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Die Auster

Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Doch bis die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch alle Spuren beseitigt, so diskret und gründlich, wie sie schon seit 45 Jahren als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett jeder Form von Unordnung begegnet. Als die Ermittlungen in die Austernbar in der fünften Etage führen, ist man schon mittendrin im Mikrokosmos dieses Kaufhauses, das von der paradoxen Sehnsucht nach vergangener Pracht und erschwinglichem Luxus lebt. Und niemand scheint sich in dieser Welt, wo Glanz und Elend, Armut und Reichtum so entwaffnend aufeinandertreffen, besser auszukennen als die 74-jährige Leonora. Doch kennt sie wirklich alle Geheimnisse und welche hütet sie selbst?
Die gefeierte Stilistin Yael Inokai inszeniert eine Kriminalgeschichte, die ein feingefügtes Netz menschlicher Schicksale birgt.

224 pages, Hardcover

Published July 21, 2026

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About the author

Yael Inokai

5 books16 followers
Yael Inokai (vormals Pieren) wurde 1989 als Tochter einer Deutschen und eines Ungarn in Basel geboren. Philosophiestudium in Basel und Wien; seit 2014 Studiengang Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, Berlin. Tätigkeit als Fremdenführerin. Publikationen in verschiedenen Literaturzeitschriften sowie auf Zeit online. Aufenthaltsstipendium Literarisches Colloquium Berlin; Hildesheimer Stadtschreiberin für Bella Triste. Für ihren Roman Mahlstrom wurde sie 2018 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

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Community Reviews

5 stars
30 (15%)
4 stars
83 (41%)
3 stars
61 (30%)
2 stars
24 (12%)
1 star
2 (1%)
Displaying 1 - 30 of 52 reviews
Profile Image for Ileana (The Tiniest Book Club).
306 reviews58 followers
July 28, 2026
Leonora Bloch ist 73. Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, einer davon ist Putzkraft bei Dr. Bronstett, dem alleinstehenden Geschäftsführer eines dem KaDeWe nachempfundenen Nobelkaufhauses. Als Leonora eines Tages die Tür von Bronstetts Villa im Grunewald aufschließt und Schlieren auf dem Boden entdeckt, macht sie das, wozu sie gekommen ist: sie putzt. Putzt um die Leiche von Bronstett, der mit abgeschnittenen Händen im Wohnzimmer liegt.

„Die Auster“ beginnt wie ein klassischer Krimi. Yael Inokai hat Drehbuch studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, das wird deutlich. Die Auflösung des Falles ist aber nicht das, was Inokai antreibt. Ihre Geheimnisse bergenden Figuren sind es, allen voran die resolute Leonora, die so eigenständig ist wie Olga Tokarczuks Janina Duszejko aus „Gesang der Fledermäuse“. Dreh- und Angelpunkt von „Die Auster“ ist das legendäre Kaufhaus, dessen Menschen Leonora Bloch ihr Leben lang begleitet haben. Sie ist wie eine Wanderin zwischen den (Klassen-)Welten der Kaufhaushierarchie, malochte selbst jahrelang auf der niedrigsten Stufe als Weihnachtsaushilfe, bewegt sich aber auch unsichtbar durch die intimsten Räumlichkeiten des Kaufhauschefs.

„Die Auster“ spielt mit dem Genre, drängt es an den Rand und fokussiert sich auf die Charaktere, auf Themen wie Arbeit, Klasse, Alter und Altersarmut, (Single-)Mutterschaft, Trauer und mehr. Bedächtig nähert sich Inokai nicht nur der Auflösung des Falls an, sondern vor allem ihrer Miss Marple.

Gut gefallen hat mir die Prise schwarzer Humor und der Unwille, alles haarklein zu erklären.

Auch Berlin kriegt sein Fett weg:
„Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie ihre Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“
Profile Image for auserlesenes.
382 reviews21 followers
August 28, 2026
Es ist ein kalter Januartag in Berlin, als Dr. Joachim Bronstett, Geschäftsführer eines noblen Kaufhauses, tot in seinem Haus im Stadtteil Grunewald liegt, gewaltsam umgekommen. Leonora Bloch (73), seit etwa 40 Jahren in seinen Diensten, findet seine makaber zugerichtete Leiche. Die Putzkraft verständigt die Polizei. Jedoch nicht, ohne vorher gewissenhaft Blut und Dreck wegzuwischen…

„Die Auster“ ist ein Roman von Yael Inokai.

Was sich vordergründig bloß nach einer klassischen Kriminalgeschichte anhört, entpuppt sich schon bald auch als faszinierende Sozialstudie. Es geht um Altersarmut und Konsumkritik, um Trauer und Verlust, um Einsamkeit und soziale Ausgrenzung, um Geheimnisse und Gier. Die Frage nach dem Mörder gerät angesichts dieser Themen bisweilen sogar ein wenig ins Hintertreffen.

Erzählt wird die Geschichte in 30 Kapiteln und in chronologischer Reihenfolge, ausschließlich in personaler Perspektive aus der Sicht von Leonora. Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, fast schon eine Antiheldin. An ihren Gedanken und Gefühlen können wir direkt teilhaben. Dennoch entfaltet sich ihre Lebensgeschichte erst Stück für Stück.

Leonora lebt alleine, steht am Rand der Gesellschaft und hält sich gerne im Hintergrund. Sie hat aber ein gutes Gespür und eine tolle Beobachtungsgabe, bekommt einiges mit und kann sich viel allmählich zusammenreimen. Sie ist zwar keine Hobbydetektiv, sondern zurückhaltend und eher unwillig, sich weiter mit Bronstetts Ableben zu beschäftigen. Beinahe beiläufig erhält sie dennoch häppchenweise neue Informationen und wird damit für die Polizei zu einer vielversprechenden Tippgeberin.

Angenehm unaufgeregt kommt der Roman mit seinen nur wenig mehr als 200 Seiten daher. Zwar hält die Geschichte wie ein typischer Krimi durchaus Überraschungen, falsche Fährten und kreative Wendungen bereit. Sie verzichtet aber auf das hohe Tempo von Spannungsromanen. Wer darüber hinwegsehen kann, dass die Zusammenhänge etwas konstruiert erscheinen, wird sich auch mit der Auflösung, die nicht leicht vorhersehbar ist, anfreunden können.

Der Text ist gespickt mit Symbolik, wiederkehrenden Motiven und geschickt platzierten Details, die zum Teil nur durch aufmerksames Lesen ersichtlich werden. Die dichte Sprache des Romans schafft überdies immer wieder starke Bilder.

Dass die Auster, die nicht nur im wörtlichen Sinne mehrfach auftaucht, sondern auch im Metaphorischen für die verschlossene Protagonistin Leonora stehen kann, titelgebend ist, ist daher nur folgerichtig. Zur Geschichte passt auch das impressionistische Covermotiv, das einem Gemälde des Künstlers Alson Skinner Clark nachempfunden ist und eine Szene in einem Kaufhaus erkennen lässt.

Mein Fazit:
Mit „Die Auster“ ist Yael Inokai ein Roman gelungen, der von sprachlicher, kompositorischer und inhaltlicher Raffinesse zeugt. Ein Buch, das mich neugierig auf die früheren Werke der Autorin gemacht hat. Definitiv empfehlenswert!
Profile Image for Wolf Macbeth.
231 reviews2 followers
August 12, 2026
JEDE*R GEFANGEN IN DER EIGENEN WELT

Nach „Ein simpler Eingriff“ und „Mahlstrom“ ist „Die Auster“ mein dritter Roman von Yael Inokai. Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch, die seit Jahrzehnten in einem Luxuskaufhaus arbeitet. Als dessen Geschäftsführer ermordet wird, beginnt sich nach und nach zu zeigen, dass Leonora die Menschen und ihre Geschichten vielleicht doch nicht so gut kennt, wie sie dachte.

Ich habe keinen klassischen Krimi erwartet – und genau deshalb wollte ich das Buch lesen. Der Mord und seine Aufklärung waren für mich auch nie das Entscheidende. Leider hat mich der Roman trotzdem ziemlich enttäuscht.

Am Anfang war ich noch sehr angetan. Inokai kann mit wenigen Sätzen unglaublich viel zeigen, ohne es erklären zu müssen. Besonders gefallen hat mir ihr feiner, trockener Humor. Gleichzeitig zeigt sie sehr schön die sozialen Unterschiede zwischen Leonora und der reichen Welt um sie herum. Wenn für die eine ein nicht passendes Kleid zum „Notfall“ wird, während die andere mit über 70 noch putzen muss, weil ihre Rente nicht reicht, braucht es eigentlich keine weitere Erklärung. Solche kleinen Szenen fand ich richtig gut.

