Wir sind alle auf der Suche nach der "großen Liebe". Aber gibt es sie überhaupt, und woher wissen wir es, wenn wir dem "Richtigen" begegnen? Am Anfang dieser Liebesgeschichte zweifelt der Erzähler grundsätzlich an seiner Fähigkeit zu lieben, doch dann begegnet er dem Mann, auf den er solange gewartet hat. Der Tanz einer beginnenden Beziehung bahnt sich an: Verliebtheit, Sex, Sehnsucht nach Nähe, Zukunftspläne. Die ersten Konflikte, ein gemeinsamer Urlaub und ein Tauziehen widersprüchlicher Gefühle. Peter Hofmann ist mit Berlinsolo ein Roman-Debüt gelungen, das präzise und filigran das Lebensgefühl der schwulen Generation beschreibt, die nicht mehr jung, aber längst noch nicht alt ist, einer Generation, in der emotionaler Realismus herrscht, aber dennoch - oder gerade deswegen - die Sehnsucht nach Geborgenheit immer größer wird.
Ein Berliner Frühling zwischen dem Tod von Lady Di und der Einführung des Euros, wohl 1999. Ein im Journalismus arbeitender Mittdreißiger versucht, nach drei Monaten Dauer, den Zerfall seiner Liebesbeziehung zu verstehen.
Weder der Ich-Erzähler noch sein ihm abhanden gekommener Liebhaber, ebenfalls Journalist, paar Jahre älter, erkennbar unreflektierter im schwulen Verhalten, werden jemals bei ihren Namen genannt. Sie lernen sich kennen über eine Verabredung im Internet, fahren nach einem Vierteljahr gemeinsam nach Israel, geplant waren zwei Wochen. Aber wegen unerklärter Gefühlskälte bricht der Erzähler den Urlaub ab, kehrt nach Deutschland zurück und versucht dort solo, bevor die Woche zu Ende geht, die Frage zu klären, ob er seinen Mann überhaupt noch vom Flughafen abholen will. Das Buch springt oft zwischen den Zeitebenen hin und her, was erst einmal irritiert, mit der Zeit aber nicht mehr problematisch wirkt.
Ich empfand dieses Buch eher wie eine ausgewalzte Novelle, weniger als einen Roman. Für immerhin gut 200 Seiten Roman steckt da zu wenig Gehalt drin. Es fehlt was. Peter Hofmann versorgt uns statt des harten Stoffs ziemlich oft nur mit Zeit- und Platz-Schinden: reichlich viel wörtliche Rede, zu oft das musikalische Leitmotiv, das sich durch den Text zieht, „unser Lied“ also, das ist noch mal die Knef, die anfangs des Jahrhunderts gerade in war. Dazu noch etliche, journalistisch überzeugende, aber literarisch unnötige Details zur Atmosphäre der Städte Berlin und Tel Aviv.
Schreiben kann der Radi0-Mann Peter Hofmann (der mittlerweile nur noch Radio macht) natürlich ziemlich gut, aber Künstler des Schreibens ist er deswegen auch wieder nicht. So geht er mit der kleinbürgerlichen DDR-Herkunft seines Erzählers zwar souverän und distanziert um, kann sich aber weder dazu entschließen, diesen Hintergrund irgendwie prägend für die Handlung noch sich selbst zum im Erzähler gespiegelten Ich zu machen. Kurz gesagt: Sowohl der Erzähler wie aber auch dessen mysteriös um seine Liebe gekommene Beziehungspartner werden oft geschont und behandelt wie fremde Menschen in den Medien, nicht wie literarische Protagonisten. Komisch, aber sehr oft scheint des Autors größeres Interesse an sich eher unbedeutenden Nebenfiguren zu gelten. Besonders den beiden Frauen, Maria, der Berliner Busenfreundin des Erzählers, und Lara, der Deutschen in Tel Aviv.
