Im Ergebnis einer geradezu marxistischen (und Marx an vielen Stellen gegen den DiaHistMat in Schutz nehmenden) Analyse steht gleichwohl das bei Sloterdijk erwartbare konservative Fazit: "Ratio" und "Praxis" (praxisphilosophischer Ansätze) würden nicht exklusiv zusammengehören; nur "in einer Nicht- Praxis, einem Unterlassungshandeln, einem Geschehenlassen und Nichteingreifen" kämen "höhere Einsichtsqualitäten zum Ausdruck" (940). Das kann jemand, der Flugzeuge und Computer benutzt und zum Zeitmessen auf die Uhr schaut, nicht ganz ernst meinen, obschon Technikkritik in der Nachfolge Heideggers im zweiten Teil dieses Werks eine große Rolle spielt. Einerseits säße der Philosoph noch bei Diogenes in der Tonne, aber andererseits ist sein Technikskeptizismus durchaus berechtigt, wenn man daran denkt, in welchem Maße technische Hilfsmittel zum Raubbau an der Erde geführt und als Kriegstechnik (stets eine faschistoide Implikation- wie gezeigt wird) unser aller Leben bedroht und die aufgeklärte Vernunft beleidigt.
Damit sind zwei Stichworte benannt, die Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft" durchziehen: Sein Ausgangspunkt ist der Kynismus des Diogenes, gefasst als subversives Handeln gegen alles, was sich machtförmig durchsetzen will oder machtförmig durchgesetzt werden soll. Alle Macht sei Lüge und kommt nicht ohne Lüge aus- so eine zugespitzte These. Ganz modern: "Lügner nennen Lügner Lügner." (9) Insofern die Aufklärung als geistige Bewegung der Macht durchaus ihre Mittel (Sloterdijk betont immer wieder die Möglichkeit zur atomaren Selbstvernichtung als geradezu höchsten Ausdruck modernen Macht- Zynismus) zur Verfügung gestellt hat, ist der Ansatz, in der Verkehrung der Mittel zum (falschen) Zweck die - von Dostojewski in der Figur des Großinquisitors in "Brüder Karamasow" überzeugend charakterisierte (355) - Geburt des Zynismus und mit dessen Entlarvung wiederum eine Rettung aufklärender Vernunft vor sich selbst zu sehen, äußerst produktiv. Der Herrschaftszynismus von Kirche und Staat, von Napoleon und Stalin tritt bei Sloterdijk dem praktischen Kynismus des Jesus von Nazareth und all der anderen, die sich zum Mainstream quer gestellt haben, scharf gestellt gegenüber. Die Stilllegung des Denkens im Fazit des Ganzen ist mithin nur eine scheinbare angesichts der vielfältigen Denkbewegungen, die der Autor im Laufe der bald 1000 Seiten zählenden Abhandlung vornimmt. Beinahe kurios aus heutiger Sicht: Sloterdijk zeigt sich an nicht wenigen Stellen beinahe als Revolutionär (jedenfalls in der Kritik), eigentlich sogar als Bewunderer der Ideen von Marx und mitnichten als "konservativ" im Sinne eines christlich- staatserhaltenden Denkens. Da heißt es z.B.: "Wie wäre es aber, wenn nicht der Mensch dem Gesetz, sondern das Gesetz den Menschen zu dienen hätte?" (531) Das ist gegen den "Ödipus" des Sophokles gerichtet und zeigt Sloterdijk auch als studierten Literaturwissenschaftler, der seine Thesen immer wieder anhand von literarischen Beispielen (Dostojewski, Musil, Brecht, Kästner u.v.a.) zu illustrieren bzw. sie aus diesen herzuleiten versteht. Ab und zu blitzt eine Vorliebe für den Anarchismus auf, etwa, wenn auf die Kommune als Lebensform verwiesen wird. Durchaus originell ist dabei die Art, wie das Konservative mit Progressivem verbunden wird: Aristokratische Lebensformen werden anarchistisch-kommunistisch aufgehoben, wenn der Autor das "Lustprinzip eines kreativen Lebens" als "aristokratisches Erbe" (154) bezeichnet und es gegen das tumbe Arbeitsethos sowohl des bürgerlichen Kapitalismus wie des proletarischen Staatskapitalismus ins Feld führt. „Unglückliches Bewusstsein“ (und mithin nur „zynisch“ zu ertragen) sei „intelligent sein und dennoch seine Arbeit verrichten“ (40). So gesehen komme der Proletarier wirklich erst dann zu sich selbst, wenn er proletarisches Bewusstsein abgestreift hat. Immerhin eine interessante Kritik am "Klassenbewusstsein" als einer anderen Ideologemen überlegenen Lebens- und Denkform.
