Alles hinter sich lassen. Mit dem Auto Richtung Süden. Caroline Wahls neuer Roman erzählt von einem Drang nach Freiheit, der keine Grenzen kennt.
Der Selbstfindungstrip nach Bali? Samara hat niemanden gefunden. Die hippe Agentur in Berlin-Mitte? So öde wie irgendein anderer Job.
Samara weiß, was sie alles nicht mehr will. Aber was sie will, das weiß Samara nicht, und sie weiß noch nicht einmal, ob das schlecht ist. Jetzt hat sie knallorange gefärbte Haare, einen schönen alten Wagen und an jedem Ort, an dem sie ankommt, einen neuen Namen. Und aufwärts soll es gehen, also richtig nach oben, nach St. Moritz in den Schweizer Hochalpen. Da kommt ein schöner Mann her, den Samara mal kennengelernt hat. Überhaupt gibt es viele schöne und reiche Menschen in St. Moritz, sehr reiche Menschen – mittendrin Samara, die jetzt nicht mehr Samara heißt. Und keine Hochstaplerin ist, sondern erfolgreiche Künstlerin.
Aber je besser es läuft für die Frau mit den vielen Identitäten, desto deutlicher merkt Samara, dass ihr noch mehr fehlt als schrankenlose Freiheit …
Caroline Wahl (born 1995 in Mainz) is a German author. Her debut novel, 22 Bahnen, was published in April 2023 by DuMont Buchverlag. After her school days, she studied German studies and German literature in Tübingen and Berlin. After that and among other things, she worked as a publishing assistant of the Diogenes Verlag in Zürich. Her love of the sea led her to Northern Germany in 2022 where she worked for a communications agency in Rostock. Since the success of her debut novel, she lives as an independent author in the Hansestadt.
Je näher der Tag der Veröffentlichung rückte, desto mehr habe ich mich darauf gefreut, fast wie Weihnachten Ende August. Ich habe der Buchhändlerin das druckfrische lila-gelbe Buch förmlich aus der Hand gerissen, fand den Einband schrecklich, habe es im Auto neben mich gelegt und noch bevor ich zuhause angekommen war, ist mir der schreckliche Einband ans Herz gewachsen. Schließlich ist er themengetreu angelehnt an ein Plakat für die St Moritzer Automobilwoche 1930 und sieht ansonsten so aus, als hätte Regina Kehn ihn gemalt, und sie hat meine halbe literarische Kindheit illustriert, also natürlich wächst mir der schreckliche Einband ans Herz.
Es wurde sich ins Buch gestürzt, herausgefunden, das Samara Samara ist, Idas Freundin – wie konnte mir das vorher nicht auffallen? – und dann kam ganz viel, was ich in Büchern überhaupt nicht mag, aber bei Caro Wahl natürlich trotzdem nicht schlimm finde, weil, ja, warum eigentlich? Irgendwie kriegt sie mich einfach trotzdem. Markennennung, Fernsehsendungsnennung, Liedertitelnennung, Erwähnung echter Personen des öffentlichen Lebens (ab jetzt wohl zwengs Trennung leider keine inspirierenden Videos von Maschmeyer und Ferres in ihrem Garten mehr, schade), Erwähnung von Instagram und Beschreibung echter Influencer*innen, Nacherzählungen der Plots schlechter Bücher, etc etc. Als Zielgruppe von Caro Wahls Büchern kann ich die beschrieben Lauffluencerinnen sofort namentlich benennen und jede Referenz exakt einordnen, all das macht das Buch brandaktuell und holt mich ab. Aber die Brandaktualität ist so atomschmelzeheiß aktuell, dass ich befürchte, das Buch wird schon in ein paar wenigen Jahren in vielen Details sehr veraltet und überholt sein, in all diesen Details kaum mehr jemanden abholen und nicht mehr so funktionieren, wie es jetzt funktioniert. Nicht jedes Buch muss zeitlos daherkommen und für die Ewigkeit geschrieben sein, aber beim Lesen drängt sich trotzdem der Gedanke auf, dass das Ganze dadurch an akuter Kurzlebigkeit zu leiden droht.
Über ein paar Logikfehler stolpert man als mitdenkende*r Leser*in im Übrigen auch, wie beispielsweise über frisurtechnische Ungereimtheiten, das stundenlang ungekühlt herumgetragene Steak (Luca hat Samara also wahrscheinlich sogar einen Dienst erwiesen) oder die magischerweise verschickten Nachrichten bei Ankunft in St. Moritz trotz ausgeschalteter mobiler Daten. Überhaupt, dass Samara mit dem am Vortag geprellten Fuß, der laut Arzt des Vertrauens ein paar Tage zur Auskurierung braucht, aus dem Allgäu in die Schweiz fahren konnte, ist erstaunlich. Vielleicht war es ja der linke Fuß? Der Kellner in St. Moritz, der mit den Berghöhen, die uneinheitlich einmal als Zahl und dann ausgeschrieben abgedruckt sind, soll ihr eine Karte bringen, obwohl sie auf der Seite davor schon eine Karte samt berghoher Preise an Tisch inspiziert hat. In St. Moritz mag sie keinen Weißwein, trank im Allgäu aber Weißweinschorle. Das wirft die unangenehme Frage auf, ob das Lektorat auch zwei Wochen krank geschrieben war und Abstand gebraucht hat, man akzeptiere es bitte? Kein Logikfehler, aber lustig, weil nicht eindeutig ob gewollt oder Zufall: das schreckliche Lila des Einbands ist exakt das Lila von Qatar Airways, das Samara schrecklich findet.
Apropos Samara, die als Figur seltsam blass geblieben ist, trotz neuer knalliger Frisur, Schnitt unklar. Sie wirkte eher wie eine rasch gespannte Leinwand für Caro Wahls eigene Beobachtungen und Gedanken. Auffallend viel von dem, was die öffentliche Persona Caro Wahl ausmacht, das schnelle, schlechte Autofahren, die Liebe zu fragwürdigen Getränken, das Rauchen, findet sich in Samara wieder, und so fühlt es sich häufig an, als wäre man mit Caro Wahl und nicht mit Samara unterwegs. Zumindest mit der Idee von Caro Wahl, die man hat und haben kann, wenn man irgendwann mal ein Interview mit ihr gelesen oder gehört hat und ein oder zwei Mal einen Blick auf ihren Instagram Account geworfen hat. Vielleicht ist das gewollt, um der Leser*innenschaft zu zeigen, wie schnell man sich im Generellen oder im Speziellen dazu verleiten lässt, Werk und Autor*in nicht mehr angemessen zu trennen, und in diesem Fall macht Caro Wahl das brilliant. Aber vielleicht ist das auch nicht gewollt, und Samara ist einfach eine zu uneigenständige, zu wenig ausgearbeitete Figur, die hinter der bunt leuchtenden Person der Autorin verblasst und als Projektionsfläche und Sprachrohr herhält. Die Stimmen von Samara und Caro Wahl verschwimmen beim Lesen und sind schwer, eigentlich kaum, voneinander zu trennen.
Ansonsten wimmelt es von gut aussehenden, wunderschönen und halbgottartigen Männern, was schön ist. Auch schön ist, dass Samara in St Moritz endlich verstanden wird, und anders als auf Bali überall eisgekühlten Kakao serviert bekommt. Müllermilch und eisgekühlter Kakao als Zeichen dafür, dass man an einen Ort gehört, auch wenn man permanent über die eigene Identität lügt, dass sich die Balken biegen - prima!
So wie Samara über die Autobahn und die Lebensgeschichten braust, bin ich durch die Geschichte gebraust. Und es gab natürlich auch Dinge, die ganz grandios waren, wie vor allem die charmanten, unrealistischen Dialoge.
