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Lori: Roman

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163 pages, Kindle Edition

Published July 9, 2026

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Profile Image for Inge H..
516 reviews11 followers
July 13, 2026
Heimlichkeiten

Anousch Mueller schreibt in ihrem Roman „Lori“ über eine Familie in der vieles Verschwiegen wird.
Da kommt das DDR Regime zum Tragen.
Der Vater hatte schon Ausreiseanträge gestellt, bevor er Katharina kennenlernte.
Robert macht mit seinen kleinen Kindern einen Segeltour. Da kommt man ja schnell ad den Verdacht, das sie fliehen wollen.
Sie werden von den Soldaten angehalten. Dabei kommt Lori ums Leben.
Da wird dann nicht drüber geredet. Eni hat eine Erinnerung, weiß aber noch richtig worum es geht.
Aer alle Geschwister haben das Gefühl, das etwas fehlt.
Erst als sie erwachsen ist stellt sie den Eltern Fragen.

Dann gibt es da noch einen guten Freund, den sie verliert.
Die Autorin hat einen perfekten einfühlsamen Schreibstil, mit dem sie uns Leser gekonnt durch diese Geschichte führt
Der Roman ist Lesenswert.
Einfach Klasse.
Profile Image for Marie On.
Author 1 book3 followers
July 9, 2026
Thüringen 1995

Lange dachte Leni, dass sie die Erstgeborene war, dicht gefolgt von Etgar, Alex, Josi und Kiki. Sie war acht, als sie hinter dem Haus einen Anhänger aus Glas mit facettiertem Schliff fand. Sie hielt ihn gegen die Sonne und sah das Bündel bunten Lichts. Da fiel ihr ein, wo sie das schon einmal gesehen hatte. Das war der Tag, an dem sie Lori verlor.

Als der schwere Holzbalken krachend unter ihr barst und sie auf dem Rücken liegen blieb, stürzten Etgar, Josi, Alex und Kiki wild durcheinanderschreiend in die Küche: „Leni!“ Keine dreißig Sekunden später lag Leni auf der Couch. Ihr Papa schob die Kinder raus, öffnete den Sanitätskoffer und nahm Instrumente heraus. Mit dem Skalpell schnitt er eine kleine Öffnung in die Zwischenrippenmuskeln, dort wo die eine Rippe das Lungenfell durchstoßen hatte.

Während er das machte, dachte Leni an Wäscheberge, die durch Mutters Hände nach Farben in Körbe sortiert wurden. Wie Mutter in der Sonne stand und die einzelnen Stücke an die Leinen hängte, zu ihren Füßen der letztgeborene Etgar. Er lauschte Mutters Stimme, die summte. Immer wieder hat sie Nachschub gebraucht für ihren hungrigen Mutterleib. Immer dann, wenn der Zauber der Hilflosigkeit und Bedürftigkeit verschwunden war.

Vorsichtig führte er das Heimlich-Ventil in den Spalt, der Druck im Brustkorb ließ nach und Leni flüsterte: „Danke Papa“. S. 13

Seit 1985 lebten sie in einem alten Bahnhofshaus, dessen Strecke 1945 stillgelegt wurde. Dazwischen hatten andere Leute dort gewohnt Asoziale, Schläger, Politische. Sie teilten die Aussicht auf beschwerliche Winter und den Blick auf die endlose Weite der Felder. Hier lebte man isoliert, ein Zufluchtsort für alle, die etwas auf dem Kerbholz hatten, wie ihre Eltern, die in Verdacht geraten waren.

