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Sanditz
Sanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Einst vernebelt durch den Qualm aus den Schloten des Flachglaswerkes, heute umspült vom Wasser der gefluteten Tagebaue. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührentner, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel.
Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie Wenzel und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen in der Nachwendezeit bis zum isolierten Inseldasein der Jahre der Corona-Pandemie.
»Lukas Rietzschel stellt Klischees auf den Kopf, dass man meinen könnte, die deutsche Geschichte sei bisher noch gar nicht geschrieben worden.«
Torsten Unger, MDR
»Rietzschel ist eine wichtige literarische Stimme Ostdeutschlands. Von ihm ist noch Großes zu erwarten.«
Gerhild Wissmann, Die Rheinpfalz
Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie Wenzel und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen in der Nachwendezeit bis zum isolierten Inseldasein der Jahre der Corona-Pandemie.
»Lukas Rietzschel stellt Klischees auf den Kopf, dass man meinen könnte, die deutsche Geschichte sei bisher noch gar nicht geschrieben worden.«
Torsten Unger, MDR
»Rietzschel ist eine wichtige literarische Stimme Ostdeutschlands. Von ihm ist noch Großes zu erwarten.«
Gerhild Wissmann, Die Rheinpfalz
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First published March 12, 2026
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Displaying 1 - 30 of 63 reviews
April 9, 2026
„Trotzdem war es nicht seine Mutter gewesen, die an dem Haus geklammert hatte. Er war das. Er hatte seine Wurzeln tiefer geschlagen, als sie es in ihrem Leben jemals gekonnt hatte. Gegen alle Widerstände trieb er Wurzeln in diesen kargen Boden, durch Feldspat und Glimmer. Seine Mutter hatte ihren Bruder, der kein Jahr auf der Welt gewesen war, als er erfror, an irgendeinem Straßengraben in Schlesien vergraben und trotzdem erneut ihre Sachen gepackt, als die Leute vom Tagebau an der Tür standen und sie aufforderten zu gehen.“
Der Roman erzählt nicht abstrakt über die DDR oder Nachwendezeit, sondern zeigt, wie sich Geschichte als Material in Menschen einschreibt – als Widerstand, als Verharren, als Unfähigkeit, sich zu lösen.
Sanditz ist für mich ein Buch über Freiheit.
In dem Zitat erfahren wir etwas über den Freiheitsbegriff von Dirks Mutter (die leider viel zu kurz in Sanditz verhandelt wird), die nicht festhält, sondern weitergeht, ohne zu zerbrechen. Dirk hingegen wurzelt sich ein – nicht aus Stärke, sondern aus Angst. Sein Festhalten wirkt wie ein Schutz gegen eine Welt, die ihn überfordert.
Rietzschel interessiert sich weniger für große politische Thesen als für gelebte Freiheit im Kleinen: im Bleiben, im Gehen, im Anpassen, im Scheitern daran. Das schöne an dem Buch: es bietet keine einfache Wertung an. Weder das Bleiben noch das Gehen ist per se frei. Beides hat seinen Preis.
Und das macht das Buch eindrücklich erfahrbar.
Es entsteht viel Resonanz, aber auch eine gewisse Unwucht: Nicht alle Szenen tragen gleich stark. Manche bleiben etwas zu ironisch verzerrt im Gefüge hängen. Andere wirken wie seltsame Fremdkörper im Text. Eine Figur taucht kurz auf, hat ihre Szene und verschwindet wieder.
Am deutlichsten zeigt sich das bei Dirk. Seine Figur ist zunächst faszinierend angelegt – als jemand, der von Angst, Rückzug und innerer Erstarrung geprägt ist. Umso irritierender wirkt, wie schnell und zu glatt diese Spannung am Ende des Romans aufgelöst wird.
In einer Rezension las ich von "mangelndem ästhetischen Gehalt" des Buches.
Nein, das ist mir zu absolut. Die Frage wäre zunächst, was versteht diese Person überhaupt unter Ästhetik. Das Buch verdichtet durchaus ästhetisch. Aber über Dinge, Körper, Räume, Wiederkehrende Motive (Haus, Wurzeln, Meer, Zeit) und leiser Bildlichkeit.
Aber ja, die ästhetische Gestaltung ist in Sanditz ungleich verteilt.
Vielleicht bewerte ich das Buch mit 4 Sternen zu gut. Mich hat es allerdings in seiner Ruhe sehr überzeugt, in den leisen Verschiebungen von Leben. In Figuren, die keine Lösungen liefern, sondern weiterexistieren.
Ich habe schon lange nicht mehr ein Buch so gerne gelesen und mich dabei liebevoll verbunden gefühlt.
Dennoch ist absehbar, dass dieses Buch viele überhebliche und bornierte Kritiken auf sich ziehen wird, die es an Maßstäben messen, die es gar nicht erfüllen will.
Sobald sich etwas nicht ohne Weiteres theoretisieren lässt, weil es in seiner scheinbaren Einfachheit einen komplexen Erfahrungsraum aufspannt und gerade dort spricht, wo es stumm bleibt, scheint das Scheitern des Textes vorprogrammiert zu sein.
Das Buch ist prozessual offen gehalten und natürlich widerspricht das einem Ansatz der Formgeschlossenheit für gelungene Literatur.
Bedeutung wird hier nicht im Begriff, sondern in der Erfahrung gebildet.
Auf meinen Blog lesefalten.de gehe ich zusätzlich auf die episodische Zeitstruktur ein und versuche anhand diverser Charaktere die möglichen Formen von Freiheit eines beschädigten Lebens herauszuarbeiten.
April 4, 2026
EINE DREI-GENERATIONENGESCHICHTE, DIE MICH NICHT ABHOLT.
Kurzmeinung: Wird als großer DDR Roman gehandelt
Präliminarien: Das literarische Quartett mit Thea Dorn, Eva Menasse, Simon Strauß und Adam Soboczynski vom 13.03.2026 hält diesen Roman für den großen DDR-Roman der letzten Jahrzehnte. Das große Epos der Nachwendezeit, schreibt die FAZ.
Der Handlungsort „Sanditz“ ist ein Ort in der Oberlausitz, ein Ort, der durch den Braunkohleabbau nachhaltig beschädigt ist. „Wie kann man einen ganzen Wald sterben lassen“, heißt es schon im Prolog.
Aber nicht nur die Umgebung ist beschädigt, die wenigen Menschen, die dort noch leben, und nicht nach der Wiedervereinigung in den Westen gegangen sind, zelebriert anhand der Familie Wenzel und ihrer wenigen sozialen Kontakte, sind ebenfalls Beschädigte. Es sind schwer beschädigte Menschen, die sowohl in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik unangepasste Menschen gewesen sind wie sie auch kaum in die Neue Zeit nach der sogenannten Wende passen. Von ihnen handelt der Roman in erster Linie. Sind sie repräsentativ für die DDR? Nein.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Ich habe diesen Roman nicht so sehr als typischen DDR-Aufarbeitungsroman oder gar Darstellungsroman gelesen, wie es das Literarische Quartett anscheinend gemacht hat. Denn dazu fehlt mir die politische und ideologische Aufarbeitung im Roman. Der Überbau. Natürlich ist das Handeln des Menschen per se schon politisch und insofern ist auch die Familie Wenzel politisch, aber thematisiert werden die Systeme nie.
Der Roman „Sanditz“ ist wie ein Episodenroman aufgebaut, erst nach und nach erfährt man, wie es sich mit der Familienkonstellation wirklich verhält. Ich mag diese Art des Schreibens eigentlich, mag es, wie sich Puzzleteil für Puzzleteil allmählich zu einem ganzen Stück zusammensetzt. Aber hier ist mir das Gestückel zu kleinteilig; die Kapitel zu kurz (1- 12 Seiten), während der Lektüre ist man ständig am Suchen, wer zu wem gehört und warum sich die Beteiligten so sonderbar verhalten. Wie gehören Dirk und Erika zusammen, die im selben Haus wohnen? Ah, Dirk ist der erwachsene Sohn. Man könnte diese Dinge ein wenig früher erfahren, schließlich will ich keinen Roman zweimal lesen müssen, nur um die Zusammenhänge zu begreifen. Warum schließt sich einer in seinem Zimmer ein und verweigert den Kontakt mit der Außenwelt? Es gibt so viele Warums in diesem Roman, die sich leider erst nach Beendigung der Lektüre entschlüsseln (lassen) – oder gar nicht. Manches bleibt auch einfach liegen.
Jedenfalls gibt es in dem Roman nur lebensuntüchtige Menschen, die es nicht geschafft haben, im neuen Land anzukommen, Verlierer eben. Und das ist nicht repräsentativ. Die Überwindung des kommunistischen Systems, das Leben dürfen/müssen/können in zwei völlig unterschiedlichen Wirtschaftssystemen begreife ich, bei allen Kollateralschäden, in erster Linie als Erfolgsgeschichte. Nun - das ist nur persönliche Meinung:
Verliererromane haben durchaus ihren Charme. Heimatverlust ist immer ein relevantes Thema. So ist der Roman „Sanditz“ durchaus ein szenischer Familienroman über gescheitere Figuren in einem gescheiterten Land. Aber DDR-exemplarisch ist das nicht.
Mein Haupteinwand gegen den Roman ist seine extreme Verschachtelung und seine Unübersichtlichkeit, wichtige Informationen sind so versteckt, dass man sie wohl erst beim zweiten Mal Lesen herausfiltert. Dann ist es aber – für mich – zu spät. Mir fehlen generell Erklärungen, die Personen handeln für mich nicht nachvollziehbar. Plötzlich ist einer schwul, schwanger, tot, im Krieg. Peng – that is it. Friss oder stirb, lieber Leser. Streckenweise überkommt mich Langeweile! Die hölzernen Figuren können mich einfach nicht packen!
Der Stil: ist im Großen und Ganzen in Ordnung, mehr aber nicht. Er ist nicht melodisch, hat zu viele kurze Hauptsätze und klingt deshalb oft holprig. Fast Stakkato. Kann man mögen, kann man nicht mögen. Ich mags nicht.
Fazit: Sanditz ist gewiss kein schlechter Roman, er ist durchaus unterhaltsam und originell. Ich mag aber seine Vermarktung als großen literarischen Wurf nicht. Das ist er nicht. Und mag er noch so viele Preise gewinnen - das ist dann Zeitgeist!
Kategorie: Gesellschaftsroman
Verlag: dtv, 2026
Kurzmeinung: Wird als großer DDR Roman gehandelt
Präliminarien: Das literarische Quartett mit Thea Dorn, Eva Menasse, Simon Strauß und Adam Soboczynski vom 13.03.2026 hält diesen Roman für den großen DDR-Roman der letzten Jahrzehnte. Das große Epos der Nachwendezeit, schreibt die FAZ.
Der Handlungsort „Sanditz“ ist ein Ort in der Oberlausitz, ein Ort, der durch den Braunkohleabbau nachhaltig beschädigt ist. „Wie kann man einen ganzen Wald sterben lassen“, heißt es schon im Prolog.
Aber nicht nur die Umgebung ist beschädigt, die wenigen Menschen, die dort noch leben, und nicht nach der Wiedervereinigung in den Westen gegangen sind, zelebriert anhand der Familie Wenzel und ihrer wenigen sozialen Kontakte, sind ebenfalls Beschädigte. Es sind schwer beschädigte Menschen, die sowohl in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik unangepasste Menschen gewesen sind wie sie auch kaum in die Neue Zeit nach der sogenannten Wende passen. Von ihnen handelt der Roman in erster Linie. Sind sie repräsentativ für die DDR? Nein.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Ich habe diesen Roman nicht so sehr als typischen DDR-Aufarbeitungsroman oder gar Darstellungsroman gelesen, wie es das Literarische Quartett anscheinend gemacht hat. Denn dazu fehlt mir die politische und ideologische Aufarbeitung im Roman. Der Überbau. Natürlich ist das Handeln des Menschen per se schon politisch und insofern ist auch die Familie Wenzel politisch, aber thematisiert werden die Systeme nie.
Der Roman „Sanditz“ ist wie ein Episodenroman aufgebaut, erst nach und nach erfährt man, wie es sich mit der Familienkonstellation wirklich verhält. Ich mag diese Art des Schreibens eigentlich, mag es, wie sich Puzzleteil für Puzzleteil allmählich zu einem ganzen Stück zusammensetzt. Aber hier ist mir das Gestückel zu kleinteilig; die Kapitel zu kurz (1- 12 Seiten), während der Lektüre ist man ständig am Suchen, wer zu wem gehört und warum sich die Beteiligten so sonderbar verhalten. Wie gehören Dirk und Erika zusammen, die im selben Haus wohnen? Ah, Dirk ist der erwachsene Sohn. Man könnte diese Dinge ein wenig früher erfahren, schließlich will ich keinen Roman zweimal lesen müssen, nur um die Zusammenhänge zu begreifen. Warum schließt sich einer in seinem Zimmer ein und verweigert den Kontakt mit der Außenwelt? Es gibt so viele Warums in diesem Roman, die sich leider erst nach Beendigung der Lektüre entschlüsseln (lassen) – oder gar nicht. Manches bleibt auch einfach liegen.
Jedenfalls gibt es in dem Roman nur lebensuntüchtige Menschen, die es nicht geschafft haben, im neuen Land anzukommen, Verlierer eben. Und das ist nicht repräsentativ. Die Überwindung des kommunistischen Systems, das Leben dürfen/müssen/können in zwei völlig unterschiedlichen Wirtschaftssystemen begreife ich, bei allen Kollateralschäden, in erster Linie als Erfolgsgeschichte. Nun - das ist nur persönliche Meinung:
Verliererromane haben durchaus ihren Charme. Heimatverlust ist immer ein relevantes Thema. So ist der Roman „Sanditz“ durchaus ein szenischer Familienroman über gescheitere Figuren in einem gescheiterten Land. Aber DDR-exemplarisch ist das nicht.
Mein Haupteinwand gegen den Roman ist seine extreme Verschachtelung und seine Unübersichtlichkeit, wichtige Informationen sind so versteckt, dass man sie wohl erst beim zweiten Mal Lesen herausfiltert. Dann ist es aber – für mich – zu spät. Mir fehlen generell Erklärungen, die Personen handeln für mich nicht nachvollziehbar. Plötzlich ist einer schwul, schwanger, tot, im Krieg. Peng – that is it. Friss oder stirb, lieber Leser. Streckenweise überkommt mich Langeweile! Die hölzernen Figuren können mich einfach nicht packen!
Der Stil: ist im Großen und Ganzen in Ordnung, mehr aber nicht. Er ist nicht melodisch, hat zu viele kurze Hauptsätze und klingt deshalb oft holprig. Fast Stakkato. Kann man mögen, kann man nicht mögen. Ich mags nicht.
Fazit: Sanditz ist gewiss kein schlechter Roman, er ist durchaus unterhaltsam und originell. Ich mag aber seine Vermarktung als großen literarischen Wurf nicht. Das ist er nicht. Und mag er noch so viele Preise gewinnen - das ist dann Zeitgeist!
