftlichen Exkurse, keine schmissigen Diskurse ●Satzstrukturen: fließend, rhythmisch, gleitend ●Wiederkehrende Motive/Tropen: nichts aufgefallen. ●Innovation: filmisch, stroboskopisch, blitzlichtartig, filmtechnisch geschrieben, sehr passend --> 5 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: wie ein Dokumentarfilm, eine Off-Stimme erzählt, während sie Eli filmt; zugleich aber existiert das Innenleben von; d.h. es ist personal erzählt, aber in Präsens, als Verfolgerkamera. Nacherzähltes Filmen, mit Innenperspektive. Es gibt also eine Disparatheit zwischen durch Elias Augen sehen und innerhalb von Elia ihn dennoch distanziert betrachten. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Perspektivierung, Situierung und Reflexion möglich. Völlig immersiv in der Echtzeiterzählweise. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: immersiv, empathisch, verdichtend ●Einschätzung: leider Schwachpunkt des Textes, als Filmschnittprotokoll überzeugend, als eine Art dokumentierte, von Außen mit Insiderwissen ausgestattete Moderation, dennoch eben nicht völlig gerahmt, nicht so wie der Gegenstand und die Sprache selbst. --> 3 Sterne
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr interessante Dynamik, abweichend schnelle, verstörende Erinnerungsabschnitte, Pendeln zwischen privatimer Erinnerung und derjenige, die der Dottoressa erzählt wird. ●Extradiegetische Abschnitte: Nein, es sei denn Filme wären gemeint, es gibt Filmbeschreibung und die Vorstellung, die erzählte Version eines möglicherweise zu erstellenden Films, die Odyssee zurück nach Warna ●Lose Versatzstücke: nein, sehr verdichtet, strukturiert. ●Reliefbildung: durch die Zweitteilung, innerhalb/außerhalb der Praxis nimmt die Codierung in West-Ost, Rechts-Links auf … ●Einschätzung: kompositorisch überzeug Poladjan durchweg, die einzelnen Details gehen nie verloren, beziehen sich aufeinander, treiben sich gegenseitig weiter, ein sehr geschlossener, kohärenter Text. --> 5 Sterne
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: nein, sehr atmosphärisch, filmisch, intensiv ●Geärgert: nein ●Amüsiert: nicht wirklich, mitgerissen, sentimental ●Gefesselt: ja, wie alles sich zusammenbindet als Prozess ●Zweites Mal Lesen?: möglicherweise, leider etwas kurz. … ein Problem mit dem Text bleibt die Kürze, dass diese Dichtheit nicht über einen längeren Raum aufrechterhalten wird, obwohl sie könnte, sich mehr Zeit lässt. --> 5 Sterne
Ich habe vieles nicht verstanden. Das für mich Entscheidende habe ich verstanden. Und es reicht. Die Sprache trägt und trifft. Das Wie entscheidet…Es muss nicht jede Leerstelle gefüllt werden. Nach einer Weile der Suche und Orientierungslosigkeit, das Nicht-Wissen aushalten und weiter. 🥲
Dieses Buch lässt mich etwas ratlos zurück. Es ist schön geschrieben und es geht sicher um den europäischen Ost-West-Konflikt, aber ich habe mich leider gelangweilt. Ich erkenne mythologische und sonstige Referenzen, aber ich kann nicht sagen, dass sie mich angesprochen haben. (Der Höllenhund Cerberos schaut nach oben, seriously? Vera zieht mit dem weißen Stier in eine Höhle? Sorry, das lässt mich eher mit den Augen rollen.) Die Tochter des Protagonisten sagt mehrfach: "Ich weiß nicht, was das soll". So ging es mir mit dem Hörbuch insgesamt auch.
Mit seinen um die Sechzig hat Eli schon einiges gesehen und erlebt. Gezeugt wurde er wohl in Bulgarien, wo nach der Fertigstellung der Urlaubsort Goldstrand entstehen sollte. Aufgewachsen ist Eli allerdings in Rom bei seinen Großeltern, die meinten, seine Mutter sei doch noch zu jung gewesen. Irgendwie mochten seine Großeltern ihn schon, er war ja nicht schuld, aber eine gewisse Distanz blieb. Allerdings durfte er ein Mal in der Woche zu seiner Mutter, was ihnen beiden guttat. Irgendwann lernte er seine Frau kennen und gemeinsam bekamen sie eine Tochter. Gemeinsam kümmerten sie sich um seine Großeltern und dann trennte sie sich. Und das alles und noch viel mehr erzählt Eli der Dottoressa.
Vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt sich mit um die sechzig mal auf die Couch zu legen und einer Therapeutin von seinem Leben zu erzählen. Oder auch manches nicht, hin und wieder schweift er auch ab. Wenn die Dottoressa nachhakt, verschließt sich Eli hin und wieder. Und doch wurde Eli in eine wechselvolle und geschichtsträchtige Zeit hineingeboren. Das wirkt sich durchaus auf sein Leben auf. Ein Leben, das ihm mal ereignislos erscheint und dann wieder so actionreich und schnell vorbeirauscht, das es kaum zu glauben ist.
Von der ARDAudiothek (jetzt ARDSounds) zur Verfügung gestellt wird dieses Hörbuch, dem in der App ein sehr ansprechendes Titelbild entworfen wurde. Ob es irgendwo zum Kauf angeboten wird, war nicht feststellbar. Es wird gelesen von Harald Schrott, der mit seiner warmen Stimme durch Elis Erzählung führt.
Das Buch hat in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Mit Eli erzählt hier schon ein Durchschnittsmensch, dessen Leben dennoch besonders ist. Manchmal will er damit nicht so richtig herausrücken, vielleicht war auch mal etwas nicht so leicht für Eli. Und doch scheint sein Leben in einigen Momenten wie von der warmen Sonne angestrahlt, die man sich für den Goldstrand vorstellt, nachdem man geschaut hat, wo diese Urlaubslage zu verorten ist. Ein kleiner und feiner Roman.
»Schreiben ist in erster Linie erzählen, und jedes Erzählen braucht seine eigene Ökonomie. Wenn ein Maler mit wenigen dunklen Linien Akzente und Schatten setzt, kann das Bild sehr viel Licht zeigen. Vielleicht versuche ich etwas Ähnliches beim Schreiben – mit den richtigen Konturen etwas plastisch werden lassen, was mit einem Übermaß an Details wieder verflachen würde« Katerina Poladjan
Meiner Meinung nach ist das Katerina Poladjan hier hervorragend gelungen. Zudem ist ihr Protagonist, ein ca. 60-jähriger Filmregisseur, nicht nur ein unzuverlässiger Erzähler mit der Eigenschaft, filmisch zu denken und zu fabulieren, bis hinein ins Surreale, Märchenhafte und Mythologische, sondern auch ein unzuverlässiger Erinnerer, was die 100 Jahre umspannende Familiengeschichte betrifft. Mir haben der Erzählstil, vor allem auch der Humor, die Konstruktion mit vielen Zitaten aus Filmen, filmreifen Szenen und verbleibenden Rätselhaftigkeiten sehr gut gefallen.
Katerina Poladjans "Goldstrand" ist ein zauberhafter, kurzweiliger und doch sehr tiefgehender Roman, der von Eli erzählt, der wiederum seine Familiengeschichte erzählt. Und zwar einer ominösen Dotttoressa in Rom, von der ich irgendwann nicht mehr wusste, ob sie wirklich existiert oder auch nur Elis Fabulierlust entspringt. Denn der alternde Filmregisseur fabuliert gerne, dichtet seiner Familiengeschichte immer mal wieder etwas hinzu, kreiert Filmszenen aus ihr und flaniert in Rom umher, der wunderschönen ewigen Stadt. Und so weiß man nicht: was ist hier Wirklichkeit, was Ausgedachtes? Wirklich wichtig ist das auch nicht, denn Katerina Poladjan schreibt einfach zu schön, verwebt Politik und Alltag so leichtfüßig, dass es wieder eine Freude war, ihren Worten zu folgen. Und am Ende wacht man auf und denkt: Das war ein guter Traum. Ein bisschen surreal, aber gut! Und: Ich glaube, Cineast*innen kommen hier sehr auf ihre Kosten, weil sie viele Anspielunen verstehen werden, die ich nicht verstanden habe. Nur eine Referenz zu Italo Calvino "Der Baron auf den Bäumen" habe ich mit Freuden wahrgenommen - aber das ist ja auch kein Film.
Goldstrand beginnt stark. Die ersten Kapitel entwickeln eine eigene Spannung, vieles bleibt offen und wirkt zugleich bewusst gesetzt. Daraus entsteht zunächst die Erwartung, dass sich diese Anlage im weiteren Verlauf vertiefen wird.