Leider trägt das für mich keinen ganzen Roman. Je länger ich gelesen habe, desto mehr haben mich die vielen Alltagsdetails um Leonora gelangweilt. Putzen, Gespräche übers Putzen, Erinnerungen, Freundschaften und immer wieder der Alltag im Kaufhaus – vieles wurde mir irgendwann einfach zu zäh. Die Handlung kommt kaum voran, und obwohl durchaus Gesellschaftskritik vorhanden ist, hat sie mich nicht wirklich gepackt oder mir genügend neue Gedanken gegeben.

Auch sprachlich hatte ich zwischendurch immer wieder diese typische Inokai, die ich an ihren anderen Büchern so mag: knapp, bildlich und verdichtet, ohne alles auszuerklären. Aber als Ganzes funktioniert Die Auster für mich nicht. Gerade die Verdichtung und Tiefe, die Ein simpler Eingriff und Mahlstrom für mich so stark gemacht haben, fehlen mir hier.

Inokai wollte mit „Die Auster“ ausdrücklich etwas Unterhaltsameres und Humorvolleres schreiben. Einzelne ironische Szenen sind ihr auch wirklich gelungen. Insgesamt fand ich das Buch aber ausgerechnet nicht besonders unterhaltsam, sondern teilweise extrem langweilig.

Am Schluss bleibt bei mir vor allem der Eindruck, dass Inokai vielleicht einfach besser ist, wenn sie ernst ist.
Profile Image for wenndann.
7 reviews
August 7, 2026
**2,5/5 ⭐**

Die Prämisse fand ich unglaublich spannend: ein Luxushotel, ein Mordfall und als Hauptfigur eine 73-jährige Putzkraft. Ich lese eigentlich keine klassischen Krimis und hatte mich deshalb besonders darauf gefreut, dass es sich hier zwar im Kern um einen Kriminalfall handelt, aber vielmehr um einen Roman mit ungewöhnlicher Perspektive.

Auch die Kulisse hat mich sofort angesprochen. Dieser Mikrokosmos eines luxuriösen Hotels bietet eine spannende Bühne – ähnlich wie in *The White Lotus* oder *Triangle of Sadness*, wo abgeschlossene Welten mit ihren eigenen Dynamiken entstehen.

Der Anfang hat mich gepackt, aber trotz der geringen Seitenzahl hat sich das Buch für mich leider ziemlich gezogen. Ich habe zu keiner der Figuren wirklich eine Verbindung aufgebaut und musste oft überlegen, um wen es gerade überhaupt geht. Teilweise war ich unsicher, ob ich etwas überlesen hatte, weil ich manche Szenen oder Zusammenhänge nur schwer einordnen konnte.

Diese Unschärfe und Ambivalenz sind vermutlich bewusst eingesetzt und grundsätzlich habe ich mit offenen oder mehrdeutigen Erzählweisen kein Problem, hier hat es für mich allerdings nicht so gut funktioniert, weil ich nicht genug Nähe zur Handlung und den Protagonist*innen hatte.

Trotzdem eine originelle Idee und eine ungewöhnliche Hauptfigur, die man nicht ganz einschätzen kann. Beides hebt den Roman von klassischen Krimis ab, auch wenn mich die Umsetzung am Ende leider nicht ganz überzeugen konnte.
Profile Image for Hanna.
682 reviews98 followers
September 27, 2026
Definitiv eines meiner Jahreshighlights. Die Auster ist ein Buch, das sich schlecht in eine Schublade packen lässt. Eine Murder-Mystery, die aber nicht den Mordfall im Mittelpunkt hat, sondern die Hauptprotagonistin Leonora, die, trotz ihrer engen Verbindung zum Mordfall, so gar kein Interesse an der Auflösung hat. Leonora, Anfang siebzig, Putzfrau des Mordopfers, möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Im Mittelpunkt zu stehen, liegt ihr nicht, weder wenn es sich um die logische Aufmerksamkeit handelt, die ihr die Polizei entgegenbringt, noch wenn es sich um die freundschaftliche Aufmerksamkeit der Menschen in ihrem Umfeld handelt, die versuchen, ihr zu ihrem Geburtstag etwas Schönes zu bereiten. Leonora ist das, was man auf Wienerisch einen Grantscherbn zu nennen pflegt, wir merken als Leser:innen aber auch: harte Schale, weicher Kern. Nicht umsonst hat sie jahrelange Freund:innenschaften, sie wird gemocht, ihr Umfeld verzeiht ihr ihre unnahbare Art. Auch ich mochte Leonora wahnsinnig gerne und habe sehr mit ihr sympathisiert. Trotzdem werden wir als Leser:innen nicht in der Luft hängen gelassen, der Mord wird aufgeklärt und wir sind auch bis zum Ende mit genug Fährten versorgt, dass das Miträtseln eine Freude ist.
Die Auster ist aber auch sprachlich ganz wunderbar. Inokai schreibt großartig bildhaft, dennoch manchmal leicht flapsig, mit jeder Menge Humor. Ich habe manche Bilder jetzt noch ganz groß im Kopf, obwohl ich in der Zwischenzeit schon wieder drei weitere Bücher gelesen habe. Ganz im Nebenbei wird außerdem das Thema Altersarmut bei Frauen verhandelt und auch eindringlich gezeigt, dass der Aufstieg aus einer sozial schlechter gestellten Klasse in eine höhere außerordentlich schwer ist und nichts mit dem Arbeitswillen der betroffenen Personen zu tun hat.
Große Leseempfehlung!
183 reviews11 followers
August 28, 2026
Wundervoller Literatursnack

„Die Auster“ von Yael Inokai, erschienen 2026 bei Hanser Berlin, ist ein erfrischender Mix aus Erzählung und Krimi, der sich sehr flott wegliest und dabei durchweg Spaß macht.

Leonora Bloch, ihres Zeichens Reinigungskraft und Gelegenheitsjobberin, 73 Jahre alt (die Handlung spielt 2019) und mit der einen oder anderen Eigenart ausgestattet, findet eines Morgens, als sie wie gewohnt im Haus von Dr. Bronstett putzen will, ebendiesen übel zugerichtet und ziemlich tot auf dem Fußboden auf. Korrekt, wie Leonora ist, wird die Sauerei natürlich erst einmal bereinigt und dann die Polizei gerufen – die Gewohnheit steckt halt in ihr, was soll sie machen.

Was sich ab hier auf etwas über 200 Seiten entspinnt, ist einfach herrlich zu lesen, voller Wendungen und besonderer Figuren, vor allem aber voller klugem Witz und großartigen Sprachbildern sowie klug strickter Details und Motive, die sich erst beim genauen Lesen in ihrer ganzen Pracht offenbaren. Die Autorin liebt spürbar ihre Figuren sowie ihre Handlung und gibt allen Menschen, denen wir in diesem kurzen Roman begegnen, mit unaufdringlichen und klaren Handgriffen Tiefe. Dabei ist die Frage, wer Dr. Bronstett so unappetitlich aus dem Leben befördert hat, eigentlich sekundär, viel interessanter sind die Lebensentwürfe, die im Roman stecken, die verpassten Chancen, aber auch wie einfach der Mensch doch zufrieden sein könnte – wenn er es denn eben kann. Was bedeutet Familie, was Freundschaft, was Beziehung und Liebe, wie viel Geld braucht der Mensch zum glücklich sein, was ist Würde und hilft sie einem weiter, wenn man einsam ist?

Inokai schreibt wunderbar trocken und trotz der Skurrilität, die durch die Zeilen leuchtet, sind die Figuren glaubhaft. Sehr besonders sind dabei ihre Beschreibungen, sowohl von Situationen als auch von Gefühlen. Und in dieser Welt ist es nur folgerichtig, wenn Leonora zwar den Mord aufklärt, ihr aber niemand glaubt – und das eigentlich auch gar nicht so wichtig ist. Aber auch Gesellschaftskritik und ein scharfer Blick auf Kapitalismus und die Unsichtbarkeit des Prekariats ist in der Tiefenstruktur deutlich lesbar, umarmt von tiefschwarzem Humor.

Einfach ein großartiger Literatursnack, der sprachlich und in der Konstruktion auf hohem Niveau arbeitet, auf der Handlungs- und Figurenebene einfach nur erfrischt. Sehr zu empfehlen – ein Perlenfund in der titelgebenden Auster.


Ein großes Dankeschön an literarixx.de und Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar!
Profile Image for Wal.li.
2,710 reviews75 followers
September 8, 2026
Die Putzfrau

Leonora Bloch arbeitet seit Jahren als Putzfrau für den Geschäftsführer eines Berliner Kaufhauses. Früher hat sie auch in der Firma gearbeitet bis zum Rentenalter. Eines Tages kommt sie normal zur Arbeit und findet ihren Chef tot in einer Blutlache. Das geht ja so nicht. Frau Bloch beginnt zu putzen. Erst dann ruft sie die Polizei. Die Ermittler sind doch sehr verwundert über dieses Verhalten. Beinahe gerät die Putzfrau unter Verdacht. Auch sie selbst kommt ins grübeln, erstmal wie es weitergeht und dann auch was mit ihren Arbeitgebern passiert sein könnte. So zu Tode zu kommen, ist grausam.

