Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus – und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.
Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.
„Walking on Sunshine“ tönt es aus den Lautsprechern. Cora hat die Theke eingeräumt, der Ansturm kann beginnen. Morgens stehen die ungeduldigen Alten schlange. Cora hat mittlerweile ein Händchen dafür 100 g Leberwurst mit einem Streich abzuschneiden oder 250 g Schweinehack mit nur einem Schöpfer zu erwischen. Sie hat sich Angel Numbers ausgedacht und wenn sie 333 g Brät oder 222 g Kochschinken auf Anhieb abwiegt, weiß sie, dass es ein guter Tag werden wird. Die Kunden sprechen über Olympia Mitterwald, die mutmaßliche CEO-Mörderin und beste Freundin, die Cleo je hatte. Sie wurde in Berlin festgenommen. Seit dieser Nacht, die alles veränderte, hat sie nichts mehr von Olympia gehört und doch jeden Tag gewartet, dass sie wieder auftaucht, wie ein Omen. Gleichzeitig hofft sie, Olympia und ihre Erinnerungen an sie zu vergessen.
Während der Pandemie hatte sich Cora das ganze Zeug angeeignet. Bei Rabbit fand sie gut gemachte Imitate von Prada und Burberry. Mit den Tutorials lernte sie, welche Fälschungen den Originalen am nächsten kamen. Sie lernte sich die Fingernägel zu stylen, so dass es professionell aussah, testete Gesichtspackungen, Peelings, Spülungen. Sie lud sich Fashion-Apps ebenso runter wie Fitness-Apps und stellte ihre Ernährung um, kurz sie erfand sich neu, um in Zukunft mit ihren stinkreichen Mitschülerinnen auf einer Wellenlänge zu schwimmen.
Sie schlendert mit ihrem Proteinshake über den Parkplatz neben dem Supermarkt Richtung Wiese und hört es, bevor sie es sieht. Ein Schrei, dann ein Aufbäumen, braunes Fell, aufgerissenes Maul, gelbe Kaninchenzähne, der Bauch verklebt, Blut sickert in die Erde. Cora geht in die Hocke, um mehr zu sehen, dann verdunkelt sich der Himmel über ihr. „Ist das deins?“ „Nein.“ Ein Mädchen, so alt wie sie beugt sich über ihre Schultern. Basecap mit Strasssteinen, Minirock mit Navyprint, Top gerade so bauchfrei, schwarze schwere Cowboystiefel, lange rosa Haare, die sie an den Schläfen gekonnt mit Gel fixiert hat. Cora erhebt sich, schaut ihr genau ins Gesicht. „Ach“, gegenseitiges Erkennen. „Du bist doch Olympia“. „Cora“. Olympia umarmt sie. Sie hatten sich zuletzt als Kinder gekannt, wohnten im selben Haus, bevor Cora mit ihren Eltern wegzog.
Fazit: Die Autorin Franziska Gänsler hat in ihrem dritten Roman eine Coming-of-Age Geschichte erzählt. Ihre Protagonistin Cora fühlt sich nirgendwo dazugehörig. Sie ist klug, belesen und kopiert jeden, der ihr in die Quere kommt, um Anerkennung zu finden. Ein Stipendium ermöglicht ihr einen Platz an einem Gymnasium, das den Rich Kids vorbehalten ist. Als sie ihre Freundin aus Kindheitstagen wiedertrifft, geraten beide an eine Gruppe von Umweltaktivisten, die die klimatischen Veränderungen ernst nehmen. Cora will so unbedingt dazugehören, dass sie Aktionen in Eigenregie plant, sich aber aus Zeitmangel in Unglaubwürdigkeiten verstrickt. Sie kämpft mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit ihrer Freundin, die ihr zu entgleiten droht. Franziska Gänsler erzählt inhaltsreich und dabei hat sie mich auf den ersten 150 Seiten verloren, die mir zu langatmig waren. Die Stärke liegt bei der Ich-erzählenden Protagonistin, während die anderen Charaktere blass bleiben, die immer lachen, lachen, lachen. Die Sprache ist überzeugend jugendlich, die allgemeine Unsicherheit, die mit Überheblichkeit überspielt wird, kommt bei mir an. Die gegenwärtigen Kapitel werden mit „Walking on Sunshine“ eingeleitet, woran ich mich gut orientieren konnte. Die letzten 100 Seiten nimmt der Roman gewaltig an Fahrt auf, so dass ich ihn nicht mehr aus der Hand legen konnte. Wer also bereit ist, die erste lange Hürde zu nehmen, wird mit einem spannenden Plot belohnt. Es geht um Zugehörigkeit, Identität und Loyalität. Orca ist gerade (2026) für den Deutschen Buchpreis nominiert worden.