Fazit: Die Journalistin und Autorin hat in ihrem zweiten fiktiven Roman eine Familiengeschichte erzählt. Sechs Kinder haben die Eltern bekommen, aber eine fehlt. Die Geschichte wird aus Sicht der Protagonistin Leni erzählt, die Zweitgeborene. Niemand sprich über Loris Verschwinden, doch nach und nach kommen Leni nebulöse Erinnerungen. Seit einer Kopfverletzung leidet sie an einer Konversionsstörung und weiß nicht, wie weit sie ihrer eigenen Wahrnehmung trauen kann. Sie erzählt sprunghaft und immer wieder tauchen Szenen ihrer Eltern wie Lichtblitze auf. Allmählich erfahre ich von einem unschönen Teil der Familiengeschichte. Lenis Vater hatte einen Ausreiseantrag gestellt und galt seitdem als republikflüchtig, weswegen die Stasi ein besonderes Augenmerk auf ihn richtete. Ein folgenschweres Unglück, hervorgerufen durch Staatsgewalt und eine Fehlentscheidung, führen zur Erpressbarkeit der Mutter. Die Geschichte ist so spannend wie besonders, weil sie sich erst nach und nach entblättert. Die Autorin findet eine ansprechende Stimme:

Zusammengepfercht saß die Ein-Tages-Gemeinde auf den harten, schmalen Kirchenbänken. Auch in der Spätmoderne sollte es der Gläubige nicht allzu bequem haben während seiner geistigen Versenkung. Er war noch immer schuldig, angewiesen auf Gottes Gnade. Ein gemütliches Sitzmöbel hätte dieses Gefälle konterkariert. S. 189

Ich fand die Geschichte zu Anfang etwas holprig, dann allmählich rund und verständlich und zum Ende richtiggehend bewegend. Ein gelungener DDR-Familienroman, den ich gerne empfehle.
Profile Image for Johanna Berger.
157 reviews7 followers
July 11, 2026
Leni wohnt am „Ende der Welt“, in einem alten, nicht mehr genutzten Bahnhof, zusammen mit ihren Eltern und fünf Geschwistern. Eine scheinbar verwunschene Welt irgendwo auf dem Land in Thüringen. Natürlich trügt die Bullerbü-Idylle. Die Eltern sind da nicht ganz freiwillig hingezogen. Kindheitsfotos vor der Bahnhofszeit existieren nicht. Der Vater sei auf einer langen Reise gewesen, wird ihr erzählt. Eine Zeitlang ist sie bei Verwandten untergebracht. Es gibt Träume, verschwommene Erinnerungen an ein Krankenhaus – und an Lori, die verschwundene ältere Schwester, über die nicht gesprochen wird. So, als habe sie nie existiert.
Die Erzählung setzt im Jahr 1995 ein. Leni ist ein Teenager. Sie ist gerade aus dem Gebälk einer Scheune tief gefallen, hat sich schwer verletzt. Die Narben, die sie von dem Sturz zurückbehält, sind allerdings nicht ihre einzigen. Besonders auffällig: die Narbe auf ihrem Schädeldach. Auch die Eltern haben merkwürdige „Schmisse in den Handinnenflächen“. Fragen werden abgewehrt. Niemand sagt etwas. Leni findet den Mutterpass ihrer Mutter. Sieben Kinder, nicht sechs sind verzeichnet. Leni fängt an zu graben.
Aus Schuld und Scham ist Verdrängung geworden, Schweigen. Die Mutter zieht sich zurück. Der Vater steuert das Familienleben. Schließlich ist er Rettungssanitäter „und zu Hause unser viel beschäftigter Erstversorger.“ Keines der Geschwister kommt ungeschoren davon.
Man kommt dieser Ich-Erzählerin nicht sehr nahe. Sie entzieht sich über weite Strecken, springt zwischen den Zeiten hin und her. In ihrer Geschichte klaffen große Lücken. Denn sie muss sich ihre Vergangenheit und die ihrer Eltern aus Bruchstücken zusammensetzen, die sie erst nach und nach in einem schmerzhaften Prozess zu verstehen beginnt: Viel DDR-Geschichte und -verstrickung. Es geht um die Macht und den Machtmissbrauch der staatlichen Organe, um persönliche Verantwortung und die Weitergabe eigener Verletzungen und Fehler.
Man beobachtet sie beim Aufwachsen, sieht, wie sie sich Annäherung entzieht, immer wieder flieht und verschließt.
Die Geschichte endet kurz vor einer großen Reise der längst erwachsenen Leni. Ob sie die auch antritt, bleibt offen.
Sie ist ein tief verletztes Wesen. Medikamente und Therapie haben ein nach außen hin beinahe normales Leben möglich gemacht.