Normalerweise lebt Leonora Bloch so vor sich hin. Alles läuft in ruhigen Bahnen und sie hat ein Mindestmaß an Sicherheit. Durch diesen gewaltsamen Todesfall wird das doch gestört. Wer könnte etwas gegen den angesehenen Mann gehabt haben. Als Putzfrau ist sie nahezu unsichtbar, was ihr die Möglichkeit gibt, genau zu beobachten. Und sie hat einiges mitbekommen. Im Kaufhaus und überhaupt. Sie hat ihren Chef wahrscheinlich besser gekannt als ihm bewusst war. Doch kann sie so auch den Mörder finden? Will sie das? In manchen MomenteN weiß sie mehr als die Polizei und so freigebig mit internationalen ist sie auch nicht unbedingt.

Diese Putzfrau ist recht eigen. Sie sieht und hört einiges und sie redet nicht viel darüber. Man kann einfach nicht einschätzen, was sie mitkriegt und was nicht. Nicht mal bei ihren Freunden und Bekannten ist sie besonders offen. Sie denkt sich ihr Teil. Beim Lesen kann man nur staunen, was sie alles weiß und für sich behält. Leicht hat sie es nicht, denn aus ihrer engen Familie lebt niemand mehr und auf ihre Freunde will sie sich nicht verlassen. Manchmal ist es nicht leicht, dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit gerecht zu werden, aber man ist doch fasziniert, wie sie auf irgendeine Art die Fäden zieht. Lesenswert.
Profile Image for Majca.
255 reviews13 followers
August 5, 2026
Für einen Moment glaubte sie, es sei die eigene Mutter. Sie war ihr überall begegnet in den Monaten nach ihrem Tod, jedes Mal versenkte es einen Stein in ihr. Leicht hatte sie sich sonst gefühlt, das Gewicht der Liebe von sich genommen. Diese Liebe, die sie als Mutter auch selbst empfand, die nicht loszuwerden war, für die sie ihren Sohn, der ihr diese Liebe zumutete, manchmal geohrfeigt hatte.


4.5 ★
Ich mochte dieses Buch wirklich gern, vor allem wegen seiner Erzählweise.

Der Schreibstil ist ruhig, fein und beobachtend. Vieles erschließt sich über kleine, alltägliche Handlungen und Wahrnehmungen, statt durch Erklärungen oder Einordnungen. Das Buch vertraut darauf, dass seine Leser:innen Zusammenhänge selbst erkennen und sich die Figuren und ihre Beweggründe nach und nach erschließen.

Auch Leonora mochte ich als Protagonistin. Sie ist keine Figur, die sich leicht öffnet, weder anderen noch der Leserin. Und trotzdem entsteht nach und nach ein roher und zugleich zärtlicher Blick in ihr Leben.

Genau darin liegt für mich auch die größte Stärke des Romans. Unaufgeregt, aber eindringlich entfaltet er eine melancholische Atmosphäre, in der Themen wie Verlust und Versöhnung, Einsamkeit und Nähe, das Älterwerden, ein Leben voller körperlicher Arbeit und eine leise, aber deutliche Gesellschaftskritik zusammenkommen. In ihr schwingen mal Frustration und Traurigkeit mit, aber vor allem immer Ruhr und Zärtlichkeit, und eine stille Akzeptanz.

So ergibt sich, dass der Mordfall zwar die Handlung in Gang setzt, aber nicht das eigentliche Zentrum des Romans bildet. Gleiches gilt für das Kaufhaus als Schauplatz, weshalb der Klappentext etwas irreführend sein kann.

Ein kleines Manko ist für mich das Ende. Die Auflösung des Mordfalls findet größtenteils off screen statt und die Verhaftung selbst erfolgt wortwörtlich im Sprint an der Protagonistin vorbei. Danach folgt ein thematisch stimmiger Abschluss, der gut zur offenen Erzählweise des Romans passt, insgesamt wirkte das Ende auf mich aber etwas zu abrupt. Ich hätte mir zwei drei Seiten mehr gewünscht, um die Auswirkungen der Ereignisse gemeinsam mit den Figuren noch etwas nachklingen zu lassen.

Insgesamt eine einfühlsame, nachdenkliche Geschichte, die durch eine authentische Protagonistin und melancholischer Atmosphäre besticht.

Vielen Dank an vorablesen und Hanser für ein Rezensionsexemplar. Alle Meinungen sind meine eigenen.
Profile Image for em.
470 reviews
September 15, 2026
„Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuss durch das Haus spazieren. Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fussbodenheizung getröstet werden.“

4.5✨

„Die Auster“ ist ein fragmentarischer Roman, der erst auf den letzten Seiten ein Gesamtbild ergibt und kleine Anekdoten geschickt zu einem Ganzen verknüpft.
Dabei bleiben die einzelnen Figuren unglaublich distanziert und schwammig, man bekommt nur sehr wenige Informationen, dafür schwingt subtil viel mit.

Yael Inokais Schreibstil hat mich fasziniert und zum Nachdenken angeregt - sie schafft es, poetisch, knapp, distanziert zu erzählen, am Ende zu schockieren und dabei vor allem nicht nur von einem Mord, sondern vor allem von gesellschaftlichen Missständen und menschlichen Erfahrungen zu erzählen.

Sehr faszinierendes Buch!



Profile Image for Marie.
229 reviews15 followers
July 25, 2026
"Dr. Bronstetts Tod ist ein großer Verlust für uns [...] das verstehen Sie am allerbesten. Es ist nicht selbstverständlich heutzutage, jemandem jahrzehntelang die Treue zu halten."

Leonora, die Protagonistin in "Die Auster" von Yael Inokai, ist so eine treue Seele. Mit 73 Jahren verliert sie ihren Jobs als Reinigungskraft beim Dr. Bronstett. Sie findet den ehemaligen Leiter des Kaufhauses, in dem sie ebenfalls über Jahre hinweg geputzt hat, tot in seiner Wohnung. Doch bevor sie die Polizei ruft, macht sie erst einmal ordentlich sauber. Alle die Blutspuren und Abdrücke - das kann man ja so nicht in Unordnung lassen. Die eintreffenden Ermittler sind wenig begeistert und Leonora gerät zumindest zeitweise in den Kreis der Verdächtigen.
Gemeinsam mit dem ehemaligen Lebensgefährten ihres Sohnes beginnt die alte Dame zu spekulieren, wie ihr Arbeitgeber zu Tode gekommen ist. Und dann muss sie sich gemeinsam mit Bronstedts Tochter um die Beerdigung kümmern - so hat der Mann es in seinem Testament verfügt. Ob Leonara wirklich alle Geheimnisse des Kaufhauses kennt? Oder wartet auch auf die eine überraschende Auflösung?

Die titelgebende Auster hat gleich mehrere Bedeutungen: Zum einen verfügt das Kaufhaus über ein hervorragendes Fischrestaurant, in dem auch Austern serviert werden. Sogar Leonora hat dort schon Muscheln gegessen. Pikanterweise ist auch genau dort, bei den Austern, eine Hand des Toten aufgetaucht. Gibt es hier eine mögliche Verbindung zum Fall? Und dann ist da noch die Verschlossenheit, die man der Auster nachsagt. Sie trifft vor allem auf Leonora selbst zu, die niemanden so recht an sich heranlassen mag. Aber auch Bronstett war kein herzlicher Mensch. Das Motiv ist also gekonnt immer wieder in den Roman eingeflochten.

Allerdings scheint es, dass Inokai sich nicht so recht entscheiden konnte, wie sie Leonora nun präsentieren möchte: Als eine alte Dame, die in Marple-Marnier die Ermittlungen übernimmt und durch kluges Nachdenken den Fall löst? Oder geht es doch eher um eine Sozialstudie der treuen, aber vergessenen Frauen, die Tag für Tag zuverlässig für die Reinigung in Kaufhäusern und Büros sorgen? Das mag sich zwar nicht generell ausschließen, aber irgendwo bleibt Leonora nicht fassbar - und damit für die Lesenden unnahbar.