Cora Melchior arbeitet notgedrungen an der Fleischtheke eines Supermarkts; eine andere Arbeit konnte sie nach dem überstürzten Abbruch der Schule nicht finden – schon gar nicht nach den skandalösen Ereignissen, in die sie uns als Icherzählerin in eingeschobenen Rückblenden blicken lässt. Als die Schulen zum Ende der Corona-Pandemie wieder geöffnet wurden, konnten sich Coras Eltern nur schwer auf die ungewohnte Freiheit umstellen. Ihre Tochter war damals 17, besuchte ein privates Elite-Gymnasium und wollte endlich einmal irgendwo dazugehören, ohne dort mit Markenware die erwarteten Codes der wohlhabenden Oberschicht bedienen zu müssen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Olympia zog sie den ungewöhnlichen Job an Land, für den betagten Villenbesitzer Albert Elsons Haus, Garten, Katze und Hühner zu versorgen. Eingearbeitet worden sind sie von Elson offenbar nicht, seine Anweisungen schickt er per Nachricht. Er scheint eine Art Elite-Prepper zu sein und will in großer Eile seine Fähigkeiten an die nächste Generation weitergeben, auf seinem Grund autark zu wirtschaften. Außer der abklingenden Pandemie scheint sich das Land im dysfunktionalen Zustand zu befinden. Elson engagiert sich als Waldbesetzer, für Urban Foraging, lässt Krafttraining auf dem Niveau von Security Personal unterrichten – und er hat unendlich viel Raum, Aktivisten aller Art in der Villa unterzubringen. Elson war sich jedoch nicht bewusst, dass in Sichtweite sein absolutes Gegenstück residiert, Dr. Eleonore Brecht, die auf Investitionen in Flüssiggas spezialisiert ist. Cora weiß inzwischen alles über die Bewohner der Nachbarvilla und lernt – Zufall oder nicht – sogar die gleichaltrige Tochter Lilian Brecht kennen. Während in der Villa Elson unheimliche Dinge geschehen und Cora durch Lilian einmal mehr mit der Welt der Luxus-Markenartikel konfrontiert wird, müssen Mitglieder diverser Grüppchen von Aktivisten sich entscheiden, wie weit sie für ihre Ideale zu gehen bereit sind.
Wie sich das Myzel zusammensetzt, das die Aktivisten gern bilden würden und was eigentlich Dramatisches passiert ist, erfahren Franziska Gänslers Leser:innen erst scheibchenweise. Coras gerade 20 Jahre alte Generation scheint aus Eigenbrötlern zu bestehen, jeder auf der Suche nach Zugehörigkeit. Cora möchte nicht mehr unsichtbar sein, weil sie die falsche Kleidung trägt, Lilian sucht eine Gefährtin und Dr. Eleonore sollte endlich vertrauen können.
Fazit Neben der hinreißend recherchierten Atmosphäre hinter einer Wurst-Theke hat Franziska Gänsler beunruhigend präzise den Zustand gezeigt, wenn ein Fehler im Bild schon längst Misstrauen wecken sollte – und genau das nicht passiert, weil niemand bisher aus Fehlern lernen konnte. Auch wenn Icherzählerin Cora anfangs etwas zu zurückhaltend wirkte, überschlagen die unerhörten Ereignisse sich dann u
Hochaktuell, klug und vielschichtig – auf den Punkt!
