Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus – und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.
Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.
Die Gegenwartsliteratur behandelt zuletzt häufiger als früher Freundschaftsgeschichten und mögliche Liebesbeziehungen zwischen Frauen. Orca stellt sich neben Fiona Sironic‘ Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft, Bettina Wilperts Herumtreiberinnen oder eben Virginie Despentes‘ Baise-Moi – Fick mich. Frauen und Gewalt wird trotz dieser Beispiele selten in dieser Deutlichkeit zum Erzählstoff gewählt, und noch seltener geht es um Krafttraining, Wehrhaftigkeit und körperliche Stärkung, um sich zu behaupten. Orca vereinigt nun diese Stoffe, leider jedoch auf eine unstimmige, konfuse, etwas allzu auf Libido und jugendliches Liebesbedürfnis reduzierte Art und Weise:
Erst als Ariel unsere Art zu trainieren kritisierte, veränderte sich der Rhythmus. ‚Ey, hört das mal auf. Bodyweight- training, Cardio, das ist alles Bullshit, das überreizt den Körper, am Ende baut man damit keine Muskelmasse auf. Splittraining ist, was ihr machen müsst. Lifting.‘ Es nervte mich. Auch, wie leichtfertig Olympia auf diese Aussagen einstieg, wie schnell sie über Bord warf, was unser Ding gewesen war. ‚Seit dem Wald bin ich da voll eingestiegen. Ey, nie wieder will ich mich so schwach fühlen wie da, wie ein gejagtes Tier.‘ Olympia nickte. ‚Checke ich voll.‘
Orca handelt von drei Frauen: O(lympia)-R(ena)-C(aro)-A(riel). Rena, die jüngere Schwester von Olympia, spielt keine so große Rolle. Ariel, ein paar Jahre älter als die etwa sechzehnjährigen Olympia und Caro, hat ihr Jurastudium aufgegeben, um sich für den Klimaschutz einzusetzen. Olympia ist nach der 10. Klasse von der Schule gegangen, seitdem planlos, und Caro bemüht sich noch, die Schule mit dem Abitur auf einem Elitegymnasium zu beenden. Alle suchen einen Ort der Verbindlichkeit, der Zusammengehörigkeit, und sie finden ihn in dem Haus eines verstorbenen Künstlers, dessen Ehemann sich für die Apokalypse vorbereitet. Als sich das gegenseitige Nägel-Machen erschöpft, suchen sie andere Wege, die Gemeinschaft zu zelebrieren und finden diesen in der Ausübung von Gewalt:
Dieser Mann war nicht mehr als ein Objekt, ein Ding. Etwas, das sowieso schon kaputt war. Erst als wir ihn schon zu Boden geschlagen hatten, kamen Ariel und Rena dazu. […] Ariel starrte hinunter, auf diese seltsame Form am Boden, den Bauch, das nasse T-Shirt, dann trat auch sie einmal zu. […] ‚Du nicht.‘ Olympia nahm Rena am Arm, wollte sie zu-rückhalten, aber sie erwischte ihn noch, trat mit ihrem bunten Flip-Flop gegen das, was ihr am nächsten war, den Hinterkopf, das rote Haar.
Von der Gesamtstruktur des Romans her gesehen, entwickelt sich die Gewalt aus Langeweile und dem Bedürfnis aus Nähe heraus, nämlich über ein geteiltes Feindbild zu einer Einheit zu verschmelzen. Die Ich-Erzählerin selbst überblickt dieses Szenario nicht. Von einem Liebesbedürfnis zum nächsten geworfen, reiht sie die Ereignisse unreflektiert aneinander. Der Coming-of-Age-Roman gelingt dort, wo sich eine Zweisamkeit herstellt, misslingt dort, wo ein Plot angestrebt wird, der der Verzweiflung einen semantischen oder ideologischen Unterbau zu verschaffen versucht. Den gibt es schlicht nicht. Orca ist die Story einer Liebe, die um ihr Überleben mit den Mitteln der Gewalt kämpft, eine schwache und teilweise ermüdend langatmige Version von Chuck Palahniuks „Fight Club“.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Cora Melchior, Einzelkind, Tochter von Journalisten, hat sich mittels eines Förderprogrammes SLAY auf ein Elitegymnasium emporgearbeitet, das Europagymnasium, findet dort aber keinen Anschluss. Sie ist zu arm, hat aus Frust eine Mitschülerin namens Svea geschlagen. Im Lockdown der Corona-Pandemie arbeitet sie daran, sich ein rich-kid-look mit Fälschungen zu erschleichen und trifft eine alte Freundin namens Olympia Mitterwald (O) wieder. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Zweiteilung: - Erzählgegenwart: C arbeitet in einem Supermarkt an der Fleischtheke, hört von der Verhaftung von O, die drei Jahre verschwunden ist, arbeitet weiter, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Wochen vergehen. Sie arbeitet eine neue Mitarbeiterin ein, Natalie Taubert, mit der sie sich zunehmend gut versteht und mit der sie schließlich ausgeht. Auf dem Date sagt Natalie ihr, dass sie 100% hinter O steht, C dafür bewundert, O zu kennen. C wird von Os Mutter bedrängt, für O auszusagen, die Schuld für das, was geschehen ist, auf sich zu nehmen. C wird von ihrem Job freigestellt, da sie zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. C verkriecht sich bei den Eltern, hört Musik, verloddert. Am Ende beschließt C sich für O zu opfern, da O eine Galionsfigur der Protestbewegung geworden ist. -Erzählvergangenheit: Nach einigen Jahren trifft C O wieder. O kümmert sich um die Oma während der Pandemie. O schlägt ein sterbendes Kaninchen tot. Sie kümmert sich auch um das Haus von Albert Elson, wässert den Garten, füttert die Katzen, reinigt deren Klo. O hat 10. Klasse abgeschlossen, weiß nicht, was sie mit ihrem Leben tun will. C fühlt sich wohl in der Nähe von O, weicht nicht von ihrer Seite. Sie schauen ein Video auf Youtube an, das Orcas zeigt, wie sie höchstwahrscheinlich aus Langeweile Yachten angreifen. Sie trainieren gemeinsam im Haus, leben dort. Elson kündigt plötzlich den Job und verbietet ihnen Eintritt. Sie dringen trotzdem ein und finden betäubte, blutende Hoodie-Träger in einem Zimmer, völlig abgeschossen. Als die Schule wieder anfängt, geht C mit ihrem Vater am Haus vorbei mit dem Hund in den Wald. Sie sieht dort ein Mädchen, das in das Haus geht. Später sieht sie dasselbe Mädchen auf einer heimlichen, wegen der Pandemie verbotenen Party, auf die sie mit O gegangen ist. Das Mädchen heißt Ariel. Auf der Party schlägt O die Gastgeberin, rammt deren Gesicht auf die Stufen, bricht deren Nase, weil die Gastgeberin (Lilian Brecht) ihr eine Schlange nicht überlassen wollte. Die Party eskaliert. O und C lernen die Leute in Elsons Haus kennen: Jarek, Lech, Silvia, betreiben Klimaaktivismus. O findet sofort Zugang und Anerkennung. Die Gruppe bleibt aber skeptisch C gegenüber, die beschließt, sich zu beweisen, härter, weniger intellektuell zu sein. Als sie sich beim Gewächshausbau einen Fingernagel ausreißt und weiter arbeitet, erhält sie von Ariel erste Anerkennung. Os Oma stirbt. Ein Jahr ist seitdem Wiedersehen vergangen, O nun 17. Bei einer Protestaktion wird Silvia von einem Autofahrer brutal von der Straße gerissen und dabei verletzt. Um sich Anerkennung zu verschaffen, ermittelt