Das klingt nach einer politikwissenschaftlichen Abhandlung und das trifft auch auf weite Teile des Textes zu (besonders im zweiten, sich mit der Weimarer Republik und dem Faschismus wie einem - hilflosem - Antifaschismus sich auseinandersetzenden Teil). Dennoch kommt Philosophie nicht zu kurz: Da ist etwa die Auseinandersetzung mit der Dialektik, als deren Elend Sloterdijk die "Synthese" begreift. Sie zeige immer nur die Perspektive der Sieger, nicht die der Verlierer. (681) Hat er vorher Peter Weiß („Ästhetik des Widerstands“) gelesen? Von daher sei jedenfalls das Postulat, auf diese Weise käme eine "Höherentwicklung" (nach Hegel) zustande, anzuzweifeln. Und in der Tat verstehen wir heute noch antike Texte als ganz aktuell, weil sich außer im Bereich der Technik ansonsten an (moralischem) Fortschritt nicht allzu viel ereignet hat. Mit Blick auf die "Moral" und den heute allgegenwärtigen Moralismus lesen sich übrigens viele Passagen aus dem über 40 Jahre alten Werk ganz gegenwärtig, denn "wo der radikale Zynismus der Mittel mit einem entschlossenen Moralismus der Zwecke zusammentrifft, dort stirbt der letzte Rest von moralischem Gefühl für die Mittel ab." (363) Besser kann man das Tod und Verwüstung ausklammernde Beharren auf einer abstrakten Moral und der damit legitimierten, immer erneut verstärkten Lieferung von Tötungsmitteln an Israel oder die Ukraine nicht charakterisieren: Das ist rücksichtsloser, von den Untergebenen bloß nachgeplapperter Herren-Zynismus im Sloterdijkschen Sinne!
Gibt es Schuldige? "Der Machtstaat setzt blinde Subjekte voraus, er tut alles, was er kann, um längst bereitgestellte Reflexionskräfte am Wirksamwerden zu hindern." (107) Ja, nichts anderes tut Schule, wenn sie immer mehr von Bildung auf verwertbares MINT- Wissen umstellt (umgestellt wird) und Regierungen Schulen verkommen lassen, weil sie nichts mehr fürchten als aufgeklärte, nicht manipulierbare "Subjekte" ihres eigenen und nicht des fremdbestimmten Lebens. Aber kann man das heute überhaupt noch sein? Schwerlich, so Sloterdijk in impliziter Auseinandersetzung mit Habermas. Was leistet bürgerliche und nach Habermas doch per se kritische "Öffentlichkeit", wenn deren Medium, also die Medien, "alles geben", meint: ob Krieg oder Begräbnis der Queen alles als gleichwertig verkaufen, "weil sie den Ehrgeiz der Philosophie, das Gegebene auch zu verstehen, restlos haben fallenlassen." (571) Statt einem Austausch der Argumente (und womöglich der Macht des besseren) verfolgen wir also nur einen „Bewusstseinskrieg“ (49). So käme es u.a. zum "Tanz ums goldene Kalb der Identität", die - wer sähe es heute anders? - als "der letzte und größte Taumel der Gegenaufklärung" fungiere. Sieht es niemand anders? Doch, sowohl die neue akademische Linke als auch die identitäre Rechte haben ihren Teil an dem Identitätswahn, den Sloterdijk gnadenlos "konservativ" nennt. (132 f.) Die dahinterstehende Illusion entlarvt er treffend, denn "gerade im Bereich des 'Innersten', wo wir uns in größter 'narzisstischer Nähe' zu uns selbst wähnen" sei "zugleich das 'Äußerste' und Allgemeinste anzutreffen." (133) Klar, der