Aber so angenehm und erfreulich durch Seiten fliegen ist, und so gut unterhalten ich war, ein bisschen an richtigem Plot, an Grund für die ganze Geschichte, hat es mir doch gemangelt. Denn das Buch übt Gesellschaftskritik an den Reichen in St. Moritz, an der Influencer- und Influencer-Vermarktungs- und Influencer-Followerschafts-Gesellschaft, und es übt sie gut. Die Gespräche mit L'Orèal oder dem Dadfluencer sind zum Buch oder doch lieber Handy aus dem Fenster werfen. Aber sich an der woken oder wahlweise (pun intended) nicht-woken superreichen Gesellschaft abzuarbeiten ist zu aktuell, zu modern, viel zu einfach, um wirklich relevant zu sein, um zu überzeugen. Und was das Buch nicht beinhaltet, was ich dringend wollte, dass es beinhaltet, ist ein etwas tiefgründigerer, herzzerreißender Schmerz wie in 22 Bahnen oder Windstärke 17. Gesellschaftskritik schön und gut, weil gut gemacht, aber ich lese Caro Wahl Bücher nicht hauptsächlich deshalb, sondern weil sie Schmerz und Trauer und Wut so klar und ehrlich beschreiben kann, und trotz all dieser Schrecken die Welt mit Schwesternschaft und Viktors und Mariannes so warm ausleuchtet, dass sie trotzdem schön ist, die Welt. 1999 Meter hatte aber keinen tiefgründigeren, herzzerreißenden Schmerz. Ein bisschen dunkle Wolken, ein bisschen Erwähnung des Wortes Einsamkeit hier und da, das wars. Selbst die Liebesgeschichte ist dieses Mal nur wie Brandenburg: auch nett.
Mein Herz sitzt hier gut unterhalten, aber unzerrissen. Vielleicht muss ich Erwartungsmanagement betreiben, mir beim nächsten Buch nicht so viel erhoffen, oder eben nur Gesellschaftskritisches. Aber ich hoffe, dass jemand, der so wunderbar Herzzerreißendes und trotzdem Welt warm Ausleuchtendes schreiben kann, das auch wieder tun wird. Selbst wenn es länger als ein Jahr zum Schreiben benötigt und von vornherein absolut buchpreisunwürdig erscheint.
Meine Erwartungen an 1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl waren zugegebenermaßen nicht besonders hoch. 22 Bahnen und Windstärke 17 fand ich damals durchaus gut, auch wenn ich beide Bücher rückblickend inzwischen deutlich kritischer sehe. Die Assistentin fand ich dagegen richtig furchtbar. Entsprechend hatte ich schon vor diesem Buch die starke Vermutung, dass Caroline Wahl und ich uns literarisch zunehmend voneinander entfernen. Leider habe ich damit recht behalten.
Im Mittelpunkt steht Samara. Ihr Leben führt sie zunächst nach Bali, anschließend in einen Job bei einer hippen Berliner Agentur und schließlich mit ihrem alten Mercedes weiter Richtung St. Moritz. Samara weiß ziemlich genau, was sie alles nicht möchte, aber überhaupt nicht, was stattdessen kommen soll. Unterwegs beginnt sie, anderen Menschen unterschiedliche Versionen ihrer selbst zu präsentieren, erfindet Geschichten und Identitäten und findet sich schließlich in einer Welt wieder, in der Status, Geld, Kunst und Inszenierung erstaunlich nah beieinanderliegen. Diese Ausgangsidee finde ich sogar ziemlich gut.
Und auch Samara als unangenehme Protagonistin wäre für mich überhaupt kein Problem gewesen, im Gegenteil. Ich weiß es sehr zu schätzen, wenn Autor*innen den Mut haben, Figuren zu schreiben, die egoistisch, überheblich, manipulativ, unsympathisch oder sogar abstoßend sind. Literatur muss mir keine Menschen präsentieren, mit denen ich gerne befreundet wäre. Lolita gehört nicht umsonst zu meinen persönlichen Top 100 Büchern: Eine moralisch abstoßende Perspektive kann literarisch unglaublich interessant sein, gerade weil sie etwas in mir auslöst, mich zwingt, meine eigene Reaktion zu hinterfragen und eine deutliche Spannung zwischen Figur, Erzählung und Leser*in erzeugt. Mein Problem ist also nicht, dass Samara unangenehm ist.
Mein Problem ist, was das Buch meiner Wahrnehmung nach daraus macht. Samara urteilt permanent über andere Menschen. Sie ist selbstbezogen, teilweise erstaunlich herablassend, schnell genervt und interessiert sich häufig vor allem dafür, was Situationen mit ihr selbst machen. Schon auf Bali hasst sie gefühlt alles: die Unterkunft, das Essen, die anderen Reisenden, den Ort und die gesamte Vorstellung der vermeintlichen Selbstfindungsreise. Auch später setzt sich dieses Muster fort. Sie beobachtet andere sehr genau, bewertet sie und beginnt gleichzeitig immer stärker, sich selbst neu zu erfinden. Das könnte eine großartige Grundlage für eine böse Satire oder eine wirklich unangenehme Charakterstudie sein. Nur hatte ich beim Lesen irgendwann nicht mehr das Gefühl, dass der Roman Samaras Verhalten ernsthaft seziert. Stattdessen entstand bei mir eher der Eindruck, dass ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Lügen und ihr permanentes Urteilen letztlich Ausdruck einer beneidenswerten Radikalität sein sollen: Sie weigert sich, sich anzupassen, schmeißt ihr bisheriges Leben hin, fährt einfach los, erfindet sich neu und nimmt sich die Freiheit, die sie haben möchte.
Und genau mit dieser Aussage konnte ich überhaupt nichts anfangen. Natürlich kann man Samara anders lesen. Meine Wahrnehmung ist keine objektive Deutung des Romans. Aber bei mir entstand immer wieder der Eindruck, dass Eigenschaften, die ich an ihr ausgesprochen unangenehm fand, vom Buch nicht ausreichend hinterfragt, sondern teilweise geradezu romantisiert werden. Das macht einen entscheidenden Unterschied.
Wenn ich mehrere hundert Seiten mit einer Figur verbringe, die sich anderen Menschen gegenüber beschissen verhält, brauche ich keine Moralkeule und auch keine Strafe für diese Figur. Aber ich möchte das Gefühl haben, dass der Text weiß, was er da zeigt. Dass hinter der Hässlichkeit eine Aussage steckt. Dass meine Irritation irgendwohin führt. Bei 1999 Meter über dem Meer fehlte mir genau das. Und dadurch fand ich Samara irgendwann nicht mehr faszinierend unangenehm, sondern einfach nur anstrengend.
Hinzu kommt ein Punkt, bei dem ich lange überlegt habe, wie ich ihn formulieren möchte: Samaras angedeutete Migrationsgeschichte. Grundsätzlich bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass Autor*innen ausschließlich Figuren schreiben dürfen, deren Identitäten und Erfahrungen exakt ihren eigenen entsprechen. Das wäre für Literatur ziemlich fatal. Natürlich darf Caroline Wahl eine Protagonistin mit Migrationsgeschichte schreiben. Aber wenn eine Autorin bewusst eine Perspektive außerhalb der eigenen Erfahrung wählt, interessiert mich umso mehr, warum.
Bei Samara bleibt ihre Herkunft auffällig vage. Ihr Vater, den sie „Baba“ nennt, besitzt eine Kfz-Werkstatt und im Berliner Agenturumfeld gibt es unter anderem Situationen, in denen rassistische beziehungsweise unbeholfene Zuschreibungen eine Rolle spielen. Und genau das fand ich merkwürdig. Nicht, weil eine Figur mit Migrationsgeschichte permanent über Rassismus sprechen müsste. Natürlich nicht. Menschen sind nicht ausschließlich ihre Marginalisierung und ein Roman muss daraus auch keinen Problemplot machen. Aber hier fragte ich mich irgendwann schlicht: Warum hat Caroline Wahl diese Entscheidung überhaupt getroffen? Wenn Samaras Migrationsgeschichte für ihre Identität bewusst keine zentrale Rolle spielen soll, ist das grundsätzlich legitim. Gleichzeitig werden aber sehr wohl rassistische beziehungsweise merkwürdig „woke“ Kommentare anderer Figuren eingebaut. Dadurch wird ihre Herkunft punktuell markiert, ohne dass ich den Eindruck hatte, dass der Roman daraus wirklich etwas entwickelt. Bei mir hinterließ das eher das Gefühl eines zusätzlichen Charaktermerkmals, das Samara etwas spezifischer oder zeitgemäßer machen soll. Und das fand ich gerade deshalb unangenehm, weil Wahl selbst vor Erscheinen des Romans offenbar bereits damit rechnete, dafür kritisiert zu werden, als Autorin ohne eigene Migrationsgeschichte diese Perspektive zu wählen. Wenn man eine solche Entscheidung so bewusst trifft, hätte ich mir umso mehr gewünscht, dass sie für die Figur auch wirklich etwas bedeutet.
