Auch auf Grund der aktuellen Debatte im Feuilleton, losgetreten durch die Bemerkungen rund um das „Geschnatter auf der Damentoilette“ von Denis Scheck, ist dieser von Friederike Schillenbach herausgegebene Sammelband hochaktuell – aber in gewisser Weise auch zeitlos.
22 Autor:innen erzählen von ihren Erfahrungen und Gedanken zur Damentoilette – einem ganz besonderen Ort zu dem wohl fast jede Frau ebenfalls mindestens eine eigene Anekdote oder Geschichte hat. Die Auswahl der Autorinnen ist großartig und vielfältig u.a. Gabriele von Arnim, Jovana Reisinger und Dana Vowinckel um nur einige meiner Lieblinge zu nennen. Die Beiträge sind so vielfältig wie die Beitragenden und reichen von anekdotischen und humorvollen Geschichten und Essays voll weiblicher Solidarität zu (gesellschafts)-kritischeren Beiträgen, vor allem den Text von Vowinckel ist mir hier sehr in Erinnerung geblieben.
Fazit: Eine großartige Idee, großartig umgesetzt! „Die Damentoilette“ ist einer meiner liebsten Anthologien der letzten Jahre, ich habe mich an vielen Stellen und in vielen Erzählungen wiedergefunden – große Empfehlung, auch zum Verschenken!
"Oder um es mit dem Gedicht "To The Woman Crying Uncontrollalbly In The Next Stall" von Kim Adonizzio zu sagen: listen I love you / joy is coming -"
"Wohlfühlen aber ist im öffentlichen Raum für FLINTA oft genug eine Herausforderung, zuweilen nicht einmal vorgesehen. Die Damentoilette als Rückzugsraum ist deshalb auch ein politischer Ort, der die Frage verhandelt, wie sicher, befreit und integriert wir in dieser Gesellschaft sein dürfen. Was wir dort machen, besprechen, fühlen oder denken, muss einem besonderen Schutz unterliegen, der uns an vielen anderen Orten fehlt."
"Die Damentoilette ist unser Refugium. Eines, das nicht alle respektieren wollen. Wozu auch, für Männer ist die ganze Welt eine öffentliche Toilette."
"Eigentlich bin ich am liebsten allein in einer öffentlichen Toilette. Wenn da niemand ist, mit dem ich interagieren kann oder muss, erholt sich mein Geist ein paar Minuten vom sozialen Gewirr. Auf's Klo zu müssen war vielleicht auch nur ein Vorwand dafür, weil ich nicht rauche."
"Zu diesem warmen Licht, das sich manchmal, in den besten Momenten, für einen flüchtigen Augenblick über alles legt und die Welt, das Universum, dich selbst in einer kristallenen Klarheit erscheinen lässt."
"Die Spiegel auf Damentoiletten sind keine einfachen Spiegel. Nebeneinander stehen wir, blinzeln hinein, doch was uns entgegenblinzelt, das sind nicht wir, sondern das Patriarchat."
"Die Damentoilette kann ein magischer Ort sein und ein grausamer. Frauen können toll sein oder scheiße. Ein Gespräch über Lippenstift kann existenziell sein. Man kann auf Damentoiletten über Bücher sprechen, über Klumpen im Menstruationsblut, darüber, wo man Ferien machen wird oder wie man seinen Partner verlässt. Man kann anderen Menschen das Gefühl geben, dass sie hässlich sind, dass sie am Rand stehen, dass sie nicht dazugehören."
"Wir gehen mal kurz ums Eck, sagen wir, oder fragen, wo wir uns die Hände waschen können, murmeln, verschwinden zu müssen. Ich muss mal kurz verschwinden, sagen wir, ich muss mal, sagen fast immer nur Kinder."
"In Korea hat das Thema Verdauung einen sehr hohen Stellenwert. Es wird offen und mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit darüber gesprochen. Kot gilt nicht als etwas Ekliges, sondern als etwas Cutes. Es gibt Themencafés mit poop-shaped Snacks und man erkundigt sich beiläufig nach der Qualität des letzten Stuhlgangs. Eine Sternschnuppe heißt auf Koreanisch sinngemäß: »ein Stern, der einen anderen Stern auskackt«. Und ein aufgerollter Dutt wird liebevoll »Kackehaar« genannt. Es erstaunt also nicht, dass die Toilette in Korea ein kleiner, heiliger Ort ist."
