"Schau, unser ganzes Leben beruht doch auf dem Sehen und Gesehenwerden." - Elif Shafak, "Schau mich an"
Eine sehr, sehr dicke Frau lebt mit einem kleinwüchsigen Mann zusammen. Sie sind ein Paar, dürfen das aber nicht öffentlich zeigen - denn dann drohen ihnen die Blicke. Die Menschen schauen sie an, ergötzen sich an ihrer Seltsamkeit. Deshalb können sie nur inkognito gemeinsam ausgehen. Irgendwann beginnt der Mann mit einem "Lexikon der Blicke", zeichnet alles auf, was mit dem Sehen, Ansehen, Gesehenwerden, den Augen zu tun hat - und lässt sich dabei von der sehr dicken Frau inspirieren - oder benutzt er sie nur?
Elif Shafak hat mit "Schau mich an" einen sehr skurrilen und besonderen Roman geschrieben, der gar nicht wirklich ein Roman ist. Vielmehr vereinen sich in ihrem Buch, das sie bereits 1999 geschrieben hat, sozusagen die "Hauptgeschichte" um die dicke Frau und den kleinwüchsigen Mann und darum herum verschiedene Märchen und Sagen, alles gespickt mit ebenjenen Lexikoneinträgen.
Für mich war diese Art von Roman - offen gestanden - nichts. Ich habe es als zu verwirrend empfunden, wurde immer wieder aus der Geschichte herausgerissen, in eine andere, noch verrücktere heineingeworfen und musste mich am Ende dann doch wieder in die große Hülle einfinden. Das war mir persönlich zu anstrengend und ich hatte das Gefühl, das Buch so nicht wirklich genießen zu können. Dabei fand ich so viele Aspekte daran gelungen! Zunächst fand ich "Schau mich an" sprachlich absolut wunderbar. Elif Shafak schreibt so toll, da komme ich aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Auch die Idee, zwei gesellschaftlich ausgegrenzte Erscheinungstypen von Menschen als Protagonist*innen zu kühren, war sowohl nötig, um Repräsentation zu schaffen, als auch eine wirklich überfällige Abwechslung. Das große Ganze, das am Ende entsteht, das "Gesamtbild" , konnte mich begeistern - die Bruchstücke dagegen eher nicht.
Das Thema des Sehens und Gesehenwerdens zieht sich durch das gesamte Buch. Sei es nun in der Hauptgeschichte oder in den Nebenerzählsträngen. Vieles davon fand ich weniger gut umgesetzt, gerade die letzten 100 Seiten des Buches konnten mich aber sehr beeindrucken und vor allem eine Geschichte hat mich auf die Art, wie sie erzählt wurde, sehr erschüttert. So bin ich absolut zwiegespalten dem Buch gegenüber.
Ich möchte euch auf jeden Fall empfehlen, ein Buch der Autorin zu lesen. Um einen Eindruck von ihrem Können und ihrer Raffinesse zu bekommen, würde ich aber eher nicht dazu raten, "Schau mich an" als erstes zu lesen. Das wird ihr einfach nicht gerecht. Da ich euch aber noch eine kleine Kostprobe ihres schönen Schreibstils geben möchte, schließe ich meine Rezension mit einem weiteren Zitat aus diesem Buch:
"Das Herz ist ein Auge aus Diamant. Verkrazt man es, sieht es von da an durch einen perlmuttenen Riss auf die Welt." - Elif Shafak, "Schau mich an"