Aber auch abseits davon hat mich der Roman schlicht nicht überzeugt. Caroline Wahls inzwischen sehr erkennbarer Stil ist wieder da: kurze Beobachtungen, gegenwärtige Umgangssprache, Marken, Popkultur, Social-Media-Welt, Essen und Getränke, attraktive Menschen und eine Erzählstimme, die sehr nah an ihrer Protagonistin bleibt. Samara arbeitet zunächst in einer Influencer-Agentur, fährt in ihrem Mercedes durch Deutschland und landet schließlich in der extrem wohlhabenden Welt von St. Moritz, wo sie sich als Künstlerin inszeniert. Ich kann sehen, warum das für andere funktioniert.
Wahl hat definitiv ein Gespür dafür, bestimmte Milieus und eine bestimmte Form gegenwärtiger Sprache abzubilden. An einigen Stellen funktioniert die Satire auf Influencer-, Agentur- und Luxuswelten durchaus. Nur war mir das inzwischen zu wenig. Zu oft hatte ich das Gefühl, dass Dinge bereits dadurch als gesellschaftliche Beobachtung gelten, dass sie sehr konkret genannt werden. Eine bestimmte Marke. Ein bestimmter Berliner Ort. Ein bestimmtes Getränk. Eine bestimmte Art von Menschen. Luxus, Kunstbetrieb, Instagram-Ästhetik, Reichtum. Ich sehe das alles. Aber ich möchte irgendwann auch wissen: Und jetzt?
Gerade die Welt der Superreichen in St. Moritz hätte enormes satirisches Potenzial. Eine Hochstaplerin, die in ein Milieu eindringt, dessen gesamte Existenz ohnehin auf Status, Geld und Inszenierung basiert, ist eigentlich eine großartige Idee. Wo beginnt dort überhaupt die Hochstapelei? Ist Samara wirklich unehrlicher als Menschen, deren ganzes Leben aus Selbstvermarktung besteht? Was bedeutet Authentizität in einer Welt, in der jeder eine Version seiner selbst verkauft? Davon hätte ich gerne viel mehr bekommen. Stattdessen blieb mir vieles zu sehr an Samaras persönlichem Selbstfindungstrip hängen.
Auch die romantische Ebene hat meine Begeisterung nicht gerade gesteigert. Fritzi, der Samara schließlich den Weg nach St. Moritz eröffnet, wird vor allem als ausgesprochen schön und begehrenswert etabliert. Für mich fügte sich das leider ziemlich nahtlos in ein Buch ein, das immer wieder so tut, als würde es Oberflächen kritisch betrachten, während es selbst erstaunlich fasziniert von ihnen wirkt.
Das ist vielleicht der größte Widerspruch, den ich beim Lesen empfunden habe: 1999 Meter über dem Meer möchte für mich wie eine Geschichte über Oberflächlichkeit, Selbstinszenierung, soziale Rollen und die Suche nach etwas Echtem wirken. Gleichzeitig fand ich das Buch selbst unglaublich oberflächlich.
Es gibt Dunkelheit in Samara. Einsamkeit. Orientierungslosigkeit. Angst. Die Frage danach, wer sie eigentlich sein möchte. Aber selbst diese Aspekte haben mich emotional kaum erreicht. Statt einer wirklich widersprüchlichen, psychologisch faszinierenden Frau sah ich irgendwann hauptsächlich eine Protagonistin, die Menschen scheiße findet, Dinge scheiße findet, sich selbst gelegentlich scheiße findet und dann einfach weiterfährt. Das war mir zu wenig.
Vielleicht hätte ich das alles noch interessanter gefunden, wenn die Geschichte radikaler gewesen wäre. Lasst Samara wirklich furchtbar sein. Lasst sie manipulieren, lügen, Menschen ausnutzen und sich moralisch immer weiter von uns entfernen. Aber dann macht etwas daraus. Gebt mir eine Geschichte, die mich darüber nachdenken lässt, warum ich dieser Frau trotzdem folgen möchte. Eine Satire, die richtig wehtut. Eine Charakterstudie, bei der ich mich ertappt fühle. Irgendeine Aussage über Klasse, Privilegien, Sehnsucht, Identität oder Selbstinszenierung, die über „Man muss sein Leben eben selbst in die Hand nehmen“ hinausgeht.
Denn gerade diese Idee stößt mir bei Samaras Geschichte unangenehm auf. Freiheit ist eben nicht nur die Freiheit, jederzeit weiterzufahren und sich neu zu erfinden. Freiheit hat auch damit zu tun, wie das eigene Verhalten andere Menschen betrifft. Und dass ich nach diesem Roman eher das Gefühl hatte, Samaras Egoismus werde als Konsequenz oder Selbstbestimmung verkauft, hat mich wesentlich stärker gestört als Samaras Egoismus selbst.
Es gab durchaus Stellen, die ich lesen konnte, ohne mich permanent zu ärgern. Ich erkenne an, dass Wahl eine sehr spezifische Erzählstimme besitzt und zeitgenössische Milieus schnell erfassen kann. Die Grundidee der Hochstaplerin in St. Moritz hätte ich in einem anderen Roman wahrscheinlich sogar großartig gefunden. Aber die Summe hat für mich überhaupt nicht funktioniert.
Und nach Die Assistentin und jetzt 1999 Meter über dem Meer glaube ich auch nicht mehr, dass ich einfach noch auf das nächste Caroline-Wahl-Buch warten muss, das mich wieder überzeugt. Definitiv mein letztes Buch der Autorin.
Was für eine sonderbare Mischung aus Gedanken, die exakt so aus meinem eigenen Kopf stammen könnten, und Situationen, die mir (oder sonst irgendjemanden) absolut niemals je passieren würden. Für mich sehr unterhaltsam. Allerdings hat das Buch auch fast meine typischen Laktosebauchschmerzen ausgelöst mit den ganzen Milchgetränken, die hier permanent getrunken werden.
Das Buch liest sich, wie genervt und in aller Eile auf die Tastatur gerotzt.
Das erste Viertel besteht aus privilegiertem, undankbaren Gemecker der Protagonistin und danach wird’s leider nicht besser. Eine in Selbstmitleid badende, Müller Milch saufende, impulsive Lügnerin schlängelt sich durch eine triviale & vorhersehbare Story. Ihr fliegt alles zu, während sie sich lachend und Augen verdrehend über alle Anderen erhebt. Unerträglich selbstgefällig.
Es wirkt fast so, als ob Caroline Wahl den Kritiker:innen von “Die Assistentin” beweisen will, dass sie wie die Protagonistin Samara einfach die Geilste ist und abliefern kann, worauf sie Bock hat. Hatte das Gefühl als ob das Buch aus Trotz extra schlecht geschrieben wurde.
Lecker. Sehr süß. Zumal zu süß. Man trinkt sie erstaunlich schnell leer und währenddessen denkt man sich: Ja, doch, schmeckt schon. Und kaum ist die Flasche leer, fragt man sich, ob das Ganze jetzt eigentlich worth it war.
So ging es mir auch mit „1999 Meter über dem Meer“. Eine angenehm zu lesende, durchaus lustige Geschichte, die an keiner Stelle wirklich wehtut, dafür aber ziemlich zuverlässig auf die Gefühlstube drückt. Alles ist ein bisschen schön, ein bisschen traurig, ein bisschen bedeutungsvoll. Und manchmal eben ein bisschen zu viel davon.
Ich habe es gerne gelesen. Aber ich glaube, ich hätte auch gut ohne eine Portion Gefühlsmilch leben können.