Anousch Muellers Roman erinnert ein wenig an Lina Schwenks „Blinde Geister“, auch eine Befreiungsgeschichte vom Schweigen und vom elterlichen Trauma. Es wird allerdings deutlich weniger szenisch erzählt. Auch das Ende ist ambivalenter. Es scheint weniger von Optimismus getragen. Denn Leni muss sich wieder entscheiden, ob sie die Realität zulassen kann.

Man muss sich Lenis Leben beim Lesen selbst zusammensetzen und ist betroffen von so viel Schweigen und Traumatisierung. Zu viel für einen so kurzen Roman (205 Seiten).

Dreieinhalb Punkte.
22 reviews
July 9, 2026
Wenn Schweigen Generationen prägt

Im Mittelpunkt steht eine Familie, die mit dem schlimmsten Verlust leben muss, den Eltern erleben können.
Dabei erzählt Anousch Mueller nicht nur von einem einzelnen Schicksal, sondern davon, wie sich ein verdrängtes Trauma auf alle Familienmitglieder auswirkt, was Anousch Mueller unheimlich gut gelingt. Der Roman zeigt auf sehr glaubwürdige Weise, wie Schweigen und unverarbeitete Erlebnisse über Jahrzehnte hinweg das Leben und die Beziehungen innerhalb einer Familie prägen können.

Die Figuren wirken vielschichtig und authentisch. Die Mutter, die ständig ein neues Baby braucht, um ihre Liebe weitergeben zu können, der Vater, der verzweifelt versucht, den Schein einer heilen Familie aufrechtzuerhalten, und die sechs Kinder gehen sehr unterschiedlich mit dem Geschehen um. Gerade bei den Kindern, die teilweise keine Ahnung von dem großen Familiengeheimnis haben, werden die Auswirkungen des Schweigens sichtbar.

Auch der historische Hintergrund des Buches hat mir gefallen. Die Handlung spielt teilweise in Ostdeutschland zur Zeit der Wende und greift die gesellschaftlichen Veränderungen und Unsicherheiten dieser Zeit auf. Für meinen Geschmack hätte dieser Ost/West-Exkurs stellenweise etwas kürzer ausfallen dürfen, da er den Lesefluss gelegentlich unterbricht.

Der Schreibstil ist einfühlsam und atmosphärisch. Allerdings springt die Erzählung häufig zwischen verschiedenen Zeitebenen. Erinnerungen werden immer wieder ohne klare Kennzeichnung eingeflochten. Das macht das Buch zwar anspruchsvoller und manchmal etwas schwer zu lesen, gleichzeitig wirkt diese Erzählweise aber sehr authentisch, weil Erinnerungen und Traumata im echten Leben oft genauso unvermittelt auftauchen.