Kategorie: Gesellschaftsroman
Verlag: dtv, 2026
July 12, 2026
"Es starb mit Großmutter nicht nur das zwanzigste Jahrhundert, es stirbt die ganze Gegend allmählich aus. Auch in ihrer Familie gibt es keinen Nachwuchs." (seite 184)
Lukas Rietzschel hat mit "Sanditz" einen sehr besonderen Roman geschrieben, der DDR- und Gegenwartsgeschichte verbindet und Figuren in den Mittelpunkt rückt, die leicht übersehen werden konnten. Gleichzeitig schafft er es, ein Porträt der Lausitz zu zeichnen und ein Lebensgefühl zu transportieren, das geprägt ist von Enttäuschungen, Ohnmacht und einer gewissen Ziellosigkeit gepaart mit der großen Sehnsucht, irgendwie etwas zu bewegen.
Im Mittelpunkt seines grandiosen Romans steht die Familie Wenzel, aus der einige Mitglieder besonders in den Vordergrund gerück werden. So folgen wir beispielsweise Roland durch die 70er Jahre bis in die Gegenwart, erleben wie er sich in Achim verliebt und trotzdem Marion heiratet. Von seinem einstigen Aktivismus ist in der Gegenwart nicht mehr viel übrig, er ist irgendwo in seiner eigenen Geschichte verloren gegangen. Für Maria und Tom ist er Vater und ist es auch nicht. Immer war er fort, immer arbeiten, sie haben sich entfremdet.
Auch diesen beiden folgen wir auf verschiedenen Stationen: Maria, die Sanditz fürs Studium verlassen hat und doch wieder zurückgekehrt ist, um dort als Lokaljournalistin zu arbeiten. Und Tom, der während der Coronazeit jeglichen Halt verloren, seinen Job bei der Polizei aufgegeben hat und nun in die Ukraine an die Front geht, um sie gegen Russland zu verteidigen.
Und dann ist da noch Dirk, Marions Bruder, der mit seiner alten Mutter in einer merkwürdigen Anhängigkeit zusammenlebt, psychisch schwer krank ist und auch nicht so richtig weiß, wohn mit sich - bis die Mutter stirbt.
Es sind verlorene Figuren, von denen Rietzschel hier erzählt und sie haben sich alle irgendwie in mein Herz geschrieben. Ich habe geweint beim Lesen, habe oft innegehalten, um bestimmte Sätze nachwirken zu lassen und konnte nicht genug bekommen von dieser einnehmenden Sprache, von dem Sog des Buches, von seinem Rhythmus und seinen Protagonist*innen. Ich liebe alles daran und lege es euch allen sehr ans Herz!
Lukas Rietzschel hat mit "Sanditz" einen sehr besonderen Roman geschrieben, der DDR- und Gegenwartsgeschichte verbindet und Figuren in den Mittelpunkt rückt, die leicht übersehen werden konnten. Gleichzeitig schafft er es, ein Porträt der Lausitz zu zeichnen und ein Lebensgefühl zu transportieren, das geprägt ist von Enttäuschungen, Ohnmacht und einer gewissen Ziellosigkeit gepaart mit der großen Sehnsucht, irgendwie etwas zu bewegen.
Im Mittelpunkt seines grandiosen Romans steht die Familie Wenzel, aus der einige Mitglieder besonders in den Vordergrund gerück werden. So folgen wir beispielsweise Roland durch die 70er Jahre bis in die Gegenwart, erleben wie er sich in Achim verliebt und trotzdem Marion heiratet. Von seinem einstigen Aktivismus ist in der Gegenwart nicht mehr viel übrig, er ist irgendwo in seiner eigenen Geschichte verloren gegangen. Für Maria und Tom ist er Vater und ist es auch nicht. Immer war er fort, immer arbeiten, sie haben sich entfremdet.
Auch diesen beiden folgen wir auf verschiedenen Stationen: Maria, die Sanditz fürs Studium verlassen hat und doch wieder zurückgekehrt ist, um dort als Lokaljournalistin zu arbeiten. Und Tom, der während der Coronazeit jeglichen Halt verloren, seinen Job bei der Polizei aufgegeben hat und nun in die Ukraine an die Front geht, um sie gegen Russland zu verteidigen.
Und dann ist da noch Dirk, Marions Bruder, der mit seiner alten Mutter in einer merkwürdigen Anhängigkeit zusammenlebt, psychisch schwer krank ist und auch nicht so richtig weiß, wohn mit sich - bis die Mutter stirbt.
Es sind verlorene Figuren, von denen Rietzschel hier erzählt und sie haben sich alle irgendwie in mein Herz geschrieben. Ich habe geweint beim Lesen, habe oft innegehalten, um bestimmte Sätze nachwirken zu lassen und konnte nicht genug bekommen von dieser einnehmenden Sprache, von dem Sog des Buches, von seinem Rhythmus und seinen Protagonist*innen. Ich liebe alles daran und lege es euch allen sehr ans Herz!
August 6, 2026
Ich habe hier leider nicht den großen DDR-Roman gefunden, den ich erhofft habe.
Wir begleiten ein riesiges Personenaufgebot in den Jahren 1978 und 2021. Zum Schluss zerrinnt es immer mehr. Der Erzählfaden von Tom im Jahr irritiert mich sehr. Und Dirk ist auch so unangenehm merkwürdig. Keine Ahnung, was mit Marion und Maria geworden ist. Oder habe ich das übersehen? Ich verstehe das Buch nicht.
Wir begleiten ein riesiges Personenaufgebot in den Jahren 1978 und 2021. Zum Schluss zerrinnt es immer mehr. Der Erzählfaden von Tom im Jahr irritiert mich sehr. Und Dirk ist auch so unangenehm merkwürdig. Keine Ahnung, was mit Marion und Maria geworden ist. Oder habe ich das übersehen? Ich verstehe das Buch nicht.
April 30, 2026
Ich gebe diesem Roman fünf Sterne. Ich bin nur so durchgeflogen und mochte das Buch gar nicht aus der Hand legen. Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte einer Familie in Sanditz, einem Ort im östlichen Sachsen. Aus einigen Hinweisen erschließt sich, dass Görlitz wohl Pate gestanden hat. Im Zentrum steht die Familie Wenzel, vor allem die Generation von den Geschwistern Dirk und Marion sowie der Folgegeneration Tom und Maria. Der Erzählzeitraum liegt zwischen dem Ende der 1970er Jahre und dem Ukrainekrieg. Die Wenzels sind evangelisch und gläubige Christen. Damit ist ihre Rolle in der DDR gewissermaßen festgelegt. Sie sind nicht Teil des Systems, sie stehen ihm kritisch gegenüber, wenngleich sie nach Möglichkeit radikalen Widerstand vermeiden. Sie bilden eine Gegengesellschaft innerhalb des DDR-Staates, in der es Freiräume gibt, die woanders fehlen. Zugleich prägt der Glaube und die Patriarchin der Familie auch eine strenge Ethik, unter der manche Familienmitglieder leiden.
Selten habe ich das Milieu der christlichen Gemeinden in der DDR so authentisch und glaubhaft geschildert gefunden wie in diesem Roman. Die Diskussionen, die Gebete, die Haltungen hat Rietzschel sehr genau eingefangen. In einer Szene versucht Robert, der spätere Ehemann Marions, zu beten. Dieser innere Prozess eröffnet ihm plötzlich den Freiraum, der ihn immun macht gegen faschistische und sozialistische Ideologien. Der innere Dialog mit Gott führt zu einer Ich-Werdung Rolands. Das hat Rietzschel ganz großartig beschrieben, ohne dabei in irgendeiner Form ins Kitschige oder frömmlerische abzugleiten. Chapeau!
Überhaupt ist seine Stärke die Nachvollziehbarkeit der Figuren. Roland ist schwul und findet in der christlichen Gemeinde einen Freiraum, in dem er nicht dafür verurteilt wird. Maria versucht es einige Zeit "im Westen", kehrt aber dann nach Sanditz zurück. Dirk blüht erst nach dem Tod der Mutter zaghaft zu einem eigenen Leben auf. Ein zentrale Figur ist auch Tom, ein Polizist, der als Gegner der Corona-Maßnahmen den Dienst quittiert hat und immer noch nach einem Platz im Leben sucht. Den meint er schließlich als Kämpfer an der Ukraine-Front zu finden, wo er gegen die Russen kämpft. Die Kriegskapitel am Ende des Romans gehören zu den besten des Buches.
Ich gebe zu: natürlich hat mich das geschilderte Milieu für den Roman eingenommen. Im Gegensatz zu den Romanen von Christoph Hein aber, bei denen ich oft den Eindruck habe, dem Autor nicht ganz glauben zu können, stimmt hier bei Rietzschel alles, bis aufs Detail. Sogar die heimliche Affäre Marions mit dem Superintendenten... Vor allem kann Rietzschel auch Dialoge schreiben, was bei Christoph Hein meist schwer auszuhalten ist.
Mein Fazit sind daher fünf Sterne, weil Rietzschel das, was er mit diesem Roman möchte, wunderbar umsetzt.
Mir fällt allerdings auch einiges ein, was er nicht tut - und das könnte in den Augen mancher Leser das Urteil trüben. Einige der Figuren werden nicht konsequent weiter verfolgt, sie tauchen auf und verschwinden wieder im Hintergrund. Das literarisch zu Beginn ganz großartig eingeführte Motiv der Krabat-Raben taucht auch kaum noch auf. Hier hat der Autor eine Chance zu einer weiteren literarischen Ebene nicht genutzt. Es hätte dem Buch noch etwas hinzugefügt.
Überhaupt bleibt der Autor so konsequent bei seinen Figuren und ihrer Geschichte, dass ihm das politische und gesellschaftliche Drumherum ein bisschen aus dem Blick gerät. Dafür hat er sich offenbar bewusst entschieden, das macht den Roman aber auch etwas eindimensional. Die literarische Flughöhe eines Uwe Tellkamp erreicht er nicht.
Trotzdem: ein wirklich lesenswerter und gelungener Roman!
Selten habe ich das Milieu der christlichen Gemeinden in der DDR so authentisch und glaubhaft geschildert gefunden wie in diesem Roman. Die Diskussionen, die Gebete, die Haltungen hat Rietzschel sehr genau eingefangen. In einer Szene versucht Robert, der spätere Ehemann Marions, zu beten. Dieser innere Prozess eröffnet ihm plötzlich den Freiraum, der ihn immun macht gegen faschistische und sozialistische Ideologien. Der innere Dialog mit Gott führt zu einer Ich-Werdung Rolands. Das hat Rietzschel ganz großartig beschrieben, ohne dabei in irgendeiner Form ins Kitschige oder frömmlerische abzugleiten. Chapeau!
Überhaupt ist seine Stärke die Nachvollziehbarkeit der Figuren. Roland ist schwul und findet in der christlichen Gemeinde einen Freiraum, in dem er nicht dafür verurteilt wird. Maria versucht es einige Zeit "im Westen", kehrt aber dann nach Sanditz zurück. Dirk blüht erst nach dem Tod der Mutter zaghaft zu einem eigenen Leben auf. Ein zentrale Figur ist auch Tom, ein Polizist, der als Gegner der Corona-Maßnahmen den Dienst quittiert hat und immer noch nach einem Platz im Leben sucht. Den meint er schließlich als Kämpfer an der Ukraine-Front zu finden, wo er gegen die Russen kämpft. Die Kriegskapitel am Ende des Romans gehören zu den besten des Buches.
Ich gebe zu: natürlich hat mich das geschilderte Milieu für den Roman eingenommen. Im Gegensatz zu den Romanen von Christoph Hein aber, bei denen ich oft den Eindruck habe, dem Autor nicht ganz glauben zu können, stimmt hier bei Rietzschel alles, bis aufs Detail. Sogar die heimliche Affäre Marions mit dem Superintendenten... Vor allem kann Rietzschel auch Dialoge schreiben, was bei Christoph Hein meist schwer auszuhalten ist.
Mein Fazit sind daher fünf Sterne, weil Rietzschel das, was er mit diesem Roman möchte, wunderbar umsetzt.
Mir fällt allerdings auch einiges ein, was er nicht tut - und das könnte in den Augen mancher Leser das Urteil trüben. Einige der Figuren werden nicht konsequent weiter verfolgt, sie tauchen auf und verschwinden wieder im Hintergrund. Das literarisch zu Beginn ganz großartig eingeführte Motiv der Krabat-Raben taucht auch kaum noch auf. Hier hat der Autor eine Chance zu einer weiteren literarischen Ebene nicht genutzt. Es hätte dem Buch noch etwas hinzugefügt.
Überhaupt bleibt der Autor so konsequent bei seinen Figuren und ihrer Geschichte, dass ihm das politische und gesellschaftliche Drumherum ein bisschen aus dem Blick gerät. Dafür hat er sich offenbar bewusst entschieden, das macht den Roman aber auch etwas eindimensional. Die literarische Flughöhe eines Uwe Tellkamp erreicht er nicht.
Trotzdem: ein wirklich lesenswerter und gelungener Roman!
September 7, 2026
Seit er im Jahr 2018 mit seinem Roman MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN debütiert hat, gilt Lukas Rietzschel als Chronist einer Jugend und des allgemeinen Befindens in der ehemaligen DDR, des Zustands der neuen Bundesländer, allgemein des „Ostens“ in der Nachwendezeit. Dabei – das muss der Fairness halber doch gesondert erwähnt sein – wurde Rietzschel erst 1994 in Räckelwitz, einer kleinen Gemeinde in der Oberlausitz geboren. So kann er sicher beglaubigt davon erzählen, wie das so gewesen ist, als Jugendlicher in den 00er und den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, doch jene „Baseballschlägerjahre“, von denen bspw. ein Clemens Meyer oder auch Manja Präkels einst in ihren Geschichten und Romanen berichteten, hat er nur als sehr kleines Kind erlebt. Das vorneweg, denn in seinem neuen Roman SANDITZ (2026) berichtet Rietzschel in einer weitaus ausgreifenden Erzählung, nahezu episch, gleich aus zwei Zeiten, bzw. Situationen, die er selbst nicht kennt. Und im Laufe der Lektüre stellen sich den Rezipient*innen Fragen zu Authentizität, Erzählerposition und hinsichtlich der Zeitgenossenschaft.
SANDITZ – Name des Örtchens, in welchem die Geschichte angesiedelt ist – erzählt von der Familie Wenzel, hier schon lange ansässig, erzählt von dem Ehepaar Marion und Roland und ihrem Leben in der DDR, davon, wie man sich zurechtzufinden, zu arrangieren suchte, erzählt von den bleiernen 80er Jahren, als das Land im Stillstand zu erstarren drohte, von den Momenten des Aufbruchs, aber auch der Angst jener Tage im Herbst 89, als man nicht wusste, wie sich alles entwickeln würde, ob der Staat die Demonstrationen, die überall im Land stattfanden, wie die Chinesen am Platz des Himmlischen Friedens mit Gewalt niederschlagen oder ob er sich zurückhalten würde. In einer zeitlichen Doppelbewegung berichtet Rietzschel zugleich von den Pandemiejahren – 2020, 2021, 2022 -, als es die Gesellschaft schier zu zerreißen drohte, je mehr Einschränkungen der Staat erließ. Auf dieser Zeitebene ist das Geschwisterpaar Maria und Tom im Fokus der Erzählung. Maria, die nach einem Studienaufenthalt in Kassel in ihre Heimat zurückgekehrt ist, wo sie nun versucht, als freie Journalistin Fuß zu fassen; Tom, der während der Pandemie zu jenen gehörte, die gegen die staatlichen Vorgaben rebellierten und nun, 2022, nach Monaten, Jahren des Stillstands in seinem Leben, einen Hilfskonvoi in die Ukraine organisiert, von dem er nicht mehr zurückkehren wird.
