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Eine einfache Wahrheit

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»Mit detektivischem Gespür legt Corinna Krenzer in ihrem Debüt den Finger in eine Wunde aus Schweigen und Schuld und zeigt, wie das Erzählen etwas dagegenhalten kann.« - Elisabeth Bronfen

Kurz vor dem Mauerfall flieht Janna mit ihren Eltern in den Westen. Drei Monate später nimmt sich ihr Vater, ein Schriftsteller, das Leben. In seinen Händen ein Zettel, auf dem nur fünf Buchstaben stehen: Janna.

30 Jahre später kehrt sie, inzwischen selbst Schriftstellerin, auf der Suche nach Antworten ins mecklenburgische Kohltal, das Dorf ihrer Kindheit, zurück. Niemand hat hier auf sie gewartet. Selbst Oskar, Sohn des SED-Ortssekretärs und damals ihr bester Freund, geht ihr aus dem Weg. Als Janna schon wieder abreisen will, stößt sie im baufälligen Bootshaus des Vaters auf dessen Tagebücher. Es scheint, als hätten Jannas Eltern die DDR damals nicht freiwillig verlassen. Und als hätte das ganze Dorf davon gewusst.

240 pages, Hardcover

Published July 21, 2026

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Profile Image for Marie.
223 reviews15 followers
July 28, 2026
"Das war es doch, was Heimat bedeutete. Sie zu verlassen, aber nicht hinter sich lassen zu können."

Als Jugendliche macht Janna mit ihren Eltern aus dem kleinen Ort Kohlberg rüber in den Westen. Ihr Vater spricht da schon lange nicht mehr mit ihr. Ob sie an seinem Schweigen Schuld ist? Janna verspürt in erster Linie Wut. Wut auf den Mann ihrer Mutter, der sich nicht an Regeln halten kann und sie zum Gehen zwingt. Kurz nach der Ankunft im Westen erschießt er sich, in der Hand einen Zettel mit der Aufschrift "Janna". In Corinna Krenzers Debüt "Eine einfache Wahrheit" macht sich Janna, mittlerweile vierundvierzig Jahre alt, auf den Weg in den Osten, zurück in den kleinen Ort bei Parchim. Ihr Leben gerät gerade aus den Fugen, die Tatsache das sie gerade so alt geworden ist, wie ihr Vater, als er sich erschossen hat, trägt ihr übriges bei. Was ursprünglich als Ausbruch aus dem Alltag begann wird für Janna eine Suche nach Antworten. Doch ihre ehemaligen Nachbarn, Bekannten und Freunde geben sich bedeckt.

Krenzer verbindet in ihrem Roman eine bewegende Familiengeschichte mit der deutsch-deutschen Geschichte. Über die Historie ist zwar Einiges bekannt, dennoch ist "Eine einfache Wahrheit" in erster Linie ein unheimlich spannender Roman. Das liegt an der Erzählweise. Zahlreiche Rückblenden lassen Jannas Jugend kurz vor dem Mauerfall lebendig werden. Ihre Freundschaft zu Oskar, das Ausgegrenzt sein in der Schule, weil der Vater anders denkt. Fakten aus dem Geschichtsbuch werden zu einer lebendigen Erzählung verwoben. Mittendrin ist Janna, 12, 13 Jahre alt. Natürlich versteht das junge Mädchen nicht, worüber die Eltern nachts bei verschlossener Tür diskutieren. Sie kann nicht begreifen, warum ein einziges Blatt mit Text verhängnisvoll sein soll. Ebenso verständlich ist es, dass sie dazugehören will, ganz egal wie ihr Vater zur FDJ steht. Krenzer gelingt es, ihre junge Erzählerin authentisch naiv zu gestalten und davon lebt die gesamte Geschichte.

Stichwort Authentizität: Man muss an dieser Stelle auch erwähnen, dass die Autorin selbst im Westen aufgewachsen ist. 1989 geboren hätte sie ohnehin nicht viel von der DDR mitbekommen. Natürlich muss nicht jeder Autor erleben, worüber er oder sie schreibt. Dennoch hat man beim Lesen das Gefühl, eine der zahlreichen Geschichte zu hören, wie sie auch in den Familien in Deutschland kursieren. Also etwas Echtes, etwas, das durchaus so gewesen sein könnte. Auch das kann Literatur machen, soll sie doch von dem Erzählen, was wahr sein könnte. Das macht gute Geschichten aus. Allerdings ähneln einige Figuren sehr den Klischeevorstellungen, die ich mir in meiner Jugend vom Osten gemacht habe. Inwiefern sich jemand darin wiederfinden kann, der dort aufgewachsen ist? Am schwierigsten finde ich jedoch, dass sich die Menschen im Handlungsort auch am Ende nicht ändern. Sie verhaften in ihrem Weltbild, sie schweigen lieber und bleiben größtenteils unter sich. Heißt dass, dass der Osten nicht anders werden kann? Dass sich Menschen, die in autoritären Systemen aufwachsen, immer auch an einen Teil davon klammern? Gerade in Zeiten, in dem politische Gräben zwischen Ost und West wachsen, wäre das eine fatale Botschaft.