„[…] kam Olympia auf die Orcas. Sie fragte mich, ob ich das mitbekommen hatte? Dass die angefangen hatten, Jachten zu attackieren? Orcas sind eh einfach krass, sagte sie, extrem schlau. Und matriarchal organisiert.“
„Orca“ erzählt von Cora und ihrer Freundschaft zu Olympia und Ariel, von ihren Unsicherheiten und Selbstzweifeln sowie dem unbedingten Wunsch nach Zugehörigkeit, der über den Versuch der Anpassung hinaus in Coras Selbstaufgabe und -auflösung mündet. Gleichzeitig geht es um Klassenunterschiede, Klimaschutz und Aktivismus, von gewaltfrei bis radikal, wobei diese Themen nicht bloß ergänzendes Beiwerk sind, sondern die Geschichte selbst.
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, die sich im Verlauf annähern: In der Gegenwart arbeitet Cora im Supermarkt an der Fleischtheke, Olympia wurde verhaftet und wartet auf ihr Urteil. In der Vergangenheit besucht Cora dank eines Stipendiums eine Privatschule mit dem Ziel zu studieren. Sie freundet sich mit Olympia und Ariel an, und gemeinsam werden sie Teil einer Gruppe von Klimaaktivist:innen. Nach und nach erfahren wir, welche Ereignisse letztlich zu Olympias Verhaftung geführt haben.
Diese Erzählweise hatte eine starke und natürliche Sogwirkung auf mich. Die Handlung bleibt bis zum Schluss unvorhersehbar, ohne dass eine künstliche Spannung oder Dramatik erzeugt würde. Dazu beigetragen hat sicherlich die düstere und bedrückende Atmosphäre, die der gesamten Geschichte zugrunde liegt.
Was mir weiterhin gut gefallen hat, waren die starken Bilder, die Franziska Gänsler verwendet, wie beispielsweise der Kontrast zwischen Lilianes Haus und Elsons Haus – Stahl, Beton und Glas vs. naturnahe Materialien und ein Selbstversorger-Garten – oder Coras Faible für Markenfälschungen als Ausdruck ihres Zwangs zu Anpassung und Imitation.
Coras Unsicherheit und ihre innere Zerrissenheit waren für mich sehr gut nachvollziehbar – auch hier wieder verbildlicht durch ihren Besuch einer Privatschule und ihre gewaltbereite Initiative Direct Action – auch wenn sie dies nicht unbedingt sympathisch(er) gemacht hat. Prinzipiell sind die Charaktere und ihre Beweggründe nachvollziehbar, ihre konkreten Handlungen jedoch nicht immer vertretbar. Gelungen fand ich hier, dass diese Ambivalenz einfach da war, ausgehalten werden musste, ohne dass den Lesenden Erklärungen oder Verurteilungen geboten würden.
„Orca“ ist ein hochaktueller, kluger, komplexer und vielschichtiger Roman, der mich absolut überzeugt und begeistert hat. Ich möchte jetzt unbedingt auch die vorigen Werke von Franziska Gänsler lesen – sowie alle zukünftigen, klar.
Franziska Gänslers „Orca“ hat mich mit einem zwiespältigen Eindruck zurückgelassen. Thematisch fand ich das Buch zunächst sehr vielversprechend. Im Mittelpunkt steht für mich weniger die äußere Handlung als die Frage, wie weit ein Mensch bereit ist zu gehen, um dazuzugehören und von anderen angenommen zu werden.
Die Darstellung der Hauptfigur, Cora, fand ich dabei total gelungen. Sie hat nie wirklich gelernt, ein eigener Mensch zu sein und ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Stattdessen beobachtet sie ihr Umfeld extrem genau und passt ihre Persönlichkeit den Menschen an, deren Anerkennung sie gerade sucht. Durch ihre ausgesprochen gute Auffassungsgabe gelingt ihr das auch erstaunlich gut. Gleichzeitig liegt darin aber auch ihre größte Schwäche. Cora merkt kaum, dass sie durch den ständigen Versuch, anderen zu gefallen, zunehmend unauthentisch wirkt und sich selbst verliert. Moralische Grenzen werden dabei immer unwichtiger und sie besitzt ein bemerkenswertes Talent dafür, sich ihre eigene Realität so zurechtzulegen, dass ihr Verhalten für sie selbst nachvollziehbar bleibt. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht sie als Figur für mich interessant, auch wenn sie mir dabei nicht unbedingt sympathisch war.