Stehen in den DDR-Jahren vor allem das Ehepaar Marion Wenzel und Roland Moschnik, sowie Marions Bruder Dirk im Mittelpunkt des Geschehens, ist es im gegenwärtigen Teil schließlich Tom, auf den sich Rietzschel konzentriert. Leider. Denn – und damit ist man erneut beim Hinweis aus Rietzschels Erzählerposition – aus jenen Jahren, in denen Dirk zur Volksarmee eingezogen wird und Roland sich schließlich aufmacht, als einer der Helden der friedlichen Revolution seinen Teil zur Wende beizutragen, erzählt ein Autor, der sie nicht erlebt hat. Und von Toms Reise an die Front, die sich schließlich nicht als Hilfslieferung, sondern als Kampfeinsatz entpuppt, erzählt ein Autor, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nie an einer Front, in einem Kampfeinsatz, in einem Erdloch unter Beschuss ausharren musste. Nun soll hier nicht die ewige Diskussion aufgemacht werden, ob nur berichten und erzählen darf, wer erlebt hat, wovon sie oder er berichtet und erzählt. Natürlich darf und soll ein jeder und eine jede erzählen und berichten, wonach der Sinn gerade steht. Es stellt sich aber die Frage, ob es literarisch sinnvoll ist, gerade wenn man von extremen Begebenheiten, wie einem Krieg erzählt. Und wenn aus Zeiten oder von Situationen berichtet wird, zu denen es noch jede Menge Zeitzeugen gibt, Menschen also, die bspw. bei einem Sturm auf eine der Stasi-Zentralen dabei gewesen ist, oder jemanden, der wirklich Fronterfahrung hat, dann wird man als Nachgeborener oder Abwesender nicht verbergen können, dass man sich lediglich angelesen hat, wovon man da berichtet.
Rietzschel gelingt aber dennoch ein oft berührendes Familienportrait. Es sind lebhafte Figuren, mit denen man mitfiebert, die man auch als glaubwürdig empfindet. Roland, der Marion heiratet und die Zwillinge Maria und Tom an Vaters Statt annimmt, ist tatsächlich schwul und verliebt in Achim, eine interessante, ein bisschen abwegige, tief- und ein wenig abgründige Figur. Ein Verweigerer, der sich aber weder politisch noch kulturell eindeutig ein- oder zuordnen lässt. Wie Rietzschel diese Freundschaft beschreibt, eine Freundschaft, die immer am Rande der Intimität entlangbalanciert, sich nie offen bekennen darf, erst recht nicht in der DDR, später vielleicht den Mut nicht aufbringt, auch, weil das Leben – Heirat, Vaterschaft, Familie – dazwischengekommen ist, eine Freundschaft, die sich entwickelt und die zerbricht und gerade noch, im letzten Moment sozusagen, wieder zueinanderfindet, wie Rietzschel dies beschreibt – liebevoll, zart, differenziert und voller Verständnis für die Beschädigungen durch die Zeitläufte -, das hat eine unvergleichliche Art und ist wahrscheinlich das Beste, was dieser Roman zu bieten hat.
Manches – wie der schon zu Beginn des Romans bestehende Bruch zwischen Roland und den Kindern – erschließt sich nicht wirklich, anderes versandet, leider. Marias Werdegang steht eine Zeitlang im Mittelpunkt, dann lässt Rietzschel die Figur zwar nicht gänzlich fallen, wendet sich aber deutlich Tom zu, gibt Marias Leben gleichsam auf. Dirk, Marions Bruder, gönnt er dafür eine späte Liebe, die in ihrer Stille und der Vorsicht, mit der sie sich einstellt, auch berührend beschrieben ist. Und ein Prolog, der sehr eindeutig Bezug auf die Sage von Krabat und den Zauberlehrlingen nimmt, die hier ein Bismarck-Denkmal zum Einsturz bringen, bleibt etwas unzusammenhängend und ohne wirklichen Bezug zur dann folgenden Romanerzählung. So schlägt Rietzschel also das ganz große Rad, zeigt unterschiedliche Lebensläufe auf, führt vor, wie sich Leben erfüllt und wie es manchmal versiegt, wie wir wenig Einfluss darauf haben, wo und wann wir geboren werden und wie die Bedingungen sind, unter denen wir uns entwickeln, dass wir aber durchaus Einfluss darauf haben, wie wir mit diesen Bedingungen umgehen. Ob wir sie annehmen, akzeptieren, unter ihnen zusammenbrechen oder eben aufstehen und unser Schicksal – um es einmal pathetisch zu sagen – selbst in die Hand zu nehmen bereit sind.
Ob dies nun der ganz große DDR-Roman ist, zu dem das Feuilleton ihn teils erhoben hat, sei einmal dahingestellt. Es ist eine Familiengeschichte, die sich im Osten erfüllt, unter den spezifischen Bedingungen des Ostens, der Diktatur, den Umbrüchen der Wende und der Nachwendejahre. Es ist eine deutsche Familiengeschichte, wie es eben Millionen deutsche Familiengeschichten gibt. Was allerdings lediglich Behauptung bleibt – allerdings kann man dem Roman hier auch keinen Determinismus vorwerfen, er erhebt nicht den Anspruch, Zwangsläufigkeit herzustellen, auch wenn er sie immer wieder andeutet -, ist die Ableitung, dass Tom sich entwickeln musste, wie er es tut. Dass sich sein Schicksal, sein Leben auf den Schlachtfeldern der Ukraine erfüllt, dass er, der den Halt in den Corona-Jahren verloren zu haben scheint, der nicht wieder zurückgefunden hat in die Spur bürgerlichen Lebens, sich im existenziellen Überlebenskampf eines konventionellen Kriegs noch einmal zu er-finden hofft, mutet doch ein wenig aufgesetzt an. Hätte es nicht auch eine Nummer kleiner sein können?, möchte man dem Autor zurufen. Man erinnert sich an Jonathan Littell, der einst, um halbwegs lebensecht für seinen Roman DIE WOHLGESINNTEN zu recherchieren, auf den Schlachtfeldern Tschetscheniens für eine NGO arbeitete und tatsächlich verletzt wurde. Nein, man will das nicht verlangen von einem Autor. Aber man fragt sich eben, warum man aus einer zeitgenössischen Situation erzählen muss, die man definitiv nur aus dem Fernsehen kennt? Man will Rietzschel aber auch nichts unterstellen. Vielleicht ist der Krieg der ebenso grauenerregende wie – dann doch – zwangsläufige Fluchtpunkt, auf den unsere Gesellschaften zulaufen. Vielleicht ist dies Rietzschels Diagnose. Es wäre eine grässliche, aber keine gänzlich zu verwerfende.
Lukas Rietzschel ist und bleibt definitiv einer der jungen Autoren, die große literarische Kraft haben und immer wieder Geschichten finden, die zu erzählen sich lohnt oder aber durch den Stil, den er wählt, beglaubigt und somit erzählenswert werden. Vielleicht sollte sich die Kritik einmal überlegen, ob es Sinn macht, diese Romane immer zum Größten, Besten oder Definitiven auszurufen, ob es nicht besser wäre, sie einfach für sich stehen und sprechen zu lassen. Denn dann kann ein Roman wie SANDITZ ganz sicher seine ganze Kraft entfalten, ohne schon zu Beginn der Lektüre an einem Anspruch gemessen zu werden, den er vielleicht gar nicht stellt. So aber muss er sich messen – und verliert auf die Dauer seiner knapp 500 Seiten, weil er eben nicht groß, bestens und definitiv ist. Er fügt dem Bild der DDR eine Ebene hinzu, nicht zuletzt jene der Fiktion, der Imagination eines Nachgeborenen, kann dabei aber nicht mit den Zeitzeugen konkurrieren, gleich ob sie Heym, Loest, Hein, Meyer oder gar Tellkamp heißen.
SANDITZ – Name des Örtchens, in welchem die Geschichte angesiedelt ist – erzählt von der Familie Wenzel, hier schon lange ansässig, erzählt von dem Ehepaar Marion und Roland und ihrem Leben in der DDR, davon, wie man sich zurechtzufinden, zu arrangieren suchte, erzählt von den bleiernen 80er Jahren, als das Land im Stillstand zu erstarren drohte, von den Momenten des Aufbruchs, aber auch der Angst jener Tage im Herbst 89, als man nicht wusste, wie sich alles entwickeln würde, ob der Staat die Demonstrationen, die überall im Land stattfanden, wie die Chinesen am Platz des Himmlischen Friedens mit Gewalt niederschlagen oder ob er sich zurückhalten würde. In einer zeitlichen Doppelbewegung berichtet Rietzschel zugleich von den Pandemiejahren – 2020, 2021, 2022 -, als es die Gesellschaft schier zu zerreißen drohte, je mehr Einschränkungen der Staat erließ. Auf dieser Zeitebene ist das Geschwisterpaar Maria und Tom im Fokus der Erzählung. Maria, die nach einem Studienaufenthalt in Kassel in ihre Heimat zurückgekehrt ist, wo sie nun versucht, als freie Journalistin Fuß zu fassen; Tom, der während der Pandemie zu jenen gehörte, die gegen die staatlichen Vorgaben rebellierten und nun, 2022, nach Monaten, Jahren des Stillstands in seinem Leben, einen Hilfskonvoi in die Ukraine organisiert, von dem er nicht mehr zurückkehren wird.
Stehen in den DDR-Jahren vor allem das Ehepaar Marion Wenzel und Roland Moschnik, sowie Marions Bruder Dirk im Mittelpunkt des Geschehens, ist es im gegenwärtigen Teil schließlich Tom, auf den sich Rietzschel konzentriert. Leider. Denn – und damit ist man erneut beim Hinweis aus Rietzschels Erzählerposition – aus jenen Jahren, in denen Dirk zur Volksarmee eingezogen wird und Roland sich schließlich aufmacht, als einer der Helden der friedlichen Revolution seinen Teil zur Wende beizutragen, erzählt ein Autor, der sie nicht erlebt hat. Und von Toms Reise an die Front, die sich schließlich nicht als Hilfslieferung, sondern als Kampfeinsatz entpuppt, erzählt ein Autor, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nie an einer Front, in einem Kampfeinsatz, in einem Erdloch unter Beschuss ausharren musste. Nun soll hier nicht die ewige Diskussion aufgemacht werden, ob nur berichten und erzählen darf, wer erlebt hat, wovon sie oder er berichtet und erzählt. Natürlich darf und soll ein jeder und eine jede erzählen und berichten, wonach der Sinn gerade steht. Es stellt sich aber die Frage, ob es literarisch sinnvoll ist, gerade wenn man von extremen Begebenheiten, wie einem Krieg erzählt. Und wenn aus Zeiten oder von Situationen berichtet wird, zu denen es noch jede Menge Zeitzeugen gibt, Menschen also, die bspw. bei einem Sturm auf eine der Stasi-Zentralen dabei gewesen ist, oder jemanden, der wirklich Fronterfahrung hat, dann wird man als Nachgeborener oder Abwesender nicht verbergen können, dass man sich lediglich angelesen hat, wovon man da berichtet.
Rietzschel gelingt aber dennoch ein oft berührendes Familienportrait. Es sind lebhafte Figuren, mit denen man mitfiebert, die man auch als glaubwürdig empfindet. Roland, der Marion heiratet und die Zwillinge Maria und Tom an Vaters Statt annimmt, ist tatsächlich schwul und verliebt in Achim, eine interessante, ein bisschen abwegige, tief- und ein wenig abgründige Figur. Ein Verweigerer, der sich aber weder politisch noch kulturell eindeutig ein- oder zuordnen lässt. Wie Rietzschel diese Freundschaft beschreibt, eine Freundschaft, die immer am Rande der Intimität entlangbalanciert, sich nie offen bekennen darf, erst recht nicht in der DDR, später vielleicht den Mut nicht aufbringt, auch, weil das Leben – Heirat, Vaterschaft, Familie – dazwischengekommen ist, eine Freundschaft, die sich entwickelt und die zerbricht und gerade noch, im letzten Moment sozusagen, wieder zueinanderfindet, wie Rietzschel dies beschreibt – liebevoll, zart, differenziert und voller Verständnis für die Beschädigungen durch die Zeitläufte -, das hat eine unvergleichliche Art und ist wahrscheinlich das Beste, was dieser Roman zu bieten hat.
Manches – wie der schon zu Beginn des Romans bestehende Bruch zwischen Roland und den Kindern – erschließt sich nicht wirklich, anderes versandet, leider. Marias Werdegang steht eine Zeitlang im Mittelpunkt, dann lässt Rietzschel die Figur zwar nicht gänzlich fallen, wendet sich aber deutlich Tom zu, gibt Marias Leben gleichsam auf. Dirk, Marions Bruder, gönnt er dafür eine späte Liebe, die in ihrer Stille und der Vorsicht, mit der sie sich einstellt, auch berührend beschrieben ist. Und ein Prolog, der sehr eindeutig Bezug auf die Sage von Krabat und den Zauberlehrlingen nimmt, die hier ein Bismarck-Denkmal zum Einsturz bringen, bleibt etwas unzusammenhängend und ohne wirklichen Bezug zur dann folgenden Romanerzählung. So schlägt Rietzschel also das ganz große Rad, zeigt unterschiedliche Lebensläufe auf, führt vor, wie sich Leben erfüllt und wie es manchmal versiegt, wie wir wenig Einfluss darauf haben, wo und wann wir geboren werden und wie die Bedingungen sind, unter denen wir uns entwickeln, dass wir aber durchaus Einfluss darauf haben, wie wir mit diesen Bedingungen umgehen. Ob wir sie annehmen, akzeptieren, unter ihnen zusammenbrechen oder eben aufstehen und unser Schicksal – um es einmal pathetisch zu sagen – selbst in die Hand zu nehmen bereit sind.