Die Auflösung des Falls ist insgesamt plausibel und wird gelungen von Leonora deduziert. Dabei verweisen sie und andere Figuren an vielen Stellen darauf, dass man sich ja nicht in einem Fernsehkrimi befände. Leider haftet dem Roman aber genau das an: Eine klassische Krimierzählung, 90 Minuten, Sonntagabend. Das mag solide sein, eine überraschende Idee ist dieses Buch aber nicht.
Profile Image for Adrian.
34 reviews
August 16, 2026
kurzer stream of consciousness: leider so ziemlich das langweiligste buch, das ich dieses jahr gelesen habe. was die ersten 30 seiten noch als relativ interessanter plot, irgendwo zwischen kaufhaus-krimi und milieu-studie beginnt, wird irgendwann leider einfach nur noch unfassbar eintönig. sämtliche entwicklungen, die mit dem mordfall zu tun haben, sind nicht nur komplett uninteressant, sondern auch völlig belanglos, weil sie nicht mal der kern der geschichte sein sollen. stattdessen soll hier wohl eine art kapitalismuskritik geübt werden, indem immer wieder die unterschiede zwischen frau bloch und frau bronstett geschildert werden, jedoch wird das so platt und abgedroschen behandelt, dass es mich einfach nur gelangweilt hatte und ich am ende froh war, als die 220 seiten - die sich angefühlt haben wie 600 - endlich vorbei waren.
120 reviews
July 23, 2026
Die Auster, von Yael Inokai

Cover:
Für mich kein High Light.

Inhalt und meine Meinung:
Das Buch hat mich enttäuscht.
Vom Klappentext her habe ich mir eine spannende Kriminalgeschichte vorgestellt. Doch eigentlich ging es mehr um das Leben der 73 jährigen Leonora, die immer noch bei Dr. Bronstett als Putzfrau beschäftigt ist und diesen auch grausam ermordet auffindet. Sie hatte kein leichtes Leben, doch sie wird im ganzen Buch nicht greifbar für mich.
Ganz unspektakulär und ruhig (so ist auch dass ganze Buch) putzt sie erst mal das ganze Haus und ruft dann erst die Polizei.
Soweit so gut der Einstig. Dann geht es aber sehr ausladend und sprunghaft weiter. Wir begleiten Leonora ihren Alltag und ihre Gedanken, und die gehen schon seltsame Wege.Viel davon ist mir irgendwie unverständlich.
Es liest sich für mich zäh und langweilig. Ich bekomme keinen Draht zu irgendwelchen Personen.
Das Ende ist mir dann ein bisschen suspekt (von der Polizeiarbeit bekommen wir ja kaum etwas mit).

Autorin:
Yael Inokai, geboren 1989 in Basel, lebt in Berlin.

Mein Fazit:
Ein brutaler Mord in Berlin, und dann geht es im ganzen Buch eher um die 73 jährige Putzfrau die den Toten gefunden hat. Und das auch noch ziemlich konfus und (für mich) langweilig. Von mir 2 Sterne,.

Profile Image for Cirrus Minor.
757 reviews6 followers
July 23, 2026
Die Auster ist mein erster Roman von Yael Inokai. Das Cover trifft nicht meinen Geschmack, passt aber hervorragend zu der Geschichte. Man sieht ein verschwommenes Restaurant, möglicherweise im Glanz alter Tage so wie auch das Kaufhaus, das Dreh- und Angelpunkt der etwas mehr als zweihundert Seiten ist.

Es beginnt mit Leonora Bloch, die die Leiche ihres Arbeitgebers findet und erstmal alle Spuren beseitigt, weil dies seit 45 Jahren ihre Aufgabe ist und er sich sicher über den Schmutz aufgeregt hätte. Besagte Leonora begleiten wir das ganze Buch lang durch ihren Alltag oder das, was nach diesem Erlebnis davon noch übrig ist. Auf der einen Seite scheint sie eine gewöhnliche alte Frau zu sein, die gern ihre Ruhe hat und empfindlich auf starke Gerüche reagiert (wie gut ich das nachvollziehen kann!), auf der anderen Seite zieht sie viele Schlüsse aus dem, was über die Jahre vor sich gegangen ist und was zum Zeitpunkt der Tat geschehen sein könnte.

Für mich ist die Aufklärung des Mordfalles eher nebensächlich gewesen. Die auftretende Polizei war für die Glaubwürdigkeit möglicherweise notwendig, wirkte hier aber eher störend. Wichtig war Leonora. Ihr Leben. Ihr Verhältnis zu ihrem Sohn, ihrer Mutter, ihren Freunden, der Tochter des Verstorbenen. Die Autorin hat es geschafft, mich mit ihrer Art zu schreiben, in ihren Bann zu ziehen, ohne unnötig viel Spannendes zu erzählen. Ich glaube, ich könnte Leonora noch viele Jahre begleiten und von ihr hören wollen.
Profile Image for Carla.
1,163 reviews147 followers
July 4, 2026
„Es gibt Menschen, die sind der festen Überzeugung, dass das Leben ihnen noch etwas schuldet. Damit hält man lange durch.“
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Leonora ist Putzfrau bei Dr. Bronstett. 45 Jahre schon. Doch diese Ära endet abrupt, als sie ihren Arbeitgeber eines Tages in einer großen Blutlache (und ohne seine Hände) vorfindet. Wie unter Schock reinigt sie die Wohnung, bevor die Polizei eintrifft. Wer hat das getan? Diese Frage stellt sich unweigerlich, als Leonora die Leser*innen mit in den Mikrokosmos des Kaufhauses mitnimmt, das Dr. Bronstett geleitet und in dem sie auch selbst gearbeitet hat.
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Dieses Buch ist eine sehr gelungene Gesellschaftsstudie. Die Gegensätze von Arm und Reich sind im kleinen Universum des Kaufhauses meiner Meinung nach sehr gelungen dargestellt. Ich mochte Leonora unglaublich gerne, weil sie eine Figur ist, die durch das Ungesagte auffällt. Durch einen persönlichen Verlust ist sie sehr verschlossen, und ich konnte diese Seite von ihr sehr gut nachvollziehen. Generell gibt es in diesem Roman viele interessante Charaktere, die sehr gekonnt in die Geschichte eingewoben wurden und sie beständig getragen haben.
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Die Erzählung ist eher ruhig, und doch fand ich es auf keinen Fall langweilig. Es hat einen ganz bestimmten Vibe, eine Atmosphäre, die mich direkt in den Bann gezogen hat. Die Aspekte der Kriminalgeschichte fand ich toll, ich hätte mir aber zum Ende hin noch etwas mehr Definition gewünscht. Es war zwar insgesamt alles stimmig, aber das wäre für mich persönlich noch die Kirsche auf der Torte gewesen.
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Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter! Ich werde auf jeden Fall noch die anderen Werke der Autorin „nachlesen“.
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4/5 ⭐️

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Digitales Rezensionsexemplar I Vielen Dank @hanserberlin @netgalleyde 💜
123 reviews
August 2, 2026
Anders als erwartet

Die Ausgangssituation für diesen Krimi und das Setting des Kaufhauses, fand ich richtig interessant und einnehmend. Kaufhäuser sind ja gefühlt Welten für sich, in denen man Zeit, Geld und vielleicht auch ein bisschen sich selbst verlieren kann. Für mich flaute die anfängliche Spannung der skurril anmutenden Situation aber dann doch recht schnell ab und die Handlung zog sich ein bisschen in die Länge.

Man lernt im Verlauf der Handlung nicht nur viel über die Struktur und das Personal im Kaufhaus, sondern vor allem auch viel über Protagonistin Leonora. Es ist eine Geschichte, die Gegensätze aufzeigt, wo Klassenunterschiede deutlich werden und das Kaufhaus nicht nur als Tatort herhält, sondern als eine Art Sozialsystem.

Die Ermittlung selbst fand ich nicht so richtig packend, man erfährt zwar einiges über den Toten und seine persönlichen Verstrickungen, aber die Krimielemente sind schon eher dünn gesät. Stattdessen bröckelt es nicht nur die luxuriöse Fassade des Kaufhauses, sondern auch das Image des Toten.
Das Ende kam dann doch ein bisschen überraschend daher, aber trotz allem recht seicht.

Liest sich ganz gut, aber ich hatte einfach eine etwas andere Art von Geschichte erwartet und so ganz wars dann einfach nicht mein Fall
196 reviews1 follower
August 27, 2026
Wie seit über 40 Jahren will Leonora bei ihrem Chef Dr. Bronstett diesen Morgen sein Haus auf Vordermann bringen. Blöderweise liegt dieser aber tot und ohne Hände in seinem Haus. In Schockstarre erledigt sie trotzdem ihre Arbeit als Putzfrau und gerät so vorerst in den näheren Kreis der Verdächtigen der Mordermittlung. Doch wer nun meint, einen kurzweiligen Krimi in Händen zu halten, muss enttäuscht werden. Die restliche Geschichte ist eine intelligente und schwarzhumorige Milieustudie, die am Ende auch eine Auflösung des Mordes mit sich bringt.