„Lori“ ist ein bewegender Roman über Verlust, Schuld, familiäre Dynamiken und die Macht des Schweigens. Wer sich für psychologisch tiefgehende Familiengeschichten interessiert und auch vor schweren Themen nicht zurückschreckt, sollte diesem Buch eine Chance geben. Mich hat vor allem beeindruckt, wie sensibel und realistisch Anousch Mueller die langfristigen Folgen eines Traumas beschreibt. Trotz kleiner Schwächen im Erzählfluss ist „Lori“ für mich ein absolut lesenswertes Buch.
787 reviews2 followers
July 11, 2026
Auf der Suche nach dem, was lange verborgen blieb
In dieser Familie gibt es Fragen, auf die niemand eine Antwort gibt. Leni wächst damit auf und merkt früh, dass manches nicht zusammenpasst. Erst viele Jahre später beginnt sie, den Spuren ihrer eigenen Geschichte zu folgen. Dabei stößt sie auf Ereignisse, die weit vor ihrer Kindheit liegen und bis heute das Leben ihrer Familie bestimmen.
Das Buch hat mich vor allem wegen seines Themas angesprochen. Familiengeheimnisse und die Zeit der DDR sind eine Mischung, die bei mir fast immer Interesse weckt. Nach und nach kommen neue Einzelheiten ans Licht. Dadurch wurde immer verständlicher, weshalb die Figuren so handeln und warum vieles über Jahre unausgesprochen geblieben ist.
Besonders gefallen hat mir, dass nicht sofort alle Antworten geliefert werden. Vieles fügt sich erst mit der Zeit zusammen. Das hat dafür gesorgt, dass die Neugier erhalten blieb und ich wissen wollte, wie sich alles entwickelt.
Je mehr Seiten vergingen, desto deutlicher wurde, wie eng die einzelnen Ereignisse miteinander verbunden sind. Immer wieder tauchen kleine Hinweise auf, die erst später ihren Platz finden. Gerade das hat den Reiz beim Lesen ausgemacht, weil nicht alles sofort erklärt wird.
Inhaltlich hat das Buch genau den Geschmack getroffen. Weniger leicht fiel dagegen der Zugang zu den Figuren. Durch die häufigen Wechsel zwischen den einzelnen Perspektiven blieb Leni für meinen Geschmack etwas auf Abstand. Dadurch war es nicht immer einfach, ihre Gedanken und Gefühle wirklich nachzuempfinden. Das hat meinen Lesefluss an einigen Stellen etwas gebremst, auch wenn die Geschichte selbst durchgehend interessant geblieben ist.
Bis zur letzten Seite blieb die Frage offen, wie sich alles auflösen wird. Genau das hat dafür gesorgt, dass das Interesse nicht nachgelassen hat. Auch wenn mich der Schreibstil nicht vollständig überzeugen konnte, wollte ich das Buch immer weiterlesen.
Für alle, die Familiengeschichten mit historischem Hintergrund mögen, ist dieses Buch auf jeden Fall einen Blick wert. Das Thema ist gut gewählt und die Idee dahinter hat mir gefallen. Beim Erzählen hätte ich mir etwas mehr Nähe zu den Figuren gewünscht. Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen und vergebe deshalb gute vier Sterne.
Profile Image for WildesKopfkino .
1,159 reviews10 followers
July 10, 2026
Manche Familien tragen ihre Geheimnisse nicht im Keller, sondern mitten durch das Wohnzimmer. Jeder spürt sie, niemand spricht darüber und irgendwann weiß keiner mehr, wo die Wahrheit endet und das Schweigen beginnt.

Leni wächst mit ihren fünf Geschwistern auf einem verlassenen Bahnhof in Thüringen auf. Das klingt zunächst fast romantisch. Ein bisschen Freiheit, ein bisschen Abenteuer und vermutlich ziemlich viele Möglichkeiten, den letzten Zug zu verpassen. Doch über dieser Familie liegt etwas Schweres. Da fehlt jemand. Lori. Die Schwester, über die kaum gesprochen wird und die auf dem Grund der Ostsee ruht.

Anousch Mueller erzählt diese Geschichte leise, aber verdammt eindringlich. Hier fliegen keine Geheimnisse mit lautem Knall aus dem Schrank. Sie sickern langsam durch jede Seite. Genau das hat mich gepackt. Man merkt früh, dass etwas nicht stimmt, kann es aber lange nicht richtig greifen. Dieses Gefühl sitzt beim Lesen ständig mit am Tisch und trinkt ungefragt den Kaffee leer.

Besonders stark fand ich, wie Schuld, Verlust und Verdrängung nicht nur einzelne Menschen treffen. Das Schweigen zieht sich durch die ganze Familie und landet schließlich bei den Kindern, obwohl sie mit den ursprünglichen Ereignissen gar nichts zu tun hatten. Die Vergangenheit benimmt sich eben manchmal wie unangemeldeter Besuch. Sie geht einfach nicht wieder.

An einigen Stellen musste ich aufmerksam bleiben, weil Erinnerungen, Zeiten und Gedanken ineinanderfließen. Manches hätte für mich etwas mehr Raum bekommen dürfen. Trotzdem entwickelt der Roman eine enorme emotionale Kraft. Leni sucht nicht nach einer hübschen Erklärung, sondern nach einer Wahrheit, mit der sie irgendwie weiterleben kann.

