Der Ort ist ein Stadtviertel. Die Zeit ist die Apokalypse. Das glauben jedenfalls immer mehr, angestachelt von einer durchs Netz rasenden Prophezeiung. Durch das wilde, kaputte Viertel, in dem man trotz allem zusammenhält, streift währenddessen die junge Sanya, eine Pistole im Rucksack – bis sie eines Tages eine seltsame Gestalt trifft.
Zwischen furiosem Epos und buntestem Pop, zwischen existenzieller Oper und wärmster Soap-Opera fragt Şeyda Kurt, welche Chancen im Zerfall aller Ordnungen liegen. Sanya und ihre schillernde Wahlfamilie sind tief verstrickt in die über Grenzen und Zeiten reichende Geschichte ihrer Gemeinschaft. Können wir anders leben? Aufwühlend, klug und alles verändernd ruft dieses Ereignis von einem Romandebüt: Ja.
Seyda Kurt, geboren 1992 in Köln, studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin und ist Journalistin und Moderatorin. Sie schreibt unter anderem für taz. Die Tageszeitung und ZEIT ONLINE. In der Kolumne Utopia bespricht sie für das Theater-Onlinemagazin nachtkritik.de kulturelle Repräsentationen von Liebe und Zärtlichkeit auf Theaterbühnen. Auf Twitter schreibt sie unter @kurtsarbeit über politische und soziologische Belange.
Ich habe die Sachbücher von Şeyda Kurt noch auf meiner Leseliste, mit ihrem Debütroman konnte ich aber nicht warten. Dieser hat mich zwiegespalten zurückgelassen.
Der Ort: Wir beginnen in einem Stadtviertel, das stellvertretend für viele heruntergekommene, abgehängte Stadtviertel stehen kann.
Die Zeit: Eine apokalyptische Stimmung, die nach Kriegen, Natur- und Umweltkatastrophen liegt. Popkulturelle Referenzen wie die No Angels oder Diego Maradona schließen auf eine Zeit in kurzer Zukunft.
Der Plot: Im Viertel breitet sich eine Prophezeiung vom Ende der Welt aus. Die Figuren reagieren darauf in unterschiedlicher Weise.
Şeyda Kurt erzählt von verschiedenen Charakteren, einer ganz eigenen Dynamik im Viertel, wie es sein könnte, wenn wir ein wenig in die Zukunft schauen. Die Soli-Ambulanz, der Nachbarschaftsrat, der nie endende Streik sind Anzeichen linker Revolutionen. Die Kanzlerin und das Desinteresse am Stadtviertel Ergebnisse rechter Tendenzen. Sie erzählt auch, nebenbei und ohne Besonderheit, von queeren Familien, alleinerziehenden Vätern und wie selbstverständlich diese in einer solchen Zukunft werden können. Sie erzählt von der Geschichte der Assyrer*innen, der Aramäer*innen, arabischer Mythologie und welche Chance in Chaos und strukturellen Umbrüchen liegt. Das hat mir gut gefallen.
Der beschriebene Stadtteil befindet sich gerade in so einer Chaosphase. Dieser Alternativentwurf zu unserem jetzt ist eindrücklich beschrieben. Leider hat mir der Plot nicht so zugesagt. Was mit den einzelnen Personen passiert und der Titel wirkten für mich nicht stringent und nachvollziehbar und hat mich leider teilweise den Lesefluss gekostet.
Üblicherweise beginne ich meine Buchbesprechungen immer mit einer kurzen Zusammenfassung der Handlung, mit den Aspekten, die mir wichtig darin vorgekommen sind. Bei "Zeit der Monster" ist mir dies aber nicht möglich, weil ich glaube, dass ich nicht wirklich verstanden habe, um was es in dem Buch geht (sowohl was die Handlung, als auch eine mögliche Message betrifft).
Schauplatz ist jedenfalls ein Stadtteil, mutmaßlich im Ruhrgebiet, der von allen Sumpf genannt wird. Dort leben verschiedenste Menschen aus allen Frauen Länder und Kulturen, der Glaube spielt für viele Charaktere in dem Buch irgendeine Rolle, ebenso die Familie, natürlich auch die Herkunft. Es gibt Scharlatane, Lebenskünstler, Verschwörungstheoriengläubige, Unterdrücker und Verpeilte, um nur einen kleinen Auszug der Figuren zu nennen. Sie eint der Sumpf, der ein schier unendlicher Mikrokosmos an nebeneinanderlebender und doch gemeinsam interagierender Personen ist, dem man gern entrinnen mag, der aber doch immer Teil von einer*m bleiben wird. Weil der Sumpf das "wir" ist, das wohl jede*r von uns kennt - die Bubble, die sich von keiner anderen so recht abgrenzen kann, weil sie sich immer auch mit anderen überschneidet.