Ob dies nun der ganz große DDR-Roman ist, zu dem das Feuilleton ihn teils erhoben hat, sei einmal dahingestellt. Es ist eine Familiengeschichte, die sich im Osten erfüllt, unter den spezifischen Bedingungen des Ostens, der Diktatur, den Umbrüchen der Wende und der Nachwendejahre. Es ist eine deutsche Familiengeschichte, wie es eben Millionen deutsche Familiengeschichten gibt. Was allerdings lediglich Behauptung bleibt – allerdings kann man dem Roman hier auch keinen Determinismus vorwerfen, er erhebt nicht den Anspruch, Zwangsläufigkeit herzustellen, auch wenn er sie immer wieder andeutet -, ist die Ableitung, dass Tom sich entwickeln musste, wie er es tut. Dass sich sein Schicksal, sein Leben auf den Schlachtfeldern der Ukraine erfüllt, dass er, der den Halt in den Corona-Jahren verloren zu haben scheint, der nicht wieder zurückgefunden hat in die Spur bürgerlichen Lebens, sich im existenziellen Überlebenskampf eines konventionellen Kriegs noch einmal zu er-finden hofft, mutet doch ein wenig aufgesetzt an. Hätte es nicht auch eine Nummer kleiner sein können?, möchte man dem Autor zurufen. Man erinnert sich an Jonathan Littell, der einst, um halbwegs lebensecht für seinen Roman DIE WOHLGESINNTEN zu recherchieren, auf den Schlachtfeldern Tschetscheniens für eine NGO arbeitete und tatsächlich verletzt wurde. Nein, man will das nicht verlangen von einem Autor. Aber man fragt sich eben, warum man aus einer zeitgenössischen Situation erzählen muss, die man definitiv nur aus dem Fernsehen kennt? Man will Rietzschel aber auch nichts unterstellen. Vielleicht ist der Krieg der ebenso grauenerregende wie – dann doch – zwangsläufige Fluchtpunkt, auf den unsere Gesellschaften zulaufen. Vielleicht ist dies Rietzschels Diagnose. Es wäre eine grässliche, aber keine gänzlich zu verwerfende.
Lukas Rietzschel ist und bleibt definitiv einer der jungen Autoren, die große literarische Kraft haben und immer wieder Geschichten finden, die zu erzählen sich lohnt oder aber durch den Stil, den er wählt, beglaubigt und somit erzählenswert werden. Vielleicht sollte sich die Kritik einmal überlegen, ob es Sinn macht, diese Romane immer zum Größten, Besten oder Definitiven auszurufen, ob es nicht besser wäre, sie einfach für sich stehen und sprechen zu lassen. Denn dann kann ein Roman wie SANDITZ ganz sicher seine ganze Kraft entfalten, ohne schon zu Beginn der Lektüre an einem Anspruch gemessen zu werden, den er vielleicht gar nicht stellt. So aber muss er sich messen – und verliert auf die Dauer seiner knapp 500 Seiten, weil er eben nicht groß, bestens und definitiv ist. Er fügt dem Bild der DDR eine Ebene hinzu, nicht zuletzt jene der Fiktion, der Imagination eines Nachgeborenen, kann dabei aber nicht mit den Zeitzeugen konkurrieren, gleich ob sie Heym, Loest, Hein, Meyer oder gar Tellkamp heißen.
June 10, 2026
"Er legt den Kopf auf Theresas Schulter, schließt die Augen und denkt an Mutter auf der Bank im Garten. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei."
Schon großartig, wie viele dümmliche Klischees der Autor in zwei Sätze packen kann.
Schon großartig, wie viele dümmliche Klischees der Autor in zwei Sätze packen kann.
September 5, 2026
Erstaunlich, dass man so weit oben stehen und dennoch nichts erkennen kann. Da unten muss der Stadtrand von Sanditz sein. (S.7)
Sanditz erzählt deutsche Geschichte nicht von den großen Daten her, sondern aus den Küchen, Gemeinderäumen und Familiengesprächen einer Lausitzer Familie. Von der späten DDR bis zum Ukrainekrieg folgt Jakob Rietzschel den Wenzels durch mehrere Generationen und lässt dabei erstaunlich viel Zeitgeschichte durch ihre Biografien laufen.
Erikas Mutter hatte eine einfache Formel zur Dechiffrierung dieser Sprache gefunden: Jeder Genitiv eine Lüge. (S.58)
Figuren treten hervor, verschwinden wieder, Jahrzehnte liegen plötzlich zwischen zwei Kapiteln. Aus diesen Momentaufnahmen entsteht allmählich ein Familienmosaik, in dessen Ritzen die deutsche Geschichte sichtbar wird. Das kann sehr präzise und berührend sein, führt aber auch dazu, dass manche Figuren und Motive gerade dann verschwinden, wenn sie interessant werden.
Besonders bedauerlich erscheint dies angesichts des großartigen Beginns mit seinen Krabat-Raben und dem Anflug von magischem Realismus. Diese dunklere, poetischere Ebene verspricht zunächst eine zweite Sprache für den Roman, wird später aber kaum noch aufgenommen. Auch die Ukraine-Episode hat für mich nicht dieselbe Selbstverständlichkeit wie die stärkeren Passagen aus DDR und Nachwendezeit. Hier rückt der Roman plötzlich näher an die Kriegsreportage und verliert etwas von seiner zuvor so genauen Intimität.
Kurz hatte er erfahren, was es bedeutete, wenn das Herz hüpfte und die Haut unter bloßer Erwartung einer Berührung kitzeln konnte. Breit grinsend einschlafen und mit demselben Grinsen aufwachen. Vielleicht war das mehr, als man in einem Leben erwarten konnte. (S.268)
Am meisten berührt hat mich Roland. Roland ist schwul, sucht seinen Platz und findet ihn ausgerechnet dort, wo man zunächst neue Grenzen vermuten könnte - in der christlichen Gemeinde. Dabei geht es bald um mehr als Glauben oder Sexualität: um die vorsichtige Aneignung eines eigenen Lebens.
Rietzschels Figuren vertreten nicht einfach historische Positionen. Ihre Haltungen wachsen aus Erfahrungen, Verletzungen, Loyalitäten und manchmal schlicht aus den Zufällen eines Lebens. Dirk etwa beginnt erst nach dem Tod der Mutter zaghaft, ein eigenes zu führen, Maria versucht es im Westen und kehrt zurück. So entsteht Geschichte weniger als Panorama denn als Summe sehr verschiedener Versuche, irgendwo anzukommen.
Schon seltsam, dass große Ereignisse in Deutschland oft im Herbst passierten. [...] Die Deutschen schienen aufzublühen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigte. Offenbar brauchte es ein ganzes Jahr im Rücken, um die Gewissheit zu haben, dass das Leben nicht besser wurde. (S.397)
Auch über Sanditz liegt etwas Herbstliches. Die große Geschichte zieht durch diese Leben, hinterlässt Brüche, Leerstellen und Erinnerungen, während irgendwo immer wieder jemand versucht, noch einmal von vorn anzufangen. Von diesem Weiterleben erzählt Rietzschel mit einer leisen Melancholie.
Sanditz erzählt deutsche Geschichte nicht von den großen Daten her, sondern aus den Küchen, Gemeinderäumen und Familiengesprächen einer Lausitzer Familie. Von der späten DDR bis zum Ukrainekrieg folgt Jakob Rietzschel den Wenzels durch mehrere Generationen und lässt dabei erstaunlich viel Zeitgeschichte durch ihre Biografien laufen.
Erikas Mutter hatte eine einfache Formel zur Dechiffrierung dieser Sprache gefunden: Jeder Genitiv eine Lüge. (S.58)
Figuren treten hervor, verschwinden wieder, Jahrzehnte liegen plötzlich zwischen zwei Kapiteln. Aus diesen Momentaufnahmen entsteht allmählich ein Familienmosaik, in dessen Ritzen die deutsche Geschichte sichtbar wird. Das kann sehr präzise und berührend sein, führt aber auch dazu, dass manche Figuren und Motive gerade dann verschwinden, wenn sie interessant werden.
Besonders bedauerlich erscheint dies angesichts des großartigen Beginns mit seinen Krabat-Raben und dem Anflug von magischem Realismus. Diese dunklere, poetischere Ebene verspricht zunächst eine zweite Sprache für den Roman, wird später aber kaum noch aufgenommen. Auch die Ukraine-Episode hat für mich nicht dieselbe Selbstverständlichkeit wie die stärkeren Passagen aus DDR und Nachwendezeit. Hier rückt der Roman plötzlich näher an die Kriegsreportage und verliert etwas von seiner zuvor so genauen Intimität.
Kurz hatte er erfahren, was es bedeutete, wenn das Herz hüpfte und die Haut unter bloßer Erwartung einer Berührung kitzeln konnte. Breit grinsend einschlafen und mit demselben Grinsen aufwachen. Vielleicht war das mehr, als man in einem Leben erwarten konnte. (S.268)
Am meisten berührt hat mich Roland. Roland ist schwul, sucht seinen Platz und findet ihn ausgerechnet dort, wo man zunächst neue Grenzen vermuten könnte - in der christlichen Gemeinde. Dabei geht es bald um mehr als Glauben oder Sexualität: um die vorsichtige Aneignung eines eigenen Lebens.
Rietzschels Figuren vertreten nicht einfach historische Positionen. Ihre Haltungen wachsen aus Erfahrungen, Verletzungen, Loyalitäten und manchmal schlicht aus den Zufällen eines Lebens. Dirk etwa beginnt erst nach dem Tod der Mutter zaghaft, ein eigenes zu führen, Maria versucht es im Westen und kehrt zurück. So entsteht Geschichte weniger als Panorama denn als Summe sehr verschiedener Versuche, irgendwo anzukommen.
Schon seltsam, dass große Ereignisse in Deutschland oft im Herbst passierten. [...] Die Deutschen schienen aufzublühen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigte. Offenbar brauchte es ein ganzes Jahr im Rücken, um die Gewissheit zu haben, dass das Leben nicht besser wurde. (S.397)
Auch über Sanditz liegt etwas Herbstliches. Die große Geschichte zieht durch diese Leben, hinterlässt Brüche, Leerstellen und Erinnerungen, während irgendwo immer wieder jemand versucht, noch einmal von vorn anzufangen. Von diesem Weiterleben erzählt Rietzschel mit einer leisen Melancholie.
April 15, 2026
Ich hätte es ahnen müssen. Was medial so theatralisch gehypt wird, hält literarisch selten das, was es verspricht.
Zugegeben : Lukas Rietzschel ist ein spannender, talentierter, junger Autor. Seine ersten beiden Romane haben mir gut gefallen. Sein authentischer Blick auf Ostdeutschland ist so notwendig wie erhellend.
Mit seinem angeblich bisher bestem, seinem dritten Roman "Sanditz", verzettelt er sich jedoch. Wenige der zahlreichen Figuren und Bewohner des fiktiven Städtchens Sanditz berühren oder interessieren einen. Die meisten bleiben blass. Kein Wunder, hat man trotz fast 500 Seiten auch kaum Zeit, sie kennen zu lernen. Sie bleiben oberflächlich, ohne jede Tiefe oder psychologische Zweidimensionalität. Und wenn, dann sind es psychologische Stereotypen.
Dafür sind Häuser, Landschaften, Straßen, jeder Hügel, jede Inneneinrichtung, bis ins kleinste Detail beschrieben. Sprachlich ist das ok, inhaltlich ist es schnell langweilig und redundant.
Wobei auch die abgehakte, stakkatohafte und prätentiöse Sprache irgendwann nervt. Dazu sind die vielen Zeitsprünge umstrukturiert, oft wahllos. Kaum nähert man sich einer Figur, ist man schon woanders. Manche Handlungsstränge laufen vollkommen ins Leere und brechen irgendwo ab. Und die Kapitel sind viel zu kurz, um wirklich mal tiefere Einblicke zu geben.
Über Ostdeutschland und darüber, warum es so ist, wie es ist, lernt man so gut wie nichts. Der große Ostroman, den das Literarische Quartett angekündigt hat, bleibt Worthülse, ein leeres Versprechen. Eine psychologische Verständnisebene für Hoffnungen, Frustration, Enttäuschung, Wut oder ähnliches, erreicht der Roman so gut wie nie.
Stattdessen wird von Stasi bis Mauerfall, von Corona bis Ukrainekrieg alles in einen Roman geklatscht.
Überambitioniert, überfrachtet, von allem zu viel, außer von inhaltlicher oder psychologischer Substanz. Einzig süffig zu lesen war es.
Wenn es der Anspruch des Autors war, einen neuen Blick auf die neuere, ostdeutsche Geschichte und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen dort zu werfen, dann ist Lukas Rietzschel mit "Sanditz" zum ersten Mal leider krachend gescheitert.
Zugegeben : Lukas Rietzschel ist ein spannender, talentierter, junger Autor. Seine ersten beiden Romane haben mir gut gefallen. Sein authentischer Blick auf Ostdeutschland ist so notwendig wie erhellend.
Mit seinem angeblich bisher bestem, seinem dritten Roman "Sanditz", verzettelt er sich jedoch. Wenige der zahlreichen Figuren und Bewohner des fiktiven Städtchens Sanditz berühren oder interessieren einen. Die meisten bleiben blass. Kein Wunder, hat man trotz fast 500 Seiten auch kaum Zeit, sie kennen zu lernen. Sie bleiben oberflächlich, ohne jede Tiefe oder psychologische Zweidimensionalität. Und wenn, dann sind es psychologische Stereotypen.
Dafür sind Häuser, Landschaften, Straßen, jeder Hügel, jede Inneneinrichtung, bis ins kleinste Detail beschrieben. Sprachlich ist das ok, inhaltlich ist es schnell langweilig und redundant.
Wobei auch die abgehakte, stakkatohafte und prätentiöse Sprache irgendwann nervt. Dazu sind die vielen Zeitsprünge umstrukturiert, oft wahllos. Kaum nähert man sich einer Figur, ist man schon woanders. Manche Handlungsstränge laufen vollkommen ins Leere und brechen irgendwo ab. Und die Kapitel sind viel zu kurz, um wirklich mal tiefere Einblicke zu geben.
Über Ostdeutschland und darüber, warum es so ist, wie es ist, lernt man so gut wie nichts. Der große Ostroman, den das Literarische Quartett angekündigt hat, bleibt Worthülse, ein leeres Versprechen. Eine psychologische Verständnisebene für Hoffnungen, Frustration, Enttäuschung, Wut oder ähnliches, erreicht der Roman so gut wie nie.
Stattdessen wird von Stasi bis Mauerfall, von Corona bis Ukrainekrieg alles in einen Roman geklatscht.
Überambitioniert, überfrachtet, von allem zu viel, außer von inhaltlicher oder psychologischer Substanz. Einzig süffig zu lesen war es.
Wenn es der Anspruch des Autors war, einen neuen Blick auf die neuere, ostdeutsche Geschichte und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen dort zu werfen, dann ist Lukas Rietzschel mit "Sanditz" zum ersten Mal leider krachend gescheitert.
March 29, 2026
7/10
Ich habe die Buchpremiere von Sanditz am 20. März im Schauspiel Leipzig besucht, weil mir Lukas Rietzschels Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen gefallen hat. Die Veranstaltung war inhaltlich tiefgehend, aber auch witzig und unterhaltsam. Darum habe ich mir noch am gleichen Abend Sanditz gekauft und von Lukas Rietzschel signieren lassen. Ich konnte kaum erwarten, es anzufangen. Sanditz ist ein fiktiver Ort in der sächsischen Lausitz. Das Buch umfasst 44 Jahre und verfolgt unterschiedliche Figuren – allen voran die Mitglieder der Familie Moschnik/Wenzel – von der DDR-Zeit in die Gegenwart.