Was für ein geniales Buch ist Autorin Yael Inokai da gelungen! Sie portraitiert die Reinigungsdame und Kaufhausaufhilfe Leonora Bloch in einer derart unsentimentalen und authentischen Art und Weise, dass man sofort glaubt, sie könnte die Nachbarin von nebenan sein. Und das mit Sätzen, die so nachvollziehbar sind, dass man es manchmal schade findet, dass sie einen nicht selbst eingefallen sind. Wenn sie sich einfach nur wegdenken möchte, schreibt sie beispielsweise:

Leonora drehte sich um und sah auf den Wäscheständer. Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch, dieser Wäscheständer, behangen mit Unterhosen, Unterhemden und Socken, frei von Mord und Totschlag, Steuererklärungen, verwöhnten Töchtern, die nicht mehr in ihre winzigen Kleider passten. (S. 109)

Leonora ist eine Person, die einfach nur Leben will, ohne Pomp und vor allem - ohne viel Kontakt zu anderen Menschen. Deshalb schätzt sie ihre Arbeit als Reinigungskraft so sehr, weil sie mit den Schmutzverursachern so wenig wie möglich zu tun hat. Trotzdem weiß - oder glaubt zu wissen - erstaunlich viel über ihren getöteten Chef Dr. Bronstett. Deshalb ist sie auch nur mäßig überrascht, als er sie testamentarisch dazu beauftragt, sein Begräbnis zu organisieren. Bedauerlicherweise will da aber auch noch seine Tochter Amande - widerwillig aber doch - ein Wörtchen mitreden.

Es ist einfach so schön zu lesen, wie die Autorin die Protagonistin beschreibt. Leonora ist schrullig, zurückgezogen, menschenabgewandt, zutiefst genügsam, aber auch eine Person, die schwere Schicksalsschläge erlebt hat. So hat sie ihren Sohn früh an eine schwere Krankheit verloren, ein Ereignis, dass sie tief geprägt hat. Trotzdem war und ist sie immer noch äußerst pflichtbewusst und versucht, allen alles recht zu machen. Im Laufe der Geschichte finden wir heraus, dass Leonora viel wusste, aber auch viel intuitiv ahnte. Besonders schön fand ich, ihre Gedanken mitverfolgen zu können - sie sagt Dinge und führt sie im Gedanken weiter, ohne sie auszusprechen - wer kennt es nicht?

Gesamtheitlich betrachtet ist Leonoras Schicksal zutiefst traurig, aber die Autorin schafft es, sie so realistisch darzustellen, dass man erkennt: solch eine Geschichte gibt es Zuhauf, wir mögen nur nicht hinschauen. Hier gibt es das immer-wieder-auf-das-Geld-schauen-müssen, eine Genügsamkeit ohne den geringsten Funken an Neid, die nur Menschen kennen, die weit von Luxus entfernt sind und einen Schicksalsschlag, der durch gesellschaftliche Konventionen zu einer tiefen, unberechtigten Scham führen. Die Charakterzeichnung ist der Autorin einfach nur genial gelungen. Außerdem portraitiert sie die ehemalig wichtige Bedeutung der Lebenswelt eines Großkaufhauses in all seinen hierarchischen Aspekten.

Nebenher läuft die Aufklärung des Mordfalles, die wirklich nur eine Nebenrolle spielt. Der Mord wird geklärt und man mag dem Buch anlasten, dass diese Aufklärung konstruiert ist - dann verkennt man aber, dass es vordergründig nicht um das Tötungsdelikt geht - sondern um eine Alltagsheldin, die trotz Schicksalsschlägen immer an ihrem Verantwortungsbewusstsein festhält. Was "die Auster" damit zu tun hat: außer dass das Tier regelmäßig gegessen wird, gibt es viele Bezüge, die ihm und den handelnden Personen angelastet werden können.

Mein Fazit: "Die Auster" ist für mich zweifelsohne ein Highlight des diesjährigen Lesejahres, dass durch Tiefgründigkeit, hervorragende Menschenbeobachtung und schwarzem Humor besticht. Einen handelsüblichen Krimi darf man sich aber nicht erwarten, sondern ein gelungenes Gesellschaftsportrait, das lange nachhallt!
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September 15, 2026
Dieser Roman beginnt mit einem Todesfall. Der Arbeitgeber und Geschäftsführer eines großen Berliner Kaufhauses wird tot in seinem Haus aufgefunden. Nicht von Angehörigen oder Verwandten, von der 73 jährigen Putzfrau Leonora Bloch. Doch statt sofort die Polizei zu informieren, macht Leonora das, was sie schon seit über 40 Jahren für Dr. Bronstett macht, sie putzt gründlichst und beseitigt jegliche Unordnung. Als die Polizei eintrifft ist das Gröbste bereits verschwunden, das Blut weggewaschen, nur der reglose Körper mit den fehlenden Händen liegt noch mitten im Raum.

„Er lag am wärmsten Ort des Hauses. Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuß durch das Haus spazieren. Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden.“

Kurze Zeit später taucht im Fischrestaurant in der 6. Etage des Kaufhauses eine von ihnen wieder auf. „Die Zeugin betonte, sie habe die Hand tatsächlich erst für einen verdorbenen Krebs gehalten, ein gräuliches, aufgedunsenes Exemplar – ihre Stimme geriet ins Stocken –, das von der Bedienung aus dem Eis gezogen worden sei. Und die habe genauso wenig begriffen, um was es sich da eigentlich handelte.[…] Sie wollten einfach Austern essen gehen im Kaufhaus, wie ganz normale Leute, wer würde denn auf die Idee kommen…?“
Während sich die Gerüchte im Kaufhaus ihren Weg bahnen, die Suche nach der anderen Hand und dem Täter weitergeht, kümmert sich Leonora mit der Tochter des Verstorbenen um die Beerdigung. Dabei prallen erneut unterschiedliche Welten aufeinander, während sie sich noch Gedanken um ihre finanzielle Not macht, möchte Amande Bronstett so schnell wie nur möglich Berlin wieder verlassen. Die beiden Frauen finden irgendwie zueinander, Leonora wird zu einer Art Notfallkontakt und doch, so scheint es, bleibt es nur ein kurzes Verschwimmen der Grenzen zwischen Luxus, Auftrag und echter Menschlichkeit.

„Leonora versuchte sich vorzustellen, wie so etwas gehen sollte. Wo überhaupt Platz gewesen wäre für noch mehr Geld in diesem Leben mit diesem Haus und diesen Autos in ihrem doppelgeschossigen Parkhäuschen. Eins der Autos war für den Sommer, für Ausflüge zum See, ans Meer. An den restlichen dreihundertvierundsechzig Tagen im Jahr schlief es unter seiner Decke.“

Wie man nun an diesen kurzen Zitaten schon erkennen kann, wird jede*r mit Erwartungen an einen Kriminalfall mit einer gewohnt lückenlosen, perfekt begleiteten Ermittlung, sicherlich nicht so viel Freude an diesem Buch haben. Bei „Die Auster“ von Yael Inokai handelt es sich nämlich mehr um ein als Spannungsroman getarntes Gesellschaftsporträt, das nicht nur die sozialen Unterschiede oder die kapitalistisch geprägten Veränderungen eines Kaufhauses thematisiert, sondern auch zwischen den Zeilen das Alleinsein der Menschen sichtbar macht. Und genau das habe ich an diesem Roman geliebt. Inokai zeichnet ein Bild einer Gesellschaft in der Menschen zwar miteinander kommunizieren, zwischenmenschliche Verbindungen eingehen, und doch bleibt jede*r mehr oder weniger für sich, mal mehr sichtbar, mal ganz unscheinbar und zurückgenommen. Und da ist deutlich mehr als dieser Reichtum, der Menschen voneinander trennt. Ein jede*r hat andere Sorgen, Probleme und Geheimnisse, eine ganz andere Realität, in der andere Welten womöglich nur in kleinen Momenten sichtbar werden und eine Rolle spielen.

„Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerden, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“
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July 29, 2026
In "Die Auster" erzählt Yael Inokai keinen klassischen Kriminalroman. Der Mord an einem Kaufhausdirektor bildet vielmehr den Ausgangspunkt für einen leisen Roman über Arbeit, Würde und die Menschen, die hinter glänzenden Fassaden meist unsichtbar bleiben. Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch, die seit Jahrzehnten Teil des Kaufhauses ist und dessen verborgene Seiten besser kennt als jede andere.

Shoutout für den gelungenen Blick auf die Unsichtbarkeit von Care- und Reinigungsarbeit. Leonora bewegt sich täglich durch eine Welt des Luxus, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Die Autorin zeigt auf, wie selbstverständlich Menschen übersehen werden, deren Arbeit den Alltag überhaupt erst möglich macht und hält uns sozusagen ein Spiegel vors Gesicht. Das bringt sie für mich in diesem Satz auf den Punkt: „Lange bevor Automaten ihren Job obsolet machen würden, behandelte man sie da bereits wie einen.“ (S. 142).