Es gibt schon mal ein langes und ziemlich fesselndes Kapitel über die Sexerlebnisse des Erzählers mit ihm nicht ganz unbekannten Partnern in den Dark Rooms von Ledertreffs. Die angeblich so bedeutende Liebe („nach sechs Jahren doch noch mal!“) kann den Verdacht der eifersüchtigen Freundinnen aber nicht zerstreuen, es handele sich vielleicht nur um den x-ten Aufguss eines gängigen schwulen Musters: heute den Superkerl entdecken, sich übermorgen gelangweilt, genervt von ihm abwenden. Eine in Jahrzehnten vertretene, auch von Hofmann in diesem Werk nicht widerlegte Binsenweisheit lautete: Schwule gieren nach der monogamen Dauer mit viel Zärtlichkeit, Geduld und Verantwortung, sind dazu aber einfach nicht fähig, sondern ewige Jäger und Abenteurer.
Die schönen Momente, an die wir uns erinnern dürfen, während wir auf den im Urlaub abhanden Gekommenen warten, sehen so aus: nette Abendessen, stundenlanges Händchenhalten im schwulen Café und im Kino, ein Wochenende in einem von Schwulen geführten Kloster-Hotel, innige Blicke und Bemerkungen wie „Na du?“, „Mein Schöner“ oder „Darf ich das behalten?“, gemünzt auf den anderen Mann. Na jaah! Wäre ich Heiratsschwindler, würde ich mein Herz so vorführen.
Man versteht, warum Hofmann die längste Zeit verweigert, dass der kühle Freund was Substanzielles sich jemals entschlüpfen lässt. Das soll die Spannung im Buch ausmachen, die Frage, ist der Erzähler - innerlich - längst verlassen worden oder nicht – und wenn ja, wieso eigentlich.
Müsste so ein Roman, neben all dem Händchenhalten zwischen Ledermann und Anzugmensch, nicht auch noch in den anderen Liebenden hineinschauen und wenigstens ansatzweise erklären, was der so toll am Erzähler findet oder gefunden hatte? Ein Liebesroman, dem wir nicht glauben, dass wirklich beide lieben, ist keiner. Nun könnte es noch eine „Carmen“- bzw. Eifersuchtsgeschichte werden. Dafür müsste sie dann irgendwann auch mal dramatisch zugespitzt werden.
Ohne jeden Anspruch auf Gültigkeit und mit dem deutlichen Hinweis, dass dieses im Buch nicht drinnen steht, wage ich eine kleine Geschichte zur Erklärung der Geschichte des Romans: Der Freund hat Lara in Israel schon öfter besucht. Einmal hat er dabei jenen anderen Mann kennen gelernt, dem er, das wird in Hofmanns Geschichte erwähnt, innerlich noch immer nachtrauert. Jetzt sieht Lara zum ersten Mal den neuen Berliner, den Erzähler. Wie sie ihn findet, das erörtert sie heimlich mit ihrem schwulen Vertrauten. Dass die beiden sich vor dem Erzähler dauernd verschließen, steht im Buch. In meiner Geschichte sagt Lara zum Freund: „Ach, merkst du das überhaupt nicht! Du hängst dich immer wieder an dieselbe Sorte. Der sieht doch ziemlich so aus und ist mehr oder weniger so wie der N.N., nur mit entschieden weniger Klasse.“ Dass sie, als gealterter Single, im Grunde eifersüchtig ist, steht auch im Buch. Ohne darüber nur eine Minute mit dem Geliebten zu sprechen, gibt der Anzugmann ihr innerlich Recht. Seine Distanz wird sofort sichtbar, indem er und Lara den Erzähler wie eine Last behandeln, ihn also zurück ins Berliner Solo treiben.
Jemand sagte einst: „Wir Schwule verlieben uns fast nie in den Menschen, sondern meistens zuerst in die Projektion von etwas, was wir schon das ganze Leben in uns herumtragen.“ Über so etwas könnte man Romane schreiben. Man müsste es nur wollen. Peter Hofmann hat was Anderes gewollt.