Lori ist kein gemütlicher Familienroman für nebenbei. Das Buch tut weh, bleibt leise im Kopf hängen und erinnert daran, dass ausgesprochene Wahrheiten schmerzen können. Verschweigen macht sie allerdings auch nicht kleiner.
77 reviews4 followers
Review of advance copy
July 1, 2026
Leerstellen

Die in Thüringen geborene Autorin Anousch Mueller entwirft einen mitreißenden Familienroman rund um die Leerstelle in einer Familie. Die Ich-Erzählerin Leni ist 1979 geboren und hat fünf jüngere Geschwister, trotzdem stocken die Eltern und sprechen nie den Satz aus „Dies ist unsere älteste Tochter, Leni.“ Leni spürt schon früh, dass eine Person in der Familie fehlt und dass sie eventuell gar nicht das älteste Kind ihrer Eltern ist. Nur schweigen sich diese über die Vergangenheit aus. Leni begibt sich als junge Frau, der die Leerstelle zunehmend zur seelischen Belastung wird, auf Spurensuche tief hinein in die DDR-Vergangenheit ihrer Eltern. Wir begleiten sie dabei und decken mit ihr zusammen nach und nach das Familiengeheimnis um das verschwundene siebte Kind und bekommen dabei zusätzlich ein eindrückliches und authentisches Bild des Alltags und der Besonderheiten von Menschenleben in der sozialistischen Diktatur der DDR.

Die Autorin entspinnt ihren Plot nicht nur um eine Leerstelle herum, sondern arbeitet auch sprachlich immer wieder mit Leerstellen. So ist dieser umfassende Familienroman auf 205 Seiten heruntergebrochen. Hier ist kein einziges Wort zu viel und es bleiben Leerstellen, die nicht auserzählt werden. Und gerade das macht diesen Roman so bemerkenswert. Mueller beschränkt sich auf das Wesentliche, kommt zum Punkt und lässt genau dadurch einen enormen Sog entstehen. Mit pointierten Beschreibungen, die die Fantasie der Lesenden nur antippen, erschafft sie im Kopfkino eine ganze Welt vom Leben in diesem nicht mehr existierenden Staat mit seinen Vorzügen und Nachteilen.

Meines Erachtens handelt es sich hier um einen großartigen Roman, der mit reduzierten Mitteln unglaublich viel Tiefe schafft. Ich bin restlos begeistert und möchte die Lektüre von „Lori“ uneingeschränkt empfehlen.

5/5 Sterne
Profile Image for Dexter.
195 reviews11 followers
July 9, 2026
Wunderschön und tragisch-komisch.

Die Ich-Erzählerin Helena nimmt uns mit bei der Aufarbeitung eines Familien-Traumas, das Eltern und Kinder bzw. Geschwister gleichermaßen prägt. Helena, vielleicht, neben den Eltern am meisten. Aus einer Ahnung wird auf den knapp 200 Seiten und einem wilden Ritt durch die DDR-Geschichte bis in die Gegenwart Wirklichkeit. Und nebenbei? Passiert das Leben.

Bücher sind mir so heilig, dass ich nie etwas in ihnen markieren würde, aber auch der 2. Roman von Anousch Mueller ist voller Sätze, für die allein sich schon das Lesen der (leider viel zu kurzen) Geschichte lohnt.

Zwei Beispiele:

Helenas Mutter entgeht nur knapp einem schrecklichen Unfall. Und dann heißt es: "Wo hatte sie die drei Minuten, die ihr das Leben retteten, verbummelt? Es waren die drei Minuten, die sie immer zu spät kam. Die so schambesetzt waren. Die verurteilenden Blicke, wenn sie verspätet den Klassenraum betrat, das Amt, den Arzt, den Friseur, das Textilkombinat. Wollte sie verreisen, so kam sie immer abgehetzt zum Bahnsteig. Ich renne meinem Leben hinterher, dachte sie. Ich habe eine andere Taktung. Ich komme sogar zu einer Katastrophe zu spät."