"Damentoiletten, ob nun in einer Tanzhalle in East L. A. oder in deutschen Büros, sind Orte des Rückzugs. Umkleidekabinen für die nächste Szene, für den nächsten Aufzug im Lebenstheater. Wo Frau weibliche Solidarität erfahren und die Maske fallen lassen kann. Zweifellos gibt es auch hier Rivalitäten, Sticheleien und gemeine Seitenblicke. Aber außer man hat es mit einer kompletten Soziopathin zu tun, weiß jede Frau, dass wir alle diesen Ort brauchen. Denn wir alle benötigen ab und zu eine Verschnaufpause von dem anstrengenden Theater da draußen. Im Alltag gibt es wohl kaum einen besseren Ort für einen Nervenzusammenbruch als die Damentoilette. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem Hilfe und Empathie widerfährt, ist hier am größten."
"Insofern habe ich die Damentoilette selten so erlebt, wie sie oft gefeiert wird, nämlich als eine Art Frauenschutzbunker, in dem Trost und Weisheiten ausgetauscht werden, man sich gegenseitig Mut und Anerkennung spendet. Ich sehe sie eher als einen Ort der Selbstkonfrontation, und das natürlich nicht nur für Frauen. Dass mit einem etwas nicht stimmt - Krankheit, körperlicher Verfall, allgemeine Desorientierung -, realisiert man oft zuerst im Badezimmer."
"Ich glaube nicht, dass ein Mann, der sich vor Frauen fürchtet, zwangsläufig ein Feminist ist. Genauso wenig wie ein Mann, der Männer hasst. Männer zu fürchten und Männer zu hassen, ist generell eine vernünftige Option, also vor allem für Männer. Frauen zu fürchten und Männer zu hassen, gehört in bestimmten Szenen vielleicht zum guten Look, aber es klingt ziemlich traurig."
"Es hätte so oder so ausgehen können. Manchmal kann das Teilen von Scham ein Akt größter Zärtlichkeit und Verbindlichkeit sein. Und manchmal führt es dazu, dass du um jeden Preis schrumpfen und verschwinden willst. Es hätte so oder so ausgehen können, aber es ging in die Richtung, in die kalte, ängstliche Eier gehen. Rückzug, schrien sie, Rückzug."
eher so 2-3 Sterne, leider hat keine der Erzählungen so richtig für mich herausgestochen, aber sie haben alle ihre Daseinsberechtigung. Ich möchte 5 Sterne allein für die Tatsache geben, dass dieses Buch überhaupt existiert und so schnell veröffentlicht wurde, weil das wirklich ein absolut genialer Schachzug war
Zuallererst, ich habe wirklich ein Herz für feministische Erzählbände und Anthologien. Vielleicht bin ich deshalb sogar mit mehr Wohlwollen an "Die Damentoilette" und seinem Auftrag herangegangen, als ich es bei einem anderen Buch getan hätte. Immerhin handelt es sich um eine Reaktion auf diesen Schenk-Typ vom ARD und seine geschmacklosen Verrisse - spezifisch von Sophie Passmanns und Ildikó von Kürthys letzten zwei Essaybüchern. Kleiner Vorgriff: So gut wie niemand redet über dieses Buch. Erzählungen haben es auf dem deutschen Buchmarkt ohnehin nicht leicht, und ein guter Sammelband ist verdammt schwer zusammenzustellen. Natürlich gefällt einem nicht jede Geschichte gleich gut. Aber eine Anthologie muss es irgendwie schaffen, dass die einzelnen Texte miteinander funktionieren, dass sie sich ergänzen, widersprechen, neue Perspektiven aufmachen. Bei Damentoilette ist mein Problem leider noch grundlegender: Keine der 22 Geschichten hat mir wirklich gefallen.
Einzelne Texte fand ich persönlich ansprechender als andere. Lin Hierses Beitrag war fantasievoll genug. Auch der sexuell explizite letzte Text war für mich erfrischend, eine Frau sinniert über männliche Genitalien, why not? Aber insgesamt hatte ich beim Lesen immer wieder dasselbe Gefühl: unfertig. Und damit meine ich nicht Rechtschreibfehler, sondern ein inhaltliches Lektorat + sensitivity reading (wooo diese?). Texte, bei denen jemand noch einmal hätte fragen müssen: Was willst du hier eigentlich erzählen? Dass Damentoiletten safer spaces sind? Wieso erzählst du mir das 19 von 22 mal? Und wieso wird ständig Sex and the City und Co., ausgerechnet die popkulturelle Speerspitzen eines sehr weißen heteronormativen, sehr privilegierten Verständnisses von Feminismus referiert? UM GOTTES WILLEN, WARUM WIRD AUF DIE MF ROMAN-POLANSKI-REFERENZ NICHT EINFACH VERZICHTET? WHYYY?!?