Der Schreibstill ist wild, manchmal ungehobelt und erzeugt trotzdem einen Sog, dem ich mir nur schwer entziehen konnte. Das Geschehen wird so erzählt, dass man sich nie sicher ist, bei wem oder wo man sich in der Geschichte gerade befindet - und das bringt mich zum Anfang zurück, was ist eigentlich die Geschichte? Hier steckt so viel Metaphorik drin, dass ich nur einen Bruchteil davon verstehen konnte, Monster in Menschenform sind überall, aber was macht sie aus? Eine zentrale Rolle spielt jedenfalls die Identität jede*r einzelnen Figur und ihrer Beziehung zu den Monstern der Gesellschaft. Klingt wirr? Ist es auch.
Ich konnte in dem Buch kaum eine Chronologie ausmachen, wobei eine solche nicht zwangsläufig gebraucht wird. Man merkt, alle haben mit allen zu tun, viele sind naiv und gutgläubig, andere gaunerhaft, aber die generelle Grundstimmung bleibt gleich düster und durchsetzt vom Glauben. Es wirkt einfach wie aus einer anderen Welt, ohne dass ein Worldbuilding stattgefunden hat.
Das mag jetzt alles nicht sonderlich anziehend klingen und in meinem Kopf sind einfach unendlich viele Fragezeichen. Nichtsdestotrotz bekommt das Buch bei mir 4 Sterne und ich empfehle es weiter - aber nur an jene, die gewillt sind, es entweder sehr akribisch und reflexiv zu lesen, oder - so wie es bei mir der Fall war - absolute Lust haben, das Buch ein zweites und gegebenenfalls auch ein drittes Mal zu lesen, denn ich bin überzeugt: wenn man genau hinschaut, ergibt das Ganze (bestimmt) sehr viel Sinn.
Zeit der Monster ist für mich eines dieser Bücher, die man nicht einfach liest und wieder weglegt. Es ist ein Buch, das nachhallt – und eines, das ich definitiv noch ein zweites Mal lesen möchte, weil ich das Gefühl habe, beim ersten Lesen längst nicht alles erfasst zu haben. Schon die Gestaltung hat mich begeistert. Das Cover ist wunderschön, aber auch das Layout im Inneren trägt dazu bei, dass sich das Buch besonders anfühlt. Besonders beeindruckt hat mich die Selbstverständlichkeit, mit der Seyda Kurt alternative Lebensrealitäten erzählt. Queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, polyamore oder andere Beziehungsformen, Figuren, deren Geschlecht gar nicht eindeutig benannt wird – all das ist einfach da. Nicht als Statement, nicht als performative Repräsentation, sondern als selbstverständlicher Teil einer Welt. Genau solche Bücher brauchen wir mehr: Bücher, die unterschiedliche Lebensweisen nicht erklären oder rechtfertigen müssen, sondern sie einfach existieren lassen.
Auch thematisch hat mich das Buch sehr bewegt. Die Idee der "Zeit der Monster" – dass jede Zeit der Krisen und der Dunkelheit zugleich immer auch eine Zeit der Hoffnung ist – hat mich lange beschäftigt. Hoffnung ist oft kaum sichtbar, wenn wir mitten in einer Krise stecken. Häufig erkennen wir sie erst rückblickend. Gleichzeitig zeigt das Buch, wie sehr wir dazu neigen, die Vergangenheit in beide Richtungen zu verklären: entweder als bessere Zeit oder als etwas, das wir um jeden Preis hätten verhindern müssen. Ein Gedanke, den ich besonders stark mitnehme, ist der Appell, weniger Energie darauf zu verwenden, gegen Vergangenes oder Bestehendes anzukämpfen, sondern stattdessen den Mut zu haben, etwas grundlegend Neues aufzubauen. Nicht nur gegen etwas zu kämpfen, sondern für etwas. Gerade in einer Zeit, die von gesellschaftlicher Spaltung geprägt ist, in der einzelne Menschen geopfert werden und vieles in einer zähen Masse aus Ohnmacht und Stillstand zu versinken scheint, fühlt sich diese Frage unglaublich aktuell an.
