Wann immer es um Zukunftsentwürfe geht, kommt man an Harald Welzer nicht vorbei: Für das Gottlieb Duttweiler Institut gehört er zu den 100 wichtigsten Vordenkern der Welt, die Presse feiert sein letztes Buch »Selbst denken« als das wichtigste im vergangenen Jahr, seit 2012 leitet er das Center für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Zusammen mit Bernd Sommer legt er nun eine schonungslose Kritik der Wachstumsgesellschaft vor und fordert ein radikales Redesign unserer Zukunftsbilder. »Was wir brauchen, ist ein komplett anderes Leben, nicht das Auswechseln altmodisch gewordener Technologien gegen andere«, so die Autoren. »Wiederverwenden, umnutzen, mitnutzen« muss das Credo einer neuen, reduktiven Moderne lauten. Doch wie lässt sich eine Kultur des Weniger gestalten? Was können wir aus den großen Transformationen der Vergangenheit lernen? Liegt die Lösung in einer »Archäologie des guten Lebens«, in einer Wiederentdeckung alter Sozialformen wie Achtsamkeit und Fürsorge? Das Buch liefert eine spannende Vision unserer Zukunft - sie wäre genügsamer, aber auch stabiler, und sie wäre ein Gewinn an Lebensqualität durch Befreiung von Überfluss.
Das Buch lässt sich grob in zwei Teile unterscheiden und fängt mit der hervorragenden Analyse der gegenwärtigen Situation an. Die Autoren gehen dabei auch fundiert und sprachlich prägnant auf die Faktoren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein, die zum Status Quo geführt haben. Im zweiten Teil des Buches sollen Alternativen und Lösungansätze aufgezeigt werden.
Die Analyse des "Bisher" und "Heute" ist ausgezeichnet und ich empfehle sie gerne weiter, beispielsweise als Grundlage für eine eigene Themenstunde im Staatskundeunterricht oder bei Diskussionsgruppen.
Der Buchtitel verspricht einen Fokus auf Wege in eine zukunftsfähige Moderne (deshalb wollte ich das Buch auch lesen), hält sich aber nicht daran. Geradezu fahrlässig wirkt es auf mich, die erwähnten Wege auf einigen wenigen Seiten zu besprechen (konkret ca. 4–7 Seiten pro Technologie / Herangehensweise), wohingegen bei der Analyse ganze Kapitel einem einzelnen Themenfeld gewidmet wurden.
Das Einbinden von Interviews mit Akteuren aus Bildung, Kunst und Architektur, was diese unter dem Begriff Transformationsdesign verstehen, ist wenig hilfreich und wirkt als "Seitenfüller", denn als wirkliche Anregung dazu, über diese Themen nachzudenken. Auch die von den Autoren erwähnten Beispiele von Transformationsdesign aus Kunst und Architektur zielen am gross gespannten Themenkomplex der Klimakrise vollkommen vorbei. Der Ton ist dabei auch viel zu subjektiv und verpasst die von mir erwartete Qualität eines Sachbuches.
Fazit Der erste Teil ist in sich ein hervorragender Essay und verdient Aufmerksamkeit. Hier wurde Denk/Schreibarbeit investiert.
Alle anderen Teile des Buches, die Interviews und v.a. die notdürftig zusammengeschusterten und dürftig beschriebenen "Wege" zu dieser zukunftsfähigen Moderne, scheinen schnell zu einer Buchpublikation zusammenkonzipiert worden sein, um einen Titel mehr auf der Publikationsliste stehen zu haben. Wo doch auch hier das im Buch besprochene Mantra gelten sollte: Weniger ist manchmal mehr. Schade!
Bernd Sommer und Harald Welzer bringen es auf den Punkt: SO geht es nicht weiter. Eine "Reduktive Moderne" muss her, wenn es für die Menschheit weitergehen soll, nicht "dasselbe in grün". Die Autoren kritisieren den Technologiefokus heutiger (frühindustrialisierter) Gesellschaften und machen klar, dass nur ein Ansatz des Suffizienz, des "Weniger" und nicht des (grünen) Wachstums auf Dauer eine Lösung sein kann. Dabei schauen sie auch zurück in die Geschichte und ziehen Lehren aus bereits geglückten grossen Transformationen der Menschheitsgeschichte. Pflichtlektüre!