C den Namen, lockt ihn in den Wald. Dort wird er brutal von O, Ariel, Rena (Schwester von O) und Cora zusammengeschlagen – sie nennen sich nun O(lympia)-R(ena)-C(aro)-A(riel), Orca. O sticht ihnen das Tattoo. Um Ariel zu beeindrucken, ermittelt sie den Namen der Gastgeberin, bei der die Party eskalierte, eine Unternehmerin namens Eleonore Brecht (EB). Ariel verändert das Training von O und C, mehr Schnellkraft, Gewichte, um sich Muskeln anzutrainieren. O und sie beginnen eine Ausbildung bei Alpha Security, indes C noch in der Schule zu glänzen versucht. Nach einer Karrieremesse geht C den beiden aus dem Weg, um sich nicht zu entblößen. Später wartet sie auf sie am Bahnhof. Sie verspäten sich. C eifersüchtig, läuft weg. Später vertragen O und sie sich. O erzählt, sie haben EB aufgelauert, aber nichts zu tun gewagt. C will Anerkennung und spricht von „direct action“. Attacken wie bei den Orcas. C erstellt eine Liste von Opfern, die sie demütigen wollen. Erster Versuch mit Daniel Kron. C wird beinahe vergewaltigt, wendet den Grasfroschweibchentrick an (reißt den Mund auf, stellt sich tot – wie das Kaninchen). C steigt im Ansehen. C muss im Altersheim ein Praktikum absolvieren, lernt Lilian Brecht (LB) kennen, die Photographin werden will, sehr mädchenhaft daherkommt. LB zeigt C ihre Mappe in EBs Haus. C bewacht LB, indes sie sich einen Drogentrip verabreicht. C wird, nachdem sie stundenlang auf LB aufgepasst hat, von EB überrascht. Durch das Praktikum und die Freundschaft mit LB verliert C an Ansehen in Elsons Haus. Ein neuer Typ spaltet die Gruppe, Ben, der O anbaggert, sich wichtig macht. C gerät unter Druck, da „direct action“ außer Worten noch nichts gebracht hat. C will aber LB nicht verraten. O lässt sich auf Ben ein, der C mit LB gesehen hat. C verprügelt ihn und droht ihm. Er hält still. Nimmt Ariel und O mit auf ein Treffen in der Schweiz, das sich als halbseiden herausstellt – Möchtegern-Trotzkisten, die mit 3D-Druckern Patronen herstellen. C eifersüchtig, beschließt über LB Informationen über ein Liquid-Nitrogen-Gas-Inverstoren-Meeting zu gelangen. LB und sie küssen sich. LB überredet ihre Mutter, ihnen Akkreditierungen für die Veranstaltung zu verschaffen, auf der die Leute im Elson-Haus protestieren werden. Keine Spur von O und Ariel. Es kommt zu Protesten auf der Veranstaltung, wichtige Investoren fliehen und werden von EB zu sich nach Hause eingeladen. Möglichkeit für C bei Ariel und O wieder etwas gutzumachen. Sie planen eine Protestaktion in EBs Haus. Vorher fliegt auf, dass C nicht reich ist, LB verärgert, dass C gelogen hat. Kurzer Besuch bei C von LB, dann Trennung. C besucht beim Investorentreffen LB, will sich versöhnen. LB will auch, bedröhnt sich wieder. C schaltet die Überwachungskameras mittels LBs Telefone aus. Bei der darauffolgenden Attacke kommt EB und Ariel ums Leben, O flieht, C hat ein Alibi, kommt frei. ●Kurzfassung: Caro fühlt sich ungeliebt, allein, wird gemoppt auf der Schule, sucht Anschluss und findet diesen bei Olympia, die wiederum einen Sinn im Leben sucht, und diesen im Klimaaktivismus und einer Gruppe von Preppern findet. Um Olympia für sich zu gewinnen, radikalisiert sich Caro und findet Wege, um den Aktivismus eskalieren zu lassen. Olympia muss untertauchen. Drei Jahre später wird sie als Terroristin vors Gericht gestellt, und Caro, um Olympia zu schützen, nimmt die Hauptschuld auf sich – ORCA ist ein Acronym für Caro. ●Charaktere: (rund/flach) Jugendliche, entsprechend flippig. ●Überflüssige Szenen/Charaktere: Ben erscheint sehr schwach und stereotyp, auch Lech und Jarek, auch Elson, der nur als Hausgeber wichtig erscheint, sonst gar nicht. Die Männer des ganzen Romans könnten ersatzlos gestrichen werden (wie der Vater von Lilian). ●Besondere Ereignisse/Szenen: die Gewaltszenen, die Tötung des verletzten Kaninchen, das Zusammenschlagen des Mannes, die brutale Szene auf der Party, das Stürmen von Eleonore Brechts Haus … memorabel auch die Drogenszenen mit Lilian. ●Diskurs: Gewalt, Manipulation von Jugendlichen, Haltlosigkeit … die Ich-schwache Ich-Erzählerin besitzt zu wenig Tiefe, zu wenig Format, um den Text zu halten; teilweise an Action-Film-Sequenzen angelegt, erinnert das Buch sehr an: Fiona Sironic‘ „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“, Bettina Wilperts „Herumtreiberinnen“, auch an eine weniger durchdachte Version von „Fight Club“ von Chuck Palahniuk. Außergewöhnlich ist das Bodybuilding-Setting, das Immunisieren durch Körperstärke. Von der Stimmung erinnert es teilweise auch an eine unsentimentale Variante à la „Der Markisenmann“, da es nicht großstädtisch wirkt. Sehr ähnlich zu Mascha Unterlehberg: „Wenn wir lächeln“ und sowieso Virginie Despentes: „Baise-Moi – Fick mich“. … also aggressive junge Frauen, die sich an der Gesellschaft rächen, nur hier mit dem starken Unterton der Langeweile, weshalb sofort „Clockwork orange“ von Anthony Burgess in den Sinn kommt. Alles aber ohne gesellschaftlichen Hintergrund. Es geht schlicht und ergreifend um eine von Caro verspürten und von Olympia nicht-erwiderten Liebe. Die Ich-Erzählerin erlaubt nicht, dass die Geschichte Schwung aufnimmt. Erst das, was zwischen Lilian und ihr passiert, hat poetische Dichte, aber interessiert zu keinem Punkt. --> 1 Stern(e)
Form: ●Eindruck: in seiner Alltäglichkeit gut lesbar, aber extrem langweilig. ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) schematisch, hängt dazwischen ●Wortschatz/Auffälligkeiten/Innovation: keine ●Sprachform: Poetisch: nein Episch: nein Experimentell: nein Werbesprache: nein kl. Schriftsprache: nein Umgangssprache: ja, etwas gehoben ●Einschätzung: besitzt überhaupt keine interessanten sprachlichen Eigenschaften, aber liest sich flüssig, daher --> 2 Stern(e)
Erzählstimme: ●Eindruck (reflektiert, situiert, perspektiviert): Präsens in der Erzählgegenwart (mit Zeitsprüngen) – und Präteritum, ohne Präsens, in den erinnerten Passagen, der Erzählvergangenheit, also sowohl situiert wie unsituierte Erzählweise. Selbstkommentierender Bewusstseinsstrom. ●Erzählform: Kamera: wegen der reflexionslosen Ich-Erzählerin strukturähnlich Allwissend: nein Personal: nein Ich-Erzählend: ja, aber reflexionslos Auktorial: nein Unentschieden: nein ●Einschätzung: die Ich-Erzählerin besitzt eine zu große Unbewusstheit sich selbst gegenüber. Sie weiß nichts von sich, und deshalb weiß sie auch nichts von Zusammenhängen. Ihre Erinnerung bleibt rein faktisch, als Reihung von Ereignissen, die sie aber auch im Nachhinein nicht überschaut, d.h. ihr erzähltes Ich und das erlebende Ich fallen insofern auf einen Nullpunkt zusammen, beide haben und erleiden Impressionen. Es gibt keine Übersicht. Sie ist schlichtweg überfordert, und deshalb ungeeignet als Erzählinstanz (nur dort nicht, wo sie lieben darf, lieben kann und geliebt werden will). --> 1 Stern(e)