Etwa 100 Seiten später geht es irgendwie wieder um Katastrophen (und vielleicht merke ich mir diese Textpassagen deshalb am liebsten). Helena ist kurz davor zu verreisen, fühlt aber eine starke Unruhe in sich, der sie Herrin werden will. "Ich setze mich auf die Couch, atme durch und versuche loszulassen. Dieses Abenteuer ist ohnehin nicht beherrschbar. Was soll schon passieren? Es ist doch schon alles passiert."

Ich finde diesen Roman so stark, berührend und geschliffen. Jedes Wort sitzt. Den 5. Stern hebe ich mir für Roman 3 auf, der hoffentlich nicht so lang auf sich warten lässt wie "Lori".
11 reviews
July 26, 2026
Was niemand sagt

Manche Bücher brauchen 500 Seiten, um einem ans Herz zu wachsen und dort für lange Zeit zu bleiben, Anousch Mueller schafft das mit knapp 200 und genau das macht „Lori” so eindringlich.
Die Geschichte spielt auf einem verlassenen Bahnhof in Thüringen. Leni wächst dort mit fünf Geschwistern auf, in einer Familie, die sich anfühlt wie ein Haus mit zugezogenen Vorhängen: Man spürt, dass drinnen etwas nicht stimmt, kommt aber nicht rein. Die Mutter ist auf eine kühle Art abwesend, der Vater trägt eine Sorge mit sich herum, die nie einen Namen bekommt. Narben an den Händen der Eltern, ein Gedächtnis, das aussetzt, wo es nicht sollte und Leni ahnt früh, dass ihre Familie ein Geheimnis mit sich herumträgt. Als sie als junge Frau den Mutterpass ihrer Mutter findet, beginnt sie zu graben. Im Zentrum dieser Suche steht ihre Schwester Lori, von der niemand spricht, und die Frage, was mit ihr geschah. Die Antwort führt zurück in die frühen Siebziger der DDR.
Was mich an dem Roman gepackt hat, ist nicht die Enthüllung selbst. Dass ein Familiengeheimnis am Ende ans Licht kommt, ist man aus deutscher Gegenwartsliteratur ja fast schon gewohnt, das ist streckenweise regelrecht Genre-Standard. Was Mueller besser macht als viele andere ist die Sprache. Kein Wort zu viel, keine erklärende Attitüde, die einem die Gefühle vorkaut. Stattdessen Andeutungen, Zeitsprünge, eine Erzählerin, der ständig kleine Unfälle passieren, Flashbacks, die sie aus dem Alltag reißen, man spürt das transgenerationale Trauma körperlich mit, bevor man es überhaupt benennen kann.
Kein autofiktionaler Roman, auch wenn das Cover mit einem verschwommenen Kindheitsfoto der Autorin spielt, jedoch die Orte sind real, das merkt man dem Text an. Wer stille, präzise Familienromane mag, bei denen das Unausgesprochene lauter ist als jeder Dialog, ist hier goldrichtig.
Profile Image for a sky full of pages .
171 reviews
July 9, 2026
Verlust.
Trauma.
Dissoziation. 📚

Dieses Buch hat mich wirklich tief berührt. Mir ist in letzter Zeit bei einigen Büchern aufgefallen, wie sehr Familiengeheimnisse das Leben von Menschen beeinflussen können und zwar oft über Generationen hinweg. Auch in dieser Geschichte wird deutlich, dass das, was verschwiegen wird, nicht einfach verschwindet. Es ist immer da, schwelt unter der Oberfläche und macht etwas mit den Beziehungen, auch wenn niemand darüber spricht.

Der Umgang mit dem Thema Trauma hat mich sehr überzeugt! Da ich selbst ein Trauma erlebt und mich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt habe, weiß ich, wie unterschiedlich und manchmal auch widersprüchlich Menschen darauf reagieren können. Ich konnte viele Reaktionen der Charaktere gut nachvollziehen. Für mich haben sie sich authentisch, ehrlich und glaubwürdig angefühlt.

Für mich ist es eine Geschichte, die zeigt, wie sich Familiengeheimnisse und Traumata auf das Leben von Menschen auswirken können und wie prägend die Vergangenheit für das eigene Leben sein kann.

