Aufbrüche und Abschiede auf Eagle Island – warum der Blick zurück die Wunden unseres Lebens heilt
»Mit 72 Jahren beschloss Julie Cooper zum zweiten Mal in ihrem Leben, dass es an der Zeit sei, der Einsamkeit in den Hintern zu treten. Es war ein klarer Frühlingstag, ein Montag, ihr Mann Nat war seit vier Jahren tot, ihre beste und einzige Freundin Ann seit sechs Monaten. Das Meer war vom Fenster ihres Wohnzimmers aus sichtbar. Weiße Schaumkronen saßen auf den Wellen, die in den Hafen drängten. Der Wind ließ die Hummerboote, die noch nicht ausgelaufen waren, auf ihnen tanzen. Im Osten über der Nachbarinsel Eagle Island ging die Sonne auf und rötliches Licht legte sich über das Wasser. Dieser in optimistisches Rosa getauchte Tagesanfang war eine Beleidigung für ihre Gefühle, fand Julie. Sehnsucht nach Nat und Ann, aber auch nach Mina, die schon so lange nicht mehr in Stone Harbor lebte, zog ihr Herz zusammen.«
Jahre nach den Ereignissen von 1982, nach denen die Beteiligten sich in alle Winde zerstreuten, reisen Mina Gray und ihre Tochter Luca wieder nach Eagle Island. Minas Eltern hatten früher jeden Sommer ein Ferienhaus auf der Insel gemietet. Sie und ihr Bruder Christopher streunten unbeschwert über die Insel, während ihr Vater Richard seine Freundschaft zum Fischer Ellis Jones genoss und freiwillig dreimal täglich das Postboot zur Insel steuerte. Wie schon im ersten Band hat mich Richards alljährliches bescheidenes Glück wieder besonders berührt. Ellis lebt seit dem Drama von 1982 allein, seine Frau Jane ist in ihre Heimat Neufundland zurückgekehrt. Für den schwerkranken Richard wird es der letzte Sommer auf der Insel sein. Minas Mutter Judith hatte eigentlich nie zu den Leuten an der Küste gepasst und tut sich bis heute besonders schwer auf der Insel.
Ann hatte damals als erste weibliche Hummerfischerin im Sund begonnen, um dem Tratsch über ihre Beziehung zu ihrer Gefährtin Carolyn zu entkommen. Ann ist inzwischen verstorben und hat ihrer 18-jährigen Wahlenkeltochter Luca Haus, Boot und Fanggebiet vererbt. Der erste Band des Zweiteilers spielte zurzeit kurz nach Anns Tod. Luca muss sich nun entscheiden, ob sie die Hummerfangtradition fortführen wird. Anders als leibliche Kinder von Fischerkollegen erlebt sie keinen Druck, einen Familienbetrieb zu übernehmen. Mina dagegen muss sich klarwerden, ob sie weiter mit Carlos, dem Wahlvater ihrer Tochter, in Seattle leben wird.
Die verwitwete Julie fährt mit über 70 Jahren mit einem Achtermann an Bord noch immer ihre Hummerkörbe ab. Nach ihrem schweren Unfall hatte ihr niemand zugetraut, dass sie die übliche harte Lehrzeit bei einem erfahrenen Fischer durchhalten würde. Anders als alle befürchteten, hatte Juli ihr Kapitänspatent erlangt und ihren Lehrmeister Nat geheiratet.
Vor der Kulisse der kleinen Inselgemeinschaft im Penobscot Sund entsteht nach der Sprengung der verflochtenen Beziehungen vor Jahrzehnten nun durch den bevorstehenden Generationswechsel auf der Insel ein komplexes Problemknäuel um Bleiben oder Fortgehen. Es geht um Abschiede von Personen, von Illusionen, altem Groll und was Einzelne für ihre Ziele aufzugeben bereit sind. Dieser zweite Band ordnet die Geschehnisse der Vergangenheit neu, bevor Entscheidungen fallen können. Am Ende hat Beatrix Gerstberger alle Handlungsfäden verknüpft und ihren fiktiven Sehnsuchtsort Eagle Island wieder aufleben lassen.
Fazit „Hummerjahre“ folgt nicht komplett chronologisch auf „Die Hummerfrauen“, sondern liefert durch Rückblenden eher Ergänzungen zum ersten Band. Die erneute Einführung aller Figuren und ihrer Beziehungen zueinander empfand ich als zu lang, ihre Verbindungen hier als komplexer. Die Lektüre des ersten Bandes sollte nicht zu lange zurückliegen, um das Beziehungsnetz wieder auf den Schirm zu bekommen. Der Wechsel zwischen der aktuellen Handlung und Rückblenden, die u. a. ausführlich über Ann erzählen, erfordert zudem einige Konzentration.
