Gerade hat Maik Kleine seinen väterlichen Freund, den exzentrischen Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, mit viel Pomp zu dessen letzter Ruhestätte begleitet, da tauchen verstörende Meldungen über eine angebliche Stasi-Vergangenheit des Toten auf. Zusammen mit Szymbo, dem Kapellmeister, und Albina, der schwebenden Jungfrau, begibt Maik sich auf eine abenteuerliche Spurensuche – nicht ahnend, dass er sich nun auch seiner eigenen Familiengeschichte stellen muss: der Wahrheit über die schreckliche Tragödie, die in jener eisigen Winternacht 1978/79 in Leipzig seine beiden Geschwister das Leben und seine Mutter die Freiheit kostete.
Ein lebenspraller, von unbändiger Erzähllust getriebener Roman, der uns vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Vergangenheit in Welten entführt, die unterschiedlicher kaum sein können: vom Jesuitenkolleg in die Zirkusmanege, vom Heidelberger Apothekenmuseum in eine Stasi-Giftküche in Leipzig, vom Fünfsternehotel in einen Budapester Hinterhof. Großherzig, unterhaltsam und raffiniert!
Geboren wurde ich 1957 in Lenhausen, einem Dorf im westfälischen Sauerland. Nach dem Abitur 1976 am Rivius-Gymnasium in Attendorn studierte ich an der Wilhelms-Universität in Münster Germanistik und Katholische Theologie. Nach der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt der Sekundarstufe II unterrichtete ich bis 1985 junge Bergleute im Ruhrgebiet in den Fächern Deutsch, Religion und Politik. (www.rolfbauerdick.de)
Maik Kleines normales Leben in Leipzig endet jäh als in der Silvesternacht 1979 seine beiden Geschwister ums Leben kommen. Ein Brand wird zum tragischen Unglück, da das Löschwasser der Feuerwehr im Jahrhundertwinter gefroren ist und niemand das Feuer, das anscheinend von Maiks Mutter Freya ausgelöst wurde, stoppen kann. Daraufhin muss Maik zu seiner Tante Vera ins westliche Heidelberg, doch auch dort findet er keinen langen Frieden und heuert schließlich als Mädchen für alles beim Zirkus an. Einige Jahre zieht er mit Alberto Bellmonti und seiner Truppe durch die Welt bis sich mit dem Fall der Mauer auch der Zirkus auflöst. 2007, beim Begräbnis Bellmontis, das ausgerechnet auf dem Berliner Sozialistenfriedhof in Friedrichsfelde stattfindet, sieht er seine alten Kollegin Albina und Piotr wieder und begibt sich gemeinsam mit ihnen auf die Spuren von Bellmontis Vergangenheit in der DDR ...
Wie man an der langen Inhaltsangabe (die bei weitem noch nicht alles umfasst, was eigentlich vorausgeschickt werden müsste) merkt, braucht Pakete an Frau Blech eine gewisse Anlaufzeit (circa bis zur Hälfte des Buches), um die Story ins Laufen zu bringen. Rolf Bauerdick verwebt dabei zwei Erzählstränge: Maiks jugendliches Ich und das des mittlerweile 42-jährigens berichten eine Art Entwicklungsgeschichte des Jungens zum Mann, in deren Mittelpunkt eigentlich noch eine Kriminalhandlung steht. Letztere erschließt sich für den Protagonisten wie Leser allerdings erst gegen Ende, was ein bisschen schade ist, da die Verknüpfung der Themen DDR, Zirkus, Illusionskunst, Spionage und Staatssicherheit besonders spannend ist und – mal wieder für mich als Österreicherin – sehr viel neues Wissen barg.