Über allem steht schließlich die große Frage: Was kann uns retten? Und vielleicht noch wichtiger: Kann uns überhaupt etwas retten? Und wo finden wir Hoffnung, wenn sie kaum noch sichtbar scheint? Zeit der Monster gibt darauf keine einfachen Antworten. Aber gerade das macht das Buch so wertvoll. Es fordert dazu auf, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen und Hoffnung nicht als naiven Optimismus zu verstehen, sondern als etwas, das aktiv gesucht und geschaffen werden muss.
Die aus Köln stammende Autorin Şeyda Kurt beschreibt in ihrem Debütroman einen wirren Schöpfungsmythos der ganz eigenen Art. Im Stadtteil Köln-Kalk irgendwann in der sehr nahen Zukunft wird das Leben immer chaotischer – und so auch der Schreibstil der Autorin.
Wir begleiten über sieben Tage hinweg eine Wahlfamilie um die junge Sanya, welche sich wild aus einer im Rollstuhl sitzenden „Mutter“, die ein Fitnessstudio betreibt, eine „Schwester“/“Geliebte“, die als Archäologin nicht nur der Geschichte des Viertels sondern auch ihrer aramäisch/assyrischen Vorfahren nachgeht, ein „Bruder“, der ein Kleinkind ohne dazugehörige Mutter hat und mit TikTok versucht den Lebensunterhalt zu bestreiten und noch viele andere Figuren, die alle dieses Viertel ihr Zuhause nennen und miteinander verzweigt zu tun haben.
Die Handlung ist schwer in Worte zu fassen, aber man kann sagen, dass durch eine falsche Prophezeiung vom Weltuntergang ganz verschiedene Gruppen im Viertel ganz unterschiedlich chaotisch reagieren und alles im Chaos untergeht, um dann neu erschaffen zu werden. Eingeworfen werden Tonbandaufnahmen der Archäologin, die recht interessant historische Zusammenhänge um Industrialisierung, Imperialismus und Geschichte des Zweistromlandes darlegt.
Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Roman wirklich nur sehr, sehr wenig anfangen konnte. Die Handlung, sofern man sie so nennen möchte, gleitet zunehmend ins Kafkaeske ab. Es gibt sicherlich zwischendrin immer mal interessante Sätze und Gedanken, aber im Großen und Ganzen konnte mir „Zeit der Monster“ nur sehr wenig geben. Am meisten haben mir die recht einfach verständlichen Passagen zu historischen Zusammenhängen gefallen. Das war dann, als ob ich einen reflektierten Übersichtsartikel zum Thema lesen würde, alles andere war mir aber einfach zu sehr drüber. Obskure und abstruse Geschehnisse im Viertel sowie nicht ansatzweise nachvollziehbare Figuren reihen sich hier aneinander. Man bekommt keinerlei Hintergrundinformationen zu den Figuren, sodass sie unverständlich bleiben. Zwischenzeitlich gibt es im Versform verfasste Passagen, bei denen mir nicht ersichtlich war, warum sie in dieser Form verfasst wurden.
So lässt mich „Zeit der Monster“ fast vollkommen verwirrt zurück, weshalb ich auch gar nicht wüsste, wem ich dieses Buch empfehlen würde oder auch nur könnte.
Habe ich das Buch verstanden? Nein. Hat mir das Buch Spaß gemacht? Ja! War es das, was ich erwartet habe? Jein.