Das löst der Roman nicht ein. Die fragmentarische Erzählweise bleibt bestehen, führt aber nur selten zu einer wirklichen Verdichtung. Einzelne Szenen funktionieren für sich, fügen sich jedoch kaum zu einer stärkeren Gesamtbewegung. Der Text entwickelt sich, ohne an innerer Dynamik zu gewinnen.
Das Interesse lässt dadurch nach. Es fehlt über weite Strecken an Dringlichkeit, an Notwendigkeit.
Das Ende bündelt noch einmal einige Motive und wirkt in sich stimmig. Es kann den Gesamteindruck jedoch nur begrenzt verändern.
Ein Roman mit gelungenem Anfang und einem überzeugenden Schluss, der dazwischen zu wenig entwickelt, um wirklich zu tragen.
Sehr sachlich und distanziert. Keine Kennzeichnung wörtlicher Rede. Eher eine Ideensammlung als ein konsistenter Text. Krotesk, witzig, traurig. Irgendwie alles und nichts. Ich fühle mich wieder einmal nicht intellektuell genug. Der Text schmeichelt nicht. Er juckt im Auge und kratzt im Hals. Und doch: gelungen
"Was schweigst du denn so intensiv? Mamma, ich war in Gedanken. Der Tag ist schön, und die Gedanken schweifen. Warum hast du mich eigentlich Eli genannt? Er spürt Francescas misstrauischen Blick von der Seite. Elia ist ein großer Name. Und ich wollte deinen Großvater ärgern, antwortete sie schließlich. Übrigens war die Palme tot."
Schade - dass man nicht auch mal sechs Sterne oder gar mehr vergeben kann. Der hochpoetische Roman Goldstrand, der von einem Rezensenten treffend als ein "aus den Fugen geratenes Gedicht" (Alexander Carmele) bezeichnet wird, begeistert mich ob der (zumindest für mich) nicht immer auflösbaren mythologischen und literarischen Anspielungen. Zudem mag ich literarische Texte, die letztendlich ein Rätsel und voller Leerstellen bleiben. Elias verzweifelte und unerfüllte Suche nach seinem Vater im Besonderen und seinen familiären Bindungen im Allgemeinen bestimmt sein Leben, beruflich als Filmregisseur, privat als Ehegatte, Vater und Sohn seiner Mutter. Er bleibt hin und her gerissen, ja, zerrissen zwischen den Polen seiner Herkunft, den Widersprüchen seiner Herkünfte seitens der Eltern und der Großeltern. Auch als Regisseur bleibt er ein Suchender, der sich vergeblich auf die Odyssee seiner Wurzeln begibt, schwankend zwischen dem rätselhaften Verschwinden seiner Tante Vera und dem Un-Verhältnis zu seiner Tochter, die natürlich ebenfalls Vera heißt. Auch die Sitzungen auf der psychoanalytischen freudschen Couch enden ohne befriedigenden Abschluss. Aber "vielleicht müssen Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, wir müssen sie nur weiterleben und weitertragen". Ein fantastischer Roman, so verdichtet, verknappt und verdichtend erzählt, dass er auf schmalen Platz und wenigen Seiten ein ganzes menschliches Universum entwirft. Unbedingte Leseempfehlung für dieses wirklich "aus den Fugen geratene Gedicht".
Wunderschöne Sprache, interessante Geschichten, unzuverlässiger Erzähler. Eigentlich ist alles da, was ein gutes Buch braucht - ich verstehe es nur nicht.
Poladjans letzter Roman Zukunftsmusik war schon gut. Aber das (aktuell bei ARD Sounds verfügbare) Hörbuch zu Goldstrand hat mir nochmal deutlich besser gefallen. Eli Fontana berichtet hier - mit einem wahrlich sprudelnden Erzählfluss - seiner römischen Psychoanalytikerin von seinen Lebenserinnerungen. Man kann sich das als Verfilmung von Paolo Sorrentino vorstellen.
Wie der Titel vermuten lässt, hat das Buch einen Osteuropabezug. Fontanas Familienerinnerungen schlagen ihren Bogen über das Schwarze Meer. Sie nehmen ihren Anfang in Odessa. Eine wesentliche Station ist dann das an der bulgarischen Küste gegründete Goldstrand.
Einerseits sprudelt diese erzählte Erinnerung. Aber der Text gleitet nicht in Geschwätzigkeit ab. Immer wieder stoppt der Erzähler seine Beobachtung lakonisch ab. Oder er lässt einfach das Bild einer Szene für sich sprechen. Das macht es nicht nur mit Blick auf das erzählerische Setting recht angenehm. Auf diese Weise ergeben sich auch recht lustige Szenen. Das Rauchen des Bleistifts zum Beispiel. Aber manchmal ist ein Bleistift einfach nur ein Bleistift möchte man sagen.