Wer dieses Buch in den Händen hält, ist sich seiner Wirkung anfangs keineswegs bewusst. Rolf Bauerdick hat mit „Pakete an Frau Blech“ ein wunderbares Buch geschaffen, welches einen Ehrenplatz in jedem Bücherregal verdient. Ja, schon klar. Das klingt ein wenig dick aufgetragen, aber „Pakete an Frau Blech“ zog mich in seinen Bann und entlässt mich bis heute kaum. Sowohl aus literarischer Sicht, als auch aus historischem und narrativem Blickwinkel ist dieses Buch einfach nur großartig. Mein Kompliment. Hier werden Geschichte und Erzählstil auf eine Art und Weise vereint, die den Leser – in diesem Falle mich - einfach nur bezaubert.
Maik ist in der DDR aufgewachsen, im einzig gerechten sozialistischen Staat. Nicht in diesem kapitalistischen Lügenland namens BRD. So zumindest wird es ihm seit Kindesbeinen an erzählt. Als Maik 14 Jahre alt ist, geschieht ein tragischer Unfall und er muss zu seiner Tante nach Heidelberg – in den Westen. Einem anfänglichen Misstrauen weicht die Realität. Doch auch im Westen geschehen Dinge, die Maiks Leben schneller ändern, als ihm lieb ist. Er macht seinen Weg – und der führt ihn in den Zirkus. Er arbeitet als Junge für alles und kämpft sich bis zur rechten Hand des Direktors: Albert Bellmann. Mit diesem Menschen beginnt eigentlich die Geschichte. Oder besser, mit dem Tod des großen Zirkusdirektor Alberto Bellmonti. Maik ist gezwungen sich mit Hilfe seiner alten Zirkusfreunde Szymbo und Albina seiner Vergangenheit zu stellen und muss den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Illusion begreifen. Welches Vermächtnis hat sein Ziehvater ihm hinterlassen? Was hat seine Mutter im Winter 1979 wirklich erlebt? Und wer war seine Tante, Vera Blech?
Die Handlung von „Pakete an Frau Blech“ zusammenzufassen ist eine recht komplizierte Angelegenheit. Die Story verläuft keinesfalls so chronologisch, wie ich es gerade darstelle. Bis zur Mitte des Buches springen die Kapitel in ihrer Zeit. Eines handelt immer von der Gegenwart (2007), während das Folgende sich mit den Jahren ab 1979 beschäftigt. Natürlich laufen beide Handlungsstränge irgendwann ineinander. Insgesamt muss man sagen, dass Rolf Bauerdick sehr viele verschiedene Handlungsstränge eröffnet, die am Ende erst alle zusammenlaufen. Es gibt Geheimnisse über Geheimnisse und unaufgeklärte Ereignisse, die alle nur darauf warten endlich enthüllt zu werden. Die Themenbereiche sind vor allem das Leben in der DDR, das Stasisystem, Manipulation, Freundschaft, der Zirkus und natürlich auch die Illusion.
Das besondere Highlight ist hierbei der Erzählstil. Der Autor beschreibt so lebendig und bildreich, dass man alles um sich herum vergisst. Obwohl das Buch recht dick ist und man bei diesen ernsten Themen vielleicht davor zurückschreckt es zu lesen: Es lohnt sich! Der Stil ist nicht kompliziert, aber unglaublich schön. Man kann diesen Roman einfach nur genießen! Auch die Figuren sind wirklich gut gelungen. Die wenigsten von ihnen sind greifbar, denn irgendwie sind diese ganzen Zirkusidentitäten doch etwas abstrus. Allerdings will der Autor auch gar keine Figuren zu Identifikationszwecken schaffen, denn sonst wäre doch die Illusion dahin. Maik ist ein erwachsener, vernünftiger, etwas schüchterner Mann. Szymbo ist ein polnischer Passionsmusiker und Albina die unnahbare russische Schönheit. Neben diesen drei Hauptfiguren spielen aber noch andere Menschen eine wichtige Rolle und besonders die Nebenfiguren, wie etwa Pater Loenard oder der Gegenspieler (Namen werden hier nicht genannt) bilden die Sympathieträger.