Mit Hummerjahre reist Beatrix Gerstberger mit uns erneut nach Eagle Island und bereits vor der Landung, schafft es bereits das wunderschöne Cover, sich wieder in die sommerliche Atmosphäre der Insel vor der Küste Maines zu versetzen. Es fühlt sich ein wenig an wie ein Wiedersehen mit alten Freunden und wie ein Sommer, der für jeden von ihnen etwas anderes bereithält. Im Mittelpunkt stehen erneut Mina, Julie und Judith, die jeweils ihre ganz eigenen Erfahrungen, Verletzungen und Herausforderungen mitbringen. Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt und durch Rückblicke in die Vergangenheit ergänzt. Dadurch entfaltet sich nach und nach ein vielschichtiges Bild ihrer Beziehungen und ihrer gemeinsamen Geschichte. Im Zentrum stehen dabei große Themen wie Liebe, Verlust, Zugehörigkeit und Vergebung. Besonders die Beziehungen zwischen den Frauen haben mich gefesselt. Gerade ihre unterschiedlichen Lebenswege und die Art, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben werden, machen den Roman zu einem Generationenroman, der vieles bereithält. Dabei sollte man den ersten Band der Hummerfrauen-Reihe unbedingt gelesen haben, denn Hummerjahre baut deutlich auf der Vorgeschichte auf und lebt auch davon, dass man die Figuren und ihre Geschichte bereits kennt. Für mich hat sich das Lesen dadurch tatsächlich wie ein Wiedersehen angefühlt. Besonders geliebt habe ich erneut das Küstenflair. Beatrix Gerstberger gelingt es, Eagle Island so bildhaft und atmosphärisch zu beschreiben, dass man die raue Küstenluft beinahe selbst spüren kann. Dabei treffen Wärme und Herzlichkeit auf die manchmal schroffe Art der Inselbewohner, wodurch trockene Wortwitze zu humorvollen Dialogen führen, die mir ein kleines Schmunzeln entlockt haben. Der Schreibstil ist malerisch, flüssig und feinfühlig. Die Autorin erzählt mit viel Wärme, lässt aber gleichzeitig vieles bewusst zwischen den Zeilen stehen. Gerade diese leisen Töne haben mich berührt. Es geht nicht nur um das, was ausgesprochen wird, sondern auch um all das, was unausgesprochen zwischen den Figuren liegt. Die Vergangenheit wird behutsam eingebunden und zeigt, wie sehr frühere Entscheidungen und Verletzungen bis in die Gegenwart hineinwirken. Zum Ende hin hatte die Geschichte für mich leider etwas an Spannung und Tiefe verloren. Gleichzeitig bleiben einige Fragen offen, weshalb ich mir gut vorstellen könnte, dass Eagle Island noch nicht zum letzten Mal Schauplatz dieser Reihe war. Insgesamt ist Hummerjahre für mich ein atmosphärischer, warmherziger Roman über Liebe, Verlust, Vergebung und die Hoffnung, dass das Leben selbst nach schweren Zeiten noch Überraschungen bereithält. Ein Buch für alle, die sich gerne in eine besondere Atmosphäre entführen lassen und Geschichten lieben, in denen nicht immer alles laut ausgesprochen werden muss.
Die Rückblicke auf die „Hummerfrauen“, auf Julie, Mina, Ann, sind die perfekte Einführung in die nächsten Jahre, in die „Hummerjahre“. Ich bin wieder voll dabei, kann mir aber vorstellen, dass auch jene, die das erste Buch nicht kennen, sich in den Hummerjahren gut zurechtfinden werden.
Julie bin ich das erste Mal begegnet, als sie 54 war. Ihre scharfe Zunge hat sie sich bis heute, zwanzig Jahre später, bewahrt. Sie ist jetzt 73, ihren Mann Nat, von dem sie das Hummerfischen gelernt hat, vermisst sie noch immer. Einst hat sie die Kapitänslizenz erworben, das Hummerfischen ist nach wie vor ihre Leidenschaft und doch wäre es schön, wieder einen Mann an ihrer Seite zu haben. Der Einsamkeit will sie entfliehen. Wenn das nur so einfach wäre!