1 ⭐️ // 1999 Meter über dem Meer und ich haben genau einen nachmittag miteinander verbracht, denn länger halte ich es in der regel mit einem caroline wahl roman nicht aus. zum glück hatte meine bücherei das buch ausliegen & ich habe kein geld darauf verschwendet. diesem buch fehlen richtung und sinn.
von 22 bahnen (0 sterne) über die assistentin (0.5 sterne) zu diesem neuen "werk" hat sich meine bewertung von wahls werken wenigstens ein wenig verbessert - freundinnen werden wir wohl trotzdem nicht mehr werden (& das ist auch okay).
wahl versucht in diesem buch den werdegang ihrer jungen protagonistin, die von angst und einsamkeit geplagt zu sein scheint, vom selbstfindungstrip nach bali über den berufsein- und ausstieg in berlin bis zur hochstapelei in st. moritz zu skizzieren. die idee mag gelungen sein, darüber hinaus bleibt die autorin sich treu und enttäuscht auf allen linien die erwartungen.
zur erzählweise: wie auch in vorherigen werken hätte man den roman (367 seiten) um mindestens zwei drittel - wenn nicht mehr - kürzen können (oder das projekt direkt einstampfen). gleichzeitig fehlte der geschichte kontext, der nicht so wirkte, als wäre er bewusst - wie zum beispiel bei einer guten kurzgeschichte, in die man plötzlich eintaucht - ausgelassen worden. dies zeugt mmn davon, das weder der geschichte noch den figuren genug zeit zur entwicklung gegeben wurde, was letztendlich zu lasten der erzählweise fällt.
zumindest hat die autorin die in Die Assistentin dauerhaft nervenden wiederholungen und vorgriffe in der erzählweise abgelegt, kurzweiliger wurde die story dadurch aber nicht. die unterteilung der erzählung in die verschiedenen handlungsorte (indonesien, deutschland, schweiz) und die vergehenden tage ist naheliegend, wirkte deshalb aber auch als aus einfachheit herangezogene lösung.
zum inhalt: jede einzelne von wahls protagonistinnen hat mich bisher richtig krass genervt. & don't get me wrong: ich liebe eine unlikeable erzählerin (emma, my year of rest and relaxation, wuthering heights etc etc) und ich liebe weibliche protagonistinnen. man sagt ja, dass auch der hass auf einen charakter vom schreibtalent der autorin zeugt, weil auch hass eine emotion ist, die somit durch die erzählung hervorgerufen wird. ja - ABER: wahls figuren sind flach, faul geschrieben, mit wenigen attributen zu beschreiben, langweilig und unreflektiert auf die art, die auf die fehlende reflexionsgabe der autorin hinweist.
die erzählerin samara ist von dunkelheit, angst und einsamkeit geplagt. dieser widerspruch wird vor allem damit dargestellt, dass sie für ihr leben gerne MÜLLERMILCH trinkt, obwohl die marke müller in linken bubbles gecancelt ist.. schatz, bitte. wenn ich das wort MÜLLERMILCH noch EIN MAL lesen muss, raste ich leider aus. BITTE omg
so wie wahl armut darauf reduzierte, dass eigenmarken auf das kassenband im supermarkt gelegt werden, definiert sich in ihrer welt auch reichtum lediglich über marken und statussymbole. dies aber wohl nicht aus einem winkel der kapitalismuskritik, sondern aus der für die autorin typischen einfältigkeit und eindimensionalität heraus. die reduktion der reichen st. moritz charaktere auf ihre restaurants und outfits ist natürlich weithin nicht so problematisch wie wahls darstellungen von armut in 22 Bahnen, fiel mir trotzdem negativ auf.
letztendlich wird die tiefe einsamkeit der protagonistin natürlich durch einen mann geheilt, ist ja ganz klar. es ist einfach frustrierend sich durch all diese langwierigen seiten zu quälen, nur damit die erzählerin am ende mega in love ist und nie mehr einsam sein muss. ja, es gab insofern ein charakter-development, dass samara sich ein wenig von ihrer angst befreien und die neu gewonnene freiheit zur hochstapelei/auslebung ihres fotografie-hobbys als mysteriöse künstlerin nutzen konnte, aber am ende hat sie der mann "gerettet" nicht ihr ausriss in die schweiz und nicht ihre kunst. dass die selbstfindungsbestrebungen von samara vor privilegien und ignoranz nur so strotzen (#ihrearmeneltern) muss ich jetzt auch keinem erklären, oder?
was der autorin gut gelungen ist, ist die darstellung der absurdität der bali- sowie berlin-bubbles - insb. aber auch durch die absurdität des romans an und für sich. das sophie passmann, caro daur etc namedropping war aber tatsächlich unnötig. #lasssophiepassmanndaraus (auch wenn sie caroline wahl defender ist...)
zur sprache: über den gesamten roman hinweg hat sich mit jeder seite das anfängliche gefühl verstärkt, dass sich für das lektorat und die schärfung der sprache nicht genügend zeit genommen wurde. die formulierungen, bilder und gespräche sind unpräzise, sodass man sich daran stößt und ich mich zumindest wirklich daran gestört habe. das buch wirkt wie dahergefaselt. die sprache ist einfallslos und erweckte in meinem kopf - trotz der theoretisch eindrücklichen kulissen von u.a. bali und st. moritz - keine prägnanten bilder. alles war flach und breiig und, sorry, hingerotz. die einfache sprache macht den roman zugänglich für viele leserinnen, ja - ABER: das macht ihn nicht automatisch gut und lesenswert. es gibt zig bücher mit vergleichbar "einfacher" sprache und verständlichen formulierungen, die auch inhaltlich zu empfehlen sind. zugänglichkeit zu schlechten inhalten kann doch nicht der heilige grahl der modernen deutschen literatur sein?
und natürlich auch hier wieder: wahls dialog-schreibstil erzürnt mich wie wenig anderes. sie soll sich einfach bemühen und vernünftige dialoge schreiben - siehe dazu alle vorherigen reviews ihrer bücher...
sonstige eindrücke: 1999 Meter über dem Meer trägt einen klaren, fetten zeitstempel. der anscheinliche drang der autorin nach relevanz und aktualität unter bezugnahme auf entwicklungen wie ki oder politik tragen nichts zur erzählung bei, sondern hängen an ihr wie ein bleierner klotz am bein. es macht keinen spaß, (BELANGLOSE) absätze über chatgpt und die google-ki und siebträger-arschlöcher und afd-funktionäre/sponsoren zu lesen. es bereichert weder den roman noch die leserin.
darüber hinaus fiel mir negativ auf, dass die autorin sich andauernd an fremden geschichten (büchern, filmen, liedtexten) bedient oder diese herabwürdigt. ich weiß nicht, was kaleb erdmann der autorin angetan hat, aber sie ist jedenfalls kein fan seiner arbeit, was ich jetzt weiß, da sie es zu beginn des buches circa 4 mal erwähnt. es werden referenzen zu büchern gemacht, die so wirken, als müsse die autorin sich auf fremde gedanken stützen, weil sie selbst ihren punkt sonst nicht rüberbringen kann. die hauptfigur soll literatur studiert haben, vielleicht möchte wahl dies auch mit all den fehlplatzierten referenzen betonen. die oberflächlich aus den erwähnten werken gezogene inspiration der protagonistin für ihre verschiedenen "personas" überzeugte mich nicht. zudem spricht sie wie gesagt schlecht über andere (z.b. "saulangweilige") romane und auch (schlecht gesprochene...) hörbücher, aber ... the enemy is closer than she thinks.
was ebenfalls bereits umfassend besprochen wurde, von mir aber der vollständigkeit halber aufgegriffen werden muss, ist, dass die ausführungen zu der autorin irène némirovsky ganz ganz unpassend und auch unnötig waren. auch wenn die erzählerin sich dafür schämt, ihr eigenes leiden auch nur in relation zu setzen mit dem schicksal und der ermordung der autorin im rahmen der shoa, gab es dafür einfach keinen grund. diese stellen rauszulassen, hätte der erzählung nichts genommen, sondern lediglich einen ganz ganz komischen eindruck beim lesen verhindert.
wahl zog - augenscheinlich zumindest - viel inspiration aus ihrer person und ihrem leben zur ausgestaltung der protagonistin. aus diesem grund fällt die getrennte betrachtung von roman und (durchaus umstrittener) autorin schwer. blinder hass gegenüber wahl einzig und allein auf grund ihres geschlechtes, ihres erfolges oder ihres aussehens ist unangebracht. die kritik am inhalt, die auf grund der wohl gezogenen inspiration auch kritik an der person der autorin sein kann, aus diesen gründen abzuweisen, halte ich für dumm und unreflektiert.
fazit: dass eine autorin, die so etwas guten gewissens veröffentlicht, wiederholt empörung darüber äußert, dass ihre romane nicht auf der long(und gott bewahre short)list des deutschen buchpreises aufgenommen werden, lässt mich jedes mal wieder erstaunt und fassungslos zurück. diese romane sind das produkt eines niveaulosen und profitorientierten literaturbetriebs, der sich um bestsellerlisten mehr sorgt als um das, was der leserin aufgetischt wird.