Sprachlich überzeugt Inokai mit einem präzisen, ruhigen Stil, der von feinen Beobachtungen lebt. Immer wieder entstehen plastische Bilder im Kopf, die mich zum Nachdenken angeregt haben, etwa wenn Leonora sich wünscht: „Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch … frei von Mord und Totschlag …“ (S. 114). Darin verdichtet sich für mich die Erschöpfung einer Frau, die ihr Leben lang die Lasten anderer mitgetragen hat.

Trotz dieser starken Motive blieb der Roman für mich aber insgesamt leider hinter meinen Erwartungen zurück. Der Klappentext verspricht einen Mord und zahlreiche Geheimnisse, wodurch ich deutlich mehr Spannung erwartet hatte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte sehr langsam und konzentriert sich stärker auf Stimmungen und Figuren als auf den Kriminalfall. Das ist eine bewusste literarische Entscheidung, ließ die Handlung für mich aber stellenweise eher vor sich hinplätschern. Gerade die erhofften Aha-Momente oder überraschenden Wendungen hab ich vergeblich gesucht. Ich glaube in dem Fall liegt die Stärke des Romans weniger im Krimi als in seiner Gesellschaftsanalyse.

Fazit

"Die Auster" ist ein leiser, literarischer Roman über Unsichtbarkeit, Arbeit und Würde, dessen gesellschaftskritische Beobachtungen mich überzeugt haben. Wer jedoch (wie ich) aufgrund des Krimiplots mehr Spannung erwartet, könnte etwas enttäuscht sein. Für Leser:innen, die ruhige, sprachlich elegante Gegenwartsliteratur mit sozialem Blick schätzen, ist das Buch dennoch einen Blick wert. Mich haben vor allem die Themen begeistert; die Geschichte selbst konnte dieses Potenzial für mich jedoch nicht ganz ausschöpfen. Wer den Roman als literarische Gesellschaftsstudie liest und keinen spannungsgetriebenen Krimi erwartet, wird aber vermutlich sehr viel daraus mitnehmen können. Danke an netgalley.de, vorablesen.de und Hanser Berlin für die Rezensionsexemplare.
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August 10, 2026
Dieser Roman ist eigentlich kein klassischer Krimi. Eher ein stiller Roman, der sich um ein ehemals glamouröses Kaufhaus in Berlin und um die 73jährige Leonora Bloch dreht. Leonora findet ihren Arbeitgeber, den Geschäftsführer des Kaufhauses in seinem Haus im Grunewald ermordet auf. In diesem Haushalt hat sie 45 Jahre lang geputzt.

Hier treffen zwei Welten aufeinander: Die luxuriöse, wohlhabende rund um den Ermordeten und seine Familie und die prekäre Welt Leonoras, die, längst im Rentenalter, finanziell immer noch auf ihren Lohn aus dem Putzjob zweimal die Woche angewiesen ist. Von diesem Gegensatz zwischen arm und reich, von dem Blick Leonoras auf die Welt des Luxus, des vordergründig angenehmen Wohlstands, lebt dieser Roman.

Auch Leonoras Leben ist mit dem Kaufhaus, hier drängen sich Parallelen zum KaDeWe in Berlin auf, eng verbunden, war sie doch jahrzehntelang als Aushilfe dort tätig. In Rückblicken erfährt der Leser von den vergangenen prächtigen Zeiten des Kaufhauses, vom weniger prächtigen Leben seiner Angestellten und vom harten Leben der einst alleinerziehenden Leonora. Man taucht ab in eine längst vergangene Zeit, in der es noch fachkundige Verkäuferinnen gab und ein wirklich elegantes, luxuriöses Warensortiment. Doch jetzt wird auch hier mit Billigwaren Umsatz gemacht, Personal abgebaut und klar ist, die große Zeit des KaDeWe ist vorbei.

Die Autorin erzählt humorvoll, in lakonischer, moderner Sprache. Ein Spannungsbogen ergibt sich durch die Suche nach dem Mörder. Im großen und Ganzen ist es aber ein ruhiger, unaufgeregter Roman. Besonders besticht die Autorin durch die Schilderung alltäglicher Routinen, wie zum Beispiel das Putzen und überhaupt des Alltags der Protagonisten sowie durch die feinziselierten Charakterbeschreibungen der Figuren.

Sowohl das Mordopfer als auch Leonora stechen durch ihre Einsamkeit, ihren Hang zum Einzelgängertum heraus, wenn auch jeweils auf unterschiedliche Art und Weise. Leonora zieht sich zurück, hat kaum Freunde, ist verschlossen, wie die titelgebende Auster. Das Mordopfer hingegen hatte wohl zahlreiche Affären, aber nie eine tiefergehende Beziehung zu anderen Menschen. Eine traurige Verlorenheit durchzieht diesen Roman, wenn auch hin und wieder eine Spur von Humor aufblitzt. Leonora trägt ihr Schicksal fast schon mit stoischer Gelassenheit, ohne mißgünstigen Blick auf die luxuriöse Welt ihres ermordeten Arbeitgebers. In den Rückblicken auf ihr Leben klingt leise Gesellschaftskritik an. In ihrer schroffen Art ist sie keine wirkliche Sympathieträgerin, die man am Ende für ihre Art durchs Leben zu gehen dennoch bewundern muß.

Ein unterhaltsamer, ruhiger Roman, der sprachstilistisch sehr gelungen ist und den ich gerne gelesen habe. Die Unwahrscheinlichkeiten im Krimiplot verzeihe wegen der phänomenalen Sprachkunst. Ich vergebe 4 Sterne.
80 reviews4 followers
August 14, 2026
Ich konnte nicht ins Innere der Auster vordringen

Nachdem mir der vorherige Roman von Yael Inokai „Der Eingriff“ sehr gut gefallen hat, freute ich mich auf diesen neuen Roman ganz besonders. Leider konnte mich dieses Mal die Geschichte um die Putzfrau eines Kaufhaus-Geschäftsführers nicht überzeugen. Leonora Bloch, eine wortkarge Berlinerin, findet ihren Chef ermordet in dessen Privathaus vor und begleiten Leonora ab diesem Zeitpunkt bis kurz nach dessen Beerdigung, bekommen nebenbei etwas von den Ermittlungen und Mutmaßungen im Kaufhaus mit, sind aber eigentlich ganz nah an der Putzfrau, ihrer Vergangenheit und den Lebensumständen in der Altersarmut, immerhin ist sie schon über 70 Jahre alt.

Grundsätzlich finde ich die Idee sehr verlockend, einen Blick auf die Person Leonora Bloch zu werfen. Von Beginn an mochte ich ihre Art, allerdings konnte sich der Roman im Verlauf nicht so richtig entscheiden, ob es nun um die Abläufe in Angestellten im Kaufhaus, Verwicklungen der Leute um den Geschäftsführer oder doch die Lebensgeschichte und Lebensverhältnisse von Leonora gehen wollte. Zu wenig Zeit nimmt sich die Autorin, um in die Tiefe zu gehen.

Irgendwie war mir dann das Ende mit zahlreichen Enthüllungen, als ob das alles noch ganz schnell abgearbeitet werden musste, zu platt. Ich habe den Roman nicht ungern gelesen, bin aber auch immer wieder währenddessen eingenickt. Es fällt mir schwer, meine Unzufriedenheit mit dem Roman in Worte zu fassen, am besten passt wohl noch, dass ich sehr viel Potenzial gesehen hab, welches allerdings noch ausgearbeitet hätte werden können. Es gib einige Nebenfiguren, die entweder nicht greifbar blieben oder nicht wirklich eine Rolle für den Roman spielten. So wird ein Zahnarzt erwähnt, mit dem Leonora einmal liiert war. Fast extra provozierend, weißt Leonora gedanklich darauf hin, dass sie immerhin schon mit einem Zahnarzt zusammen war. Wie es dazu hat kommen können, dass eine Frau, deren Sohn kürzlich verstorben ist und die als Reinigungskraft mehrere Jobs gleichzeitig hat, die Zeit und Gelegenheit hat die gläserne Decke zu durchbrechen und einen Zahnarzt kennenzulernen, wird nicht erzählt. Aber gerade solche Verbindungspunkte hätten das Thema des sozialen Milieus und der Unterschiede zwischen den sozialen Schichten doch einmal spannend gemacht.

Unterm Strich kein schlechtes Buch, aber auch keins, welches mich überzeugen konnte. Schon kurz nach der Lektüre habe ich nur noch wenig dazu zu sagen und es hat keinen langfristigen Eindruck auf mich hinterlassen.