Ein Filmregisseur geht zur Therapie und arbeitet sein Leben und das seiner Vorfahren auf. 3 Generationen von Russland bis Rom. Immer irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Das alles auf ca. 150 Seiten. Respekt.
Diesen kleinen Roman finde ich recht schwierig zu bewerten.
Einerseits betört die Autorin mit einer sehr feinen, präzisen, bildreichen Sprache und schafft es, eine sehr stimmungsvolle, italienische Atmosphäre zu erzeugen.
Andererseits ist der Inhalt dann doch so trivial, dass ich feststellen muss: allein schöne Sätze machen noch kein gutes Buch. Und schon gar keine eine ein ganzes Jahrhundert umfassende Familiengeschichte quer über den europäischen Kontinent, wie der Buchrücken zu vollmundig verspricht.
Ein alter, reicher Mann erzählt seiner Therapeutin in Rom rückblickend sein Leben und ja, auch seine Familiengeschichte. Aber nichts daran ist neu, das alles hat man so oder so ähnlich schon hundertfach in Romanen oder Filmen gesehen, inklusive des Klischees des schlechten Vaters und der Tochter, die er für seinen Beruf vernachlässigt hat. Gähn!
Tatsächlich wird hier das Niveau einer Vorabend-Telenovela als Hochliteratur verkauft. Daran ändert auch der Preis der Leipziger Buchmesse nichts, der ohnehin meist an mittelmäßige Rührseligkeit verliehen wird.
Da das Buch aber tatsächlich recht kurz ist, man damit nicht unbedingt viel Lebenszeit verschwendet und die ein oder andere schöne Szene durchaus dabei ist, reicht es gerade noch fürs Mittelmaß. Aber wie gesagt: gerade noch so.
Der melancholische Regisseur Eli liegt auf der Couch seiner Therapeutin und erzählt seine Familiengeschichte. So erscheint es zumindest.
Zwei Dinge haben mich an diesem sprachlich meisterlichen Text beeindruckt. Erstens ist die Erzählung unheimlich dicht und intensiv, bietet auf knappen Seiten sehr viel Inhalt, und trotzdem ist sie nicht überfordernd, fliesst musikalisch dahin und ist leicht wegzulesen. Kondensiert, atmosphärisch, sehr bildhaft, filmhaft von den Inszenierungen her. So sagt Katerina Poladjan selbst, dass sie beim Schreiben versucht, «mit den richtigen Konturen etwas plastisch werden zu lassen, was mit einem Übermass an Details wieder verflachen würde.» Wie «wenn ein Maler mit wenigen dunklen Linien Akzente und Schatten setzt.».
Es war sehr viel Arbeit, Mamma, sagte ich, denn es ist furchtbar kompliziert, genau das Richtige stehen zu lassen.
Zweitens geht die Erzählung kompositorisch wunderbar auf. Während der Erzähler immer unzuverlässiger wird, sich schwertut sich zurechtzufinden und den Faden zu halten, das Erzählte immer mehr hinterfragt werden muss und in alle Richtungen offen gelesen werden kann, bleibt der Rahmen stabil und kohärent, ohne dabei starr zu wirken oder seine spannende Dynamik zu verlieren.
Und obschon sich das Buch allein schon sprachlich trägt, hat es mir auch inhaltlich gut gefallen. Interessante Charaktere die einem trotz der Kürze ans Herz wachsen, vergnügliche Dialoge, gut eingebettete, nicht überbordende kulturellen Referenzen, historisch-politisch mit Gegenwartsbedeutung. Rundum schönes Leseerlebnis.
Viele Themen, aber auch viele Leerstellen, die man füllen kann, aber nicht muss. Der Twist am Ende ist genial. Mir hat es sehr gut gefallen, auch wenn nicht so gut wie „Zukunftsmusik“.
Ich werde es demnächst auch lesen, um tiefer urteilen zu können.
Als echte Expat lese ich gerne Bücher von ausländischen Autoren über italienische Figuren, und deshalb durfte mir auch dieses nicht entgehen, zumal es zudem in Rom spielte. Ich gebe zu, dass ich mich nach der ersten Hälfte des Buches, als ich dachte, ich hätte alles im Griff, in paradoxen Situationen und traumhaften Landschaften verloren habe. Ich habe auch langsam gelesen, weil ich Angst hatte, dass mich mein Deutsch im Stich lassen würde (wie es oft passiert), aber dann taucht ein Paolo auf und das Buch endet so, wie es begonnen hat. Es hat mir mit Vorbehalt gefallen.