Die Stärke des Buchs ist gleichzeitig seine Schwäche. Es befasst sich – wie ein Menschenleben – mit wahnsinnig vielen Themen. Hier nur ein kurzer Auszug: Die evangelische Kirche in der DDR, der Ukrainekrieg, die Treuhand, Homosexualität in den Baseballschlägerjahren, die Corona-Pandemie, die sogenannten Bausoldaten der NVA und die Wahrnehmung des Ostens aus Sicht des Westens. Hinter jedem dieser Themen stehen Figuren mit Geschichten, Biografien und Haltungen. Meist erzählt Rietzschel anekdotisch. Wir erhalten Einblicke in Szenen aus den Leben der Figuren, die exemplarisch für ihre Konflikte stehen. Das war zwar spannend und inhaltlich sehr dicht, macht es aber schwer, in den Roman hineinzufinden. Alle paar Seiten lernen wir neue Figuren kennen, sodass es eher an eine verbundene Kurzgeschichtensammlung erinnert, als an einen klassischen Roman. So standen die starken Szenen und Erzählungen sehr für sich und gingen in dem umfassenden Flickenteppich etwas unter. Dadurch fehlte mir der emotionale Zugang. Sanditz ist eher eine Milieustudie zu vieler Milieus als eine Geschichte mit Rotem Faden. Weil die einzelnen Kapitel oft genug sehr stark sind und Rietzschel unterhaltsam und abwechslungsreich schreibt, habe ich das Buch gerne gelesen, aber der Aufbau entspricht so gar nicht meiner persönlichen Präferenz, weswegen ich es mitunter sogar etwas anstrengend fand.
Ich habe die Buchpremiere von Sanditz am 20. März im Schauspiel Leipzig besucht, weil mir Lukas Rietzschels Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen gefallen hat. Die Veranstaltung war inhaltlich tiefgehend, aber auch witzig und unterhaltsam. Darum habe ich mir noch am gleichen Abend Sanditz gekauft und von Lukas Rietzschel signieren lassen. Ich konnte kaum erwarten, es anzufangen. Sanditz ist ein fiktiver Ort in der sächsischen Lausitz. Das Buch umfasst 44 Jahre und verfolgt unterschiedliche Figuren – allen voran die Mitglieder der Familie Moschnik/Wenzel – von der DDR-Zeit in die Gegenwart.
Die Stärke des Buchs ist gleichzeitig seine Schwäche. Es befasst sich – wie ein Menschenleben – mit wahnsinnig vielen Themen. Hier nur ein kurzer Auszug: Die evangelische Kirche in der DDR, der Ukrainekrieg, die Treuhand, Homosexualität in den Baseballschlägerjahren, die Corona-Pandemie, die sogenannten Bausoldaten der NVA und die Wahrnehmung des Ostens aus Sicht des Westens. Hinter jedem dieser Themen stehen Figuren mit Geschichten, Biografien und Haltungen. Meist erzählt Rietzschel anekdotisch. Wir erhalten Einblicke in Szenen aus den Leben der Figuren, die exemplarisch für ihre Konflikte stehen. Das war zwar spannend und inhaltlich sehr dicht, macht es aber schwer, in den Roman hineinzufinden. Alle paar Seiten lernen wir neue Figuren kennen, sodass es eher an eine verbundene Kurzgeschichtensammlung erinnert, als an einen klassischen Roman. So standen die starken Szenen und Erzählungen sehr für sich und gingen in dem umfassenden Flickenteppich etwas unter. Dadurch fehlte mir der emotionale Zugang. Sanditz ist eher eine Milieustudie zu vieler Milieus als eine Geschichte mit Rotem Faden. Weil die einzelnen Kapitel oft genug sehr stark sind und Rietzschel unterhaltsam und abwechslungsreich schreibt, habe ich das Buch gerne gelesen, aber der Aufbau entspricht so gar nicht meiner persönlichen Präferenz, weswegen ich es mitunter sogar etwas anstrengend fand.
April 12, 2026
Man könnte meinen, große Geschichte lasse sich gar nicht zu lang erzählen; tja. Ich musste mich durchkämpfen. Wie auch immer man es schafft, Themen wie Homosexualität in der DDR, ostdeutsche Identität in der Gegenwart oder den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine derart unfruchtbar zu lassen.
Viele Figuren, zwischen denen keinerlei zwischenmenschliche Spannung aufkommt, lachhaft flache Dialoge, Humorversuche, die nicht zünden (die hohen Butterpreise werden kommentiert, der kleine Jeremy wird Germany genannt, Maskengegner unter sich machen sich über die Mitläufer lustig, usw.). Kein einziger stilistisch herausragender Satz, den ich mir unterstrichen hätte.
Viele Figuren, zwischen denen keinerlei zwischenmenschliche Spannung aufkommt, lachhaft flache Dialoge, Humorversuche, die nicht zünden (die hohen Butterpreise werden kommentiert, der kleine Jeremy wird Germany genannt, Maskengegner unter sich machen sich über die Mitläufer lustig, usw.). Kein einziger stilistisch herausragender Satz, den ich mir unterstrichen hätte.
June 13, 2026
Ich hatte große Neugier auf dem Roman. Denn ich bin im DDR Kirchen und Dissidenten Milieu aufgewachsen. Landeskirchliche Gemeinschaft und Siebenten-Tags-Adventisten sind mir genauso vertraut wie Bausoldaten und die Lausitz. Nachdem ‚das Quartett‘ und insbesondere Thea Dorn es so gelobt haben, hätte ich vorsichtig sein müssen. Der Roman hat mich ganz und gar enttäuscht. Er bekommt jedoch einen Stern von mir, da der Roman - wie es für einen zeitgemäßen Gesellschaftsroman richtig und notwendig ist - auch queere Beziehungen darstellt. Kühn und Lobenswert, gerade im Ostdeutschen Milieu - in der Provinz! Danke! Unter uns, davon könnten sich die Ostdeutsche Granden und Prinzessinnen der Literatur mal ne Scheibe abschneiden. Warum ist der Roman trotzdem meiner Ansicht nach durchgefallen? Erstens: eine enorme Ruppigkeit, in Allem. Ja‘ ich hörte es schon: „Der Schriftsteller hat diese Sprache bewusst gewählt, weil das Thema…“ - Das ist Quatsch, und wird durch so Rechtfertigungen noch quetscher. Man kann Sich in Prora und Sprache etwas mehr Mühe geben. Warum reden die Personen in den 1970-80er genau so wie in den 2020ern? Diese Anskizziererei auf den ersten 180 Seiten, ganz schrecklich. Keine Collage und Valeur, alles Fehlanzeige. Psychologisierungen der Person? Kein Wunder das gerade Westdeutsche Kritiken so emphatisch ausfallen, weil man wieder so schön von oben herab in den ‘Sandkasten der Lausitz’ - staunend und herablassend zugleich- sehen kann. ‘Oh’ wie schlimm ist das hier.’ Es hat mir keinen Spass gemacht. Zweitens, Frauen. Kommen die überhaupt vor? Maria? Theresa? Nein‘ das kann man nicht gelten lassen. Herrgott nochmal , ich hätte wohl weniger Fontane, Schnitzler, Boyle und Murakami lesen sollen, dann wäre ich bescheidener und anspruchsloser geblieben. Drittes, Landschaft und Stadt. Nein, das war auch Nix. Keine Freude nirgends. Und was hätte man aus den Schlussszenen machen können! Traurig. Ich habe mir mehr gequält als ich mir unterhalten habe. Berührt wurde ich nicht.
September 18, 2026
Die Wenzels
Sanditz ist ein kleiner (fiktiver) Ort im heutigen Deutschland und in der ehemaligen DDR. Über mehrere Generationen werden die Ereignisse in einigen Familien verfolgt. Zum Ausklingen der Deutschen Demokratischen Republik zum Beispiel kann man kleine Rebellionen in der Kirchengemeinde erleben, die gefährlicher werden können als man annehmen würde. Oder auch die Überlegungen, ob es besser ist zu fliehen oder zu bleiben. Auf gewisse Weise prägt die Zeit vor der Wende auch die Zeit nach der Wende wo aus der Aufbruchstimmung auch Enttäuschungen entstehen können. Und schließlich geht es in die Gegenwart, die wie ein Ergebnis einer langen Entwicklung erscheint.
Die Erzählung der Geschichte ist nicht fortlaufend. Zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen geht es hin und her. Das erfordert zwar einiges an Aufmerksamkeit, macht die Lektüre aber auch sehr interessant. Wie ging es in Sanditz zu als es noch ein Ort hinter einem scheinbar unüberwindlichen Grenzzaun war? Und wie war es als die Grenze zwar weg war, aber die Mitbürger aus dem Westen immer noch kein großes Interesse zeigten und das Wenige, was die Westimporte aufbrachten aus falschen Dünkeln eher reserviert gesehen wurde. Wenn die jungen Menschen in den Westen gingen, um zu lernen und zu arbeiten, blieben sie doch die aus dem Osten.
Nach dem Lesen dieses Romans bekommt man das Gefühl, die Wiedervereinigung ist noch lange nicht vollendet, vielleicht hat sie noch nicht mal richtig angefangen. Wenn man sich selbst an die Zeit zurückerinnert, kommt die Freude, das ungläubige Staunen wieder doch, die einen bei den Fernsehbildern überkamen. Wie schnell war man mit den Eltern über die Grenze Richtung Osten, um zu sehen, wo diese vor ewigen Zeiten rübergemacht waren. Oder auch die Erlebnisse der beruflichen Tätigkeit im Osten, wo man dachte, so viel anders sind die nicht. Und jetzt? Jetzt fährt man in Urlaubsgebiete, noch jedenfalls. Und aus dem Osten sind gerade damals Jüngere in den Westen gegangen und geblieben oder zurückgekehrt. Es scheint so als meinten die im Osten, sie seien übrig geblieben. Doch wie viel haben sie selbst bedingt? Natürlich gilt das auch für die Menschen im Osten, die gerade am Anfang mitunter großmannssüchtig wirkten. Es wurde viel falsch gemacht auf beiden Seiten und man fragt sich, ob man das Kind wieder aus dem Brunnen herausbekommt. Hoffentlich.
Sanditz steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026. Gratulation.
Sanditz ist ein kleiner (fiktiver) Ort im heutigen Deutschland und in der ehemaligen DDR. Über mehrere Generationen werden die Ereignisse in einigen Familien verfolgt. Zum Ausklingen der Deutschen Demokratischen Republik zum Beispiel kann man kleine Rebellionen in der Kirchengemeinde erleben, die gefährlicher werden können als man annehmen würde. Oder auch die Überlegungen, ob es besser ist zu fliehen oder zu bleiben. Auf gewisse Weise prägt die Zeit vor der Wende auch die Zeit nach der Wende wo aus der Aufbruchstimmung auch Enttäuschungen entstehen können. Und schließlich geht es in die Gegenwart, die wie ein Ergebnis einer langen Entwicklung erscheint.
Die Erzählung der Geschichte ist nicht fortlaufend. Zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen geht es hin und her. Das erfordert zwar einiges an Aufmerksamkeit, macht die Lektüre aber auch sehr interessant. Wie ging es in Sanditz zu als es noch ein Ort hinter einem scheinbar unüberwindlichen Grenzzaun war? Und wie war es als die Grenze zwar weg war, aber die Mitbürger aus dem Westen immer noch kein großes Interesse zeigten und das Wenige, was die Westimporte aufbrachten aus falschen Dünkeln eher reserviert gesehen wurde. Wenn die jungen Menschen in den Westen gingen, um zu lernen und zu arbeiten, blieben sie doch die aus dem Osten.
Nach dem Lesen dieses Romans bekommt man das Gefühl, die Wiedervereinigung ist noch lange nicht vollendet, vielleicht hat sie noch nicht mal richtig angefangen. Wenn man sich selbst an die Zeit zurückerinnert, kommt die Freude, das ungläubige Staunen wieder doch, die einen bei den Fernsehbildern überkamen. Wie schnell war man mit den Eltern über die Grenze Richtung Osten, um zu sehen, wo diese vor ewigen Zeiten rübergemacht waren. Oder auch die Erlebnisse der beruflichen Tätigkeit im Osten, wo man dachte, so viel anders sind die nicht. Und jetzt? Jetzt fährt man in Urlaubsgebiete, noch jedenfalls. Und aus dem Osten sind gerade damals Jüngere in den Westen gegangen und geblieben oder zurückgekehrt. Es scheint so als meinten die im Osten, sie seien übrig geblieben. Doch wie viel haben sie selbst bedingt? Natürlich gilt das auch für die Menschen im Osten, die gerade am Anfang mitunter großmannssüchtig wirkten. Es wurde viel falsch gemacht auf beiden Seiten und man fragt sich, ob man das Kind wieder aus dem Brunnen herausbekommt. Hoffentlich.
Sanditz steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026. Gratulation.
April 15, 2026
„Ein großes Bild der deutschen Gesellschaft“ sollte es werden und wider besseres Wissen habe ich das auch erwartet. Dabei wurde ich doch zuletzt von Klappentexten häufig enttäuscht. Das Übrige taten dann die beinahe einhellig überschwänglichen Besprechungen im Rahmen von Buchmesse und Co.
Und zunächst war ich auch am Haken - und wie! Ein Prolog mit magischem Realismus und Lausitzer Lokalkolorit (Warum wird das später kaum noch aufgegriffen? Stattdessen: Kriegsberichterstattung?!)
Eine nicht enden wollende Exposition offenbarte im Anschluss die Erzählstruktur: Der schlaglichtartige Fokus sorgt für eine Mosaikstruktur, aus der sich das Gesamtbild zusammensetzen soll. Hier begannen für mich jedoch die Probleme, denn eine wirkliche Immersion in den Text kann durch die sehr biedere Gliederung mit Kapitelüberschriften und den unsäglichen Orts- und Zeitangaben nicht gelingen. So bleiben alle Zeitebenen sorgfältig voneinander getrennt und nur selten entstehen motivische Brücken.
Fraglich bleibt in diesem Zusammenhang auch, warum der Autor, wenn er seine Figuren schon nur in knappen Momentaufnahme zeigt, dennoch wie in einem gutbürgerlichen Familienroman am Stammpersonal festhält? So erfährt man weder besonders viel über die einzelnen Figuren, noch erhält man einen repräsentativen Querschnitt, der tatsächlich ein gesellschaftliches Panorama entfalten könnte.
Zuletzt schließlich - aber dies mag eine Marotte meinerseits sein - fehlte mir die vielbeschworene Universalität. Zu offensichtlich sind die Parallelen zu einer ganz bestimmte ostsächsischen Stadt.
Die nachhaltigsten Eindrücke hinterließen dann jene Kapitel, die tatsächlich weitestgehend losgelöst für sich stehen konnten, deren Charaktere kurz beschienen und dann wieder vergessen, dafür jedoch beim weiteren Lesen mitgedacht wurden: Jeremy aus Sanditz, Peter aus dem Sauerland, Marouan aus Syrien.
Und zunächst war ich auch am Haken - und wie! Ein Prolog mit magischem Realismus und Lausitzer Lokalkolorit (Warum wird das später kaum noch aufgegriffen? Stattdessen: Kriegsberichterstattung?!)