Im Grunde war mir bereits vor dem Lesen klar, dass es sich bei "Zeit der Monster" um eine Art von Literatur handelt, die experimentell und dementsprechend nicht leicht zugänglich ist. Mit dieser Erwartungshaltung habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es ist ein wilder, wirrer Ritt durch die inhomogenen Abgründe eines Stadtviertels, das von allen "der Sumpf" genannt wird, und so oder so ähnlich an eine dystopische Version eines Ortes in einer deutschen Großstadt erinnert. Die Apokalypse steht kurz bevor, zumindest glauben die Leute das. Mir kommt es beim Lesen so vor, als wäre sie schon eingetreten. Es ist schwer zusammenzufassen, um was es im Wesentlichen geht. In dieser bizarren Welt voller Menschen und Monster tun sich eine Vielzahl politischer und sozialer Probleme auf, die an unsere moderne Gesellschaft erinnern. Allerdings stellt keines davon so ganz das Zentrum des Romans dar. Der Text ist sehr fragmentarisch. Viele Dinge werden nur angedeutet, niemals weiter verfolgt und erst recht nicht aufgelöst. Selbst ein klarer Zeitstrahl ist nicht wirklich auszumachen. Beim Lesen fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man durch den Text treiben, wie ein Segler auf einem stürmischen Fluss und mal dahin, mal dorthin getrieben werden. Das kann eine Menge Spaß machen, wenn man sich darauf einlässt und zufrieden mit der Perspektive ist, am Ende im Unklaren zu bleiben. Ich glaube, "Zeit der Monster" ist das richtige Buch für die richtige Leserin. Beides muss irgendwie zusammenpassen. Ich würde es nicht uneingeschränkt empfehlen, dafür ist es zu andersartig. Aber es ist gleichzeitig auch so gut andersartig, dass ich es für absolut lesenswert halte.
"Zeit der Monster" hat mich leider etwas zwiegespalten zurückgelassen. Die Grundidee fand ich wirklich spannend: In einem Viertel, das von einer sich rasant verbreitenden Weltuntergangsprophezeiung erfasst wird, bewegt sich die junge Sanya mit ihrer Wahlfamilie durch eine Welt im Umbruch. Die Fragen nach Gemeinschaft, Zusammenhalt und möglichen neuen Lebensformen in Zeiten des Zerfalls haben mich grundsätzlich sehr angesprochen.
Leider bin ich nur schwer in den Roman hineingekommen. Vor allem der Schreibstil war für mich oft sehr sperrig und hat den Lesefluss eher gebremst als getragen. Es gibt durchaus starke und eindringliche Passagen, die gezeigt haben, welches Potenzial in der Geschichte steckt. Andere Abschnitte wirkten dagegen auf mich recht langatmig, sodass mich der Roman insgesamt nie wirklich packen konnte.
Besonders neugierig war ich auf die Verortung in Köln-Kalk. Als Kölnerin fand ich die Wahl des Schauplatzes grundsätzlich reizvoll und spannend. Allerdings konnte ich das Viertel nur teilweise wiedererkennen beziehungsweise nachempfinden. Die Atmosphäre war zwar vorhanden, wurde für meinen Geschmack aber nicht so greifbar vermittelt, wie ich es mir erhofft hatte.
Insgesamt ein Roman mit interessanten Ideen, wichtigen Themen und einigen gelungenen Momenten. Der besondere Stil und die Erzählweise haben jedoch nicht meinen Geschmack getroffen, weshalb mich das Buch emotional und erzählerisch leider nicht ganz erreichen konnte.
“Manche wissen, dass kein Sieg von Dauer ist und es kein Ende der Geschichte gibt.” (S.88) Wasserknappheit, Krankheiten und fehlende Ressourcen - wir betrachten als Leser ein kleines Viertel, das jeden Tag kämpft. Es gibt nicht die eine Hauptperson, mit der mitgefiebert wird, sondern wir lernen viele verschiedene Menschen innerhalb dieses Viertels kennen, ihr Beziehungsgeflecht und einen Einblick in ihr Innenleben. Wir verfolgen die Verzweiflung der Menschen, die immer fester werdenden Ideen, aus Not und Angst geboren und die Bereitschaft, wie Menschlichkeit geopfert wird, damit fast alle auf die eine oder andere Weise zu Monstern werden. Vieles bleibt unklar, nur angedeutet über eine am Rande vorkommende Person und auch am Ende ist kein Abschluss hier, nur offene Fragen mit vagen Vermutungen. Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll, vieles wird kunstvoll umschrieben und teilweise ausschweifend mit vielen Details geschmückt. Viele Andeutungen im Text werden nur durch aufmerksames Lesen verständlich und ergeben den roten Faden, der sich durch die sieben beschriebenen Tage führt. Für Menschen, die sich eine klare Struktur und einen eindeutigen roten Faden wünschen, ist dieses Buch der falsche Roman. Wer allerdings einen vielschichtigen, atmosphärischen Roman schätzt, in dem höchst relevanten Themen wie Freiheit und Abhängigkeit sowie Selbstwirksamkeit auf ungewöhnliche Weise thematisiert werden, für den ist dieses Buch hier eine klare Leseempfehlung.