ich kann mir gut vorstellen, dass einige leserinnen nach jahren wieder zu einem buch griffen & die wahl (haha) auf dieses fiel - mein herzliches beileid. in diesen fällen fehlt vielleicht der eigene, ausgeprägte buchgeschmack und ein gefühl dafür, wo qualität und wo quantität im vordergrund steht - anders kann ich mir eine gute bewertung und besprechung des romans kaum erklären.
meine empörung über den erfolg dieser nicht einmal mit geringsten standards betrachtet hinreichenden bücher bleibt bestehen und wächst mit jedem wahl-release - also jährlich, denn wie wir alle wissen benötigt man nicht mehr als ein paar monate um solch fabelhafte geschichten zu konzipieren und zu papier zu bringen...
lest es nicht, außer ihr wollt euch aufregen. natürlich sind geschmäcker verschieden, aber ich wünsche allen, die gefallen an diesem roman gefunden haben, dass ihnen bald mal ein wirklich GUTES buch in die hand fällt. und bitte bitte deutscher buchpreis: bleibt standhaft und gebt euch nicht der wahl-psychose hin! soll sie doch sauer sein, besser werden ihre romane dadurch nicht.
Als Kind wurde mir von meinen Eltern immer verboten, das Wort "schön" zu verwenden - da sie der Meinung waren, dass es im Grunde nichts ausdrückt, und dass ich mit ein wenig Überlegung immer einer Alternative habhaft werden kann, die den Bedeutungsgehalt meiner Aussage anhebt.
Caro Wahl liebt das Wort "schön" und verwendet es mit einer inflationären Lust, die mir bewusstmacht, dass es überhaupt keine schwachen oder bedeutungslosen Wörter gibt. Allgemein bin ich der Meinung, dass - trotz allem, was man so über Caro sagen kann - ihre Stimme doch möglicherweise beginnt, zur Stimme einer Generation zu werden. Sie besitzt so einen tief eigenwilligen, aberwitzigen Duktus, der es einem nur so leicht macht, blitzschnell durch die Seiten zu fliegen. Der Nachteil an ihrer sehr charakteristischen Erzählweise ist, dass all ihre Erzählerstimmen ein wenig ineinanderlaufen, und dass ich tatsächlich Schwierigkeiten hatte, vor allem Ida und Samara rotzige Art erzähltechnisch voneinander zu unterscheiden.
Allgemein hatte ich beim Lesen dieses Buchs manchmal das Gefühl, dass Caro selbst beinahe aus Versehen wieder in alte Tropes hineinrutscht, ehe sie sich kurz danach darauf besinnt, dass sie das eigentlich alles schon einmal ausprobiert hat. Gertrude ist zuerst einfach nur eine Allgäu-Marianne, und es scheint beinahe so, als könnte man Caros Gedanken von "ah, shit, das habe ich schon mal gebracht" quasi in der Metanarrative durchschimmern sehen, ehe sie umschwenkt und Gertrude dann doch unangenehm(er) macht - weil natürlich niemand an Marianne herankommt. Oder als Samara im Regen so unglaublich durchnässt wird, dass sie sich beinahe eine Erkältung holt - diese aber dann in letzter Sekunde abgeflacht wird, weil man sonst riskieren würde, nur als müder Abklatsch von Tildas schlimmem Fieberwahn zu enden.
Ich will damit nicht andeuten, dass Caro jetzt beim vierten Buch ideenlos ist - das glaube ich keinesfalls – nur manchmal frage ich mich, ob da nicht doch ihre liebsten Tropes jetzt bei Buch vier so durchscheinen, dass man langsam unmissverständlich versteht, was Caro gerne schreibt.
Ich habe im Vorfeld immer wieder Vergleiche mit Krachts "Faserland" gelesen - und als große Liebhaberin der deutschen Popliteratur würde ich diesem Vergleich vielleicht sogar stattgeben: genauso wie bei Kracht andauernd über Marken gesprochen und Drogen genommen und herumgereist wird, genauso passiert das hier auch in 1999 Meter über dem Meer. Nur eben fast dreißig Jahre später. Das ist interessant - und ich finde, dass Caro Wahl Christian Kracht um Nichts nachsteht. Sie hat eine kristallklare Stimme, einen sehr bösen Witz, ein vergleichsloses Talent den Duktus gewisser Gruppen, die sie parodiert auf eine köstliche Art wiederzugeben - und daher habe ich mich letzten Endes entschieden, diesem Buch eine gute Bewertung zu geben.
In meinen Augen geht es hier weniger um den Verlauf der Geschichte an sich - und welche Ansprüche eines Realismus man an sie haben möchte - sondern darum, wie Caro Wahl langsam, aber sicher für mich zu einer der deutlichsten Stimmen meiner Generation wird. Ich finde ihre Hingabe dazu, unsympathische Hauptfiguren zu schreiben, die mit absolut "cancel-würdigen" Aussagen auffallen und leider auch immer aus dem Kontext entnommen werden, sehr, sehr mutig. Ich halt sehr wenig von polierten Hauptpersonen, weil die Autorin keinesfalls Anstoß erregen möchte. Leider wird im öffentlichen Diskurs in letzter Zeit sehr oft eine unwürdige Verschmelzung von Autor:in und Erzähler:in vorgenommen, was zu Kritik führt, die ich nicht nachvollziehen kann. In dieser Hinsicht möchte ich Caro das Lob und die Anerkennung verleihen, die ihr dafür in meinen Augen gebührt - einfach aufgrund ihres Engagements, wirklich unsympathische Charaktere in die Literaturwelt zu setzen.
Ob man die Oberflächlichkeit der Figuren nun zurückweist oder sie willkommen heißt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich besticht Caro Wahl allerdings gerade damit; dass ich den Gedankengängen ihrer Protagonistinnen mit einer fassungslosen Art der Belustigung folgen kann, die mich wirklich äußerst gut unterhält.
Es gibt noch sehr viel mehr zu sagen - aber ich belasse es einmal dabei; weil ich nach ihrem vierten Buch nun wahrscheinlich vielmehr auf das Phänomen an sich als auf einzelne Instanzen ihrer literarischen Ausprägung eingehen kann und will.
**Ich hab ein gratis Exemplar von NetGalley bezogen.
Mein derzeitiger, noch unbestimmt lange anhaltender Aufenthalt am Fuße des Masterarbeit-Bergs (mindestens 1999 Meter hoch), umzingelt zwischen Autonomieästhetik, Wiederauferstehung der Autorin und digitale Autorschaftsinszenierung mit gelben Leitern auf Instagram macht mich vermutlich genau nicht zur richtigen Person, dieses Buch angemessen distanziert zu rezensieren. So viel sei mal vorweggeschickt. Und eigentlich hat sowieso @Marlene Stein schon alles gesagt, was ich denke, nur in besser, also auf rüber zu ihrer Rezension!
Man stelle sich vor, man ist Autorin und muss sich den ganzen Tag allerlei darüber anhören, was man in seinen bisherigen Werken wie, wie ästhetisch gelungen, wie vermeintlich richtig und falsch gemacht hat. Was kann man tun? Zum Beispiel zu einem neuen, vierten Roman ansetzen, sich imaginativ auf einen Berg schwingen und von dort aus dann alles aufgreifen und parodieren und subvertieren, was einem von da unten so alles an eisblauen Augen, eskapistischer Liebe und aneignenden Motiven zugerufen wird. Wenn man diesen vierten Roman dann auf diese Weise liest, "1999 Meter über dem Meer" als "1999 Varianten, im fiktiven Freispiel Realität zu kommentieren", dann geht dieses Buch für mich auf. Nur vielleicht, so viel Fazit gleich zu Beginn, um den Preis des fiktiven Freispiels an sich.
