»Menschen können gut ohne Gedichte sein, aber ein Gedicht nicht ohne Menschen.« Wie kann es sein, dass eine Strickerin aus dem Lavanttal in Kärnten zu einer der größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts wird?
Jenny Erpenbeck lässt uns an ihrer Faszination für Christine Lavant (1915–1973) teilhaben, deren Gedichte sie zum ersten Mal liest, als sie Mitte der Neunziger in Graz lebt. An der Faszination für eine Frau, die sich durch ihre Lesewut, Sensibilität und Klugheit aus dem elenden Dasein, das ihr durch Krankheit und Armut vorgezeichnet war, herausgeschrieben hat. Christine Lavants tiefgründiger Wahrnehmung des eigenen Leidens steht das zornige Fragen nach dem abwesenden Gott gegenüber, ihrem Stolz als Dichterin die Bescheidenheit der persönlichen Existenz, der Einsamkeit einer Außenseiterin ein unbändiger Humor.
Befreundet mit Thomas Bernhard und den Lampersbergers, im Briefwechsel mit Martin Buber und Hilde Domin, in ihrer Liebe zum Maler Werner Berg ist sie zeit ihres Lebens eng verbunden mit Künstlern und Denkern, die in ihr, jenseits der Äußerlichkeiten ihrer zufälligen Existenz, die große Autorin und den warmherzigen Menschen erkennen und schätzen.
Ein kraftvoller, ein poetischer Essay, der anschaulich macht, dass eine fremde Welt, die uns durchs Lesen aufgeschlossen wird, immer auch unsere eigene ist.
Jenny Erpenbeck (born 12 March 1967 in East Berlin) is a German director and writer.
Jenny Erpenbeck is the daughter of the physicist, philosopher and writer John Erpenbeck and the Arabic translator Doris Kilias. Her grandparents are the authors Fritz Erpenbeck and Hedda Zinner. In Berlin she attended an Advanced High School, where she graduated in 1985. She then completed a two-year apprenticeship as a bookbinder before working at several theaters as props and wardrobe supervisor.
From 1988 to 1990 Erpenbeck studied theatre at the Humboldt University of Berlin. In 1990 she changed her studies to Music Theater Director (studying with, among others, Ruth Berghaus, Heiner Müller and Peter Konwitschny) at the Hanns Eisler Music Conservatory. After the successful completion of her studies in 1994 (with a production of Béla Bartók's opera Duke Bluebeard's Castle in her parish church and in the Kunsthaus Tacheles, she spent some time at first as an assistant director at the opera house in Graz, where in 1997 she did her own productions of Schoenberg's Erwartung, Bartók's Duke Bluebeard's Castle and a world premiere of her own piece Cats Have Seven Lives. As a freelance director, she directed in 1998 different opera houses in Germany and Austria, including Monteverdi's L'Orfeo in Aachen, Acis and Galatea at the Berlin State Opera and Wolfgang Amadeus Mozart's Zaide in Nuremberg/Erlangen.
In the 1990s Erpenbeck started a writing career in addition to her directing. She is author of narrative prose and plays: in 1999, History of the Old Child, her debut; in 2001, her collection of stories Trinkets; in 2004, the novella Dictionary; and in February 2008, the novel Visitation. In March 2007, Erpenbeck took over a biweekly column by Nicole Krauss in the Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Erpenbeck lives in Berlin with her son, born 2002.
„Das eigene Leben bewahren, ohne den eigenen Willen aufzugeben, Kompromisse eingehen, die einen nicht die Seele kosten – wie das gelingen kann, und auch, wie manche ihrer Figuren tragisch daran scheitern, hat Christine Lavant in ihren Texten beschrieben.“ (Zitat Pos. 817)
Thema und Inhalt Dieses Buch ist der fünfte Band der Serie „Bücher des Lebens“, herausgegeben von Volker Weidermann. Es geht um Bücher, welche die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck besonders beeindruckt und geprägt haben. Erpenbeck ist dreißig Jahre alt, als sie zum ersten Mal ein Gedicht von Christine Lavant liest. „Dreißig Jahre alt musste ich werden, bevor ich zum ersten Mal ein Gedicht von Christine Lavant gelesen habe. Bevor sich mir diese fremde Welt aufgetan hat, die ich nicht kannte und dich im ersten Moment wiedererkannt habe.“ (Zitat Pos. 284) Seither folgt sie den Spuren und dem Leben dieser ungewöhnlichen Frau, der einfachen Strickerin und Schriftstellerin und vertieft die biografischen Geschichten mit den Themen Bücher, Lyrik, das Leben als Schriftstellerin.
Umsetzung Nach einem kurzen Vorwort von Volker Weidermann beginnt Jenny Erpenbeck ihr Essay mit der Frage, wann der richtige Moment sei, um ein Gedicht zu lesen, gibt sich selbst in Gedanken verschiedene Antworten, die ebenfalls Fragen bleiben. Im zweiten Kapitel schreibt sie, was Christine Lavant in ihren biografischen Notizen über das Lesen von Gedichten geschrieben hat und tritt so mit dieser österreichischen Lyrikerin aus Kärnten in einen inneren Dialog. Diesen führt sie in allen weiteren Kapiteln abwechselnd fort, Jenny Erpenbeck berichtet über ihre Erlebnisse während der fünf Jahre, die sie in Graz gelebt hat und beginnt danach mit der Kindheit von Christine Lavant, mit bürgerlichem Namen Christine Habernig, geb. Thonhauser. Erpenbeck folgt einerseits dem von Selbstzweifeln geprägten Leben von Christine Lavant, sucht in den vielen vorhandenen Aufzeichnungen, besonders Briefen, in den Archiven und Museen nach dem Menschen und der Künstlerin. Besondere Aussagen ergänzt Erpenbeck mit entsprechenden Gedichten von Christine Lavant. Im Anhang finden sich die Lebensdaten von Christine Lavant und die Erklärungen zu den durchnummerierten Fußnoten.
Fazit Dieses Buch berichtet über das Leben der österreichischen Schriftstellerin Christine Lavant, deren literarisches Werk in der breiten Öffentlichkeit nicht allzu bekannt ist, und in deren Würdigung seit 2016 ein eigener Literaturpreis, der Christine Lavant Preis, verliehen wird.
Hätte die Heimsuchung deutlich schlechter verstanden ohne den Lektürenschlüssel weil es schon ein anspruchsvolles Buch war, dass wir für das Abitur lesen mussten.