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Situation rundum das Haus von Elson passt, mysteriös, geheimnisvoll, ein Freiraum für die beiden Freundinnen. Das Haus, die Freiheit transportiert sich, dagegen dann das Haus von Eleonore Brecht gesetzt, passt auch, das Eingeschlossen-Sein von Lilian, dem sie mit Drogen entkommt, während Olympia und Cora den Freiraum mit Gewalt füllen. Es geht vor allem um die Langeweile, dieser zu entkommen, und wie die Pandemie die Isoliertheit vorangetrieben hat, so dass sich Zellen bilden, in denen die Jugendlichen sich Luft machen. ●Operative Geschlossenheit/Rahmen: Enge/Offenheit; Dazugehören/Nicht-Dazugehören. ●Extradiegetische Abschnitte: nein ●Lose Versatzstücke: nein ●Kompositionsform: Interferierend: nein Synthetisch: nein Brüchig-offen: nein Seriell-offen: nein darstellend: ja ●Einschätzung: gemäß der Anlage hätte es eher wie ein Zola-Roman komponiert und geschrieben werden müssen. Die Ich-Erzählung passt gar nicht, um die Komplexität abzubilden, Cora ist zu jung und unwissend, und der Erzählton passt deshalb auch nicht, um das Kriminalistische herauszuarbeiten. Die Komposition geht hier völlig schief. Sie passt eher zum Verliebtsein, zum Drogennehmen etc … völlig daneben geht die Zweiteilung Vergangenheit/Gegenwart, die überhaupt nicht durch ein Ich überwunden wird. Die Konstellation der Häuser, die Freundschaft mit Olympia und Lilian geben aber genug Struktur, um den Text nicht völlig zerfahren zu lassen: --> 2 Stern(e)
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: Was ich diesem Buch übelnehme, ist, dass die Opfer der Gewalttaten in den Hintergrund geraten. Olympia wird gefeiert, aber durch das Stürmen des von Eleonores Haus sind zwei Menschen gestorben, und sie hat Lilian die Nase gebrochen, und mit Cora zusammen einen Mann zusammengeschlagen, der wiederum Silvia übel zugerichtet hat. Gewalt auf Gewalt, aber das Feiern von Olympia als Galionsfigur ist dann zu viel. Überhaupt gibt es einen sehr üblen Blick auf die Alten in dem Buch, auf die „Normalos“, auf die Eltern etc … ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) da es nur um Lieben und Geliebt-Werden geht, ja. ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein ●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein ●ein zweites Mal lesen? nein – es besitzt schlichtweg keine gedankliche Tiefe --> 1 Stern(e)
Ästhetik: (jeweils 0-5) ●Kant (Werbesprache-humorvoll-icherzählend-seriell-offen): 0 ●Lukacs (Schriftsprache-diskursiv-auktorial-darstellend): 4 ●Adorno (experimentell-allegorisch-personal-brüchig-offen): 0 ●Hegel (episch-heroisch-allwissend-synthetisch): 0 ●Cyberästhetik (poetisch-transgressiv-Kamera-interferierend): 0 ●Einschätzung - stimmig?: wie oben bereits gesagt, nein. Unstimmig. Hätte zumindest personal, aber eigentlich allwissend erzählt werden müssen, mit Umgebung, Erklärung, Zusammenhänge, um aus dem privaten Gefühl der Langeweile und Isoliertheit und Sinnlosigkeit eine Geschichte werden zu lassen.
Ein aktueller coming of Age-Roman, der mich fesseln konnte: es geht um Aktivismus und gesellschaftliche Regeln (Corona, "Klima-Kleber", Hambacher Forst, LNG), Klassizismus und die Verschiebung moralischer Grenzen. Manchen Jugend-Begriffen konnte ich nicht ganz folgen, aber sei es drum. Was das Lesen aber unnötig mühsam gemacht hat, ist die Verwendung mehrerer Schriftarten und innerhalb derer das kursiv-setzen von wörtlicher Rede. Warum??
Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2026. Ich kann mir vorstellen warum, überzeugt hat es mich aber leider nicht. Der Einstieg gefiel mir, danach überwiegte stets das Gefühl von "das interessiert mich eigentlich gar nicht". Nicht abgebrochen, aber ich war kurz davor...
Spannende Themen und ich fand auch Widerstand, Klima & Klasse großartig verwebt, andererseits war mir die Sprache (persönlich) zu nüchtern, Cora als Gesamtperson nicht immer greifbar und vor allem: als Vegetarierin fand ich die ganzen Beschreibungen vom Fleisch wirklich wirklich schwer zu lesen…
Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob mir die Richtung gefällt in die das geht, aber wow, einfach wow!
Die Freundinnenschaft zwischen Cora und Olympia ist so gut beschrieben, die Gruppendynamik der Aktivistengruppe so treffend und realistisch - beides so oder so ähnlich schon erlebt.
Die Charaktere fühlen sich so menschlich und echt an (irgendwie insbesondere auch Lilian!), und zwar nicht nur die Hauptcharaktere, sondern alle. Cora ist so eine spannende und zwiespältige Hauptfigur, es hat so Spaß gemacht, in ihre Gedanken einzutauchen! Definitiv meine Lieblingshauptfigur seit langem.
Definitiv ein großes Jahreshighlight, das mMn auch absolut das Zeug zur Schullektüre hat. Man könnte ja dafür z.B. Corpus Delicti oder irgendwas von einem alten weißen Mann rauskicken.
4.25 ⭐️ // Orca war ein mitreißender, thematisch aktueller und toll erzählter roman.
wir folgen der erzählerin cora im heute, wo sie an einer fleischtheke arbeitet und mit der vergangenheit umgeht, und in der corona-zeit, in der ihre kindheitsfreundin olympia wieder in ihr leben tritt und sich um sie herum alles entwickelt, womit sie dann in der gegenwart umgehen muss. reinzugehen, ohne dass ich genau wusste worum es geht, war für mich super spannend und engaging, deshalb keine weiteren infos zum inhalt.
was ich aber sagen kann: eigentlich hasse ich bücher, in denen die pandemie eine rolle spielt. hier hat die corona-zeit jedoch einen sinnigen rahmen für die handlung geliefert und tatsächlich etwas zur geschichte beigetragen, weshalb ich diesen aspekt tolerieren konnte. in anderen romanen (heavy zb in August Blue von deborah levy) wurde die pandemie oftmals nur thematisiert, um einen aktualitätsbezug herzustellen & relevant zu sein - was nie funktionier...! hier jedenfalls gut gemacht.
coras erzählstimme und auch die zwei zeitlinien wirkten auf mich durchdacht und harmonisch, was für die geschichte einen sog entwickelt hat, dem man sich nur schwer entziehen konnte. dementsprechend schnell habe ich den roman gelesen.
meine erste buchpreis 2026 nominierung - freue mich auf den rest!*
Ich habe es nicht leichtfertig abgebrochen. Ich kann sehen, warum Franziska Gänsler mit diesem Werk für den deutschen Buchpreis nominiert ist. Franziska Gänsler 2.0, mindestens! Nichtsdestotrotz hat mir die Spannung gefehlt und auch die Themen waren nicht meins… sorry …
Cover, Titel, die Diskrepanz zwischen beiden und der Einstieg von „Orca“ haben mich gleich gekriegt.