Abgesehen von dieser Kritik ist das Buch aber wirklich lesenswert. Die Erzählung entwickelt schnell einen Sog. Auch ohne viel politisches Interesse, ist der Einstieg ohne Weiteres möglich. Die Vorahnung, die beim Lesen entsteht, zieht den Lesenden immer mehr in den Bann der Handlung.
Profile Image for Seitenmusik.
474 reviews24 followers
July 29, 2026
In ihrem Debütroman "Eine einfache Wahrheit" erzählt Corinna Krenzer von einer Tochter, die nach dem Tod ihres Vaters in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehrt, um Familiengeheimnisse und verdrängte Wahrheiten ans Licht zu bringen. Vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte verbindet das Buch persönliche Trauer mit Fragen nach Erinnerung, Schuld und Selbstbestimmung.

To be honest: Der Roman & ich brauchten etwas Anlaufzeit. Im ersten Drittel fiel es mir in die Geschichte hineinzufinden. Doch je tiefer Janna in die Vergangenheit ihrer Familie eintaucht, desto stärker entwickelte der Roman dann doch noch eine Sogwirkung. Und irgendwann wollte ich unbedingt wissen, welche Wahrheit sich hinter dem Schweigen des Dorfes und den Tagebüchern ihres Vaters verbirgt.

Besonders gelungen fand ich, die Verbindung von persönliche Schicksale mit den politischen Umbrüchen der DDR. Die Geschichte zeigt, dass politische Systeme nicht nur Biografien verändern, sondern auch Familien prägen und Beziehungen über Jahrzehnte beeinflussen können. Dabei geht es nie allein um historische Aufarbeitung, sondern vor allem um die Frage, was Menschen aus Angst, Schuld oder Beschützerinstinkt verschweigen.

Die Vater-Tochter-Beziehung bildet den emotionalen Kern des Romans. Dass Janna selbst Schriftstellerin geworden ist, eröffnet zudem eine spannende Metaebene über das Schreiben als Form des Erinnerns. „...wer eignete sich besser, zwei Leben zu führen, als eine Schriftstellerin?“ (S. 74) Das Schreiben zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und wird hergenommen als Versuch, um Lücken zu füllen und dem Unsagbaren eine Sprache zu geben.

Ich hab mir einige schöne Sätze angestrichen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der hier: „Der Mensch kann nur Mensch sein in vollständiger Freiheit, und wo Freiheit fehlt und Zwang herrscht, ist Menschbleiben die höchste Form des Widerstands.“ (S. 158). Dieser Satz verdichtet nicht nur die politische Dimension des Romans, sondern verweist auch auf seine zeitlose Aktualität.

Neben den Themen DDR, Ost-West und Erinnerungskultur greift die Autorin auch Fragen von Identität, Heimat, weiblicher Selbstermächtigung und Freundschaft auf. Besonders die verstörenden Bezüge zu den Hexenverbrennungen im Dorf verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe, zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sein können und haben mich an "unsere" alemannische Tradition des Funkenabbrennens inklusive "Hexe" (schrecklich!) erinnert.

Fazit

"Eine einfache Wahrheit" ist ein ruhiges, atmosphärisches Debüt, das Geduld verlangt, diese aber belohnt. Wer literarische Familiengeschichten mit historischem Hintergrund und "menschelnden" Charakteren schätzt, sollte sich diesem Roman genauer anschauen. Mich hat er nach einem etwas zögerlichen Einstieg schließlich vollkommen abgeholt und mit seiner Verbindung von persönlicher und politischer Geschichte nachhaltig beeindruckt. Vielen Dank an den Kjona Verlag und Kirchner Kommunikation für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Profile Image for Denise.
693 reviews10 followers
Review of advance copy received from NetGalley
May 28, 2026
Kurz vor dem Mauerfall fliehen Janna und ihre Eltern aus Kohltal in den Westen. Kurze Zeit später nimmt sich Jannas Vater das Leben. Die einzige Nachricht, die er hinterlässt: Janna. Jahrelang macht sich die Schriftstellerin Vorwürfe. Und begibt sich in Kohltal auf Spurensuche.

"Eine einfache Wahrheit" ist das Debüt von Corinna Krenzer und hat mich bewegt. Die Autorin verwebt eine Kindheit in der DDR mit dem Schweigen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall. Sie zeigt, wie die Unterdrückung in der DDR bis ins Kinderzimmer wirkte und wie schwierig es war, ein Mensch zu bleiben.

Jannas Geschichte setzt sich aus Rückblenden in die Zeit der DDR und ihrer Flucht nach Kohltal in der Gegenwart zusammen. Ihre Eltern Bea und Ulli waren keine braven DDR-Bürger. Speziell Ulli hat sich aufgelehnt, widersprochen und damit das Leben seiner kleinen Familie schwerer gemacht, als es hätte sein müssen.

Die Hauptfigur bleibt trotz des Schmerzes, der Fragen und dem Drang, mehr zu erfahren, bemerkenswert blass. Sie war für mich nicht fassbar. Das fand ich schade. Denn hier wurde für mich Potenzial verschenkt.

Das drückende Schweigen des Dorfes und das Mauern der Bewohner hat Corinna Krenzer hervorragend eingefangen. Ich konnte die Beklemmung fühlen.

Ein lesenswertes Debüt, das bewegt.
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