Mina ist heute 57, sie lebt mit Carlos fernab von Eagle Island und nun reist sie mit Luca, ihrer Tochter, auf die Insel, wo ihre Eltern Richard und Judith schon auf sie warten. Und sie trifft ihre einstige Liebe wieder. Sam, Lucas Vater.
Ann war damals schon 72, Rückblenden auf das Jahr 2004 bringen uns Ann wieder in Erinnerung. Sie hat einst Mina ein Zuhause gegeben und da war noch einer, den es auch heute noch gibt. Mr Darcy, der blaue Hummer. Er hat sich bei Ann wohlgefühlt, denn er ist immer wieder zu ihr zurückgekehrt, trotzdem sie ihn mehr als einmal am Strand ausgesetzt und ins Meer getrieben hat. Heute lebt er bei Ellis, dessen Sohn John vor Jahren tot aus dem Meer gefischt wurde. Ellis hat dies bis heute nicht verwunden, zumal die Umstände seines Todes nicht geklärt werden konnten.
Es ist aber noch sehr viel mehr, von dem Beatrix Gerstberger erzählt. Von Verlust und Schuld, von Tod und Trauer, von Verzweiflung und tief empfundenen Verletzungen, von Erinnerungen und von Neuanfängen und auch von Liebe und Vergebung lese ich. Jede einzelne Figur hat viel durchlebt, nicht immer war das Leben fair, die Vergangenheit lastet schwer auf ihnen. Können alte Wunden heilen?
Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von den Hummerfrauen, die mich über zwei Bücher in ihr Leben gelassen haben. Es war eine intensive Lesezeit mit individuellen, vielschichtigen Charakteren und einer Insel, zu der ich – so eindrucksvoll beschrieben – am liebsten sofort aufbrechen würde.
Auf das Wiedersehen mit den Hummerfrauen an der rauen Küste Maines habe ich mich unendlich gefreut. Endlich hielt ich in den Händen „Hummerjahre“ von Beatrix Gerstberger, erschienen im dtv Verlag, und begann sofort zu lesen.
„Hummerjahre“ schließt fast nahtlos an „Die Hummerfrauen“ an, sodass ich dringend empfehlen würde, den ersten Band vor der Lektüre von „Hummerjahre“ zu lesen. Sofort zog mich die Autorin mit ihrem bildgewaltigen, poetischen und wundervollen Schreibstil in die Geschichte rund um Mina, Julie und Judith, und sogar Ann konnte ich in den Rückblicken noch besser kennenlernen.
Dies ist ein Buch über Abschiede, die einem unendlich schwerfallen, und Neuanfänge, die manchmal nötig sind, auch wenn sie schmerzhaft sein können. Beatrix Gerstberger thematisiert einfühlsam viele andere wichtige Themen wie Verlust, Verzweiflung, Tod und Trauerarbeit sowie darüber, wie man über tiefen Verletzungen hinwegkommen kann.
Ich folgte den altbekannten Charakteren gerne, denn sie waren wieder liebevoll und warmherzig gezeichnet. Natürlich konnte ich nicht jede Entscheidung verstehen, aber trotzdem hat mich das Buch gefesselt. Die Landschaft, die Beatrix Gerstberger bildhaft beschreibt, ist der perfekte Rahmen für diese Geschichte.
Nun heißt es Abschied nehmen, denn es wurde alles gesagt. Jeden, der noch keine Bekanntschaft mit den Hummerfrauen geschlossen hat, empfehle ich, es nachzuholen. Auch der zweite Band hat sich tief in mein Herz gegraben. Eagle Island und die Menschen der Insel werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Für jeden, der auf der Suche nach einer ergreifenden Sommerlektüre ist, kann ich dieses wunderschöne Buch mit 4,5 von 5 Sternen sehr empfehlen.
Anfang des Jahres habe ich "Die Hummerfrauen" gelesen und sehr gemocht. Einzig das Ende hat mich mit einigen offenen Fragen zurückgelassen. Umso mehr habe ich mich jetzt auf Band 2 gefreut und wieder nach Stone Harbour und Eagle Island zurückzukehren.
Auch in diesem Band schafft es Beatrix Gerstberger ganz wunderbar, ein authentisches Setting zu erstellen. Die raue Küste, das Leben als Fischer vor Ort, der Umgang untereinander - ich konnte mich sehr gut hineinversetzen. Auch die altbekannten Protagonist:innen wieder zu treffen, war sehr erfrischend. Neben Mina und Julie werden hier noch weitere Perspektiven eingearbeitet. Das sorgt für Abwechslung und Kurzweiligkeit. Die Geschichte selbst ist gar nicht so einfach zusammenzufassen, da es durch die vielen Perspektiven auch viele Handlungsstränge gibt. Man könnte aber sagen, dass jeder der Figuren versucht seinen/ihren Weg zu finden vor allem in Anbetracht der Vergangenheit.
