24 Stellen aus dem Buch:
„Wann, anstelle des unentschiedenen Zickzacks draußen an den Peripherien, des zittrigen Grenzziehens an einer um so leerer wirkenden Sache, setzt du endlich, Satz für Satz, zu dem so leicht-wie-scharfen Schnitt, durch das Wirrwarr in medias res, an, damit dein obskurer »geglückter Tag« beginnen kann, sich zu der Allgemeinheit einer Form zu lichten?“ (Handke 1991: 17)
„Verdammt, warum sehe ich uns nicht mehr gemeinsam? Verflucht, warum ist mir um drei Uhr nachmittags das Licht in dem Hohlweg, das Klopfen der Züge auf den Gleisen, dein Gesicht nicht mehr das Ereignis, welches es doch, wie für die fernste Zukunft gültig, heute morgen noch war?“ (Handke 1991: 21)
„»An dem geglückten Tag wird es noch einmal Tag werden mitten am Tag. Es wird mir einen Ruck geben, einen zweifachen: über mich hinaus, und in mich, ganz, hinein. Zum Schluß des geglückten Tags werde ich die Stirn haben, zu sagen, ich hätte einmal gelebt, wie sich's gehört — mit einer Stirn, die das Gegenstück sein wird zu meinem angeborenen Schild.«“ (Handke 1991: 24)
„Erzählt Van Morrisons Lied [„Coney Island“] von einem geglückten Tag, oder von einem bloß glücklichen? Denn zum geglückten Tag gehört hier, daß er ein gefährlicher war, voll Hindernissen, Engstellen, Hinterhalten, Ausgesetztsein, Schlingern, vergleichbar den Tagen des Odysseus auf seiner Irrfahrt nach Hause, am Ausklang von deren Erzählung man jedesmal begreift, es gehört für den Abend, mit Schmausen und Trinken und »göttlichem« Besteigen eines Frauenbetts, ein Feiern her.“ (Handke 1991: 28)
„»Der Tag war heute geglückt in dem Moment, als sich am Telefon — obwohl du allein vorhattest, das Buch weiterzulesen — auf mich die Reiselust deiner Stimme übertrug« (Erzähler B). — »Um mir sagen zu können, der Tag sei geglückt, brauchte ich nie einen besonderen Augenblick — es genügte mir beim Erwachen so etwas wie ein bloßer Atem, ein Hauch, un souffle« (ein dritter Erzähler).“ (Handke 1991: 33)
„Denkbar der Tag, an welchem dir zugleich, schmerzhaft bewußt, noch und noch Augenblicke mißraten sind, und da du am Abend gleichwem so lang wie breit von einem dramatischen Glücken erzählen wirst.“ (Handke 1991: 39)
„Voraussetzung für die Expedition »Geglückter Tag« scheint eine gewisse Nachsicht mit mir selber zu sein, mit meiner Natur, mit meinen Unverbesserlichkeiten, wie auch eine Einsicht in das, sogar bei günstigsten Umständen, täglich Gegebene: die Tücke des Objekts, die bösen Blicke, das eine Wort im falschen Moment (und sei es nur aufgeschnappt von irgendwem im Gedränge).“ (Handke 1991: 40)
„Also käme es, dachte er im nachhinein, beim Versuch des geglückten Tags darauf an, jeweils im Moment des Mißgeschicks, des Schmerzes, des Versagens — der Störung und der Entgleisung —, die Geistesgegenwart aufzubringen für die andere Spielart dieses Moments und ihn so zu verwandeln, einzig durch das aus der Verengung befreiende Bewußtmachen, jetzt gleich, im Handumdrehen, oder eben Bedenken, wodurch der Tag — als sei das für das »Glücken« gefordert — seinen Schwung und seine Schwingen bekäme.“ (Handke 1991: 48 f.)
„Aber Punkt, Schluß, es — das Lesen, das Schauen, das Mit-im-Bild-Sein, der Tag — ging nicht mehr weiter. Was jetzt? Und unversehens, nach der Springprozession der Formen und Farben in der Ekstase, verlegte, lang vor dem Abend, der Tod den Weg durch diesen Tag.“ (Handke 1991: 53)
„Lesen in der Hokke, nah am Gras.“ (Handke 1991: 57)
„Und dann im Wald das Ergrünen des Weges, auf dem er einst, sooft es etwas zu bereden galt, mit seinem Vater gegangen war, und der in dessen Sprache sogar einen Namen hatte, zelena pot, eben der Grüne Weg.“ (Handke 1991: 57 f.)