Protagonistin und Ich-Erzählerin Cora arbeitet an der Fleischtheke im Supermarkt. Alle 40 Minuten läuft „Walking on Sunshine“ im Einkaufsradio - Hölle. Die Witze der Kund*innen über Vogelgrippe sind so vorhersehbar wie die Beschallung - Hölle. Der Job ist öde, für Cora und ihre Kolleg*innen sind wiederkehrende Zahlenfolgen beim Abwiegen noch das Spannendste am Arbeitstag.
Bis zu dem Tag, als Cora die Schlagzeile liest: „Mutmaßliche CEO-Mörderin in Berlin festgenommen“. Cora erzählt, wie sie Olympia Mitterwald, den „Terror-Teen“, kennengelernt hat. Das war, als Cora noch auf einer Privatschule voller rich kids an einem Förderprogramm teilnahm. Durch Mirror Replicas, Luxusartikelfälschungen, versuchte Cora, sich Klassenzugehörigkeit und Ansehen bei ihren Mitschülern zu verschaffen. Cora ist eine hochintelligente, scharfe Beobachterin, die bei ihren Peers als Freak gilt. Sie hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden.
Obwohl Olympia aus noch prekäreren Verhältnissen stammt, ist Cora fasziniert von ihr. Gemeinsam erlebten sie einen Sommer als Haussitter einer Luxusvilla. Als der Besitzer der Villa zurückkehrte, brachte er eine Handvoll Aktivist*innen mit, mit denen er den Sommer über in einem Protestcamp gegen einen Autobahnbau demonstriert hatte. Cora und Olympia lernten Ariel kennen, eine Aktivistin, mit der sie in der Villa, die zum neuen, sich ständig erweiternden Hotspot für die Klimabewegung wurde, zu trainieren begannen. Das Dreiergespann, bei dem sich Cora erneut als fünftes Rad am Wagen vorkam, radikalisierte sich zunehmend.
Mehr will ich gar nicht verraten. „Orca“ ist die Geschichte einer Freundinnenschaft inklusive eines Gefühls des ewigen Ausgeschlossenseins. Cora ist ein zutiefst komplexer weiblicher Charakter. Die Klimabewegung bildet nur die Rahmenhandlung für eine Coming-of-Age-Story, die bis auf Längen in der Mitte absolut fesselnd und zum Ende hin spannend wie ein Thriller ist.
Cora, der main character des Romans, will der main character in ihrem Leben sein, diese Rolle erfüllt jedoch ihre Freundin Olympia. Irgendwie bekannt, dieses Gefühl. „Orca“ ist ein lässiger, aktueller, manchmal böser Read, dem ein bisschen mehr Tiefe zum Thema politischer Aktivismus ganz gut getan hätte.
Griffen die Orcas im Mittelmeer die Yachten der Superreichen aus Protest an oder wollten die nur spielen? Leseempfehlung!
A cinematic reading experience and a coming-of-age story that featured some aspects I haven't seen done before in this particular way, exploring teenage insecurities and the desperate search for a place of belonging in a style that I found hard to put down.
Orca tells the story of Cora, who works at the meat counter of a supermarket. Her life seems modest, until her former friend Olympia gets arrested and the memories of a summer unlike any other come rushing back in. That year, she watched Olympia spend more time with Ariel and her group of activists, which slowly drew them in until Cora herself got tangled up in a web of lies she couldn't escape from that lightly.
The way Cora insecurities are portrayed felt so on point. We learn that Cora is an extremely intelligent girl who gets to attend a rich-kids-school through a scholarship. At her school, she is the only one who can't afford clothes from those fancy labels everyone else is wearing, her make-up routine is not as expensive as others and her self-confidence not as self-evident as that of those who know their parents will secure them a successful future.
Instead of painting the portrait of a stereotypical outsider, the way Gänsler assembles Cora's character is a lot more nuanced and realistic: her insecurities are subtly mirrored in the way she thinks about others and herself. She obsesses over other girls, simultaneously tries to mimic and impress them, always concerned about how she comes across and overthinking everything she says or how others react to her. Is she in love with those other woman or does she just want to be them? In tiny, incidental situations I could tap into this sort of teenage angst that felt satisfyingly authentic to me.
So where does one end up when looking for a place of belonging? With that background, Cora's character and plot development make a lot of sense. She almost accidentally ends up as part of a group of left activists, who gradually grow more radical in their methods and ideas. Without getting too political in terms of content, this novel might not explore political radicalism thematically as much as it shows one path of how a young person might take extreme measures in order to satisfy their intrinsic need for an identity and something to stand for.
I enjoyed the novel for how it finds a seasoned blend between a character study and plot-driven narrative: this had structural elements of a thriller, while at its core remaining a story about female friendship, the young desire to feel seen and loved, as well as coming of age in modern times.
Das Buch hatte so eine Sogwirkung auf mich, dass ich erst rückblickend bemerkt habe, dass ich im Prinzip eine Coming-of-age-Erzählung gelesen habe (wollte ich eigentlich erstmal vermeiden). Es geht um Radikalisierung und damit verbunden um die Frage von Zugehörigkeit und Beziehungsdynamiken. Die rückblickende Erzählweise und der Zeitenswitch sind gut komponiert. Aber bitte macht doch keine verschiedenen Schriftarten in ein Buch, was is das für ein komischer Trend.
Cora Melchior arbeitet notgedrungen an der Fleischtheke eines Supermarkts; eine andere Arbeit konnte sie nach dem überstürzten Abbruch der Schule nicht finden – schon gar nicht nach den skandalösen Ereignissen, in die sie uns als Icherzählerin in eingeschobenen Rückblenden blicken lässt. Als die Schulen zum Ende der Corona-Pandemie wieder geöffnet wurden, konnten sich Coras Eltern nur schwer auf die ungewohnte Freiheit umstellen. Ihre Tochter war damals 17, besuchte ein privates Elite-Gymnasium und wollte endlich einmal irgendwo dazugehören, ohne dort mit Markenware die erwarteten Codes der wohlhabenden Oberschicht bedienen zu müssen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Olympia zog sie den ungewöhnlichen Job an Land, für den betagten Villenbesitzer Albert Elsons Haus, Garten, Katze und Hühner zu versorgen. Eingearbeitet worden sind sie von Elson offenbar nicht, seine Anweisungen schickt er per Nachricht. Er scheint eine Art Elite-Prepper zu sein und will in großer Eile seine Fähigkeiten an die nächste Generation weitergeben, auf seinem Grund autark zu wirtschaften. Außer der abklingenden Pandemie scheint sich das Land im dysfunktionalen Zustand zu befinden. Elson engagiert sich als Waldbesetzer, für Urban Foraging, lässt Krafttraining auf dem Niveau von Security Personal unterrichten – und er hat unendlich viel Raum, Aktivisten aller Art in der Villa unterzubringen. Elson war sich jedoch nicht bewusst, dass in Sichtweite sein absolutes Gegenstück residiert, Dr. Eleonore Brecht, die auf Investitionen in Flüssiggas spezialisiert ist. Cora weiß inzwischen alles über die Bewohner der Nachbarvilla und lernt – Zufall oder nicht – sogar die gleichaltrige Tochter Lilian Brecht kennen. Während in der Villa Elson unheimliche Dinge geschehen und Cora durch Lilian einmal mehr mit der Welt der Luxus-Markenartikel konfrontiert wird, müssen Mitglieder diverser Grüppchen von Aktivisten sich entscheiden, wie weit sie für ihre Ideale zu gehen bereit sind.
Wie sich das Myzel zusammensetzt, das die Aktivisten gern bilden würden und was eigentlich Dramatisches passiert ist, erfahren Franziska Gänslers Leser:innen erst scheibchenweise. Coras gerade 20 Jahre alte Generation scheint aus Eigenbrötlern zu bestehen, jeder auf der Suche nach Zugehörigkeit. Cora möchte nicht mehr unsichtbar sein, weil sie die falsche Kleidung trägt, Lilian sucht eine Gefährtin und Dr. Eleonore sollte endlich vertrauen können.