Eine Sache, die mich an diesem Roman etwas gestört hat, waren die Handlungsweisen der Hauptfiguren. Vor allem Judiths Verhalten fand ich teilweise sehr unpassend. Auch Mina konnte ich nur bedingt nachvollziehen und ich habe an dieser Stelle sehr mit Carlos mitgefühlt.
Alles in allem aber ein sehr würdiger Nachfolger. Für mich bietet vor allem Luca Potential für einen dritten Band.
Drei Frauen , die auf ihre Art trauern. Drei Schicksale. Und ein Hummer, der alle verbindet…
Mina, Julie und Minas Mutter Judith treffen in Eagle Island aufeinander. Sie alle verbinden Trauer mit dem Ort- um vergangene Liebe, den Verstorbenen Sohn und den Toten Mann. Allerdings verbindet sie auch der Hummer Mr. Darcy, der eine besondere Rolle hat…
Ich habe dieses Buch genossen. Die Ruhe in Maine und die Verbindung zur See waren sehr präsent. Ich hatte Dank des detaillierten Schreibstil auch teils den Eindruck, als wäre ich selber da und würde alles live erleben. Dadurch war eine solide Grundlage geschaffen.
Die Charaktere bauen auf dieser Grundlage auf. Ich habe mit jeder der drei Frauen mitfühlen können und sie sehr gerne auf ihrer Reise begleitet. Die Reise war voller Erinnerungen, Gesprächen und auch rund um Mr. Darcy. Dadurch wurden die Gefühle allgegenwärtig und quasi in den Hummer personifiziert.
Wenn es aus meiner Sicht ein Manko gab, so war es die Teils etwas zähe Handlung nur aus Erinnerungen, die keinen Fortschritt ermöglichte. Jedoch ist das aus meiner Sicht kein Grund, dem Buch nicht fünf Sterne zu geben. Diese hat es mehr als verdient.
Zum Inhalt: Drei Frauen, die sich mit einem Schicksal auseinandersetzen müssen, um zu sehen, welches der richtige Weg ist. Da ist Mina, die mit Tochter und ihren Eltern zurück nach Eagle Island reist. Der kranke Vater seht sich nach der Leichtigkeit von früher zurück, Mina hat gemischte Gefühle, da dort der Vater ihrer Tochter lebt. Judith kämpft mit der Vergangenheit und ihrer Schuld und muss sich ihr stellen, Julie kommt nicht mit dem Alleinsein klar und sucht neue Möglichkeiten. Meine Meinung: Das war ein richtig schönes Buch, wobei nicht alles völlig aufgelöst wird, aber vielleicht gibt es ja noch einen weiteren Band, was mich sehr freuen würde. Ich habe die Protagonisten echt gerne begleitet, es gibt natürlich noch viel mehr Personen als die Genannten und alle tragen die Geschichte mit. Und irgendwie habe ich die Geschichte als enorm intensiv empfunden, z. B. die Geschichte zwischen Mina, Sam und Carlos, wo man sich immer wieder hin- und hergerissen fühlt wie sich das entwickeln sollte. Erstaunlicherweise habe ich den ersten Band nicht so super gefunden, diesen aber umso mehr. Fazit: Hat mir sehr gut gefallen
Diese Geschichte ist die Fortsetzung zum Buch " Die Hummerfrauen". Ich habe mich so sehr auf dieses Buch gefreut und wurde auch hier nicht enttäuscht. Es ist war spannend zu lesen, wie es Mina als erwachsenen Frau ergeht, wie sie erneut auf ihrer verlorene Liebe trifft und wie selbstverständlich sie durch das Leben geht, obwohl es oft nicht einfach ist. Alle anderen Protagonisten sind mir, nun umso mehr, ans Herz gewachsen, denn man versteht in dieser Fortsetzung genau, warum jeder einzelne so handelte oder zu dem geworden ist, wie er ist. Hummerjahre ist ein sehr gefühlvoller Roman, bei dem man sich Zeit nehmen sollte. Bildlich ist alles ganz großartig beschrieben, man hat Eagle Island direkt vor Augen. Richard und Charlos sind meine absoluten Lieblingsprotagonisten. Ich habe diese Geschichte sehr gern gelesen, der Schreibstil liest sich flüssig. Ein tolles Werk !