Es ist eine literaturwissenschaftliche Todsünde (Barthes dreht sich gerade im Grab um I guess), aber ich habe immer Caroline Wahl und nie Samara Berge (halb) erklimmen und Autobahnen entlang rasen sehen. Vielleicht ist es das ein Masterarbeits-Tunnel-Phänomen (Wahls Gesicht blinkt mir derzeit 24/7, gern auch im Schlaf oder auf Zeitungs-Titelseiten in diversen Grazer Hausfluren entgegen), aber vielleicht hätte auch geholfen, zu lesen, wer Samara denn vor ihrer schwindelerregenden Hochstapler-Karriere war. Wovor sie wegrennt, wen sie zurücklässt. Vielleicht am meisten: Was sie reut. Vielleicht ist Reue wichtig, um einer Figur zu glauben, dass es sie gibt. Samara hatte keine – nicht vor ihren Eltern, die ihr ein Auto schenken und zum Dank plötzlich nichts mehr von ihr hören, nicht vor der konsternierten Sabine und der belogenen Ärztin (na toll Samara, dafür glauben die dann irgendwann den echten Charlottes nichts mehr!) und der ominösen Bald nicht mehr-Partnerin Fritzis. Während sich also Samaras gelegentlich auftretende Gefühle mit ein paar Schlagworten Raum begnügen müssen (Einsamkeit! Dunkelheit! Ich bin baff!), füllt sich der Rest der Figuren-Kontur mit a) Inhaltswiedergaben und Rezensionen zu anderen Büchern im Umfang eines intertextuellen Silvester-Feuerwerks (und wer hat schon Lust, am Neujahrsmorgen alle Prätext-Raketen-Reste einzeln aufzusammeln und nach ihrem Mehrwert für den Post-Text zu befragen?) und b) ihren Beobachtungen zur Influencer-, Meerverschmutzungs-, Pseudoumweltbewusstseins- und Reichtumsabsurdität-Gegenwart. Und keine Frage, diese Kommentare waren messerscharf beobachtet, aber als Kolumne von Caroline Wahl hätten sie für mich besser abgeschnitten als so, als in Samaras Mund gelegte Worte, Energydrinks gegen Müllermilch ausgetauscht und los geht's. Ich will überhaupt nicht sagen, dass Wahl als Autorin das nicht darf – es ist für mich nur im Hinblick auf die Lebendigkeit einer Figur und damit auf ein immersives, ästhetisches Leseerlebnis einfach nicht gelungen.
Dann war ich auch einfach oft verwirrt von – Diagnose von Marlene und mir – Logikfehlern: Wie kann ein verstauchter Knöchel nach der Entlassung keinmal mehr weh tun? Und welche Wunder vollbringt Samaras Handy, wenn trotz ausgeschaltetem Roaming stetig kostenschonend Nachrichten vom schönen Mann hereinflattern? (Ein Schritt zu weit in Konstanz und man weiß: die Realität ist härter) All in all kann Caroline Wahl für mich immer noch schreiben und verzaubern und zum Lachen bringen, aber dieses Buch hätte für mich gebraucht: mehr Zeit zum Wachsen, mehr Sorgfalt beim Zurückschneiden und Pfade schlagen, weniger provokatives Ringen mit dem echten Jetzt, um dann den alpinen Wald vor lauter Bäumen trotzdem noch zu sehen und zu spüren, als stünden man beim Lesen wirklich darin.
„Mulan sieht nicht aus wie eine Disney-prinzessin. Sie ist dick und klein, hat etwas Alter- und Geschlechtsloses wie so ein Troll.“ Leider beobachte ich seit 22 Bahnen einen kontinuierlichen Abfall der stilistischen und inhaltlichen Qualität Wahls Bücher. Dass sie bereits auf Seite 15 zu einer Personenbeschreibung greift, die absolut abwertend ist (wieso veröffentlicht man als scheinbar politisch engagierte Person einen Roman, der Geschlechtslosigkeit negativ konnotiert?) rückt nicht nur das Buch, sondern auch die Autorin für mich in ein schlechtes Licht. Schade.
Caro Wahl lesen bisschen wie Müllermich trinken, ah ne Quatsch, wie ein kleines Stück Schokolade essen, das ist süß (diesmal war es auch sehr lustig) und ein kleiner schneller Boost. Das war Spaß ohne großes nachdenken und glaube wenn man die Bücher mit nem kleinen Augenzwinkern liest (wie sie gefühlt für mich auch geschrieben sind?) und einfach den Ritt / die Fahrt in diesem Fall genießt, dann ist das immer wieder so ne kleine schöne Leseerfahrung, ne gute Auszeit ohne viel Kopf machen. Wer aber Wahl liest und Goethe erwartet, wird wie immer enttäuscht werden, lel.
Trashy read - aber nicht die Art, die Spaß macht. Unrealistische Dialoge, komplett flache Hauptfigur (wirkt, als hätte die Autorin sie einfach sehr an sich angelehnt), Lücken im Plot, das Stilmittel der Wiederholung wird komplett todgeritten, und als love interest irgendein avoidant Keck der fürs happy end dann für die Hauptfigur die Mutter seines Kindes verlässt. Alles an diesem Buch - der migrantische Hintergrund der Hauptfigur, die Auseinandersetzung mit Influencern und Reichen - bleibt fast beeindruckend oberflächlich.
Ich sag’s direkt: Für mich ist „1999 Meter über dem Meer“ Caroline Wahls bisher bestes Buch. Und wahrscheinlich auch ihr lustigstes.
Dieses Buch ist Satire mit Ansage – laut, überspitzt, teilweise komplett absurd und vor allem: in your face. Die reiche Oberschicht? Bekommt ihr Fett weg. Influencer? Natürlich. Start-up-Bros? Selbstverständlich. Berliner Prenzlauer-Berg-Bubble? Ihr seid auch dran. 😭 Eigentlich ist hier niemand sicher und genau DAS hat mir so unglaublich viel Spaß gemacht.
Unsere Protagonistin ist dabei… nun ja: crazy, but in the best possible way. Sie ist chaotisch, drüber, teilweise völlig unberechenbar und definitiv keine Figur, die dafür geschrieben wurde, dass man jede ihrer Entscheidungen gutheißt. Aber Gott, ist sie unterhaltsam. Ich habe ihre Gedanken und Beobachtungen wirklich verschlungen und musste so oft laut lachen.
Und genau deshalb finde ich auch manche Diskussionen rund um das Buch etwas schwierig – zum Beispiel die Kritik daran, dass die Protagonistin ständig Müllermilch trinkt, obwohl die Marke aufgrund der politischen Kontakte des Unternehmenschefs stark kritisiert wurde. Vielleicht soll uns das aber auch einfach… etwas über diese Figur erzählen? Eine Romanfigur muss schließlich nicht die moralischen und politischen Überzeugungen ihrer Autorin verkörpern. Caroline Wahl ist nicht ihre Protagonistin – und ihre Protagonistin ist ganz offensichtlich sowieso nicht als moralischer Kompass dieses Romans angelegt.
Für mich funktioniert „1999 Meter über dem Meer“ gerade deshalb so gut, weil Caroline Wahl nicht versucht, ihre Gesellschaftskritik irgendwie subtil zwischen den Zeilen zu verstecken. Sie hält uns die Absurditäten bestimmter Milieus einfach direkt vors Gesicht.
Bissig, absurd, gesellschaftskritisch und wahnsinnig unterhaltsam. Ich hatte SO viel Spaß beim Lesen und hätte ehrlich nicht gedacht, dass nach ihren bisherigen Büchern ausgerechnet dieses hier mein neuer Caroline-Wahl-Favorit wird.
Caro Wahl, you did it again – und für mich diesmal besser denn je. 🫶🏼
Und da ist sie wieder....diese leichte, moderne Art komplexe Persönlichkeiten sprachlich zu malen!!!! ....Herzerfrischend, leicht und doch tief angelegt... ...warum also nicht die von Herzen gegönnten (und subjektiv gewünschten) vollen fünf 🌟 Sterne???
Ganz einfach: weil mich die unnötige, dröge, überflüssige und platte Liebesstory am Ende einfach nur genervt und geärgert hat!
Autorin Wahls Samara war mir anfangs wirklich von Herzen unsympathisch: notorische Lügnerinnen sind einfach nicht so mein Ding....doch im Laufe der Story tauchte ich dann ein in ihre Lebenswelt und Denkweise....und konnte mich dabei köstlich amüsieren...!
Ein bisschen erleichtert bin ich wirklich, dass die Autorin anknüpfen konnte an ihre wahrlich ergreifenden Charaktere aus 22 Bahnen und Windstärke 17!
