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381 pages, Kindle Edition
Expected publication November 14, 2026
Vorbemerkung: Das Buch erscheint offenbar erst Mitte November, aber ich konnte es auf der Frankfurter Buchmesse ganz regulär erwerben. Naja.
Man sollte wissen, was einen erwartet: eine Biographie Luhmanns aus der Feder seines jüngsten Sohnes Clemens. Und genau das bekommt man - Einblicke, die sonst keiner hat. Das ist zuweilen etwas merkwürdig, etwa, wenn der Sohn schildert, wie er als Junge Ärger in der Schule bekam und sich dieser nach einem (wohl sehr positiven) Intelligenztest in Wohlgefallen auflöste. Oder wenn nach einer scheinbar objektiv-distanzierten Darstellung eines Karriereschritts Luhmanns dessen Qualitäten als Vater hervorgehoben werden.
Zudem scheinen mir ein paar Details zu fehlen, die ich aus den wenigen anderen persönlichen Zeugnissen zu Luhmann kenne, die es auf dem Markt gibt. Zum Beispiel die Folgende aus den "Luhmann Lektüren" von Wolfram Burckhardt:
[Luhmann] sei zusammen mit einem befreundeten Klassenkameraden noch in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs eingezogen und in sinnlose Kämpfe verwickelt worden – und auf einmal sei der enge Freund nicht mehr an seiner Seite gewesen, sondern in tausend Teile zersplittert. Und da habe er (Luhmann wechselte in einen halbironischen Ton) sich vor der Alternative gesehen, entweder verrückt zu werden oder so zu denken und zu leben, dass er es jederzeit für möglich halte, dass ein Mensch, ein Subjekt von jetzt auf gleich zersplittert werde.
Und letztlich ist der Sohn natürlich kein Soziologe, der die Systemtheorie ausdeuten und einordnen kann. Sei's drum, man kommt an Luhmann nicht näher ran als mit diesem Buch - sei es in Fragen der Ehe und Erziehung, des Tee- und Kunst-Geschmacks oder der Aldi-Einkäufe. Wenn man Luhmann mag, braucht man diese Beobachtungen. Wo Beobachtungen fehlen (das Verhältnis zum Bruder?), muss man das der Perspektive zuschreiben. Denn natürlich bringt einem dieses Buch nicht das Allgemeine und die Theorie näher, das geht woanders besser (am besten bei "Niklas" selbst). Hier geht's ums Menschliche und Allzumenschliche, auch wenn man bezüglich der aufgeladenen Leerstellen (woran starb er denn nun?) auch keine Insider-Infos erwarten sollte. Zum Geschwisterstreit nur knappe, spürbar distanzierte Worte; dass der noch zu schwelen scheint, könnte man aus dem Dankwort am Ende schließen: Hier werden Vater und Onkel, Dirk Baecker und Jan-Philipp Reemtsma bedacht; nicht aber Veronika und Jörg Luhmann.
Kurzfazit: Besser wäre es geworden, hätte Clemens Luhmann öfter Mal "ich" gesagt und die scheinbare Objektivität und Distanz verworfen. Eine Werkbiographie ist es nicht und kann es nicht sein; eine sehr persönliche Würdigung des Vaters hätte mehr Mut zur Nähe vertragen. Trotzdem: Pflichtlektüre für Luhmann-Verehrer. Spannende Lektüre für alle anderen.