Da brava expat, mi leggo spesso i libri scritti da autori stranieri su personaggi italiani e quindi anche questo non mi poteva mancare, anche perché oltretutto era pure ambientato a Roma. Ammetto che dopo la prima metá del libro, quando pensavo di stare seguendo il tutto, mi sono persa tra situazioni paradossali e paesaggi onirici. Ho anche letto piano piano perché avevo paura che il mio tedesco mi tradisse (come spesso accade), ma prima arriva un Paolo e poi il libro finisce come é iniziato. Mi é piaciuto con riserva.
Rewelacyjny początek, a im dalej, tym bardziej robi się nieciekawie. Narracja siada na kozetce u psychiatrki, opowieść rozmywa się i zbacza w groteskę, aż w końcu przestałam rozumieć sens i straciłam zainteresowanie dla historii.
Goldstrand, der bulgarische Ferienort am Schwarzen Meer, war einmal der Verbindungspunkt zwischen Ost und West, ein Musterbeispiel sozialistischer Erholungskultur, ein Ort der Völkervereinigung.
An diesem Ort wurde Elia Fontana gezeugt, ein erfolgreicher Regisseur, dessen Therapiesitzungen bei einer obskuren „Dottoressa“ den Mittelpunkt des Romans bilden. Elia erzählt seiner Therapeutin das Leben seiner Eltern, die Geschichte seiner Zeugung, er erzählt sie wie die Handlung eines Films.
Die junge Frau, die über die Reling des Passagierdampfers aus Odessa steigt. Der Vater der Frau und ihr kleiner Bruder, die in einer einsamen Hütte am Strand wohnen und die Suche nach der Verschwundenen nicht aufgeben. Der Bruder, der irgendwann ein Architekturstudium aufnimmt und von einem utopischen Ort zu träumen beginnt.
Was entspricht der Wahrheit? Wer war Elias Vater wirklich? Wer war dieses Phantom hinter dem Eisernen Vorhang, dieser kommunistische Teufel in den Augen der faschistischen Großeltern, bei denen Eli aufwächst?
Sind nicht alle persönlichen Geschichten vor allem eins: Geschichten? Und die Geschichten, die wir uns über Europa erzählen, was bedeuten diese?
„Goldstrand“ trägt die großen Fragen zwischen den Zeilen. Der Roman wirkt auf mich spröde, kühl und gekünstelt. Die reduzierte Spracharchitektur greift die sozialistischen Bauten in Goldstrand auf.
Eingesprenkelt sind darüberhinaus italienischer Film und russische Dystopien, aber mehr als Namedropping und Hintergrund für den unzuverlässigen Erzähler, einen alten Mann, dessen Gedanken nur um sich selbst kreisen, bieten diese Themen nicht.
Ich bin mir sicher ein Historiker hätte große Freude die zahlreichen Verweise zu Literatur und Geschichte, mit denen der Roman spielt, miteinander verknüpfen. Ich hab leider nichts von alledem verstanden und bin froh diese ansonsten völlig banale Geschichte endlich hinter mir lassen zu können.
Ein leichtfüßiger Sommer-Roman (den ich leider im Winter gelesen habe). Es geht um einen Regisseur, der in einer Art Schaffenskrise steckt. In den Sitzungen mit seiner Therapeutin erfährt man dann mehr über sein Leben. Wobei man als Leser immer unsicherer wird, was Dichtung und was Wahrheit ist. Der Roman ist vor allem zu Beginn wirklich bezaubernd. Mir fehlte aber eine gewisse Handlung. Der Schreibstil ist toll, das Setting ebenso, aber reine Ästhetik reicht mir persönlich nicht in einem Roman. Trotzdem natürlich lesenswert.
Für mich hat die Geschichte leider ins Nichts geführt. Es gab immer wieder Momente, die Potenzial hatten, sich in eine runde und mitreißende Geschichte zu entfalten. Leider ist dies meiner Meinung nach nicht gelungen. Viele Erklärungen und notwendige Erläuterungen fehlen. Werden die Konzepte der Realität und Illusion hinterfragt? Ohne Auflösung bleibt es unklar. Der Roman lässt einen fragend zurück, ob man irgendetwas verpasst oder nicht verstanden hat - die Frage nach dem Sinn der Geschichte bleibt. Ein Fiebertraum der schönen Sprache.