Fazit Neben der hinreißend recherchierten Atmosphäre hinter einer Wurst-Theke hat Franziska Gänsler beunruhigend präzise den Zustand gezeigt, wenn ein Fehler im Bild schon längst Misstrauen wecken sollte – und genau das nicht passiert, weil niemand bisher aus Fehlern lernen konnte. Auch wenn Icherzählerin Cora anfangs etwas zu zurückhaltend wirkte, überschlagen die unerhörten Ereignisse sich dann u
Beleuchtung der psychologischen Mechanismen von Gruppenzwang und politischer Radikalisierung
In ihrem Roman »Orca« verbindet Franziska Gänsler mehrere Leitmotive miteinander, sodass das Werk sogleich ein hellsichtiges Buch über das Erwachsenwerden, die atmosphärische Geschichte eines langen, flirrenden Sommers sowie ein Zeugnis der dramatischen Seiten eines jungen Lebens ist, welches sich im Spannungsfeld von Gruppenzwang, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und radikalem Aktivismus verzettelt. Die architektonische Struktur des Romans entfaltet sich dabei über einen kontinuierlichen Wechsel zwischen Coras monotoner Gegenwart an der supermarkteigenen Fleischtheke und jener intensiven Vergangenheit während der Corona-Pandemie, einem schicksalhaften Sommer, in welchem sie gemeinsam mit ihrer wiederentdeckten Jugendfreundin Olympia Schritt für Schritt tiefer in die Prozesse einer verschworenen Aktivistengruppe hineingezogen wurde. Die eigentliche Handlung nimmt ihren Ausgangspunkt in der Gegenwart mit der aufrüttelnden Eilmeldung, dass Coras einstige Weggefährtin Olympia verhaftet worden ist, woraufhin sich ein detailreicher Rückblick in Gang setzt, welcher die schrittweise Integration der beiden ungleichen Mädchen im geheimnisvollen Elson-Haus und einer aktivistischen Gruppe nachzeichnet, wobei Cora von Anfang an vor allem die Position einer kritischen Beobachterin am Rande des Geschehens einnimmt. Gerade anhand dieser differenzierten Perspektive der Protagonistin Cora thematisiert der Roman gleich in mehrfacher Hinsicht den lähmenden Gruppenzwang und den tiefen Wunsch nach gesellschaftlicher Verortung, da das Mädchen einerseits eine Eliteschule besucht, an der sie aufgrund ihrer weniger begüterten Verhältnisse von den reichen Mitschülern permanent ausgegrenzt und nicht ernst genommen wird, während sie andererseits auch in der aktivistischen Gruppe keinen wirklichen, tiefen Anschluss findet. Doch obgleich sie dort eher eine Randfigur bleibt, zeigt der Roman auf dezente Weise, dass gerade diese scheinbar unbedeutenden Randgestalten am Ende einen (wenn auch vielleicht unfreiwilligen) immensen Beitrag zum Verlauf der dramatischen Ereignisse leisten. Ganz im Gegensatz dazu steht Olympia, die ihren Weg ungleich stringenter, kompromissloser und mutiger geht, bis sie schließlich mit jeder Faser ihres Wesens vollkommen in der Aktivistengruppe und deren radikalen Idealen aufgeht. Dass die Autorin hierbei eine derart breite Schicht an komplexen Themen erfolgreich kontrollieren muss, um das erzählerische Uhrwerk am Laufen zu halten, gelingt ihr auf ganzer Linie, da sie insbesondere die schwierige, von permanentem Anziehen und Abstoßen geprägte Konstellation zwischen den einzelnen Akteuren auf ansprechende Weise aufs Papier bringt. Während Cora und Olympia als greifbare Hauptfiguren psychologisch überzeugend ausgestaltet sind, fügen sich auch die weniger fassbaren Figuren und scheinbaren Gegenpole wie der ideologische Antreiber Ben hervorragend in das Handlungsgeflecht ein. Die dezent integrierten Liebesgeschichten bleiben zwar angenehm latent, sind jedoch als spürbare Unterströmung stets in die Handlung eingebunden, wo sie geschickt als Wegbegleiter für die inneren Konflikte und die Einsamkeit der Charaktere fungieren. Insgesamt hat Franziska Gänsler damit einen überaus ansprechenden Roman geschrieben, der kunstvoll zwischen erwachsenem Ernst und jugendlichem Leichtsinn schwankt und einen hochaktuellen Aktivismus porträtiert, welcher auch mit den Problematiken der sozialen Medien verwurzelt ist, in denen virtuelle Ablehnung und das süchtig machende Verlangen nach Bestätigung gleichermaßen auftreten, und Olympias Verhaftung begleiten. Zugegeben, zum Ende der ersten Lektüre stellte sich durchaus eine gewisse Skepsis ein, was den rein literarischen Wert des Romans betrifft, da das Buch stilistisch und dramaturgisch bisweilen unentschlossen zwischen einem rasanten Thriller und einem introspektiven Jugendroman schwankt. Doch durch seine stringente und vollkommen schonungslose Art, die schleichenden Mechanismen von Gruppenzwang, sozialer Isolation und psychologischer Radikalisierung aufzuzeigen, vermag das Werk ein überaus schwieriges, aktuelles Thema mit einigen zutiefst einleuchtenden Einsichten zu erhellen und hallt gerade wegen seiner unaufgeregten Brutalität noch eine Weile im Gedächtnis nach.
"Olympia Mitterwald steht für mehr als eine Person, es steht für die Tat. Es steht für etwas, das sie Terror nennen."
Olympia, das ist Coras Freundin aus Kindertagen, die sie während der Pandemie zufällig wiedertrifft. Olympia, das ist aber auch die Frau, die drei Jahre später am Berlin Hauptbahnhof verhaftet wird. Die, über die vor der Fleischtheke getratscht wird, hinter der Cora jetzt Fleisch verkauft und über das, was Jahre zuvor geschehen ist, nachdenkt. Damals, als sich die beiden Mädchen eher zufällig einer Gruppe von Klimaaktivisten angeschlossen haben. Damals, als die Wut auf jene, die die Natur mit ihren profitoptimierten Konzernen ausbeuten, immer weiter hochkochte. Die Frage, was man tun kann, wenn die Welt von morgen in Flammen steht. Insofern ist "Orca" ein Roman über Klimaaktivismus, der von friedlichem Protest in immer gewaltsamere Formen zu kippen droht. Viele Stellen rufen Assoziationen zu real existierenden Protesten wie etwa von Extinction Rebellion oder der letzten Generation auf.
Spannend (und vielleicht ist "Orca" auch deshalb auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden): Typisch männlich konotierte Eigenschaften werden von weiblichen Protagonistinnen übernommen. Cora und Olympia (und später auch Freundin Alice) machen Krafttraining, wollen hart wirken, arbeiten bei Sicherheitsdiensten und sehen physische Gewalt als legitimes Mittel an. Franziska Gänsler entwirft hier also Figuren, die weit ab von jenen Klischees sind, die wir gemeinhin mit Gewalt und Aktivismus verbinden. Und überhaupt kommen Männer im ganzen Roman nur als Nebenfiguren vor. Die Handlung wird von Mädchen und Frauen getragen.