ganze Quatsch ist heute nur noch wenig originell und schon gar nicht individuell, sondern bloß noch ein bisschen distinktiv und als Mainstream in den jeweiligen Blasen. Das Denken vollzieht hier dieselben Bewegungen wie in den diversen Moden, die "Individualität" herausstellen sollen, aber doch nichts anderes als Resultate eines kollektiv induzierten Konsumrausches sind. Sloterdijk nennt als anderes Beispiel den "Sexismus" (Heutige denken an Mee-too und sehen: wenig Neues unter der Sonne): "Sexismus? Wenn es so einfach wäre. Reklame und Pornografie sind Sonderfälle des modernen Zynismus, der weiß, daß die Macht den Weg über die Wunschbilder gehen muß und daß man die Träume und Süchte der anderen reizen und frustrieren kann, um eigene Interessen durchzusetzen." (281) Manch Link*er wäre diese Einsicht zu wünschen, damit wirkliche Bewegung an die Stelle der bloß eingebildeten treten könnte!
Wie rezensiert man 1000 dichte Seiten voller Einsichten und schlagender Sentenzen? Indem man wenigstens darauf hinweist, dass die Besprechung nur eine kleine Auswahl des Gedankenreichtums nachzeichnen kann, der sich dem Rezipienten nur durch eigene Lektüre erschließen würde. Dennoch seien abschließend ein paar Aspekte benannt, die zeigen, dass Sloterdijk auch mit Blick auf die Faschismusanalyse weiter war als heutige Gazettenschmierer, die bestenfalls an Oberflächen kratzen und die AfD etc. womöglich immer noch für ein demokratiedefizitäres Ost- Phänomen halten. Heute wie 1982 in der Bundesrepublik (und der DDR) leben "ganze Bevölkerungsschichten... längst in einem inneren Anderswo, nur nicht in diesem Land. Sie fühlen sich nicht verbunden mit dem, was man die gesellschaftlichen Grundwerte nennt. Man hört 'Grundwerte' und sieht unwillkürlich Atompilze aufsteigen." (236) Das war in den 80-igern so gegenwärtig, wie es heute erfolgreich verdrängt wird (lt. Bundeskanzler Merz sollten wir weniger ängstlich sein!). Und doch bleibt nicht nur angesichts der Atomkriegsgefahr, sondern auch mit Blick auf die Klimakatastrophe und die Ressourcenkrisen etc. wahr, was der Ausgangs- und zugleich Zielpunkt von Sloterdijks Analyse des zynischen Bewusstseins ist: "Wer die Spaltung des Atoms beherrscht, kann es sich nicht mehr leisten, die Spaltung der Menschheit, die systematische Selbstverhärtung durch Verfeindung n i c h t zu beherrschen." (597). Und was im Großen (neue Weltunordnung im Kampf um die globale Hegemonie zwischen den USA, China, Europa und Russland) gilt, das gilt auch im Kleinen der nationalen Nicht-Politik von Merkel bis Merz: Der Erfolg des völkischen Nihilismus beruhe, so Sloterdijk, auf dem "Trick, dem Gros der Verweigerer, der Unglücklichen und der Neinsager die Aussicht vorzugaukeln, sie seien doch die wahren Realisten und die berufenen Mitgestalter einer grandios vereinfachten Welt!" (879) Klingt das nicht wie eine ganz gegenwärtige Charakteristik der AfD, deren Politikansatz Vollpfosten wie Merz gedankenlos folgen? Auch dessen einziges innenpolitisches Thema charakterisiert Sloterdijk treffend: "Kriminalität" sei wichtig für den Konservatismus (heute würde man hinzufügen: Ausländerkriminalität), "weil das 'kurze Denken' in ihr den schlagenden Beweis für eine pessimistische Menschenauffassung findet, die ihrerseits die Basis für autoritäre, hart disziplinierende Politik liefert." (121) Das ist für den Stadtbild-Merz der sozialen Grausamkeiten sicherlich intellektuell zu anspruchsvoll formuliert- und doch ist es wahr! Und wo bleibt Trump? Sloterdijk zitiert Nietzsches "Prognose von der Heraufkunft des schauspielerischen Typus" (837) und ist damit weder mit Blick auf Hitler noch auf Trump ein Hellseher. Allenfalls ist der Text gut gealtert, denn wo, wenn nicht im Internet, kann man bei all den Influencern und anderen Selbstdarstellern die Vollendung dieser "Heraufkunft" besser beobachten? Und im Resultat erscheint Trump den Verblendeten und Verblödeten gar nicht mehr so grotesk, wie er auf frühere Generationen (die ihn nie gewählt hätten) hätte wirken müssen. Er ist nur einer von ihnen und für viele sogar das Vorbild.
Viel Nachdenkenswertes also. Gar nichts Kritisches? Als Philosoph, der u.a. kluge Sätze zu Marx sagt, berücksichtigt Sloterdijk die Macht des Materiellen (Wirtschaftlichen) sicher zu wenig. Von daher meine ich nicht, dass die "zynische Vernunft" als erneut aufgeklärte Vernunft "das Sein durch das Bewusstsein... verwandeln" (169) könnte. An solcher Wandlung zweifelt der Philosoph eigentlich auch selbst und zeigt damit m.E., dass Widersprüche im Text (siehe oben) darauf hindeuten, dass er selbst vor 40 Jahren noch keine abschließende Haltung dazu gefunden hat: "In dem Augenblick, in dem unser Bewusstsein reif wird, die Idee des Guten als eines Z i e l s fallenzulassen und sich dem, was s c h o n d a ist hinzugeben, wird eine Entspannung möglich. Nur vom Kynismus her lässt sich der Zynismus eindämmen, nicht von der Moral aus." (367) Das mag mit Blick auf die Moral stimmen, aber wie soll der Alltagswiderstand, der bestenfalls Sand ins Getriebe der Macht streuen kann, daran, dass uns dieselbe in den Abgrund zieht, etwas ändern, wenn es keine positiven Ziele gibt? Dann bleibt es in der Tat dabei, dass das "Grau... Grundton eines Zeitalters" (251) wird, unseres Zeitalters, was der Autor jüngst in seinem Buch "Wer noch kein Grau gedacht" noch einmal unterstrichen hat. Das ist mir als Fazit zu wenig, angesichts der vielen guten Gedanken in dem Mammutwerk auch zu pessimistisch. Aber man kann es weiterdenken und damit ist der Text so oder so wichtig und zur (Wieder)Lektüre dringend empfohlen! Es ist und bleibt ein kleines, bis heute ziemlich zeitloses Meisterwerk modernen philosophischen Denkens. Vor allem kann es zwar nicht das Sein ändern, aber doch dem Bewusstsein auf die Sprünge helfen. Was sollte und könnte ein Philosoph anderes tun? Diogenes in der Tonne ist nicht lächerlich, sondern ein zeitlos-inspirierende Bild. Sloterdijk hat dessen „Geh mir aus der Sonne“ klug interpretiert, aktualisiert und auf den Begriff gebracht. „Zynismus“ ist dem „Kynismus“ verwandt, aber nicht dasselbe. Das eine zielt auf modernes Denken im Sinne eines unglücklichen Bewusstsein; das andere sind die kleinen Taten als Vorschein eines besseren Lebens.