Allein das Alles hat mich schon beim Lesen mürbe gemacht. Bei Dana Vowinkel zum Beispiel wird für mich viel zu viel gleichzeitig angerissen: Anekdoten, persönliche Gedanken, eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Idee der Damentoilette als Safer Space und schließlich noch die Metaebene, dass sie gerade einen Text für eine Anthologie schreibt, deren Grundidee sie selbst nicht so richtig teilen kann. Letzteres hätte ich sogar spannend gefunden. Stattdessen wirkt der Text auf mich überladen und gleichzeitig unfertig. Der Kniff „Ich schreibe gerade den Text, den ihr gerade lest“ war mir dann auch ein bisschen zu plump.
Bei Elina Penner ist mir fast gar nichts im Kopf geblieben. Irgendwas mit Toiletten in einer Arena, die Beobachtung, dass es an manchen Orten diese klare Trennung in Damen- und Herrentoilette gar nicht gibt – auf dem Schützenfest auf dem Dorf gibt's nicht viel Raum für Damen(-hygiene). Vieles liest sich für mich unfertig, unausgegoren. Und wie feministisch kann ein Erzählband sein, wenn er Intersektionalität ausspart? Der erste Text zeigt eine ältere Reinigungskraft, die klassische „Klofrau“. Ich hatte durchaus das Gefühl, dass die Autorin sich Gedanken über ihre Situation gemacht hat. Während andere Frauen auf dieser Toilette feiern, trinken, pissen, kotzen, sich schminken, sich gegenseitig Geschichten erzählen und danach wieder verschwinden, arbeitet sie dort, im Reinigungssektor. Wahrscheinlich schlecht bezahlt, auf Trinkgeld angewiesen, bessert damit ihre Rente auf. Die Klassenfrage darin wird jedoch nicht wirklich verfolgt.
Dann gibt es eine Trans-Perspektive, die endlich einmal die Grundannahme des gesamten Bandes ins Wanken bringt: Hey, vielleicht ist keine dieser Toiletten ein safer space. Vielleicht werden sie angefeindet, rausgeworfen, wie es die Erzählerin ausführt. Was sind das für Etablissements? Wer wirft trans Frauen raus? Wer entscheidet, welche Frau auf einer Damentoilette als Frau akzeptiert wird? Wie kann man diesen Raum als Errungenschaft weiblicher Solidarität feiern, wenn andere Frauen dort ständig ihre Zugehörigkeit, sich gegen TERFs und die Security verteidigen müssen? Aber der Text bleibt wieder zu dünn.
Neben einer einzigen Trans-Perspektive reicht es mir genauso wenig eine bisexuelle Figur, wenn ihre geheime Affäre für meinen Geschmack zu schwülstig und klischeehaft erzählt wird, naja, gut. Mir fehlt tatsächliche Vielfalt. Wo ist das Erleben einer Frau mit Kopftuch, für die eine Damentoilette ein ganz anderer safer space ist? Perspektiven auf Armut und Arbeit, wo sind die Menschen, für die eine öffentliche Toilette aus völlig anderen Gründen wichtig, schwierig oder unzugänglich ist? Was passiert mit diesem Raum, sobald man ernst nimmt, dass „Frauen“ keine homogene Gruppe sind? Dennis Schenks Verrisse waren nicht nur sexistisch. Die Art von Literatur, auf die dabei herabgesehen wird, hat auch etwas mit Klasse und kulturellem Kapital zu tun. Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy sind Autorinnen mit großem Publikum und einer Nähe zu populärer Literatur. Und bei den kritisierten Büchern handelt es sich tatsächlich nicht um verkannte Meisterwerke, that's not the point. Hinter solchen Verrissen steckt häufig die Frage und die Funktion, auf welche Leserinnen und Autorinnen man besonders bequem herabschauen kann.
Und darauf antwortet man ausgerechnet mit einem Sammelband aus gezielt ausgewählten Autorinnen, von denen viele vom etablierten Literaturbetrieb und Feuilleton eben akzeptiert werden. Warum gerade keinen Open Call? Warum nicht gezielt nach Stimmen suchen, die nicht ohnehin schon Zugang zu dem Literaturbetrieb besitzen, dessen Machtverhältnisse man hier angeblich herausfordern möchte? Das hier ist stellenweise Elite-Feminismus, Leute. Nicht einfach einem Mann 22 Frauen entgegenstellen, sondern auch die Strukturen hinterfragen, die einer Person die kulturelle Autorität verleihen, seit Jahrzehnten darüber zu befinden, was gute und schlechte Literatur wäre.
"Die Damentoilette wirkt auf den ersten Blick wie ein rein funktionaler Ort, ist aber ein politischer Raum, weil sie gesellschaftliche Machtverhältnisse, Geschlechternormen, Fragen von Teilhabe und Diskriminierung sichtbar macht.”