Dieser eher feministisch-aktive Blicke auf den Klimaprotest allein würde den Roman schon zu etwas Besondere machen. Aber da ist noch mehr: Die Ausgestaltung der Hauptfigur Cora. Sie ist keineswegs eine überzeugte Kämpferin für das Klima, die durch ihren Aktivismus zunehmend verblendet. Ganz im Gegenteil, denn der Leser fragt sich oft, was Cora überhaupt bei der Gruppe hält. Warum sie da mitmacht und immer mehr Vorschläge für Direct Action, die Protestformen mit Gewalteinsatz, sammelt. Das Mädchen ist eigentlich eine Suchende, die nirgends dazugehört und so sehr nach Bestätigung sucht. An ihrer elitären Privatschule darf sie nur lernen. weil sie in einem Förderprogramm Mitglied ist. Die Eltern ihrer Mitschüler finanzieren ihr das Lernen. Doch richtig dazu gehört Cora nicht zu dieser Welt aus Markentaschen und teurem Make-up. Für die Protestgruppe im Elson-Haus ist sie zu wenig "da". Zumindest wird ihr das immer dann vorgeworfen, wenn sie für die Schule lernen muss. Und so erscheint der weitere Handlungsverlauf mehr wie ein Reinschlittern in die Aktivistenszene als eine überzeugte Handlung. Und auch Cora selbst scheint sich manchmal zu fragen, wohin es sie da treibt.
Gänsler erzählt eindrücklich, manchmal kaum aushaltbar von Gewalt und Protest. "Orca" birgt eine Geschichte, die ich so noch nie zuvor gelesen haben und die ein klares Schwarz-Weiß unmöglich macht. Der einzige Wermutstropfen: Der Beginn liest sich sehr wie eine Adaption des Films "Parasiten". Ist man über diesen Teil hinaus, liest man aber eine originäre Geschichte, die im Kopf bleibt.
"Wie bei einem Schnitt, der etwas braucht, bis er sich mit Blut füllt, dauert es, bis die Information etwas wird, das ich begreife."
Orca ist bereits das dritte Buch, dass ich von Franziska Gänsler gelesen habe. "Leider" muss ich sagen, dass mich die Vorgänger deutlich mehr überzeugen konnten. Aber von Anfang an:
Cora und ihre Freundin Olympia geraten irgendwie an bzw. in eine Extremisten-Gruppe. Während Olympia direkt Anschluss findet und gut aufgenommen wird, muss Cora um Anerkennung und Aufmerksamkeit kämpfen. In der Gegenwart haben die Freundinnen keinen Kontakt mehr und Cora arbeitet an der Fleischtheke im Supermarkt. Doch dann steht ein großer Prozess für Olympia an. Was wird Cora tun?
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Technisch ist das der Autorin gut gelungen, ich mochte das Repetitive an der Gegenwartsebene mit dem "Walking-On-Sunshine" im Hintergrund. Die Ebene der Vergangenheit konnte ich immer schlechter ertragen. Ich bin kein großer Fan von Cora, ich fand sie ziemlich undurchsichtig und selbstsüchtig. Theoretisch könnte man das Buch auch als Coming-Of-Age-Roman bezeichnen, aber meiner Meinung nach entwickelt sich Cora nicht wirklich.
Auch der Aktivismus war mir nicht definiert genug und hat mich deshalb immer weniger interessiert.
Zusammengefasst kann ich festhalten, dass es einfach nicht mein Buch war und ich "Ewig Sommer" und "Wie Inseln im Licht" definitiv mehr empfehlen würde.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten, in den Roman hineinzufinden, hat mich Franziska Gänsler einmal mehr überzeugt. Die Erwähnung der "Glasglocke" von Sylvia Plath (S.13) setzt gleich zu Beginn den pessimistischen Ton: "Orca" zeichnet in Zeiten von Corona, Klassismus und ökonomisch-sozialer Ungleichheiten das Bild vor allem junger Frauen und ihrer Zerrissenheit angesichts chaotischer gesellschaftlicher Entwicklungen. Wie damit umgehen? Anpassung? Widerstand? Gewalt? Diese möglichen Antworten spielt die Autorin in ihrem Roman durch, wobei diese Antworten stets überwölbt werden von den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Cora, Olympia, Ariel und Lilian. Es geht um Anerkennung, Zugehörigkeit, Liebe, Neid, Eifersucht, Einsamkeit und eine fatale Gruppendynamik. Cora ist vor allem wichtig, dazu zu gehören und in einem umfassenden Wir-Gefühl aufgehoben zu sein. Die männlichen Figuren bleiben dabei erstaunlich farblos und nichtssagend. Die Gruppendynamik hat mich oft an das erinnert, was ich über die Gruppendynamik der RAF weiß - so wird Cora auch einmal die Ulrike Meinhof der ORCA-Gruppe genannt. Franziska Gänsler greift zu eher konventionellen Erzählmustern und bietet sprachlich zumeist klassische Konfektionsware. Trotzdem ist ihr ein spannender Roman mit teils sogartiger Wirkung gelungen.
Ich hätte es so gerne mehr gemocht! Dieses Buch zu lesen war für mich ein absoluter No-Brainer, da ich die ersten beiden Romane von Franziska Gänsler sehr geliebt habe.
Hier gefällt mir über das "Handwerkliche" hinaus leider nicht so viel. Eventuell, weil ich die Protagonistin so unsympathisch aber vor allen Dingen in ihren Entscheidungen auch so wenig nachvollziehbar fand. Es dreht sich gefühlt alles um die Frage ihrer Zugehörigkeit zu ihrer kleinen Freundesgruppe, die ihr komplettes Handeln bestimmt. Welche Einstellungen sie selbst zu den wichtigen, gesellschaftsrelevanten Themen hat, um die es in diesem Roman geht, wird mir persönlich nicht klar. Sie reflektiert auch nicht großartig, ob richtig oder falsch, ihre Entscheidungen beruhen darauf, was ihr gerade zufällig passiert und wie sie am besten dastehen kann. Das passt für mich nicht zu jemandem, der sich ganz allein und über den Kopf der eigenen Eltern für ein krasses Stipendium auf einer Top-Schule bewirbt und dann da durchzieht. Könnte ich jetzt viel reininterpretieren warum das total clever gemacht ist, mich hat's einfach genervt. Was soll mir das Buch am Ende sagen? Dass es komplett vom Zufall abhängt, von meinen Mitmenschen und meinen Erfahrungen, ob ich ein Extremist werde oder nicht? Oder vllt einfach, dass unsere Protagonistin kein Rückgrat hat?
Normalerweise mag ich Bücher mit mehreren Zeitebenen sehr gern, aber in dem Fall fühlte sich die Gegenwart für mich leider total irrelevant an. Na gut, sie arbeitet jetzt hinter der Fleischtheke, na und? Wofür brauche ich diesen kompletten Handlungsstrang?
This entire review has been hidden because of spoilers.
tolles setting, gänsler schafft es krass ne atmosphäre zu schaffen, fand die zwei erzählzeiten die auf das finale hin erzählen gut gemacht, irgendwie hats mich emotional trotzdem nicht abgeholt weil mich alle charaktere genervt haben
Mit der Erwartungshaltung „Shortlist Deutscher Buchpreis“ eingestiegen und dann sofort gedacht: Meine Güte, nicht schon wieder „Das war der beste Sommer meines Lebens, aber am Ende ist etwas ganz Furchtbares passiert.“
Irgendwie ist es das am Ende auch. Aber eben nicht nur.
Es steckt deutlich mehr drin: Zugehörigkeit, Identität, Ideologie, Einsamkeit, Aktivismus, Selbstwirksamkeit. Das alles in einem fast aktuellen Setting (Corona und klimaproteste)
Und allein die Beschreibung der Arbeit an der Fleischtheke macht das Buch schon lesenswert.