Eine nicht enden wollende Exposition offenbarte im Anschluss die Erzählstruktur: Der schlaglichtartige Fokus sorgt für eine Mosaikstruktur, aus der sich das Gesamtbild zusammensetzen soll. Hier begannen für mich jedoch die Probleme, denn eine wirkliche Immersion in den Text kann durch die sehr biedere Gliederung mit Kapitelüberschriften und den unsäglichen Orts- und Zeitangaben nicht gelingen. So bleiben alle Zeitebenen sorgfältig voneinander getrennt und nur selten entstehen motivische Brücken.
Fraglich bleibt in diesem Zusammenhang auch, warum der Autor, wenn er seine Figuren schon nur in knappen Momentaufnahme zeigt, dennoch wie in einem gutbürgerlichen Familienroman am Stammpersonal festhält? So erfährt man weder besonders viel über die einzelnen Figuren, noch erhält man einen repräsentativen Querschnitt, der tatsächlich ein gesellschaftliches Panorama entfalten könnte.
Zuletzt schließlich - aber dies mag eine Marotte meinerseits sein - fehlte mir die vielbeschworene Universalität. Zu offensichtlich sind die Parallelen zu einer ganz bestimmte ostsächsischen Stadt.
Die nachhaltigsten Eindrücke hinterließen dann jene Kapitel, die tatsächlich weitestgehend losgelöst für sich stehen konnten, deren Charaktere kurz beschienen und dann wieder vergessen, dafür jedoch beim weiteren Lesen mitgedacht wurden: Jeremy aus Sanditz, Peter aus dem Sauerland, Marouan aus Syrien.
July 16, 2026
3,5*
Am Anfang war ich extrem dabei, dann konnte ich über eine lange Strecke zwar den Aufbau und das Konzept sehen und gut finden, war aber emotional nicht dran. Am Ende hat es hier wieder die Kurve gekriegt. Schön wäre, wenn das Element des magischen Realismus aus dem Prolog nochmal auftaucht...
Am Anfang war ich extrem dabei, dann konnte ich über eine lange Strecke zwar den Aufbau und das Konzept sehen und gut finden, war aber emotional nicht dran. Am Ende hat es hier wieder die Kurve gekriegt. Schön wäre, wenn das Element des magischen Realismus aus dem Prolog nochmal auftaucht...
September 13, 2026
Das muss ich erstmal sacken lassen. Steht ab sofort auf meiner persönlichen Liste der besten Bücher aller Zeiten.
May 31, 2026
Sanditz hat mich leider nicht wirklich überzeugt. Mit den Figuren bin ich überhaupt nicht warm geworden; und zwar so sehr, dass mir selbst Todesfälle und andere einschneidende Ereignisse letztlich ziemlich egal waren.
Generell hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte mit zu vielen Themen gleichzeitig überladen ist: Alltag in der DDR, Mauerfall, mal schnell noch ein bisschen Stasiaufarbeitung reingeschoben, Familiendramen, Corona, Glaube, der Ukrainekrieg, am Rande ist noch jemand schwul – und dann auch noch dieses absurde Einzelkapitel über einen Westdeutschen, der bei dem Versuch, Sparkassenkönig der Stadt zu werden, seine Ehe gegen die Wand fährt. Für mich wirkte das alles sehr zerfasert.
Auch sämtliche Enden wirkten als hätte der Autor fertig werden müssen. Dirk verliebt sich auf Rügen. Punkt aus. Tom wird von einer Drohne getroffen. Punkt aus. Achim taucht wieder auf, ist aber so krank, dass es nicht mehr viel zu erzählen gibt. Punkt aus. Maria hingegen bekommt kein Ende?!
Am spannendsten fand ich letztlich die Krabat-Referenzen.
Generell hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte mit zu vielen Themen gleichzeitig überladen ist: Alltag in der DDR, Mauerfall, mal schnell noch ein bisschen Stasiaufarbeitung reingeschoben, Familiendramen, Corona, Glaube, der Ukrainekrieg, am Rande ist noch jemand schwul – und dann auch noch dieses absurde Einzelkapitel über einen Westdeutschen, der bei dem Versuch, Sparkassenkönig der Stadt zu werden, seine Ehe gegen die Wand fährt. Für mich wirkte das alles sehr zerfasert.
Auch sämtliche Enden wirkten als hätte der Autor fertig werden müssen. Dirk verliebt sich auf Rügen. Punkt aus. Tom wird von einer Drohne getroffen. Punkt aus. Achim taucht wieder auf, ist aber so krank, dass es nicht mehr viel zu erzählen gibt. Punkt aus. Maria hingegen bekommt kein Ende?!
Am spannendsten fand ich letztlich die Krabat-Referenzen.
This entire review has been hidden because of spoilers.
September 6, 2026
An ambitious novel that might have bitten off a little more than it can chew, for it felt scattered and lacking of focus, even though the characters were interesting to get to know.

Sanditz is a fictional town in Eastern Germany, where we follow the family Wenzel. There are two timelines, one focussing on the 1980s and one set during the pandemic in 2021. Told from different perspectives, we learn about the politics in the German Democratic Republic while witnessing the family's descendants cope with loneliness and fight in Ukraine as volunteers.
The times, they are a-changin'. It was interesting learning about life in the German Democratic Republic, especially since this novels clearly demonstrates how the 80s haven't been that long ago. There's Roland for example, who falls in love with Achim, but later on marries his friend Marion in order to cover up her illegitimate pregnancy — something that will obviously shape the rest of his life. We not only meet Marion's son Tom, who later becomes a frustrated anti-vaxxer, but also spend time with Marion's brother Dirk, who has his own demons to fight.
All stories were engaging, but I didn't need all of them. The format just didn't really work for me: I thought Rietzschel created tangible characters and all of them were interesting to read about, but the constant switches in both time and places constantly pulled me out of the story lines I just got involved in. It led to me feeling as if I were watching the plot from a bird's eye view instead of truly being able to immerse myself. On top of that, some side-characters didn't get enough page-time because there were just so many. Also, some developments that felt important as I was reading about them then just never get picked up again, which felt unsatisfying.
It's pretty bleak. The book seems to make a bigger statement about the passing of time and how history develops in shape of individual people wrapped up in their present political and social situations. Therefore, nothing big, grandiose or exciting really happens, all characters are ordinary people dealing with more or less mundane problems. What connects all of them is that they're trying, that they're attempting to overcome whatever burdens them. It's a story about resilience and frustration in that way, but it's also disillusioning somber in its resolving of issues. Because I didn't feel overly engaged in what was happening, this ended up being a draining read for me personally.

Sanditz is a fictional town in Eastern Germany, where we follow the family Wenzel. There are two timelines, one focussing on the 1980s and one set during the pandemic in 2021. Told from different perspectives, we learn about the politics in the German Democratic Republic while witnessing the family's descendants cope with loneliness and fight in Ukraine as volunteers.
The times, they are a-changin'. It was interesting learning about life in the German Democratic Republic, especially since this novels clearly demonstrates how the 80s haven't been that long ago. There's Roland for example, who falls in love with Achim, but later on marries his friend Marion in order to cover up her illegitimate pregnancy — something that will obviously shape the rest of his life. We not only meet Marion's son Tom, who later becomes a frustrated anti-vaxxer, but also spend time with Marion's brother Dirk, who has his own demons to fight.
All stories were engaging, but I didn't need all of them. The format just didn't really work for me: I thought Rietzschel created tangible characters and all of them were interesting to read about, but the constant switches in both time and places constantly pulled me out of the story lines I just got involved in. It led to me feeling as if I were watching the plot from a bird's eye view instead of truly being able to immerse myself. On top of that, some side-characters didn't get enough page-time because there were just so many. Also, some developments that felt important as I was reading about them then just never get picked up again, which felt unsatisfying.
It's pretty bleak. The book seems to make a bigger statement about the passing of time and how history develops in shape of individual people wrapped up in their present political and social situations. Therefore, nothing big, grandiose or exciting really happens, all characters are ordinary people dealing with more or less mundane problems. What connects all of them is that they're trying, that they're attempting to overcome whatever burdens them. It's a story about resilience and frustration in that way, but it's also disillusioning somber in its resolving of issues. Because I didn't feel overly engaged in what was happening, this ended up being a draining read for me personally.
September 6, 2026
Ich habe das Buch empfohlen bekommen mit dem Hinweis, dass es vor allem durch seine durchgehend beklemmende Stimmung überzeugt. Und genau das tut es auch. In verschiedenen zeitlichen Ebenen wird die Geschichte einer Familie in einer fiktiven ostdeutschen Stadt (geographisch geht das in Richtung Lausitz) beschrieben. Rietzschel lässt drei Generationen an Menschen Probleme durchleben, die in den letzten Jahren Wende Aufarbeitung ach so gerne wiederholt wurden. Das Kernelement ist dabei die triste Hoffnungslosigkeit der peripheren Kleinstadt. Dadurch, dass der gegenwärtige Teil des Buches während Corona und im Ukrainekrieg spielt, wirkt es auch aus meiner eigenen Perspektive umso deprimierender. Ein großer Teil spielt aber auch vor der Wende - gewissermaßen ist das Buch also auch Generationsverbindend.
Beim lesen verfällt man in eine Lethargie und Gleichgültigkeit, weil die Geschichten etwas beschreiben, wo man eigentlich so schnell es geht ausbrechen will. Zwei Sachen mochte ich besonders: I. Die vielen kleinen Ostdeutschen / DDR Heritage-Sequenzen, die mich oft in meine Kindheit zurückwarfen und II. Die Konzeption der Geschichte: die Konstellation zwischen den ganzen Personen baut sich immer weiter auf, bis am Ende langsam aber sicher alle Verflechtungen klar werden. Dieser Umstand ist der eigentliche Grund warum man das Buch gerne zu Ende lesen möchte.
Außerdem passt es perfekt in die Zeit. Erst gestern saß ich mit ein paar jungen Westdeutschen Studis im Café, denen ich gerne das Buch in die Hand gedrückt hätte, so wie sie über den Osten des Landes sprachen. Und ja auch die Wahlen in Sachsen-Anhalt trugen sehr zum Gefühl bei was ich beim lesen hatte.
Auf jeden Fall Pflicht Lektüre, vor allem für Leute die (wie ich) doch ganz gerne in einer Großstadt leben…
Beim lesen verfällt man in eine Lethargie und Gleichgültigkeit, weil die Geschichten etwas beschreiben, wo man eigentlich so schnell es geht ausbrechen will. Zwei Sachen mochte ich besonders: I. Die vielen kleinen Ostdeutschen / DDR Heritage-Sequenzen, die mich oft in meine Kindheit zurückwarfen und II. Die Konzeption der Geschichte: die Konstellation zwischen den ganzen Personen baut sich immer weiter auf, bis am Ende langsam aber sicher alle Verflechtungen klar werden. Dieser Umstand ist der eigentliche Grund warum man das Buch gerne zu Ende lesen möchte.
Außerdem passt es perfekt in die Zeit. Erst gestern saß ich mit ein paar jungen Westdeutschen Studis im Café, denen ich gerne das Buch in die Hand gedrückt hätte, so wie sie über den Osten des Landes sprachen. Und ja auch die Wahlen in Sachsen-Anhalt trugen sehr zum Gefühl bei was ich beim lesen hatte.
Auf jeden Fall Pflicht Lektüre, vor allem für Leute die (wie ich) doch ganz gerne in einer Großstadt leben…
April 8, 2026
Ich schwanke zwischen Begeisterung für den Gestaltungswillen des Autors, ein buntes Figurenmosaik unterschiedlicher außergewöhnlicher Charaktere zu entwickeln, und Skepsis, ob es Lukas Rietzschel gelungen ist, daraus ein großes Ganzes zu formen. Falls dies überhaupt seine Absicht gewesen sein sollte.
Als den großen DDR-Roman würde ich Sanditz nicht bezeichnen, auch wenn Sätze wie "Hass und Missgunst und Ausgrenzung. Das ist doch das eigentliche Virus!" und "Als ihr Vater in die AfD eintrat (...) war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hätte" bei mir nachhallen.
Als den großen DDR-Roman würde ich Sanditz nicht bezeichnen, auch wenn Sätze wie "Hass und Missgunst und Ausgrenzung. Das ist doch das eigentliche Virus!" und "Als ihr Vater in die AfD eintrat (...) war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hätte" bei mir nachhallen.
April 12, 2026
Das Buch wird den Lobeshymnen aus meiner Sicht leider nicht gerecht. Zu keinem Zeitpunkt entfaltet es einen wirklichen Bann, vielmehr quält man sich durch die zahlreichen eher episodenhaften Kapitel. Die Charaktere werden zwar ausführlich aber doch oberflächlich beschrieben und entfalten nicht die Tiefe, die der Roman beabsichtigen will.
August 29, 2026
Für mich ein rundum gelungenes Buch. Besonders die vielen unterschiedlichen Perspektiven bereichern die Geschichte ungemein. Jede einzelne fand ich auf ihre Weise spannend – sowohl aus zeithistorischer als auch aus emotionaler Sicht.
Dadurch entsteht ein sehr abwechslungsreiches Bild davon, wie sich das Leben in einer ostdeutschen Kleinstadt seit dem Ende der DDR verändert hat. Besonders interessant fand ich, dass nicht nur die großen historischen Ereignisse im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem, wie diese Veränderungen das Leben der ganz unterschiedlichen Menschen beeinflussen.
Auch die Charaktere sind sehr abwechslungsreich und jede Perspektive bringt wieder eine andere Sichtweise auf die Stadt und ihre Bewohner mit. Dadurch bekommt man einen sehr vielschichtigen Eindruck vom Leben der Menschen und davon, wie unterschiedlich sie mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen umgehen.
Die Sprache ist zudem sehr flüssig, sodass sich das Buch trotz der vielen Perspektiven angenehm lesen lässt.
Insgesamt ein vielschichtiger, emotionaler und zeithistorisch spannender Roman, der für mich völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht.
Dadurch entsteht ein sehr abwechslungsreiches Bild davon, wie sich das Leben in einer ostdeutschen Kleinstadt seit dem Ende der DDR verändert hat. Besonders interessant fand ich, dass nicht nur die großen historischen Ereignisse im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem, wie diese Veränderungen das Leben der ganz unterschiedlichen Menschen beeinflussen.
Auch die Charaktere sind sehr abwechslungsreich und jede Perspektive bringt wieder eine andere Sichtweise auf die Stadt und ihre Bewohner mit. Dadurch bekommt man einen sehr vielschichtigen Eindruck vom Leben der Menschen und davon, wie unterschiedlich sie mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen umgehen.
Die Sprache ist zudem sehr flüssig, sodass sich das Buch trotz der vielen Perspektiven angenehm lesen lässt.
Insgesamt ein vielschichtiger, emotionaler und zeithistorisch spannender Roman, der für mich völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht.
September 13, 2026
Die naive Seite in mir gibt diesem Buch 4 Sterne, die kritische gibt ihm 3. Deshalb von mir ein 3.5.