Für mich als Geschichtsstudentin (, die im Abi auch noch das Thema DDR hatte) war dieses Buch bereits ein Lesehöhepunkt des Jahres. Lasst euch in die Vergangenheit entführen und findet heraus, was die Stasi und der Zirkus gemeinsam haben. Große Leseempfehlung meinerseits: 5 Sterne!
"Doch ich hatte kein Glück. Zu überleben und übrig zu bleiben , was soll das für ein Glück sein?"
Maik Kleine, einst Beleuchter im Zirkus Bellmonti, kehrt dorthin zurück, wo seine Karriere begann. Doch nichts ist mehr wie es war, denn sein Zusammentreffen mit den ehemaligen Kollegin, Kapellmeister Szymbo und Albina, der schwebenden Jungfrau, hat einen eher unerfreulichen Anlass. Die Beerdigung des großen Zirkusdirektors Alberto Bellmonti, der ihnen allen Zuflucht und Zuhause gewährte, wird für Maik Kleine unerwartet zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, in der er, der Geschwister an ein Feuer und die Mutter an die Monster des Teufels verlor, ganz heimlich und ohne es zu merken, Opfer von Manipulation und Machtmissbrauchs seiner Heimat der Deutschen Demokratischen Republik wurde.
"Vera lachte höhnisch. 'Die Staatssicherheit war immer schon Meisterschüler im Lügen, Tricksen und Täuschen. Höchst effizient. Mit dem Freikauf politischer Häftlinge fuhr die DDR eine doppelte Strategie. Sie wurde ihre unbequemsten Bürger los und kassierte gleichzeitig harte Devisen. Verkauft haben sie diesen Menschenhandel als humanitäre Maßnahme, finanziert jedoch wird damit ein teuflisches System.'"
Die Spurensuche nach Bellmontis Stasi-Vergangenheit, von der im Klappentext des Romans die Rede ist, die mich überhaupt erst neugierig auf Bauerdicks neustes Werk gemacht hat, beginnt erst recht spät in der Geschichte. Meine Erwartung wird daher nicht erfüllt und dennoch bin ich alles andere als enttäuscht. Denn so bleibt Zeit Maik Kleine kennen zu lernen. Den Maik Kleine, der er jetzt ist, und den Maik Kleine, der er einst war. Sein Lebensweg, von Kindesbeinen an, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt, fügt sich Kapitel für Kapitel zusammen. Ein interessanter Weg, auf dem Maik viel hinnehmen muss. Handlungsschritte, die dem Leser wie Schicksalsschläge erscheinen und doch in irgendeiner Form auf den Ränkespielen der Machtinhaber der deutschen demokratischen Republik basieren.
"Ich begriff wie Ranke operierte. Um Menschen unter seine Kontrolle zu bringen, kippte er sie aus iher Balance. Er weckte in ihnen düstere Bilder. Mit seinem zersetzenden Mitgefühl."
"Pakete an Frau Blech" ist für mich nicht nur eine sehr interessante Familiengeschichte voller Hohn und Tragik, die einen Menschen mit Charakter hervorgebracht hat, der auf seine Art und Weise immer wieder wie der Phönix aus der Asche entstiegen bzw. dieser im Gegensatz zu anderen Weggefährten gar gleich entkommen konnte, sondern ein spannender Einblick in Machtmissbrauch und Manipulation einer realsozialistischen Diktatur. Politische Machenschaften, die mir möglicherweise aufgrund meines Alters, in dieser Form nicht bewusst waren. Die Beschreibung, dass es sich in "Pakete an Frau Blech" um eine Ausführung historischer Begebenheit der Politik eines Deutschlands handelt, wie ich es nicht mehr kenne, lassen vielleicht stutzig werden, ob 416 Seiten zu diesem Thema nicht etliche zuviel sind, der Faden und das Interesse verloren gehen könnten. Dies ist überhaupt nicht der Fall, denn Bauerdick hat ein gut strukturiertes Konzept in dem sich die Familiengeschichte Maik Kleines als roter Faden durch die Informationen zum Zeitgeschehen ziehen und mit vielen überraschenden Wendungen und unvorhergesehenen Handlungen zu einem Roman zusammenfügen, der einem Spionagekrimi an Spannung definitiv das Wasser reichen kann.