Gänsler schafft es sehr gut, diesen beinahe verzweifelten Wunsch nach Zugehörigkeit einzufangen. Freundschaft, Abhängigkeit, Selbstinszenierung und die Sehnsucht nach Anerkennung greifen dabei ineinander. Auch der Schreibstil hat mir grundsätzlich gefallen. Das Buch lässt sich flüssig lesen und die Atmosphäre sowie Coras innere Unsicherheit werden überzeugend vermittelt.
Trotzdem konnte „Orca“ bei mir keinen richtigen Sog entwickeln. Dafür war mir die Geschichte insgesamt zu vorhersehbar. Viele Entwicklungen konnte ich früh erahnen, wodurch die Spannung für mich deutlich nachließ. Obwohl ich problemlos weiterlesen konnte, fehlte mir zunehmend die Neugier darauf, was als Nächstes passieren würde. Gerade bei einer Geschichte, deren Figuren immer tiefer in problematische Entscheidungen geraten, hätte ich mir mehr Überraschungen und stärkere Wendungen gewünscht.
Am Ende bleibe ich deshalb zwiegespalten zurück. Als psychologische Betrachtung einer jungen Frau, die unbedingt dazugehören möchte und dabei ihr eigenes Ich aus den Augen verliert, fand ich „Orca“ durchaus gelungen. Als Geschichte konnte mich der Roman dagegen weniger überzeugen. Ich empfehle das Buch vor allem Leser*innen, die sich für komplexe Figuren, Identität, Freundschaft und Gruppendynamiken interessieren und weniger Wert auf einen ausgeprägten Spannungsbogen legen.
Wciągnęła mnie bez reszty: ten dziewczyński świat, pragnienie, a właściwie wewnętrzny przymus akceptacji i przynależności do grupy za wszelką cenę. Wiem, książek o podobnym temacie jest sporo, ale Gänsler jak mało kto wiarygodnie portretuje swoje bohaterki, ze wszelkimi psychologicznymi niuansami. A wszystko to dzieje się nie w jakiejś próżni, tylko tu i teraz, w świecie pogłębiającej się przepaści między bezwstydnie bogatymi, a normalsami, którzy przędną cienko, w świecie rozgrzanym zmianami klimatu, pandemią, poczuciem beznadziei i braku przyszłości. I nie jest to tylko psychologiczne bla bla, jest konkretna, dobrze opowiedziana fabuła, ze spektakularnym finałem.
"Ich freue mich auch, wenn ich eine identische Zahlenreihe habe. Ich habe Bennet den Begriff "Angel Number" dafür beigebracht und die Philosophie, dass jede dieser Zahlen eine Nachricht vom Universum ist, die sich über Google dechiffrieren lässt. Wir weisen uns mit den vinylbehandschuhten Zeigefingern darauf hin, wenn eine Ladung Brät 333 g aufzeigt, oder die letzte Scheibe Kochschinken den Stapel auf 222 g pusht, und wir wissen dann was gemeint ist.
333 - a message of luck or change in your career, success, ambition or focus 222 - a powerful message that your life is being created with divine assistance"
Orca ist ein Roman, der von jungen Frauen erzählt, die Aktivistinnen sind. Ein Thema dabei ist die Gefahr der Radikalisierung und den Folgen.
Hauptfigur ist die stille Cora, die Olympia und deren Freunde kennen lernt, die sich für die Umwelt einsetzen und sogar auf der Straße festkleben. Cora entwickelt schnell ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch es gibt auch eine gewissen Gewaltpotential, das zur Eskalation führen wird. Auch Cora verstrickt sich darin.
Franziska Gänsler schreibt sensibel und verschafft dem Leser Zugang zu ihren Figuren.