3/5 Sterne
1 review
July 27, 2026
Spezieller Kaufhaus-Krimi

Die Geschichte des Romans „Die Auster“ spielt in Berlin, genauer gesagt in einem großen, pompösen Kaufhaus. Die Hauptfigur, Leonora Bloch, findet bei ihrer Arbeit als Putzkraft ihren Chef tot auf. Dr. Bronstett ist nicht nur ihr Chef, sondern auch Besitzer eben dieses Kaufhauses. Das wirft für sie zwei Fragen auf: Wer hat ihren Chef getötet und wo findet sie nun schnell neue Arbeit? Die ältere Dame schleust sich daraufhin als Putzkraft in die Welt des Kaufhauses ein.

An dem Roman „Die Auster“ haben mich besonders die Hauptfigur und der Ort gelockt, an dem die Geschichte spielt. An der Figur fand ich besonders spannend, dass die Handlung aus Sicht einer Rentnerin geschrieben ist. Diese neue, eher seltene Perspektive des Romans barg für mich viel Potenzial. An dem Ort der Geschichte fand ich besonders die Atmosphäre des Kaufhauses interessant. Ich erhoffte mir, mich durch die Beschreibung vieler kleiner Details in den Luxus des Kaufhauses hineindenken zu können.

Dennoch lässt mich der Roman mit einigen Fragen zurück. Für mich kamen die Krimiaspekte eindeutig zu kurz, sodass es für mich kein spannender, packender Krimi war. Gleichzeitig bleibt die Geschichte der Protagonistin dann ebenfalls zu oberflächlich, um mich in ihren Bann zu ziehen. Die Handlung hat mich leider nicht gepackt und ich habe das Buch immer wieder aus der Hand gelegt und bin in keinen Leseflow gekommen.

Für mich ist eine Besonderheit des Romans (ob im positiven oder negativen Sinne), dass das genauere Genre für mich schwer zu fassen ist. Natürlich ist es ein Roman, jedoch ist es für mich weder ein Feelgood-Roman, noch ein klassischer Krimiroman, noch ein Coming-of-Age-Roman, noch die höchste Gesellschaftskritik und ich frage mich ein bisschen, in welcher Stimmung man diesen Roman lesen sollte.

Ich würde dieses Buch nicht empfehlen für Menschen, die einen klassischen Krimi erwarten. Ich denke, dies möchte der Roman auch gar nicht erfüllen. Ich würde dieses Buch Personen empfehlen, die sich auf eine neue Geschichte einlassen möchten, auf ein Buch, geschrieben aus einer interessanten Perspektive und mit kleinen Details in den Worten, die entscheidender sind als eine spannende Handlung. Dennoch wurden meine Erwartungen nicht erfüllt.

142 reviews
August 3, 2026
Ich hatte bei dem Buch „Die Auster“ von Yael Inokai große Erwartungen, da mir die Leseprobe sehr gefallen hatte, dennoch konnte mich der Roman insgesamt nicht überzeugen.

Die Handlung über die Reinigungskraft Leonora Bloch in einem Luxuskaufhaus, die Geheimnisse hütet und womöglich zu den Ermittlungen zum Mord von dem Geschäftsführer beitragen kann, hörte sich zunächst sehr viel versprechend an. Dennoch habe ich leider die erwartende Spannung nicht erleben können und gerade die Reinigungskraft Leonora blieb sehr blass und ihr Charakter blieb eher flach. Es ist ein sehr ruhiger Roman, der im Kontrast zu dem Mord und den Ermittlungen steht. Leider konnte mich dies nicht ganz packen und ich habe immer auf den einen Punkt gewartet, auf eine Wendung oder Szene die temporeicher wurde. Leider blieb dies aus und ich hatte grundlegend andere Erwartungen an den Roman.

Die Geheimnisse, die Leonora hütet empfand ich zwar als interessant, aber nicht so aussagekräftig. Die Austernbar hatte viele verschiedene Menschen als Kunden und so kamen eben auch viele Persönlichkeiten zum Vorschein. Es geht eher um das Sein hinter dem Schein als um den Kriminalfall in diesen Roman. Die Ermittlungsarbeit habe ich vermisst und hatte doch die Hoffnung, dass die Handlung sich dahingehend weiterentwickelt. Wie schon erwähnt, hatte ich persönlich ganz andere Erwartungen und dies ist eben kein klassischer Kriminalroman.

Leonora ist 73-Jahre alt und arbeitet selbst seit 45 Jahren in dem Kaufhaus und so scheint auch der Schreibstil eher gediegen und wenig aufregend gestaltet zu sein. Der Schreibstil wirkt auch etwas distanziert und man schaut irgendwie von außen teilnahmslos auf die Situation, als mittendrin zu sein.

Die 221 Seiten sind ganz gut zu lesen und ich hoffe, dass das Buch Leser*innen finden wird, die den ruhigen Schreibstil zu würdigen wissen und sich vor dem Lesen intensiver mit der Handlung auseinanderzusetzen, um falsche Erwartungen zu ersparen.
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Review of advance copy
July 18, 2026
Ein Buch, dass auf den ersten Blick eher unscheinbar daherkommt. Eine kleine Kriminalgeschichte, nett, unterhaltsam, relativ ruhig. Aber dahinter versteckt sich mehr. Die Geschichte ist eine sehr schöne Gesellschaftsstudie. Denn Leonore Bosch ist eine fantastische Beobachterin. Als Reinigungskraft ist sie es gewohnt für den Rest der Menschen unsichtbar zu sein. Übersehen zu werden. Das gibt ihr die Möglichkeit ihre Umgebung genau zu beobachten und ziemlich treffsicher zu analysieren. Nicht, dass sie mit ihren Erkenntnissen hausieren gehen würde. Das ist nicht Leonores Stil. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken und lebt dann ihr Leben weiter. Und diese Beobachtungen sind nicht immer schön, liebevoll oder lustig. Ehrlicherweise sind sie häufig sogar traurig. Die Geschichte wird von einer fühlbaren Schwere und Traurigkeit durchzogen. Und dazwischen schleicht sich eine Spur von Humor ein. Galgenhumor oft, im Angesicht der Umstände der Figuren. Bei allem Ernst und Schwere, die man beim Lesen auch merkbar spürt, zucken die Mundwinkel dann hin und wieder doch ganz verschämt. Weil ein Vergleich abstrakt und schräg und doch so zutreffend. Weil man sich Leonores trockenes "Aha" in einigen Situationen so gut vorstellen kann. Aber Lachen fühlt sich in dem Moment auch irgendwie falsch an, auch wenn man als Leser nur der Zuschauer von ganz außen ist.
Alle Figuren sind toll aufeinander abgestimmt, wie in einem gut funktionierendem Uhrwerk. Und Yael Inokei gibt dem Ganzen mit ihrer schönen, ruhigen und präzisen Sprache einen wunderbaren Rahmen. Ich habe irgendwann total vergessen, dass es in der Geschichte ja auch noch einen Kriminalfall zu lösen gibt. Mich hat es daher überhaupt nicht gestört, dass die Auflösung am Ender eher beiläufig erfolgt. Das Drumherum, die Beobachtungen über die Menschen, waren für mich sehr viel interessanter zu lesen.
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104 reviews1 follower
August 10, 2026
Viel mehr als ein Krimi

Ein außergewöhnlicher Mordfall eröffnet diese Kriminalgeschichte und weckt prompt die Neugier auf das Buch. Doch der neueste Roman von Yael Inokai bietet seiner Leserschaft viel mehr als nur die Ermittlungen in einem spektakulären Mordfall. Das Opfer, der prominente Geschäftsführer eines Luxuskaufhauses in Berlin, wurde von Leonora Bloch, seiner Putzfrau, tot mit abgetrennten Händen, in seinem Haus vorgefunden. Somit wurde Leonora zur Schlüsselfigur des vielschichtigen Romans.

Mit Leonora wandert man über die Etagen und Abteilungen des Kaufhauses, das die besten Geschäftsjahre bereits hinter sich hat. Dort hat auch die 73-jährige Rentnerin die besten Jahre ihres Lebens verbracht, insgesamt 45 Jahre als Reinigungskraft im Kaufhaus geputzt und für Ordnung gesorgt. Das Putzen und Ordnungsschaffen hat sie also im Blut; wen wundert es schon, dass sie sofort nach dem Auffinden des Opfers den gesamten Tatort gründlich gereinigt hat.

Da der ermordete Dr. Bronstett in seinem Testament die zuverlässige Leonora als Organisatorin seiner Beerdigung bestimmt hat, muss die sonst zurückhaltende, kontaktscheue Rentnerin ihre alten Bekanntschaften und Freundschaften wiederbeleben. Auf diese Weise treten die übrigen Figuren des Romans in Erscheinung; eine bunte Mischung der diversen Charaktere, mit unterschiedlichen Stärken und Sichtweisen, alle ein Teil unserer modernen vielfältigen Gesellschaft.