Der Literaturkritiker Denis Scheck sagte in seiner ARD-Sendung “Druckfrisch” im März, das neue Buch “Alt genug” von Ildikó von Kürthy sei nicht mehr als “Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette”. Als Antwort auf seinen respektlosen und sexistischen Verriss hat Friederike Schilbach einfach mal 22 Autor:innen zusammengetrommelt, die - im Gegensatz zu Denis Schick - wirklich wissen, was auf der sagenumwobenen Damentoilette abgeht, und hat in Windeseile eine Anthologie zum Thema rausgebracht.
Die Anthologie ist eine bunte Mischung an Kurzgeschichten und Essays, auch ein Gedicht und eine Liste sind dabei. Manche Autor:innen schlüpfen in die Perspektive der Reinigungskräfte von öffentlichen Toiletten, manche schauen sich die popkulturelle Bedeutung von Damentoiletten an (sehr toller Text von Nicole Seifert dazu!), einige zeichnen das Frauenklo als einen Ort gelebter Solidarität, als Ort, an dem FLINTA* abtauchen können, um sich auszuruhen vom Wahnsinn des Patriarchats.
Doch es gibt auch Gegenstimmen: so beschäftigt sich Dana Vowinckel in ihrem Text mit dem malerischen Namen “Lästern, Kotzen, Pissen, Wegschauen, Draufhauen” mit den Kehrseiten des Damenklos: nämlich, dass an diesem genauso viel Schlechtes passiert, wie an jedem anderen öffentlichen Ort auch.
Als Person, die SEHR OFT pinkeln muss und daher schon sehr viel Zeit auf öffentlichen Toiletten verbracht hat, fühle ich dieses Buch sehr. Die Damentoilette ist so viel mehr als ein funktionaler Ort - es ist ein Ort, der nicht allen zugänglich ist, in dem Komplimente, Beleidigungen oder Tampons ausgetauscht werden. Ein Ort, an dem man sich wahlweise die Haare, die Tasche oder das Baby hält - oder die Nase zu. An dem man sich besonders sicher oder besonders unsicher fühlt.
All das und noch mehr fangen die Autor:innen hier ein. Ich habe mich mehrmals in Situationen wiedergefunden und hatte direkt Bilder von etlichen öffentlichen Toiletten vor Augen, die mir bereits untergekommen sind (und es waren VIELE).
Während Denis Schick Damentoiletten als einen Ort des Geschnatters sieht, zeigt diese Anthologie, wie komplex das gar nicht mal so stille Örtchen ist, politisch, gesellschaftlich, symbolisch, emotional. Ich bin ehrlich: ich hätte noch mindestens 22 weitere Texte über Toiletten lesen können. Was z.B. noch gefehlt hat, sind Perspektiven hinsichtlich Barrierefreiheit oder der Zugänglichkeit von öffentlichen (Damen-)Toiletten für obdachlose FLINTA*.
Ein Buch auch für Männer – nicht, weil man danach „weiss, was auf Damentoiletten passiert“, sondern weil man merkt, wie viel Gesellschaft, Scham, Körper und Patriarchat in so einem scheinbar banalen Raum stecken.
"Die Damentoilette" ist eine Anthologie mit 22 verschiedenen Stimmen. Viele Texte sind eher essayistisch geschrieben, was ich am Anfang nicht ganz erwartet habe. Ich dachte eher an klassische Kurzgeschichten. Aber die Mischung passt eigentlich gut, weil jede Stimme wieder einen anderen Blick auf diesen Ort wirft.
Was mir beim Lesen besonders klar wurde: Die Damentoilette ist oft ein Schutzraum. Dort sind die Männer draussen, dort kann man kurz weg von der Party, vom Blick, von der Rolle, die man spielen muss. Man kann reden, weinen, sich sammeln, sich helfen, manchmal auch einfach verschwinden.
Aber das Buch zeigt auch: Ganz draussen bleibt das Patriarchat trotzdem nicht. Es steckt noch im Blick auf den eigenen Körper, im Spiegel, im Lippenstift, im Kontrollieren, wie man aussieht, ob man schwitzt, ob man auffällt, ob man „richtig“ wirkt. Die Damentoilette kann also ein Raum gegen das Patriarchat sein – aber sie schützt nicht vor dem Patriarchat im Kopf.
Besonders stark fand ich die Beiträge von Dana Vowinckel und Gabriele von Arnim. Gerade dort wurde für mich sichtbar, dass es nicht nur um Toiletten geht, sondern um Körper, Scham, Solidarität und darum, wie tief solche Rollen gelernt werden.
Für mich war das Buch nicht durchgehend gleich stark, aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. Und das ist ja schon viel. Es zeigt einen Raum, über den Männer oft Witze machen, aber vielleicht viel zu selten wirklich nachdenken.