Mit ziemlich niedrigen Erwartungen gestartet und dann von der absurden Leichtigkeit überrascht worden. Unerwartet unterhaltsam - trotz allem, was man über das Buch diskutieren kann. 4,5🌟
Ich habe viel geschmunzelt, dazwischen laut beim Lesen gelacht und mich sehr gut unterhalten gefühlt. Die Protagonistin Samara ist ein bisschen balla balla, unglaublich witzig und etwas unberechenbar. Ich bin ihr staunend über Bali, Berlin nach Sankt Moritz gefolgt und jetzt habe ich Lust auf ein Iced White Kakao!!
Solide. Es hat mir mehr Spaß gemacht, als das letzte Buch von Caroline Wahl. Die Protagonistin erlebt stellenweise lustige Episoden und hat einen guten Humor. Zwischendurch kann man auch mal abgelenkt sein und nicht richtig zuhören und verpasst nichts Wichtiges. Am Schluss zieht es sich etwas.
Für mich waren 22 Bahnen und Windstärke 17 Caroline Wahls folklore und evermore, dieses Buch ist dann passenderweise ihr The Life of a Showgirl: a whole bunch of nothing. Dieses Buch hat mir leider gar nichts gegeben. Es tänzelt auf der Linie zwischen belanglos und unangenehm, die Protagonistin hat bis auf ihre Müllermilch-Sucht nicht wirklich was zu bieten. Dann diese komisch zusammenkonstruierte Liebesgeschichte - super deplatziert. Die random HP-Erwähnung gegen Ende hat mir den Rest gegeben. Caro, pack die Fritten ein, genieß ein paar Jahre dein Leben, und komm dann 2030 bitte mit einem Banger zuück.
ich muss zugeben, dass ich mich mit samara schon ein bisschen identifizieren kann, weil ich mir auch manchmal wünsche, ich wäre jemand anderes, und weil die angst immer das bestimmende gefühl in meinem leben ist.
Ich hab' Caro Wahl lange die Stange gehalten. "22 Bahnen" und "Windstärke 17" fand ich einfach schöne, wenn auch leicht kitschige Geschichten, die noch dazu auch meine Norddeutschlandsehnsucht ganz gut bedienen. In "Die Assistentin" steckten für mich einige kluge Beobachtungen über Ehrgeiz, der einen eigene Grenzen und Moralvorstellungen außer Acht lassen lässt. Die Kritik an Caro Wahls Stil fand ich in der Regel ungerechtfertigt, herablassend, geäußert von so selbsterklärten, bildungsbürgerlichen Instanzen für gute Sprache und "wertvolle Literatur". Viele der Kritiker:innen schienen sich eher an der Person Caro Wahl abzuarbeiten. Die finde ich per se auch nicht nur sympathisch, dass ihr als junger Frau das aber auch vergleichsweise egal zu sein scheint, nötigte mit irgendwie Respekt ab.
1999 Meter über dem Meer hat Caro Wahl jetzt auch mich verloren - und das liegt ziemlich sicher nicht nur am Wechsel in eine Szenarie, die für mich nicht ganz so nostalgiebehaftet ist.
Auf der Habenseite: Wie alle Bücher der Autorin lässt sich auch das neueste sehr gut weglesen. Die Sprache ist einfach, was meiner Meinung nach nicht per se schlecht ist (!!). Anders als manch andere:r mag ich die Nennungen konkreter Orte, Personen, Marken, Produkte. Ich bin halt wahrscheinlich ein ziemlicher Prototyp der Caro-Wahl-Zielgruppe und für mich bauen diese in die Erzählung gesprenkelten Bezüge Nähe zum Stoff auf - auch, wenn sich das Buch damit in seiner Halbwertszeit und v.a. in der Zielgruppe damit vllt. selbst limitiert. Grundsätzlich gelungen finde ich auch die Umsetzung der Ortswechsel und Zeitsprünge ("Noch xx Tage in xxx").
ABER: Bin jetzt nach wahrscheinlich ca. 4-5h Gesamtlesezeit fertig, sauer und genervt. Das erste Viertel des Buches ist nur so an mir vorbeigeflogen, was in diesem Fall nicht nur für ein leichtes Lesevergnügen spricht, sondern leider auch für einen absolut dünnen, belanglosen Stoff. Grade das erste Viertel ist gespickt mit Referenzen auf die Berlin-/Bali-Influencer-Szene, die mich insofern ansprechen, als dass mir die sie umgebenden Debatten wohlbekannt sind und ich mich als 30 jährige, gut verdienende Frau, die ein bisschen kritisches Bewusstsein für Nachhaltigkeit und globale Machtgefälle hat aber auch ein bisschen nett leben und was von der Welt sehen will, regelmäßig frage, wo eigentlich mein Platz in diesem Zirkus ist, und ob mein Blick noch klar genug ist, um ihn zu erkennen. Die Beschreibungen in "1999 über dem Meer" bleiben aber derart simpel und oberflächlich, dass man wirklich schreien möchte.
Irgendeine Rezensentin hier hat geschrieben, sie vermisse die zwischenmenschlichen Geschichten, die man insbesondere aus den ersten beiden Wahl Büchern kennt, könne aber anerkennen, dass das neuste Werk dafür mehr gekonnte Gesellschaftskritik beinhaltet. Ich muss leider wirklich sagen: Ich finde in diesem Roman keine gesellschaftskritische Perspektive wieder, die in irgendeiner Weise originell ist und in ihrer Tiefe über eine Instagram-Kachel hinausgeht. Wer in "1999 Meter" eine relevante, originelle Kommentierung unserer Generation reinliest, den möchte ich echt irgendwie schütteln.
Das wäre alles okay, wenn die Geschichte ansonsten trägt. Tut sie aber nicht. Die Protagonistin (Samara) bleibt bis zum Ende, wie auch alle anderen Figuren, komplett blass. Die typischen und unter bestimmten Voraussetzungen sicher dennoch erzählenswerten Millenial-/GenY-Struggles werden irgendwie angedeutet (bisschen Sinnkrise, bisschen Anxiety, bisschen Hang zur depressiven Verstimmung - vorzugsweise bedient Wahl dafür das Bild einer dunklen Wolken, give her the Buchpreis already), aber nie über absolut platte, dreisätzige Beschreibung hinaus ERZÄHLT. Besonders deutlich wird das noch einmal gegen Ende des Buches, als die Protagonistin in einem bedeutungsschwangeren Monolog preisgibt, es sei die Angst, die in ihrem Leben bisher alles kaputt gemacht habe, und man laut ruft "JA WAS DENN???" Man erfährt absolut nichts, außer dass dem Literaturstudium nicht direkt der Traum- sondern der Agenturjob folgte, den Samara dann nach round about 3 Monaten schmeißt. Waren das jetzt die 3 Monate, in denen die alles überwältigende Angst alles kaputt gemacht hat? Spätestens bei den (intrusive or not) suicidal thoughts der Protagonistin bin ich dann raus - nicht, weil man darüber nicht schreiben darf, sondern weil innere Monologe wie "Ich frage mich, was passieren würde, wenn ich einfach mit dem Auto diese Leitplanke durchbreche und ins Tal stürze" einfach wie ein verdammt fauler Versuch wirken, der Gefühlswelt von Samara Tiefe und Bedeutung zu geben, die die Autorin ansonsten nicht vermag herzustellen.
Schon in den vorangegangenen Werken erschienen die Liebesgeschichten oft etwas unnötig und "dran geklatscht". Außerdem oft wunderschöne aber emotionally unavailable Männer, what else is new. Meistens hatte ich aber noch Spaß dabei, sie zu verfolgen - war eben wie Netflix zum Lesen.
Der romantic arch in "1999 Meter" hat mich aber nur genervt. Gute beobachtende Beschreibungen zwischenmenschlicher Dynamiken sind meiner Meinung nach wirklich die höchste Kunst des Schreibens und das, was mich wirklich berührt, nachdenklich macht, freut. Die Beschreibung der Beziehung zwischen Samara und Fritzi has NONE OF THAT!!! Ich hab selten eine plattere Beschreibung von "sich verlieben" gelesen als diese, und ich will sowas auch nicht nochmal lesen. Jeden Tag passieren um mich herum spannendere, menschlichere, komplexere Liebesgeschichten jeder Art als die, die Caroline Wahl hier zu Papier gebracht hat. Tolle Haare, blaue Augen, die obligatorische (goldenen?!?!) Sommersprossen - und auf Basis dieser Beschreibung wird dann irgendeine kosmische "Verbindung" beschrien, die man sich noch nicht mal mit viel Phantasie zusammenreimen kann, weil es einfach 0,0 Stoff gibt, der erklärt, was diese beiden Menschen denn nun verbindet, außer dass er hot ist und sie geheimnisvoll und frech und deshalb spannender als seine Lebenspartnerin mit dem vierjährigen Kind zuhause.