Ein Zitat das mir gefiel, S. 183:
Die Figuren blieben mir zu eindimensional und einige der angerissenen Handlungsstränge verliefen im Sand bzw. hatten für mich keine nachvollziehbare Daseinsberechtigung. Insbesondere das eher in Fantasy lehnende Anfangskapital warf für mich nach Beenden des Buches die Frage auf, weshalb es überhaupt existierte.
Ich hätte auch gerne mehr Kapitel aus Sicht der weiblichen Figuren gehabt, das aber eher als subjektiver Wunsch ;)
Fazit: Ein gut geschriebenes Buch mit angenehmem Leseerlebnis. Versucht viele verschiedene Themen unter einen Hut zu bringen. Könnte meiner Meinung nach noch von etwas mehr Feinschliff profitiert haben.
Ein Zitat das mir gefiel, S. 183:
"Er hingegen konsumierte nur. Seine Welt war klein und hörte überall die gleiche Musik. Egal, wo er hinging, irgendwo stand ein Aldi."
Die Figuren blieben mir zu eindimensional und einige der angerissenen Handlungsstränge verliefen im Sand bzw. hatten für mich keine nachvollziehbare Daseinsberechtigung. Insbesondere das eher in Fantasy lehnende Anfangskapital warf für mich nach Beenden des Buches die Frage auf, weshalb es überhaupt existierte.
Ich hätte auch gerne mehr Kapitel aus Sicht der weiblichen Figuren gehabt, das aber eher als subjektiver Wunsch ;)
Fazit: Ein gut geschriebenes Buch mit angenehmem Leseerlebnis. Versucht viele verschiedene Themen unter einen Hut zu bringen. Könnte meiner Meinung nach noch von etwas mehr Feinschliff profitiert haben.
May 26, 2026
3,5 Sterne
June 12, 2026
Ganz großes Kino!
August 16, 2026
DNF. Gar nicht mein Ding. Der Prolog war klasse, alles danach nichts. Meine Zeit ist dafür zu schade. Es warten bessere Bücher auf mich.
June 3, 2026
Tut mir leid, ich kann wenig damit anfangen. Hatte mich gefreut, da die Themen stark mit meiner Biographie zu tun haben. Dennoch hat es mich nicht gepackt. Obwohl ich viel Zeit hatte, mich in Ruhe darauf einzulassen und viel am Stück zu lesen, irritierten mich der Figurenwirrwarr und die Zeitsprünge. Für meine Begriffe hat der Autor zu viel gewollt. Ich fühlte mich bei dem Roman wenig "heimisch" und habe es weggelegt.
April 26, 2026
Vom ersten bis zum letzten Satz genial.
September 16, 2026
In dieser Geschichte steht die Familie Wenzel (Mutter Marion, Vater Roland, Grosseltern Erika ind Norbert und Kinder Maria und Tom, sowie der Bruder von Marion, Dirk) im Zentrum in der fiktiven ostdeutschen kleinstadt Sanditz. Der Roman spielt in der Corona Gegenwart (2021 und 2022), in den letzten Jahren der DDR und der Wendezeit. Wir folgen den verschiedenen Charaktere und lerne ihre Persönlichkeiten und Probleme kennen.
Hierbei spielen die Multiperspektiven auf die gleiche Zeit eine grosse Rolle. Der Leser muss die widersprüchlichen Perspektiven selbst zusammensetzen. Wir steigen in der Geschichte ein in der Gegenwart bei Maria und Tom und lernen nach und nach die Geschichten der vorherigen Generationen. Diese nichtlineare Zeitstruktur, in der sich Gegenwart und Vergangenheit sich abwechseln bewirkt das man die Charaktere neu versteht. Ein Verhalten, das zunächst befremdlich wirkt, bekommt später durch die Familiengeschichte eine andere Bedeutung.
Der Ort und gewisse Motive bleiben bestehen. Raben, aber auch Denkmäler, Landschaft, Gebäude und Spuren der Vergangenheit funktionieren als wiederkehrende Motive. Sie verbinden die einzelnen Jahrzehnte miteinander. Sanditz bleibt: Gebäude verschwinden, Menschen ziehen weg, neue Konflikte entstehen, aber ältere Schichten bleiben darunter erhalten.
Fast alle Generationen kämpfen irgendwann gegen etwas: gegen den DDR-Staat, gegen gesellschaftliche Verhältnisse, gegen die Erwartungen der Familie oder gegen eine als falsch wahrgenommene Gegenwart. Die Charaktere wollen frei sein, wollen aber gleichzeitig irgendwo dazugehören: zur Familie, zur Stadt, zu einer politischen Bewegung, zu einem Land oder zu einer Generation. Genau diese beiden Bedürfnisse geraten ständig miteinander in Konflikt. Die Nachwirkungen der DDR und der Wende: Die Vergangenheit ist nie abgeschlossen. Entscheidungen, Verletzungen und Rollen aus der DDR wirken Jahrzehnte später noch in Familien und Beziehungen weiter. Gleichzeitig zeigt Rietzschel unterschiedliche Erfahrungen der Wende: Für manche bedeutet sie Befreiung, für andere Verlust von Status, Orientierung oder Lebensentwürfen.
Mein Take zu dem Prolog (nach recherche):
Der Prolog unterscheidet sich stilistisch stark vom überwiegend realistischen Rest des Romans. Die Verwandlung der Raben in Menschen führt eine mythische Ebene ein, die später immer wieder in die reale Welt hineinragt.
Der Prolog ist ein Echo von der Krabat-Sage wo Menschen zu Raben werden. Die Krabat-Sage stammt aus der Lausitz, genauer aus der sorbischen Volksüberlieferung in der Oberlausitz (heute Sachesen). Die sorbische Krabat-Sage erzählt von einem jungen Mann, der in einer geheimnisvollen Mühle schwarze Magie lernt und sich schliesslich gegen seinen mächtigen Meister und ein System aus Abhängigkeit und Unterwerfung auflehnt. In diesem Roman werden zehn Raben am 21. Dezember 2021 ein letztes Mal in Menschen. Sie kommen nach Sanditz und stürzen das dortige Bismarckdenkmal. Der Roman startet mit einem mythischem Eingriff in die Gegenwart und der Vergangenheit. Mir war nicht ganz klar warum wir diesen Prolog bekommen. Sie könnten für Tote stehen, die aus der Vergangenheit kommen um die Lebenden aus ihrer gesellschaftlichen Lethargie reissen wollen? In dem sie Bismarck stürzen, stürzen sie die Ideen von deutscher Geschichtserzählung: Nationalstaat, Macht, militärische Stärke und die Vorstellung eines heroischen „alten Deutschland“. Es stellt sich die Frage ob Menschen sich ändern oder ob sich immer die gleichen Formen von Macht, Widerstand und Gewalt wiederholen.
Der Prolog und das Ende mit Tom im Krieg umklammert die restliche Geschichte. Sturz vom Denkmal und altem Deutschland, verschiedene Generationen und Macht/Widerstand/Gewalt, Krieg und ein tatsächlicher Kampf? Somit fragen sich die Raben das gleiche wie die Menschen und sind gleich frustiert von den Widerholungen.
Zitate:
“Von Osten her nimmt die Dunkelheit den Berg in Besitz. Da ist ein Warten im Wald. Still ist es. Stiller als sonst an solchen Abenden. Die meisten der hier lebenden Tiere halten gerade Winterschlaf, klar, aber irgendwo raschelt es doch im gefrorenen Laub. Irgendwo knackt ein Ast, oder es bricht einer ab unter der Last des dicken Uhus, der im benachbarten Steinbruch nistet und hier für gewöhnlich seine Runden dreht. Selbst der Wind hält sich zurück. Sonst hat er seine Freude daran, den Schnee, an den schon niemand mehr glaubte, auch er selbst nicht, aufzuwirbeln und von der einen in die andere Ecke zu fegen. Stunden lang kann er das und immer wieder aufs Neue. Sogar nach Tau-zeiten im Frühjahr, während die Welt auf den Frühling wartet.
Krokusspitzen im Schnee verstecken, diese Freude nimmt ihm niemand.”
“Sonst ist es dunkel. Das Haus, die Strasse, die Nacht.”
“Keine Wolke ist am Nachthimmel zu sehen, die Sterne sind gut zu erkennen. Das orangefarbene Licht der Straßenlaternen wird vom Schnee reflektiert. Selbst auf dem Kabel, das zwischen den Masten hängt und vom Anfang des Dorfes bis zu dessen Ende führt, ist Schnee liegen geblieben, der sich aus dem Nieselregen geformt hat. So schön, so still war es lange nicht.”
“Der Herbst kündigte sich durch Nebel an. Die Sonne war hinter Dunst gefangen, sodass sie wie der Mond aussah, so klar umrissen ihre Konturen und so schwach ihr Licht.”
“»Ich glaube nicht«, sagte sie, »dass hier in den nächsten Jahren etwas Großes entstehen wird. Gehen Sie wie all die anderen auch. Es ist besser so, wirklich. Es muss ja einen Grund geben, warum keiner von denen zurückkommt. Ich sags mal so: Hier wartet niemand auf Sie, nicht einmal die Zukunft.«”
“Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt. Dachte sie an einen Baum, sah sie eine Kiefer vor sich, schlank und hochgewachsen, kupferbraun der Stamm, weit oben die Äste. Ihr Fluss war die Elbe, ihr Bach die Elster, ihr Horizont von Hügeln umstellt, von Raps bewach-sen. Riesige Felder, künstliche Seen, tiefdunkle Steinbrüche, Betonplatten.”
“Es starb mit Großmutter nicht nur das zwanzigste Jahrhundert. es stirbt die ganze Gegend allmahlich aus.”
“Er kennt sie nicht. Er geht davon aus, sie nicht mehr wiederzusehen. Er könnte ihr alles erzählen: die Wahrheit oder ein Märchen über sich selbst.”
“Der Himmel ist klar, und die Sterne sind deutlich zu sehen. Orion, dieses eine Sternbild, erkennt sie wie-der. Was im letzten Licht des Tages wie ein übrig gebliebener Apfel in einem der Bäume aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Rabe. Krächzend erhebt er sich in die Luht und folgt ihr von Baum zu Baum.”
“Er hatte sich an ihre Existenz gewöhnt wie an einen ungebetenen Hausgast.”
“Zu Hause legte er die Karte wieder neben sein Bett auf den Stuhl. Er nahm sie zur Hand, bevor er das Licht ausmachte, und schob sie fast zärtlich zurück auf den Kleiderstapel aus Hose und Nikki, als wäre sie der Brief eines lieben Menschen, auf den er noch keine Antwort formulieren konnte.”
“Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da stob das Grüppchen schon auseinander. Als hätten sie es einstudiert, ging jeder ohne Absprache in eine andere Ecke des Hauses, scharte Menschen um sich und ließ diese sich ebentalls zerstreuen, atomisieren.
Marion stand wie im Auge eines Wirbelsturms und sah dabei zu, wie um sie herum alles verwirbelte. Es war, als hätte sie Holz-scheite ins Feuer gelegt und einmal kräftig hineingepustet. Alle Kraft, die sie aufbringen konnte, verwendete sie für den größten Luftstoß ihres Lebens. Die Flammen wurden größer, anstatt zu erlöschen. Sie hatte Angst, dass dieses Feuer sie alle-verbrennen würde.”
“Wer weiß, wie viele der Leute. die sich hier versammelten, eines ihrer abgetippten Bücher gelesen hatten. Vielleicht hatte das etwas ausgelöst in ihnen, vielleicht hatte ein Satz oder ein einzelnes Wort ihren Mut heraus-gebildet, vor die Tür zu gehen und jetzt auf diesem Vorplatz zu stehen.”
“Maria opfert noch eine weitere halbe Stunde Lebenszeit den Instagram-Reels, wie überhaupt den Großteil ihres Erwach-senenlebens dem Internet, dann legt sie das Handy weg.”
“Jetzt ist es anders, jetzt versteht sie. Ihre Mutter hat den Punkt, an dem sie selbst seit heute Abend ist, schon vor Jahren erreicht. Das ist keine Lethargie, das ist das Wissen darum. dass der eigene Handlungsspielraum Grenzen hat. Das ist Krafte schonend, das ist weise.”
“Tom gesteht ihm zu, dass er sich stets um ihn und Maria bemüht hat. Wie ein mäßiges Arbeitszeugnis”
“Sie stellte Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Sie hatte ein Gespür für die Unsicherheiten der Erwachsenen um sie herum, allen voran für die von Marion und ihm. Sie beobachtete sie wie in einem Theaterstück.
Stumm saugte sie auf, was passierte, sie sammelte, arrangierte, z0g Schlüsse. Ihre Fragen trafen ihn und Marion unvorbereitet und in Momenten größter Schwäche. »Warum küsst ihr euch nicht? Ich dachte, das machen Männer und Frauen so.«”
“Roland stieß sich an der Formulierung. Die Mauer war gefal-len. Passiv. Das klang, als wäre sie bröselig geworden. Ein poröses Ding, von Moosen und Flechten, der Zeit und dem Wetter zum Einsturz gebracht. Ein laues Lüftchen, das genügt hatte, sie schließlich umzustoßen. Es war von selbst passiert, so klang das.
Aber so war es ja nicht. Er hatte sein Leben für dieses »Fal-len der Mauer« riskiert.”
“Die Deutschen hingegen schienen aufzublühen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigte. Offenbar brauchte es ein ganzes Jahr im Rücken, um die Gewissheit zu haben, dass das Leben nicht besser wurde.”
“Sanditz. In seinem Kopf klang das wie Atlantis. Ein unentdeckter, unbekannterOrt. Ob hinter einer Mauer oder am Meeresgrund - unerreichbar. Bis jetzt.”
Hierbei spielen die Multiperspektiven auf die gleiche Zeit eine grosse Rolle. Der Leser muss die widersprüchlichen Perspektiven selbst zusammensetzen. Wir steigen in der Geschichte ein in der Gegenwart bei Maria und Tom und lernen nach und nach die Geschichten der vorherigen Generationen. Diese nichtlineare Zeitstruktur, in der sich Gegenwart und Vergangenheit sich abwechseln bewirkt das man die Charaktere neu versteht. Ein Verhalten, das zunächst befremdlich wirkt, bekommt später durch die Familiengeschichte eine andere Bedeutung.
Der Ort und gewisse Motive bleiben bestehen. Raben, aber auch Denkmäler, Landschaft, Gebäude und Spuren der Vergangenheit funktionieren als wiederkehrende Motive. Sie verbinden die einzelnen Jahrzehnte miteinander. Sanditz bleibt: Gebäude verschwinden, Menschen ziehen weg, neue Konflikte entstehen, aber ältere Schichten bleiben darunter erhalten.
Fast alle Generationen kämpfen irgendwann gegen etwas: gegen den DDR-Staat, gegen gesellschaftliche Verhältnisse, gegen die Erwartungen der Familie oder gegen eine als falsch wahrgenommene Gegenwart. Die Charaktere wollen frei sein, wollen aber gleichzeitig irgendwo dazugehören: zur Familie, zur Stadt, zu einer politischen Bewegung, zu einem Land oder zu einer Generation. Genau diese beiden Bedürfnisse geraten ständig miteinander in Konflikt. Die Nachwirkungen der DDR und der Wende: Die Vergangenheit ist nie abgeschlossen. Entscheidungen, Verletzungen und Rollen aus der DDR wirken Jahrzehnte später noch in Familien und Beziehungen weiter. Gleichzeitig zeigt Rietzschel unterschiedliche Erfahrungen der Wende: Für manche bedeutet sie Befreiung, für andere Verlust von Status, Orientierung oder Lebensentwürfen.