„Der Traum bestand in nichts als einem, so schien es, nachtlangen, reglosen Bild, wo er, bei gleichbleibendem Dämmerlicht und lautloser Luft, sich ausgesetzt fand auf einen himmelhohen nackten Felsen, allein und für den Rest des Lebens.“ (Handke 1991: 60)
„Und immer noch war ein Schmerz in der Brust, ein Drache, der da fraß.“ (Handke 1991: 61)
„Es war später Vormittag, und er ließ sich die Stille des Orts im Gehen durch die geöffneten Finger wehen.“ (Handke 1991: 61)
„Nach einer weiten Busfahrt durch die südlichen und dann schon westlichen Vorstädte, und einem Gehen durch die Wälder von Clamart und Meudon, an einem Tisch im Freien, am Ufer eines Waldteichs, das Fertigschreiben der Skizze vom Übersetzen, wobei er sich mit dem letzten Satz zugleich von diesem lossagte:
»Nicht der sichere gesenkte Blick auf das Vorhandene, das Buch, sondern der in Au-genhöhe, ins Unsichere!«“ (Handke 1991: 62)
„Wenn ich es nicht jetzt mit dem Tag versuche, dann habe ich seine Möglichkeit auf Dauer verspielt, erkenne ich doch, immer öfter, und mit immer größerem Zorn, gegen mich selber, wie mit der vorrückenden Zeit mehr und mehr Augenblicke meiner Tage mir etwas sagen, wie ich aber weniger und weniger von ihnen fasse und, vor allem, würdige. Ich bin, ich muß es wiederholen, empört über mich, daß ich unfähig bin, das Licht des Morgens am Horizont, welches mich gerade noch hat aufblikken und zur Ruhe kommen lassen (in die Ruhe kommen, steht beim Briefschreiber Paulus), zu halten, daß das Blau des Heidekrauts auf dem Lesetisch, zu Beginn der Lektüre noch das Zeichen des Mittelgrunds, ein paar Seiten später bereits ein wirrer Fleck im Nirgendwo ist, und daß bei Einbruch der Dämmerung die stille Gestalt der Amsel im Gartenstrauch, eben noch »der Umriß der Abendinsel nach dem Tag auf dem offenen Meer«, ein Uhrticken später schon nichts mehr ist — bedeutungslos, vergessen, verraten.“ (Handke 1991: 68 f.)
„Das Kinn einer jungen Leserin berührte sich mit dem Hals.“ (Handke 1991: 72)
„An dem geglückten Tag geschieht es, daß ein Zigarettenstummel im Rinnstein rollt, ebenso wie eine Tasse auf einem Baumstumpf raucht und in der finsteren Kirche eine Stuhlreihe hell von der Sonne ist.“ (Handke 1991: 72)
„Jenem Priester, dessen häufigstes Wort »Sehnsucht« war, galt ein Tag mit dem Moment als geglückt, da er eine Stimme hörte, die freundlich war.“ (Handke 1991: 76)
„Warum sich also nicht begnügen mit der geglückten einzelnen Stunde? Warum nicht kurzweg den Augenblick zum Tag erklären?“ (Handke 1991: 77)
„Das Laufen der Kinder, immer noch, unter dem Wind.“ (Handke 1991: 86)
„Der geglückte Tag und das Ihn-Teilenwollen. Stetes, wildes Gerechtwerdensollen. O schwerer Tag! Geglückt? Oder »gerettet?“ (Handke 1991: 88)
„Heim zum Buch, zum Schreiben, zum Lesen. Zu den Urtexten, wo zum Beispiel gesagt wird: »Laß klingen das Wort, steh zu ihm — günstiger Moment oder ungünstiger.«“ (Handke 1991: 90)
„Immer wieder, in seinen Briefen nicht an die Gemeinden, sondern an die einzelnen, seine Helfer, schreibt der in Rom gefangene Paulus vom Winter: »Beeile dich, vor dem Winter zu kommen, lieber Timotheus. Und bring mir den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpos gelassen habe...«
— Und wo ist der Mantel jetzt? Verlaß den Traum. Schau, wie der Schnee vorbeifällt an dem leeren Vogelnest. Auf zur Verwandlung.
— Zum nächsten Traum?“ (Handke 1991: 91)