In „Das Mädchen mit dem Teufelsgesicht“ begleiten wir Sophie von ihrer Geburt an durch eine Kindheit und Jugend, die von Ablehnung, Gewalt, Armut und dem unermüdlichen Kampf um ein Recht geprägt ist, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: das Recht, als Mensch gesehen und behandelt zu werden. Sie wird mit einem nicht vollständigem Gesicht geboren. Und so wird sie von ihrer Familie, anderen Kindern und quasi der ganzen Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Nur wenige Menschen sind bereit, hinter ihr Äußeres zu blicken und ihre wahre Gestalt: ein intelligentes, aufmerksames und verletzliches Mädchen zu erkennen.
Der Einstieg in den Roman gelingt unglaublich gut. Ich bin sehr schnell in Sophies Geschichte hineingekommen. Ehrlicherweise musste ich das Buch nach dem ersten Abschnitt dann aber tatsächlich für einige Wochen zur Seite legen. Denn der Anfang der Geschichte und das was Sophie und ihrer Mutter wiederfährt hat mich härter getroffen, als ich erwartet habe. An mehreren Stellen sind mir beim Lesen die Tränen gekommen. Es ist kaum auszuhalten, welche Grausamkeit Sophie durch ihre Familie, andere Kinder und die Dorfgemeinschaft erfährt. Und noch schwerer auszuhalten ist, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Menschen ihr das Recht auf ein würdevolles Leben absprechen.
Besonders berührt haben mich Anna und Max. Annas Entscheidung, ihre Tochter zu verteidigen und gegen alle Widerstände für ihr Leben einzustehen war total mutig. Dabei wird sie nicht als durchgehend Vorzeige-Mutter dargestellt, die nie Zweifel hat oder alles richtig macht. Sie muss auch erst mit Sophies Aussehen und der Situation zurechtkommen und versuchen einen Weg zu finden. Gerade das macht ihre spätere Entschlossenheit umso glaubwürdiger und stärker.
Max hingegen sieht in Sophie von Anfang an vor allem eines: seine kleine Schwester. Besonders schön und nachvollziehbar ist beschrieben, wie Sophie ihm immer stärker ans Herz wächst und wie er zunehmend in seine Rolle als großer Bruder und Beschützer hineinwächst. Ihre Verbindung wirkt ehrlich und authentisch.
Sehr gelungen finde ich auch die Entwicklung von Sophies außergewöhnlicher Beobachtungsgabe. Weil sie bereits früh Gewalt, Ablehnung und Angst erlebt, lernt sie, jede noch so kleine Veränderung in ihrer Umgebung und im Verhalten anderer Menschen wahrzunehmen. Es wird ihre Überlebensstrategie und vorallem auch der ausschlaggebende Punkt warum sie so erfolgreich wird. Ihre natürliche Begabung für Zahlen, ihre Intelligenz und diese Beobachtungsgabe werden zum entscheidenden Vorteil für sie.
Sehr gelungen ist auch, wie sich durch das gesamte Buch immer wieder philosophische Gedanken ziehen und sich ganz selbstverständlich aus Sophies Geschichte, ihren Erlebnissen und den Gesprächen der Figuren ergeben. Fragen über Vorurteile, Würde, Menschlichkeit und den Umgang mit dem Anderssein werden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und diskutiert.
Leider hat mich das Buch im späteren Verlauf etwas verloren. Die Erzählung von Sophies Kindheit war sehr glaubwürdig und vorallem emotional und authentisch. Später jedoch hört die Geschichte auf authentisch zu sein. Vieles fügte sich plötzlich erstaunlich günstig zusammen, wodurch die Geschichte für mich einen Teil ihrer anfänglichen Glaubwürdigkeit und emotionalen Kraft verliert. Ich habe ihr ihren Erfolg von Herzen gegönnt, aber irgendwann hat sich einfach alles immer nur noch gefügt. Bei Sophies Rachepläne bin ich auch immer noch sehr zwiegespalten. Ihre Wut ist angesichts dessen, was sie erleben musste, verständlich. Trotzdem konnte ich nicht jede ihrer späteren Entscheidungen nachvollziehen und hätte mir mehr moralische Selbstreflexion gewünscht.
Gleichzeitig überschlugen sich manche Ereignisse, während andere Passagen sehr ausführlich erzählt wurden und sich für mich stellenweise zogen. Gerade ausschlaggebende Entwicklungen hätten für mich teilweise mehr emotionalen Raum als sachliche Beschreibungen der Situationen gebraucht, um spannend zu sein.
Allerdings sind derart lange Bücher, in denen sehr ausführlich Situationen beschrieben werden, nicht unbedingt mein Geschmack. Ich habe mich teilweise dabei ertappt, einige Absätze zu überspringen, die für die Handlung nicht unbedingt wichtig waren. Auch die sehr langen Kapitel haben mir das Lesen stellenweise erschwert.
Insgesamt ist "Das Mädchen mit dem Teufelsgesicht" ein emotionaler Roman der einen nachdenklich macht. Die Figuren sind stark und es werden wichtige Themen, wie Ausgrenzung, Vorurteile und die Grausamkeit mit der Menschen auf das vermeintlich Andersartige reagieren, diskutiert. Gleichzeitig geht es um Würde, Menschlichkeit, familiärem Zusammenhalt und den Folgen von Ablehnung und Gewalt. Besonders die erste Hälfte hat mir aufgrund der emotionalen Intensität und den grandios eingewobenen philosophischen Gedanken sehr gut gefallen. Die spätere Entwicklung war mir jedoch zu überzeichnet und das Buch insgesamt zu lang.