Sisi: Sie ist die ewig jugendlich scheinende Kaiserin, die mit sechzehn den österreichischen Monarchen Franz Joseph heiratet, die Widerspenstige, die sich dem steifen Wiener Hofzeremoniell nicht unterwerfen will, die Liebhaberin und Bewunderin der ungarischen Seele, aber auch die eitle Neurotikerin, die jeden Tag ihr Gewicht kontrolliert, eine Extremsportlerin, die waghalsige Jagden und stundenlange Gewaltmärsche durch Wind und Wetter unternimmt und ebenso rastlos zu immer neuen Reisen aufbricht.
Bei allen Mythen, die sich um Sisi ranken, schaffen Michaela und Karl Vocelka ein Porträt, das der historischen Person Elisabeth nicht nur in all ihren Facetten und Widersprüchen gerecht wird, sondern auch wenig bekannte Seiten der Kaiserin zeigt: Wer weiß schon, dass sie Gedichte verfasste, in denen sie freimütig ihre politischen Ansichten äußert und die Fehler und Schwächen ihrer habsburgischen Verwandtschaft mit einer Bissigkeit beschreibt, die einem allzu oft puderzuckrigen Sisi-Bild Realismus und auch die nötige Prise Schärfe verleiht.
Dieses Buch hat für mich nicht funktioniert. Ich verlange von meinen Sachbüchern, dass sie ihren Inhalt gut erzählen, nicht nur trocken berichtend Fakten abstottern – und hier war leider Letzteres der Fall.
Es war gar eine Enttäuschung, da das Thema "Sisi" eigentlich viel hergibt. Ich verglich das Buch laufend mit Oliver Hilmes' Biographie zu Ludwig II.; das mag eine unfaire Gegenüberstellung sein, weil Hilmes viel mehr Seiten hatte, um sich über Ludwig auszubreiten, aber da Ludwig und Sisi viele Gemeinsamkeiten teilten, beide waren sie zurückgezogene Exzentriker, Träumer, verachteten die gesellschaftlichen und höfischen Pflichten, – ja, waren sogar miteinander verwandt und gut befreundet, sahen sich als Seelenverwandte an; kurz, sie waren beides höchst interessante, ähnliche Persönlichkeiten, so waren auch meine Erwartungen durch Hilmes' fantastischen Ludwig-Werk entsprechend hoch.
Ich habs schon eingangs angesprochen. Es mangelt an einer zusammengehörigen Erzählung. Im Kern sind es weitesgehend nur Aneinanderreihungen von Fakten, die zudem so strukturiert sind, wie ich es bei Biographien nicht leiden kann: Grundsätzlich chronologisch, aber mit immer wiederkehrenden Exkursionen zu späteren Zeitpunkten versehen. Manche interessante Aspekte, wie Sisis Verhältnis zu Ludwig II. oder ihre Poesie werden auch wenig in den laufenden Text eingeflochten, sondern stattdessen recht zum Schluss in kurzen Kapiteln getrennt knapp abgehakt.
Ich verstehe, dass man Probleme hat, im Kleinformat gute Biographien zu schreiben, man muss zwangsläufig auf irgendetwas verzichten und die Texte kürzer gestalten. Da lobe ich mir Walter Deppischs Monographie zu Richard Strauss, die die gleichen Probleme zu lösen hatte und das wunderbar bewerkstelligte. Seine empathische Erzählung war konsistent chronologisch aufgebaut, untermauert von zeitgenössischen Briefen. Er mag nicht alles Wichtige über Strauss gesagt haben, aber das, was er vermittelt hat, ergab ein stimmiges, wohlerzähltes Bild.
Dann stört mich noch das Berichthafte am Text. Es schafft eine nüchterne, etwas kalte Erzählstimme, die wenig Sympathie für Sisi aufzubringen vermag. Auch hier muss ich Hilmes als Gegenbeispiel anführen. Dieser ging empathisch auf Ludwig ein, ja sogar mit einem durchgängigen Schmunzeln. Ein Biograph sollte schon eine gewisse Empathie für die thematisierte Person besitzen; klar, natürlich nur bei Personen, die nicht komplett verachtenswert sind, wie Hitler, Goebbels, Himmler und Konsorten.
Nicht alles ist schlecht an diesem Buch. Trotz der oben genannten Störfaktoren kann ich lobend erwähnen, dass die Autoren trotz kühler, distanzierter Erzählerstimme, fair mit Sisi umgingen; das Positive, wie auch das Negative gegenüberstellten. Ferner haben sie sich an tatsächliche Fakten gehalten und Legenden weitesgehend außer acht gelassen. Und dann schafften sie es doch auch, Sisis Leben auf eine interessante Essenz runterzubrechen, die am besten durch ein Zitat von Sisi selbst über Achilles veranschaulicht werden kann:
"Ich liebe ihn, weil er für mich die griechische Seele personifiziert und die Schönheit der Landschaft und der Menschen. Ich liebe ihn auch, weil er so schnellfüßig war. Er war stark und trotzig und hat alle Könige und Traditionen verachtet und die Menschenmassen für nichtig gehalten und nur seinen Träumen gelebt, und seine Trauer war ihm wertvoller als das ganze Leben."
Das alles kann man auf Sisi ummünzen, sie war rastlos, stark, trotzig, hat die meisten Habsburger verachtet, hat die Traditionen gehasst, hat die Menschenmassen für nichtig gehalten und ihre Träume gelebt, ist viel gereist, hat ihrem Idol Heinrich Heine in der Poesie nachgeeifert; und ja, auch die Trauer und vorallem ein vager Todeswunsch waren wohl lange in ihr präsent.
Abschließend kann ich insgesamt keine Empfehlung aussprechen. Doch es hat mich zumindest neugierig gemacht. Vielleicht werde ich einen Blick in ihre Poesie werfen. Die wenigen Beispiele fand ich wahnsinnig interessant.