Ein Buch über das man sich sehr gut unterhalten könnte ;)
die letzten tage bin ich durch „orca“ von franziska gänsler geflogen und hatte die beste zeit.
dieser bildhaft beschriebene roman mit großem spannungsbogen hat mich eingesogen in coras welt, treiben lassen im pool der reichen mit der aussicht auf ein erfolgreiches leben und irren lassen zwischen dem gleichzeitig bestehenden wunsch nach zugehörigkeit zu den so anders lebenden aktivist:innen. dieses ständige ringen um anerkennung und der unsicherheit in jungen freundinnenschaften, gepaart mit themen von klasse, aktivismus und radikalisierung und gespickt mit popkulturellen referenzen haben mich abgeholt, obwohl ich normalerweise nicht so gerne coming-of-age geschichten lese. die authentischen dialoge und emotioinal vielschichtigen charaktere, die zwischen fleischtheke, villen, dem wald zwischen ihnen, sportkeller und reddit-foren wandelten haben gut für mich funktioniert, was „orca“ zu einem super ferien-buch gemacht hat.
ich bedanke mich bei netgalley und kein&aber für das rezensionsexemplar!
"Orca", Shortlist Deutscher Buchpreis, ist ein Roman über weibliche Freundschaft, Zukunftsängste, dem daraus wachsenden Protestdrang, das Linkssein verbunden mit dem Wunsch, etwas verändern zu wollen in dieser so trägen und zerstörerischen Gesellschaft und dem Wunsch dazuzugehören, gesehen zu werden.
Die Protagonistin Cora ist schon immer Einzelgängerin. Sie passt nirgends ganz hinein, wird immer ausgegrenzt und hat verbeglich versucht, sich irgendwo einzubringen. Seit sie durch ein Förderungsprogramm auf eine Eliteschule kam und nun reiche Mitschüler*innen hat, wurde es nur noch schlimmer. Doch im Corona-Lockdown schließt sie sich in ihrem Zimmer ein, trainiert dort ohne Unterlass und lebt so vor sich hin. Eines Tages trifft sie aber Olympia, die so ganz anders ist als sie und freundet sich mit ihr an. Wie besessen ist Cora von da an, dazuzugehören. Sie lernt ihre Familie kennen, sie bauen zusammen mit der Hilfe eines Millionärs eine Unterkunft für Mitglieder einer linken Protestgruppe auf und Cora verliert sich immer mehr in dem verzweifelten Versuch dazuzugehören, während sie nir wirklich so überzeugt von den politischen Ansichten ist wie die anderen. Doch die Situation spitzt sich immer weiter zu, es formt sich eine radikale Protestgruppe Direct Action aus Olympia, Rena, die Schwester Olympias, die im Roman selbst keine große Rolle spielt, Cora und Ariel, kurz auch ORCA. Jahre später muss Cora vor Gericht aussagen, was damals an dem einen Abend, als alles eskalierte, wirklich passiert ist. So blickt sie also nochmal zurück auf die Freundschaft, den Protest und ihre Gefühle.
Eine Inhaltsangabe zu schreiben war wirklich schwer. Denn wie man merkt passiert in diesem Roman wirklich viel und auch viel, das sich so gar nicht beschreiben lässt oder zu viele Worte benötigen würde. Er ist thematisch vielschichtig und wirklich faszinierend. Ich bin durch die Spannung, die sich von Seite zu Seite immer weiter aufbaut, über die Seiten hinweggeflogen, war wie hineingesogen in diese Welt und habe so tatsächlich stundenlang ohne Pause lesen wollen, was mir echt selten geschieht.
Die großen Themen dieses für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman sind die Gefühlswelt einer heranwachsenden Person und der linke Protest.
Im Vordergrund steht eindeutig ersteres. Denn ohne diesen sehnsüchtigen Wunsch Coras dazugehören zu wollen würde sich nichts in diesem Roman so ereignen. Er ist also die Schlüsselthematik dieses Romans und gleichzeitig etwas, was fast jede*r auch so in seinem Leben mal erlebt hat oder erlebt. Cora gehört endlich zu etwas dazu, sie hat das Gefühl gesehen zu werden, hat aber gleichzeitig immer größere Angst, davon wieder ausgeschlossen zu werden, weshalb sie selbst immer aktivistischer wird, um Olympia und Ariel bei ihr zu halten. Ich war beim Lesen wirklich begeistert von dieser realistischen und perfekten Darstellung dieses besessenen Wunsches Coras.
In Coras Umkreis, also primär Olympia und Ariel, entwickelt sich immer stärker ein politischer Aktivismus wie man ihn von der damaligen Letzten Generation kennt. Straßen werden blockiert, die unvermeidbare Krise, also der Klimawandel, soll mit extremen Mitteln den Mitmenschen klargemacht werden. Durch Cora wird das Auge auf genau diese Menschen gelegt. Was möchten sie erreichen? Wie ergeht es diesen Menschen? Was treibt sie an? Ein wunderbar klarer und realistischer Blick auf die unnötige Verteufelung einer Aktivistengruppe, die ihr eigenes Leben dafür riskiert haben, unseren Planeten zu retten.
Und selbstverständlich geht es auch um Extremismus und Gewalt. Etwas, was für die AktivistInnengruppe niemals dazugehören durfte, die Direct Action Gruope jedoch nicht ganz ausgeschlossen haben. Sie wollten dieselben Ansätze auf härtere Weise näherbringen. Mittels körperlichen Konsequenzen. Was selbstverständlich der falsche Weg ist und letztendlich auch schief ging.
Ein interessantes Nebenthema ist der exzessive Sport, den die Freundinnen Cora, Olympia und Ariel betreiben um ihren Mitmenschen körperlich überlegen zu sein oder eben weniger anfällig für Gewalt anderer. Zugrunde liegt dem ein inniger Wunsch der Selbstbestimmung von diesen Frauen, die immer anderen genügen mussten. Ein interessanter Blick auf Körper, Macht und gesellschaftliche Rollen.
Also ein unglaublich vielschichter, genialer und spannender Roman, der mich nicht mehr losgelassen hat und es auch lange nicht mehr tun wird. Große Empfehlung!
Cora erzählt rückblickend von einem Sommer, der ihr Leben verändert hat. In der Gegenwart arbeitet die etwa zwanzigjährige Cora an der Fleischtheke eines Supermarkts. Als sie in den Nachrichten sieht, dass ihre frühere Freundin Olympia verhaftet wurde, kehren Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit zurück.
Cora stammt aus weniger wohlhabenden Verhältnissen, besucht aber dank eines Stipendiums eine Privatschule. Dort fühlt sie sich neben ihren reichen Mitschülerinnen und Mitschülern ständig als Aussenseiterin und versucht verzweifelt, dazuzugehören. Als sie Olympia wiedertrifft, entsteht zwischen den beiden eine intensive Freundschaft. Durch Olympia kommt Cora auch mit Ariel und einer Gruppe junger Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten in Kontakt. Nach einer illegalen Party und ersten Grenzüberschreitungen radikalisiert sich das Umfeld zunehmend. Cora möchte unbedingt Teil dieser Gemeinschaft sein und Olympias Aufmerksamkeit behalten, beginnt aber gleichzeitig, Dinge zu verheimlichen und eigene Aktionen zu planen. Aus ihrem Wunsch nach Zugehörigkeit entsteht schliesslich ein immer grösseres Geflecht aus Lügen und moralischen Grenzenüberschreitungen.
Cora möchte fast um jeden Preis Teil einer Gruppe sein. Schon an ihrer Privatschule spürt sie deutlich die sozialen Unterschiede zwischen sich und den wohlhabenden Jugendlichen um sie herum. Ihre Freundschaft mit Olympia bietet ihr erstmals das Gefühl, wirklich gesehen zu werden. Gleichzeitig macht gerade dieses Bedürfnis nach Anerkennung sie besonders verletzlich. Je mehr sie fürchtet, Olympia an Ariel und die Aktivistengruppe zu verlieren, desto weiter ist sie bereit zu gehen. Der Roman erzählt Radikalisierung deshalb nicht nur als politische Entwicklung, sondern auch als etwas, das aus Einsamkeit, Unsicherheit und dem Wunsch nach Gemeinschaft entstehen kann.
