Tief berührend, Helene Bracht, die erst mit fast siebzig Jahren zum Schreiben fand, erzählt von uns allen, indem sie von ihrer Mutter erzählt. Voller Wucht und Schönheit beschreibt sie den Sommer des Abschieds von ihrer alten Mutter Irma. Und damit eine zutiefst vom 20. Jahrhundert versehrte Biografie, deren Bedingungen der Tochter erst jetzt klar werden. Trotz Kriegs- und Gewalterfahrungen, trotz bürgerlicher Enge hielt Irma immer am Lachen und an der Sehnsucht fest. Vor der letzten gemeinsamen Zeit sah die Tochter sie sogar noch einmal tanzen, voller Leichtigkeit und Andacht. Was bleibt davon? Was von der Fülle eines ganzen gelebten Lebens? Es bleiben Erinnerungen wie dieses ungeheuer wahrhaftige Buch voller Trost.
Ein Leben voller Spuren Dieses Buch hat mich auf eine ruhige Art beschäftigt. Im Mittelpunkt steht Irma, eine alte Frau, deren Leben von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Krieg, Gewalt und die engen Vorstellungen ihrer Zeit haben Spuren hinterlassen. Trotzdem hat Irma sich ihre Freude am Leben und ihre Sehnsucht bewahrt. Die Verbindung zwischen Irma und ihrer Tochter fand ich besonders interessant. Erst mit der Zeit wird deutlich, was die Mutter alles mit sich getragen hat. Für die Tochter ist es nicht immer einfach, auf das Leben ihrer Mutter zu schauen. Vieles lässt sich erst später einordnen. Dabei wird Irma immer mehr als Frau mit ihren eigenen Wünschen und Erfahrungen sichtbar und nicht nur als Mutter. Eine Szene ist mir besonders nahegegangen. Irma tanzt noch einmal und wirkt dabei für einen kurzen Moment ganz leicht. Dieser Augenblick sagt für mich mehr über diese Frau aus als viele Erklärungen. Trotz ihrer schweren Erfahrungen ist da noch diese Freude, die sie sich bewahrt hat. Die Geschichte ist nicht leicht, aber sie wird ohne große Worte erzählt. Einige Gedanken habe ich nach dem Lesen noch mitgenommen. Vor allem die Frage, wie wenig man manchmal über das Leben der eigenen Eltern weiß und wie spät manches erst verständlich wird. Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen erreicht, deshalb sind es für mich vier Sterne. Trotzdem ist es ein Buch, das einen Menschen und sein Leben sehr persönlich betrachtet. Irma mit ihrer Lebensgeschichte wird mir sicher noch eine Weile im Gedächtnis bleiben. 4 Sterne
In “Irma tanzt” erzählt Helene Bracht vom Leben ihrer Mutter Irma, die, aufgewachsen im heim und bei einer Adoptivfamilie in eine lieblose und einengende Ehe stolperte, bis sie im hohen Alter doch noch wahres Glück erleben konnte. Die Autorin rekapituliert das Aufwachsen ihrer Mutter Jahrzehnte nach deren Tod und analysiert auch ihr eigenes Verhältnis zu ihr. Eine fesselnde und faszinierende Lebenserinnerung, die reflektiert und Fragen aufwirft, die ohne Antwort bleiben müssen, aber bei den Lesenden bzw. Hörenden etwas in Gang setzt. Die Lesung durch die Autorin selbst schafft durch die ruhige und atmosphärische Vortragsweise noch mehr Nähe zur Erzählung. Hat mich sehr beeindruckt!
*Das Hörbuch wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Helene Brachts verwitwete Mutter (*1911) erlebt im Alter von rund 70 Jahren das späte Glück einer zweiten Partnerschaft mit dem 10 Jahre älteren Friedrich, als sie einen Schlaganfall erleidet. Der Kontakt zwischen Mutter und Tochter war nur locker gewesen, die Gründe dafür sind aus Brachts erstem Buch „Das Lieben danach“ bekannt. Die Patientin spricht viel, der Sinn des Gesagten erschließt sich der Tochter jedoch nicht, weil offenbar das Sprachzentrum betroffen ist. Die Besucherin, gerade dabei in Berlin Wurzeln zu schlagen, verbringt viel Zeit am Krankenbett, lebt in Irmas Wohnung und rekapituliert die äußerst schwierige Ehe ihrer Eltern. Obwohl die Tochter sich lebendig an deren toxische Beziehung erinnert, wird ihr erst jetzt bewusst, dass beide Eltern verwaist waren und als Kind weder sichere Bindung erfuhren noch Vorbilder hatten für ihre Rolle als selbstständige Geschäftsleute. Ein vermutlich nicht nur körperlich versehrter Mann und eine Frau, die sich hässlich findet, arbeiten sich an seinen nebelhaften Forderungen von Gehorsam und Pflichterfüllung auf, denen sie willig folgen würde, wenn ihr die erwartete Rolle nur erklärt worden wäre. In diese Situation dringt wie ein Fremdkörper ein Mieter ein, der „Irmas“ Sehnsucht nach Kultur bedient und den sie aufgrund ihrer Erlebnisse 1945 nicht als Sexualtäter erkennen kann. Für Irma gab es keine freie Entscheidung über den eigenen Körper, darum kann es in ihrem Weltbild auch keine sexuellen Übergriffe gegen ein kleines Kind geben. Obwohl Irma früher kein Blatt vor den Mund nahm, kann die Tochter erst jetzt ihr theoretisches Wissen über Traumatisierung deutscher Frauen in den letzten Kriegstagen mit dem Schicksal ihrer Mutter und den Folgen für sie selbst in Einklang bringen.
Fazit Das berührende Portrait einer Frau, die als Kind bereits den Ersten Weltkrieg erlebte, fesselnde Ergänzung zu „Das Lieben danach“ und nicht zuletzt die Begegnung mit zwei uralt-feministischen, politisch engagierten Tanten/Adoptivmüttern, deren Auftritt Irmas kapriziöses Erbe erklären könnte.