So 2-3 gute Stellen gibt's natürlich, z. B. die wo Fritzie sagt, dass er Samaras Lebensfreude liebt (was wirklich eine Eigenschaft zum Verlieben ist) oder er ihr mit seiner geballten Lebensweisheit eröffnet, dass das Leben nicht schwarz und weiß ist und man vllt. gut daran tut, seinen Freiheitsdrang auch mit ein paar tragenden Beziehungen zum komplementieren. Aber das alles passiert leider erst auf den letzen 50 Seiten des Buches und wird dann auch nicht vertieft, weil Buch musste fertig werden oder so.
So wird das nix mit dem Buchpreis und wenn kommerzieller Erfolg ausreicht, dann you go Caro, aber wenn du auch die Anerkennung als Künstlerin willst, do better.
Man darf nicht aufgeben. Am Ende wird es tatsächlich noch spannend und es passiert endlich was! Der Rest ist allerdings etwas zäh. Trotzdem mochte ich es irgendwie. Super unrealistisch, sehr überzogene Charaktere, aber trotzdem hat es mich irgendwie gepackt.
Hat mich leider nicht gekriegt. Irgendwie ziemlich flach und uninteressant und langsam finde ich den Schreibstil etwas ausgelutscht. Hat mich insgesamt an einen Til Schweiger Film erinnert. Süss, lustig-awkward, aber auch irgendwie bisschen nervig. Die Männer werden außerdem nur auf ihr Äußeres reduziert. Soll das irgendwie feministisch sein? Finde es eher langweilig. Generell haben die Charaktere kaum Persönlichkeit, sondern zeichnen sich nur durch Dialoge und ihr Äusseres aus. Caroline Wahls vorherigen drei Bücher fand ich alle toll, aber dieses hier kann ich leider nicht weiterempfehlen.
Ich mag Caro Wahls Schreibstil so gerne. Mit einfachen Sätzen zieht sie die Leserin in die schillernde Welt von St. Moritz und beschreibt plakativ die Gegensätze zwischen dem Innen und Außen der Protagonistin. Literarische Popkultur, die Spaß macht 🪩
Der Roman lässt mich zurück mit dem Gedanken: Uff, war das anstrengend.
Schon die Grundidee hat mich nicht überzeugt. Nach „22 Bahnen" habe ich verstanden, dass Idas Geschichte noch nicht auserzählt war und habe "Windstärke 17" gern gelesen. Mit Samara bekommt nun eine absolute Nebenfigur ihren eigenen Roman, bei der vermutlich niemand dachte: "Och, mich würde jetzt aber schon interessieren, wie es bei Samara, die in 5-6 Nebensätzen vorkam, weitergeht." Auch waren die anderen Bücher für mich Auseinandersetzungen mit Trauma und Klassismus. "1999 Meter über dem Meer" bietet nichts davon und Samara hat auch kein vergleichbares Problem wie Tilda oder Ida, außer vielleicht ihre Orientierungslosigkeit im Leben und ihre mentale Gesundheit, die permanent extrem oberflächlich thematisiert wird mit: "Ich spüre die schwarzen Wolken aufziehen." Dass sie in einem Nebensatz dann Therapie kategorisch für sich ausschließt, fand ich schlimm.
Die Handlung: Samara reist nach Bali und hasst alles dort. Zurück in Berlin folgt ein neuer Job, den sie auch hasst und Mitbewohner, die sie auch hasst. Sie lernt einen Mann kennen, bricht aus ihrem Leben aus und erfindet sich für jede Person, die sie trifft, neu. Permanent liest man Stellen, an denen sie andere dreist anlügt und dann innerlich verzweifelt, wenn jemand Nachfragen zu ihren Lügengeschichten stellt. Soll ich hier mit ihr sympathisieren? Samara findet sich in unangenehme Situationen wieder, an denen sie zu 100% selbst Schuld trägt und wächst leider gar nicht daran. Sie trinkt auch durchweg Unmengen an Müllermilch (das ist nun ein Triggerwort für mich, denn es kam wirklich auf jeder Seite vor...) und klagt dann über Bauchweh.
Die Hauptfigur soll vermutlich unabhängig, schlagfertig und ein bisschen chaotisch-sympathisch wirken. Bei mir kam davon wenig an. Stattdessen wirkte Samara auf mich vor allem orientierungslos, langweilig und als hätte sie keinen moralischen Kompass, auch im Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen. Nahezu jeder um sie herum wird ziemlich herablassend abgewertet, während Samara selbst meist unsympathisch handelt, wenn sie beispielsweise jede Idee einer Kollegin runtermacht oder Fahrerflucht begeht oder einfach wegignoriert, dass ihr Traummann nicht zu haben ist. Es hätte sich außerdem jedes ihre Probleme durch ein ehrliches Gespräch oder einen Blick in den Wetterbericht lösen lassen. Und ich hätte das alles noch besser bewertet, wenn am Ende die Erkenntnis gestanden hätte, dass sie ein Problem hat und Hilfe braucht. Stattdessen wird sie übermäßig belohnt.
Am Schluss hat mich der Roman ratlos zurückgelassen, was nun eigentlich die Botschaft war. Selbst die Kritik an Superreichen misslingt, weil sie allesamt klischeehafte Abziehbildchen sind.
Auch stilistisch konnte mich der Roman nicht überzeugen. Es gibt sehr viele Markennennungen sowie Zusammenfassungen von Büchern und Filmen, die den Text für mein Empfinden eher strecken als bereichern. Dazu kommt ein wiederkehrendes Dialogmuster, bei dem Samara das gerade Gedachte noch einmal wörtlich wiederholt, was anfangs charmant gemeint sein mag, sich aber nach der fünfzigsten Verwendung abnutzt. Auch fallen sehr oft Sätze wie "Sowas passiert doch nur im Film" oder "So etwas gibt es doch im echten Leben nicht", die mich richtig genervt haben, weil sie für mich nur die Fantasielosigkeit der Autorin zeigen, die eben solche klischeehaften Situationen dauernd generiert. Dazu passt auch, wenn die Hauptfigur sich zum Ende hin fragt, was für eine Art Film oder Buch das hier gerade ist. Wie meta.
Die einzige echte Stärke für mich war die Hörbuchsprecherin. Sie hat aus dem Text hörbar das Bestmögliche herausgeholt und den Roman streckenweise lebendiger gemacht, als er auf dem Papier vermutlich wirkt. Insgesamt das letzte Wahl-Buch für mich, ein Stern von fünf.
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Mischung aus guilty pleasure und hate read dieses Buch zu lesen… es liest sich leicht und macht auch zwischendurch Bock aber boy hat mich das aggro gemacht wie oberflächlich Caroline Wahl ihrem main character einen Migrationshintergrund verpasst weil es gerade trendy ist?? Schon als am Anfang „Baba“ aufgetaucht ist, sind meine Augen beim Verdrehen fast in meinem Kopf stecken geblieben. Klar kann sie über alles schreiben, was sie will und nicht erlebt hat (siehe Armut) aber endlich gibt es diesen Raum und das Interesse an „postmigrantischer“ Literatur und dann das einfach copy paste in schlecht (der Großteil des Buches dreht sich da sowieso nicht drum) aber correct me if I‘m wrong, für mich fühlt sich das falsch an.
Und es nervt mich so doll, dass der Typ am Ende wieder die ganzen schlauen Sachen sagt, besser weiß was sie tun soll blablabla
Trotzdem guilty pleasure zu lesen, inspo selber mehr hochzustapeln haha und am Ende ist das eine junge Frau die unter anderem sehr viel Hass abbekommt genau deswegen, weil sie eine Frau ist. Schmaler Grad Kritik an ihr zu üben und nicht auch in misogyne Züge zu verfallen.