Auch Klimaaktivismus und Radikalisierung stehen im Zentrum. Gänsler interessiert sich weniger dafür, den Aktivismus moralisch eindeutig als richtig oder falsch einzuordnen, sondern vielmehr dafür, wie aus nachvollziehbarer Zukunftsangst und politischem Engagement immer radikalere Handlungen entstehen können. Körperliche Stärke und das Gefühl, tatsächlich handeln zu können, werden für die jungen Frauen zu einer Form von Handlungsmacht. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie schnell sich politische Überzeugungen mit persönlichen Bedürfnissen, Loyalitäten und Konkurrenz vermischen können.
Die Beziehung zwischen Cora und Liliane zeigt eine andere Form von Nähe zeigt als Coras intensive Bindung an Olympia. Bei Liliane wird deutlicher, wie stark Cora zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach Abgrenzung schwankt. Sie sucht Nähe, beobachtet aber gleichzeitig ständig, wie sie selbst auf andere wirkt. Dadurch wird auch sichtbar, wie unsicher Cora in Beziehungen ist und wie sehr sie ihren eigenen Wert über die Anerkennung anderer definiert. Liliane funktioniert deshalb als eine Art Gegenfigur zu Olympia. Während Olympia für Cora mit Bewunderung, Idealisierung und Konkurrenz verbunden ist, wirkt die Beziehung zu Liliane alltäglicher und macht Coras Unsicherheiten umso deutlicher.
Gänsler erzählt konsequent aus Coras Ich-Perspektive, wodurch wir sehr nah an ihrer Unsicherheit, ihrem Neid und ihrem Bedürfnis nach Anerkennung sind. Gleichzeitig ist Cora keine vollkommen zuverlässige Erzählerin: Sie interpretiert die Reaktionen anderer ständig und versucht teilweise auch sich selbst zu erklären oder zu rechtfertigen. Dadurch entsteht eine interessante Distanz zwischen dem, was Cora glaubt, und dem, was Leserinnen und Leser möglicherweise in ihrem Verhalten erkennen.
Auffällig sind ausserdem die vielen Kontraste: privilegierte Privatschule und prekäre Arbeit, politischer Idealismus und persönliche Eifersucht, Klimaschutz und Fleischtheke, Aktivismus und Passivität, Reichtum und finanzielle Unsicherheit. Gerade die Fleischtheke ist dabei ein starkes Bild: Die erwachsene Cora befindet sich an einem Ort, der fast maximal weit entfernt von dem idealistischen Selbstbild ihrer Jugend wirkt.
Ich fand den Schreibstil gut, vorallem der Anfang war sehr schön geschrieben. Auch konnte ich mich gut in den Charakter von Cora einlesen. Es war spannend ihre Anziehung zu Olympia, Liliane und letzlich auch Nat zu sehen.
Irgendwie fand ich den Roman aber etwas kurz, sehr gerne hätte in Cora länger in ihre jetztige Gegenwart begleitet. Es ist doch gerade extrem spannend was sie jetzt macht mit dem was passiert ist. Ehrlicherweise macht sie nicht, einfach überleben, aber dies hätte ich sehr gerne Begleitet. In der Gegenwart wirkt es so als ob Cora endlich eine natürliche Beziehung hat. Nat scheint Cora eine stabilere Form von Nähe zu bieten, ohne dass Cora dieselbe starke Bewunderung, Konkurrenz oder Abhängigkeit entwickelt wie gegenüber Olympia. Gerade dieser Kontrast ist interessant, weil er zeigt, dass Cora zwar älter geworden ist, ihre Unsicherheit und ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit aber nicht ganz verschwunden sind. Gerne hätte ich genau diese Freundschaft weiter verfolgt!
Ich würde wegen gelegentlicher kleiner Längen 4,5 ⭐️ geben.
Der Roman hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen. Die intensive Freundschaft zwischen Cora und Olympia, vor allem aber Coras Zerrissenheit zwischen einerseits dem Wunsch, auch noch zu Olympia zu gehören, als diese mehr und mehr Zeit mit Ariel und den Aktivist:innen verbringt und andererseits ihren eigenen Träumen, Zukunftsplänen und dem Kontakt zu Lilian hat es in sich. Das Buch steht absolut verdient auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026.
Hochaktuell, klug und vielschichtig – auf den Punkt!
„[…] kam Olympia auf die Orcas. Sie fragte mich, ob ich das mitbekommen hatte? Dass die angefangen hatten, Jachten zu attackieren? Orcas sind eh einfach krass, sagte sie, extrem schlau. Und matriarchal organisiert.“
„Orca“ erzählt von Cora und ihrer Freundschaft zu Olympia und Ariel, von ihren Unsicherheiten und Selbstzweifeln sowie dem unbedingten Wunsch nach Zugehörigkeit, der über den Versuch der Anpassung hinaus in Coras Selbstaufgabe und -auflösung mündet. Gleichzeitig geht es um Klassenunterschiede, Klimaschutz und Aktivismus, von gewaltfrei bis radikal, wobei diese Themen nicht bloß ergänzendes Beiwerk sind, sondern die Geschichte selbst.
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, die sich im Verlauf annähern: In der Gegenwart arbeitet Cora im Supermarkt an der Fleischtheke, Olympia wurde verhaftet und wartet auf ihr Urteil. In der Vergangenheit besucht Cora dank eines Stipendiums eine Privatschule mit dem Ziel zu studieren. Sie freundet sich mit Olympia und Ariel an, und gemeinsam werden sie Teil einer Gruppe von Klimaaktivist:innen. Nach und nach erfahren wir, welche Ereignisse letztlich zu Olympias Verhaftung geführt haben.
Diese Erzählweise hatte eine starke und natürliche Sogwirkung auf mich. Die Handlung bleibt bis zum Schluss unvorhersehbar, ohne dass eine künstliche Spannung oder Dramatik erzeugt würde. Dazu beigetragen hat sicherlich die düstere und bedrückende Atmosphäre, die der gesamten Geschichte zugrunde liegt.
Was mir weiterhin gut gefallen hat, waren die starken Bilder, die Franziska Gänsler verwendet, wie beispielsweise der Kontrast zwischen Lilianes Haus und Elsons Haus – Stahl, Beton und Glas vs. naturnahe Materialien und ein Selbstversorger-Garten – oder Coras Faible für Markenfälschungen als Ausdruck ihres Zwangs zu Anpassung und Imitation.
Coras Unsicherheit und ihre innere Zerrissenheit waren für mich sehr gut nachvollziehbar – auch hier wieder verbildlicht durch ihren Besuch einer Privatschule und ihre gewaltbereite Initiative Direct Action – auch wenn sie dies nicht unbedingt sympathisch(er) gemacht hat. Prinzipiell sind die Charaktere und ihre Beweggründe nachvollziehbar, ihre konkreten Handlungen jedoch nicht immer vertretbar. Gelungen fand ich hier, dass diese Ambivalenz einfach da war, ausgehalten werden musste, ohne dass den Lesenden Erklärungen oder Verurteilungen geboten würden.
„Orca“ ist ein hochaktueller, kluger, komplexer und vielschichtiger Roman, der mich absolut überzeugt und begeistert hat. Ich möchte jetzt unbedingt auch die vorigen Werke von Franziska Gänsler lesen – sowie alle zukünftigen, klar.
Verdient auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 geschafft. Die Protagonistin Cora sehnt sich nach Anerkennung und Zugehörigkeit. So sehr sie sich anstrengt, so wenig will es ihr gelingen und eine falsche Entscheidung folgt der nächsten. Das Buch spielt während Corona, spricht über Dupes, Fake Markenklamotten, Körperkult, Klimawandel, Klima-Aktivisten über Normalbürger und Extrem-Reiche. Der Schreibstil hat mich von Minute eins abgeholt und ich habe es in jeder freien Minute weitergelesen. Fazit: Lesenswert