Ein Trauerzug zieht durch Berlin, wie man ihn vermutlich nur selten gesehen hat: vorweg eine professionelle Marching Band aus New Orleans mit Posaunen, Trommeln und Tuba, gefolgt von einem Elefanten, auf dem ein falscher Maharadscha thront, der die Urne mit der Asche des verstorbenen, ehemaligen Zirkusdirektors und Magiers Bellmonti in Händen hält und immer wieder emporreckt. Eskortiert wird das Ganze von sechs schwarzen Motorrädern, die von einer ukrainischen Artistengruppe gefahren werden. Dahinter folgen die Trauergäste, die zum Teil ein ebensolch schräges und farbenprächtiges Bild abgeben, aber auch Gäste wie Maik Kleine, der sich rein äusserlich in Nichts von der durchschnittlichen Bevölkerung unterscheiden würde. Doch auch er stand dem Toten nahe, in dessen Zirkus er einige Jahre lebte und arbeitete. Als kurz nach der Beerdigung bekannt wird, dass Bellmonti ein Stasiagent gewesen sein soll, kann Maik dies ebenso wenig glauben wie zwei seiner Freunde und ehemalige Wegbegleiter. Gemeinsam versuchen sie, die Wahrheit herauszufinden, doch dabei wird deutlich, dass Maiks Vergangenheit keine unwichtige Rolle dabei spielt.
Fast genauso schrägschrill wie der Beginn ist das ganze Buch. Es geht um den Teufel, Mord(?), die Stasi, unterdrückte Gefühle und Geheimnisse noch und nöcher. In zwei Erzählsträngen nähert man sich der Rätsel Lösungen, doch bevor auch nur ansatzweise etwas Licht ins Dunkel kommt, wird erst einmal für vollständige Verwirrung gesorgt. Einmal wird Maiks Vergangenheit dargestellt, beginnend mit dem Unglück das ihn aus der DDR 1979 in den Westen brachte. Parallel dazu versuchen Maik und seine Freunde, die Stasi-Vorwürfe gegen Bellmonti zu entkräften. Das ist Beides gut und spannend erzählt, doch ich habe mich bestimmt bis zur Hälfte des Buches immer wieder gefragt: Wie kann das nur miteinander zusammenhängen??? Was den Unterhaltungswert der Lektüre aber nicht mindert, bei der man nicht nur viel aus der DDR erfährt sondern auch aus dem Zirkusleben, zumindest dem magischen Teil. Lediglich das Ende fiel mir etwas zu glatt aus. Alles löst sich, die Unklarheiten sind beseitigt und so gut wie Alle sind glücklich. Nichts gegen ein Happyend, aber hier gab es zu viele Fragen die noch offen waren und praktisch mit einem Fingerschnipp beantwortet wurden - das ging mir zu reibungslos. Dennoch: es ist eine lesenswerte, unterhaltsame und spannende Lektüre - mir hat es Spaß gemacht.
Nach einer Familientragödie wird Maik als Kind in den 70er Jahren aus der DDR zu seiner Tante in den Westen geschickt. Er landet schließlich bei einem Zirkus und trifft in der Gegenwart alte Bekannte dieser Zeit wieder, die im helfen, die Verstrickungen der Vergangenheit zu entschlüsseln. Mit viel Detailtreue wird das Leben in der DDR geschildert. Und auch wenn das Zirkusleben einen krassen Kontrast dazu bildet, entdecken wir Parallelen von zwei Scheinwelten, deren Fassaden bei genauerer Betrachtung zu bröckeln beginnen. Sprachlich ansprechend, legt der Autor vor uns ein Puzzle, dessen Teile sich am Ende zu einem faszinierenden Ganzen zusammenfügen. Dieser Roman ist bunt, verrückt, mysteriös, traurig und lustig - eine wunderbare Mischung!