Ein kritisches Bild dieser Gesellschaft, mit deutlichen Schattierungen und Unterschieden nicht nur zwischen Arm und Reich, skizziert Yael Onokai in ihrem klugen Roman. Die Ermittlungen in dem Mordfall laufen nebenbei, und auch Leonora spielt dabei eine bedeutende Rolle.
Den mehrdeutigen Titel des Romans versteht man erst, wenn man das Buch ausgelesen hat. Das Buch muss gelesen werden. Ich kann es wärmstens empfehlen.
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264 reviews
Review of advance copy
July 20, 2026
Im Vergleich zu einem Krimi ist es eher ein literarischer Roman.

Die Auster ist ein Kriminalroman von Yael Inokai. Das 224-seitige Buch erzählt die Geschichte eines Mordes in einem Kaufhaus.

Leonora, 73, arbeitet als Putzfrau in dem Kaufhaus. Sie ist schon lange dort und kennt viele Geheimnisse. Eines Tages, als sie wie gewohnt zur Arbeit kommt, entdeckt sie, dass der Chef, Dr. Bronstett, ermordet wurde. Seine Leiche liegt auf dem Boden, seine Hände fehlen. Leonora beendet seelenruhig ihre Reinigungsarbeiten, bevor sie die Polizei ruft. Ihr Verhalten ist so unlogisch; ist sie etwa mit dem Mord verbunden?

Die ersten Kapitel des Buches waren in der Tat sehr fesselnd. Ich wollte unbedingt verstehen, warum Leonora die Leiche ignorierte, aber trotzdem weiterputzte; ich wollte die Wahrheit über den Mord so schnell wie möglich aufdecken. Doch je weiter ich las, desto mehr entfernte sich die Erzählung vom eigentlichen Fall und bestand hauptsächlich aus Beschreibungen des Kaufhauses in seiner früheren Pracht und Leonoras Erinnerungen. Ich muss zugeben, der Schreibstil der Autorin ist flüssig, lebendig und prägnant, ruhig und besonnen. Ihre Beschreibungen des Kaufhauses und der Erinnerungen wirken besonders realistisch und haben mich sehr berührt. Allerdings ist mir die Aufklärung des Mörders nicht ganz klar. Dieser Teil der Handlung ging mir zu schnell voran; ich konnte nicht folgen und habe ihn nicht vollständig verstanden.

Kurz gesagt, es handelt sich nicht um einen klassischen Kriminalroman. Die Beschreibungen und die Schlussfolgerungen im Fall wirken zu überhastet. Im Vergleich zu einem Krimi ist es eher ein literarischer Roman.
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July 16, 2026
Interessanter und vielschichtiger Roman

"Die Auster" ist ein ruhig erzählter Roman, der mit leisen Zwischentönen daherkommt. Die Protagonistin ist Leonora, eine 73-jährige Raumpflegerin, die viele Jahrzehnte in einem Kaufhaus und dann auch für dessen Geschäftsführer geputzt hat. Als dieser tot aufgefunden wird, erledigt sie zuverlässig wie immer ihren Job und verwischt damit alle Spuren.

Der Kriminalfall steht bei diesem Roman eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die vielen Geheimnisse und Begebenheiten der Angestellten des Kaufhauses, allem voran Leonoras. Das Buch ist wie ein Mosaik. Man sollte es sehr sorgfältig lesen, damit man es dann zu einem interessanten und vielschichtigen Gesamtbild zusammensetzen kann. Die Spannung wird eher leise aufgebaut durch viele neue Infos und somit erhält man nach und nach einen interessanten Einblick in den Mikrokosmos des Kaufhauses. Ich finde in diesem Buch werden, nett verpackt, viele Themen wie soziale Gerechtigkeit faire Entlohnung und die harte Arbeit, die im Niedriglohnsektor geleistet wird, angesprochen. Daher finde ich den Roman durchaus gesellschafts- und sozialkritisch.

Mir persönlich hat die Geschichte gut gefallen. Es ist mal eine ganz andere Perspektive aus Sicht einer Raumpflegerin, ihrer Erlebnisse, Geheimnisse und Gefühle. Den Schreibstil fand ich wirklich prägnant, eindinglich und wunderbar flüssig. Das Buch verfügt auch über Tiefe und regt zum Nachdenken an. Eine interessante Geschichte, die mich gut unterhalten hat und von der symathischen Protagonistin, die über einen trockenen Humor verfügt, lebt.
18 reviews
July 21, 2026
Die Auster – Yael Inokai
Dies ist ein etwas seltsamer Roman – eine Mischung aus altmodischem Kriminalroman und einer Milieustudie.
Es gibt einen Toten, Dr. Bronstett, den Geschäftsführer eines großen Kaufhauses. Leonora Bloch ist die Erzählerin dieser Geschichte – Reinigungskraft und über 70 Jahre alt, einige davon hat sie putzend, beobachtend und mehr oder weniger unsichtbar im Schatten Dr. Bronstetts verbracht. Sie kann viel erzählen aus Bronstetts Leben, viele Erinnerungen an alte, gute und schlechte Zeiten kommen hoch.
Leonoras Erzählstimme mochte ich eigentlich ganz gerne. Sie wirkt authentisch und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Etliche spannende Themen werden hier angeschnitten und lenken auch ein wenig vom Mordfall ab. Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich werden sehr deutlich. Was den Kriminalfall betrifft, geht es hier aber sehr lange in erster Linie um Gerüchte und Vermutungen.
Gestört hat mich eine gewaltige Distanz, mit der diese Geschichte erzählt wird. Ich kam keiner einzigen Figur, auch nicht Leonora, näher – ebensowenig wie der Handlung oder dem Kriminalfall, der gegen Ende ein wenig plötzlich seine Auflösung findet.
Das macht die Lektüre ein wenig anstrengend und unbefriedigend. Trotz toller Ansätze konnte mich dieser Roman nicht wirklich erreichen.
Gerade noch 3 Sterne….
Profile Image for Charlott.
298 reviews77 followers
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July 18, 2026
"Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie ihre Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen."

Seit 45 Jahren arbeitet die 74-jährige Leonora Bloch als Reinigungskraft für Dr. Bonstett, Geschäftsführer eines berühmten West Berliner Kaufhauses. Dann findet sie ihn ermordet in seinem Haus auf (und putzt erst einmal im Schock alle Spuren, all den Dreck weg).

Die Auster von Yael Inokai ist ein erstaunlich zarter Roman, der mit einem brutalen Mord beginnt und sich dann zu einem feinen Gesellschaftsportrait, zu einer Geschichte über Trauer, Verlust, Klasse, Tod, Freund*innenschaft und zu einem vielschichtigen Bild von (West) Berlin entspinnt.

Und während Leonora sich langsam dem möglichen Tathergang und Motiv nähert und dabei einige Geheimnisse hinter den Kulissen des Kaufhauses hervortreten, zeichnet der Roman außerdem die langen Nachwirkungen, den wabernden Schmerz der AIDS-Krise nach.

Dies ist kein Roman, der alle Fragen beantwortet, es ist auch kein besonders rasanter Text. Tatsächlich ist Die Auster einfach ein wirklich unfassbar schöner, ruhiger Roman. Inokais Sprache ist fantastisch: die kleinen Alltagsbeobachtungen, der Fluss und Rhythmus und überraschenden Sprachbilder machen den Roman auch neben der Geschichte und den Charakteren (und insbesondere den Freund*innenschaften) besonders lesenswert.
120 reviews
July 21, 2026
Schon die Ausgangssituation – ein ermordeter Geschäftsführer in einem traditionsreichen Kaufhaus – erzeugt eine spannende Atmosphäre, doch im Mittelpunkt steht für mich etwas anderes.
Besonders interessant ist die Perspektive der Reinigungskraft Leonora Bloch. Durch ihre Augen erhält man Einblicke in eine Welt, die sonst oft im Verborgenen bleibt. Sie beobachtet seit Jahrzehnten das Leben der Kundinnen und Kunden sowie der Angestellten und weiß dabei mehr über sie, als diese vermutlich ahnen. Diese stille Beobachterrolle macht den Reiz des Romans aus.
Gleichzeitig schildert das Buch sehr anschaulich, wie hart das Leben für Menschen ist, die körperlich arbeiten müssen und wirtschaftlich stark von ihren Jobs abhängig sind. Es wird deutlich, wie unsicher solche Arbeitsverhältnisse sein können und wie schnell Existenzen ins Wanken geraten.
Die Kriminalgeschichte dient dabei eher als roter Faden, der die verschiedenen Figuren und Schicksale miteinander verbindet. Sie bleibt stellenweise im Hintergrund und wirkt fast wie ein Beiwerk – was aber nicht unbedingt negativ ist, sondern den Fokus stärker auf die gesellschaftlichen Themen lenkt.
Insgesamt ist „Die Auster“ gut und flüssig geschrieben, mit einem feinen Gespür für Atmosphäre und zwischenmenschliche Dynamiken.
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