Ich kann dieses Buch von Herzen allen empfehlen, die zarte, berührende Geschichten mit Tiefgang mögen.


Vielen Dank an C.H.Beck und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon selbstverständlich unbeeinflusst.
Profile Image for Christiane Fischer.
591 reviews8 followers
July 9, 2026
LORI
Anousch Mueller
ET: 09.07.25

Thüringen, 1995:
Leni wächst gemeinsam mit ihren fünf Geschwistern an einem verlassenen Bahnhof auf. Sie ist die Älteste der Geschwister. Eines Tages findet sie einen bunten Glasanhänger – und mit ihm kehren verdrängte Erinnerungen zurück. Erinnerungen an Lori, ihre große Schwester. Doch warum wurde Lori von den Eltern totgeschwiegen? Warum gibt es keine Fotos von ihr? Auf der Suche nach Antworten stößt Leni auf eine Familiengeschichte, deren Wurzeln bis in die DDR zurückreichen.

Anousch Mueller ist mit „LORI“ ein eindringliches Familienporträt gelungen. Eindrucksvoll zeigt sie, wie Unausgesprochenes, Herkunft sowie das soziale und politische Umfeld das Leben einer Familie über Generationen hinweg prägen.

Besonders gut gefallen haben mir das atmosphärische Setting, die gelungenen Rückblenden, die trotz der Zeitsprünge nie verwirrend waren, sowie der spannende Plot. Lediglich im Mittelteil hatte die Geschichte für mich eine kleine Länge.

Fazit:
Ein berührender und authentischer Roman darüber, wie politische Systeme tiefe Spuren in Familien hinterlassen und Generationen beeinflussen können.
4½/5
1,416 reviews5 followers
Review of advance copy
June 24, 2026
Der Klappentext hat mich schon sehr neugierig gemacht was wohl mit dem Mädchen Lori passiert sein mag. Obwohl das Buch den Titel "Lori" trägt, geht es aber eigentlich nur am Rand um das Mädchen selbst, vielmehr ist dieser Roman eine Geschichte um Geheimnisse; Familie, Verlust und was so ein Geheimnis mit einer ganzen Familie machen kann.

Der Schreibstil ist durchaus als gehoben und anspruchsvoll zu nennen, man muss sich während der Lektüre konzentrieren, das Buch hat mehrere Zeitsprünge und es steckt einiges zwischen den Zeilen.

Das Buch dreht sich ein Stückweit auch um das Leben in der DDR; es wird einem ein gutes Bild von diesem Staat und den Menschen gegeben.

Einige Passagen im Buch waren so gelungen erzählt, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte zu lesen, andere aber waren für mich weniger interessant und haben sich doch ein wenig in die Länge gezogen.

Die Geschichte an sich ist auf jeden Fall lesenswert und hat mir soweit gut gefallen, auch wenn ich mit einem "größeren " Geheimniss rund um Lori gerechnet hatte.
Profile Image for lesemadi.
34 reviews
Review of advance copy
June 18, 2026
Mit „Lori“ hat Anousch Mueller ein packendes und sprachlich starkes Werk geschaffen, das persönliche Schicksale geschickt mit historischem Hintergrund verknüpft. Im Mittelpunkt steht das Leben der Erzählerin, welches untrennbar mit den gesellschaftlichen und politischen Realitäten der DDR verbunden ist. Das Buch beleuchtet eindringlich, wie schwerwiegend die Auswirkungen von Tabus, Lügen und unterdrückten Tatsachen innerhalb einer Familie sein können. Solche Altlasten ziehen sich oft wie ein roter Faden durch mehrere Generationen und beeinflussen das Verhalten sowie die Lebensentscheidungen der Nachkommen, ohne dass diesen die Ursache immer bewusst ist. Der Autorin gelingt es hierbei, diese komplizierten Bindungen sehr feinfühlig und verständlich aufzudröseln. Entstanden ist ein tiefgründiges und emotionales Buch, das als Generationenportrait ebenso funktioniert wie als zeitgeschichtlicher Rückblick und das Publikum mit vielen Denkanstößen entlässt.
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