Mein Take zu dem Prolog (nach recherche):
Der Prolog unterscheidet sich stilistisch stark vom überwiegend realistischen Rest des Romans. Die Verwandlung der Raben in Menschen führt eine mythische Ebene ein, die später immer wieder in die reale Welt hineinragt.
Der Prolog ist ein Echo von der Krabat-Sage wo Menschen zu Raben werden. Die Krabat-Sage stammt aus der Lausitz, genauer aus der sorbischen Volksüberlieferung in der Oberlausitz (heute Sachesen). Die sorbische Krabat-Sage erzählt von einem jungen Mann, der in einer geheimnisvollen Mühle schwarze Magie lernt und sich schliesslich gegen seinen mächtigen Meister und ein System aus Abhängigkeit und Unterwerfung auflehnt. In diesem Roman werden zehn Raben am 21. Dezember 2021 ein letztes Mal in Menschen. Sie kommen nach Sanditz und stürzen das dortige Bismarckdenkmal. Der Roman startet mit einem mythischem Eingriff in die Gegenwart und der Vergangenheit. Mir war nicht ganz klar warum wir diesen Prolog bekommen. Sie könnten für Tote stehen, die aus der Vergangenheit kommen um die Lebenden aus ihrer gesellschaftlichen Lethargie reissen wollen? In dem sie Bismarck stürzen, stürzen sie die Ideen von deutscher Geschichtserzählung: Nationalstaat, Macht, militärische Stärke und die Vorstellung eines heroischen „alten Deutschland“. Es stellt sich die Frage ob Menschen sich ändern oder ob sich immer die gleichen Formen von Macht, Widerstand und Gewalt wiederholen.
Der Prolog und das Ende mit Tom im Krieg umklammert die restliche Geschichte. Sturz vom Denkmal und altem Deutschland, verschiedene Generationen und Macht/Widerstand/Gewalt, Krieg und ein tatsächlicher Kampf? Somit fragen sich die Raben das gleiche wie die Menschen und sind gleich frustiert von den Widerholungen.
Zitate:
“Von Osten her nimmt die Dunkelheit den Berg in Besitz. Da ist ein Warten im Wald. Still ist es. Stiller als sonst an solchen Abenden. Die meisten der hier lebenden Tiere halten gerade Winterschlaf, klar, aber irgendwo raschelt es doch im gefrorenen Laub. Irgendwo knackt ein Ast, oder es bricht einer ab unter der Last des dicken Uhus, der im benachbarten Steinbruch nistet und hier für gewöhnlich seine Runden dreht. Selbst der Wind hält sich zurück. Sonst hat er seine Freude daran, den Schnee, an den schon niemand mehr glaubte, auch er selbst nicht, aufzuwirbeln und von der einen in die andere Ecke zu fegen. Stunden lang kann er das und immer wieder aufs Neue. Sogar nach Tau-zeiten im Frühjahr, während die Welt auf den Frühling wartet.
Krokusspitzen im Schnee verstecken, diese Freude nimmt ihm niemand.”
“Sonst ist es dunkel. Das Haus, die Strasse, die Nacht.”
“Keine Wolke ist am Nachthimmel zu sehen, die Sterne sind gut zu erkennen. Das orangefarbene Licht der Straßenlaternen wird vom Schnee reflektiert. Selbst auf dem Kabel, das zwischen den Masten hängt und vom Anfang des Dorfes bis zu dessen Ende führt, ist Schnee liegen geblieben, der sich aus dem Nieselregen geformt hat. So schön, so still war es lange nicht.”
“Der Herbst kündigte sich durch Nebel an. Die Sonne war hinter Dunst gefangen, sodass sie wie der Mond aussah, so klar umrissen ihre Konturen und so schwach ihr Licht.”
“»Ich glaube nicht«, sagte sie, »dass hier in den nächsten Jahren etwas Großes entstehen wird. Gehen Sie wie all die anderen auch. Es ist besser so, wirklich. Es muss ja einen Grund geben, warum keiner von denen zurückkommt. Ich sags mal so: Hier wartet niemand auf Sie, nicht einmal die Zukunft.«”
“Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt. Dachte sie an einen Baum, sah sie eine Kiefer vor sich, schlank und hochgewachsen, kupferbraun der Stamm, weit oben die Äste. Ihr Fluss war die Elbe, ihr Bach die Elster, ihr Horizont von Hügeln umstellt, von Raps bewach-sen. Riesige Felder, künstliche Seen, tiefdunkle Steinbrüche, Betonplatten.”
“Es starb mit Großmutter nicht nur das zwanzigste Jahrhundert. es stirbt die ganze Gegend allmahlich aus.”
“Er kennt sie nicht. Er geht davon aus, sie nicht mehr wiederzusehen. Er könnte ihr alles erzählen: die Wahrheit oder ein Märchen über sich selbst.”
“Der Himmel ist klar, und die Sterne sind deutlich zu sehen. Orion, dieses eine Sternbild, erkennt sie wie-der. Was im letzten Licht des Tages wie ein übrig gebliebener Apfel in einem der Bäume aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Rabe. Krächzend erhebt er sich in die Luht und folgt ihr von Baum zu Baum.”
“Er hatte sich an ihre Existenz gewöhnt wie an einen ungebetenen Hausgast.”
“Zu Hause legte er die Karte wieder neben sein Bett auf den Stuhl. Er nahm sie zur Hand, bevor er das Licht ausmachte, und schob sie fast zärtlich zurück auf den Kleiderstapel aus Hose und Nikki, als wäre sie der Brief eines lieben Menschen, auf den er noch keine Antwort formulieren konnte.”
“Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da stob das Grüppchen schon auseinander. Als hätten sie es einstudiert, ging jeder ohne Absprache in eine andere Ecke des Hauses, scharte Menschen um sich und ließ diese sich ebentalls zerstreuen, atomisieren.
Marion stand wie im Auge eines Wirbelsturms und sah dabei zu, wie um sie herum alles verwirbelte. Es war, als hätte sie Holz-scheite ins Feuer gelegt und einmal kräftig hineingepustet. Alle Kraft, die sie aufbringen konnte, verwendete sie für den größten Luftstoß ihres Lebens. Die Flammen wurden größer, anstatt zu erlöschen. Sie hatte Angst, dass dieses Feuer sie alle-verbrennen würde.”
“Wer weiß, wie viele der Leute. die sich hier versammelten, eines ihrer abgetippten Bücher gelesen hatten. Vielleicht hatte das etwas ausgelöst in ihnen, vielleicht hatte ein Satz oder ein einzelnes Wort ihren Mut heraus-gebildet, vor die Tür zu gehen und jetzt auf diesem Vorplatz zu stehen.”
“Maria opfert noch eine weitere halbe Stunde Lebenszeit den Instagram-Reels, wie überhaupt den Großteil ihres Erwach-senenlebens dem Internet, dann legt sie das Handy weg.”
“Jetzt ist es anders, jetzt versteht sie. Ihre Mutter hat den Punkt, an dem sie selbst seit heute Abend ist, schon vor Jahren erreicht. Das ist keine Lethargie, das ist das Wissen darum. dass der eigene Handlungsspielraum Grenzen hat. Das ist Krafte schonend, das ist weise.”
“Tom gesteht ihm zu, dass er sich stets um ihn und Maria bemüht hat. Wie ein mäßiges Arbeitszeugnis”
“Sie stellte Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Sie hatte ein Gespür für die Unsicherheiten der Erwachsenen um sie herum, allen voran für die von Marion und ihm. Sie beobachtete sie wie in einem Theaterstück.
Stumm saugte sie auf, was passierte, sie sammelte, arrangierte, z0g Schlüsse. Ihre Fragen trafen ihn und Marion unvorbereitet und in Momenten größter Schwäche. »Warum küsst ihr euch nicht? Ich dachte, das machen Männer und Frauen so.«”
“Roland stieß sich an der Formulierung. Die Mauer war gefal-len. Passiv. Das klang, als wäre sie bröselig geworden. Ein poröses Ding, von Moosen und Flechten, der Zeit und dem Wetter zum Einsturz gebracht. Ein laues Lüftchen, das genügt hatte, sie schließlich umzustoßen. Es war von selbst passiert, so klang das.
Aber so war es ja nicht. Er hatte sein Leben für dieses »Fal-len der Mauer« riskiert.”
“Die Deutschen hingegen schienen aufzublühen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigte. Offenbar brauchte es ein ganzes Jahr im Rücken, um die Gewissheit zu haben, dass das Leben nicht besser wurde.”
“Sanditz. In seinem Kopf klang das wie Atlantis. Ein unentdeckter, unbekannterOrt. Ob hinter einer Mauer oder am Meeresgrund - unerreichbar. Bis jetzt.”
July 3, 2026
⭐⭐☆☆☆ (2/5)
Ich mag generationsübergreifende Familienromane; die Idee, anhand mehrerer Generationen und eines fiktiven Ortes die Geschichte der DDR, der Wende und der Nachwendezeit zu erzählen, fand ich spannend. Leider hat der Roman für mich kaum funktioniert.
Mein größtes Problem waren die Figuren. Trotz der vielen Perspektiven blieb mir niemand wirklich nahe. Die Charaktere wirkten auf mich zu wenig konturiert, sodass ich gerade am Anfang große Schwierigkeiten hatte, Namen, Beziehungen und Geschichten miteinander zu verknüpfen. Selbst am Ende hatte ich nicht das Gefühl, die Figuren wirklich zu kennen.
Dazu kam, dass für mich alle Figuren sprachlich erstaunlich ähnlich klangen – unabhängig davon, ob die Handlung in der DDR, in den 1990er Jahren oder in der Gegenwart spielt. Dadurch gingen für mich Unterschiede zwischen den Generationen verloren.
Der Roman möchte sehr viele Themen gleichzeitig behandeln: DDR-Alltag, Braunkohle und abgebaggerte Dörfer, die Wende, Identität, Rechtsextremismus, Heimat, Familiengeschichte, Flucht, Corona, den Krieg in der Ukraine und vieles mehr. Das Ergebnis war für mich paradox: gleichzeitig zu viel und zu wenig. Zu viele große Themen, die meist nur angerissen werden, und zu wenig Raum, um einzelne davon wirklich zu vertiefen.
Ich habe mich außerdem gefragt, für wen das Buch geschrieben ist. Falls es Leserinnen und Lesern aus den alten Bundesländern das Leben in der DDR oder die ostdeutsche Erfahrung näherbringen soll, bezweifle ich, dass das gelingt. Dafür bleiben viele Aspekte zu vage und setzen aus meiner Sicht eher Vorwissen voraus, als dass sie Zusammenhänge verständlich machen.
Besonders gestört hat mich Marias Studienzeit in Kassel. Sie wird dort immer wieder mit plakativen "Ossi"-Kommentaren konfrontiert. Ich bin selbst in Thüringen aufgewachsen, im Dreiländereck zu Hessen und Niedersachsen, und ungefähr im Alter der Figur. Deshalb wirkte dieser Teil auf mich wenig glaubwürdig. Gerade Kassel erschien mir dafür als Schauplatz nicht überzeugend.
Am meisten berührt haben mich tatsächlich die Kapitel in der Ukraine. Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass der Roman innehält und seinen Figuren wirklich Raum gibt.
Dazu kommt: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, was meinen Eindruck nicht verbessert hat. Mit dem Sprecher bin ich überhaupt nicht warm geworden, was den Zugang zu den ohnehin recht blassen Figuren zusätzlich erschwert hat.
Insgesamt blieb für mich ein Roman mit einer starken Grundidee und wichtigen Themen, der sich jedoch zu viel vorgenommen hat und dadurch weder seinen Figuren noch seinen Motiven die Tiefe gibt, die ich mir gewünscht hätte.
Ich mag generationsübergreifende Familienromane; die Idee, anhand mehrerer Generationen und eines fiktiven Ortes die Geschichte der DDR, der Wende und der Nachwendezeit zu erzählen, fand ich spannend. Leider hat der Roman für mich kaum funktioniert.
Mein größtes Problem waren die Figuren. Trotz der vielen Perspektiven blieb mir niemand wirklich nahe. Die Charaktere wirkten auf mich zu wenig konturiert, sodass ich gerade am Anfang große Schwierigkeiten hatte, Namen, Beziehungen und Geschichten miteinander zu verknüpfen. Selbst am Ende hatte ich nicht das Gefühl, die Figuren wirklich zu kennen.
Dazu kam, dass für mich alle Figuren sprachlich erstaunlich ähnlich klangen – unabhängig davon, ob die Handlung in der DDR, in den 1990er Jahren oder in der Gegenwart spielt. Dadurch gingen für mich Unterschiede zwischen den Generationen verloren.
Der Roman möchte sehr viele Themen gleichzeitig behandeln: DDR-Alltag, Braunkohle und abgebaggerte Dörfer, die Wende, Identität, Rechtsextremismus, Heimat, Familiengeschichte, Flucht, Corona, den Krieg in der Ukraine und vieles mehr. Das Ergebnis war für mich paradox: gleichzeitig zu viel und zu wenig. Zu viele große Themen, die meist nur angerissen werden, und zu wenig Raum, um einzelne davon wirklich zu vertiefen.
Ich habe mich außerdem gefragt, für wen das Buch geschrieben ist. Falls es Leserinnen und Lesern aus den alten Bundesländern das Leben in der DDR oder die ostdeutsche Erfahrung näherbringen soll, bezweifle ich, dass das gelingt. Dafür bleiben viele Aspekte zu vage und setzen aus meiner Sicht eher Vorwissen voraus, als dass sie Zusammenhänge verständlich machen.
Besonders gestört hat mich Marias Studienzeit in Kassel. Sie wird dort immer wieder mit plakativen "Ossi"-Kommentaren konfrontiert. Ich bin selbst in Thüringen aufgewachsen, im Dreiländereck zu Hessen und Niedersachsen, und ungefähr im Alter der Figur. Deshalb wirkte dieser Teil auf mich wenig glaubwürdig. Gerade Kassel erschien mir dafür als Schauplatz nicht überzeugend.
Am meisten berührt haben mich tatsächlich die Kapitel in der Ukraine. Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass der Roman innehält und seinen Figuren wirklich Raum gibt.
Dazu kommt: Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, was meinen Eindruck nicht verbessert hat. Mit dem Sprecher bin ich überhaupt nicht warm geworden, was den Zugang zu den ohnehin recht blassen Figuren zusätzlich erschwert hat.
Insgesamt blieb für mich ein Roman mit einer starken Grundidee und wichtigen Themen, der sich jedoch zu viel vorgenommen hat und dadurch weder seinen Figuren noch seinen Motiven die Tiefe gibt, die ich mir gewünscht hätte.
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