Ewalds (wir merken sofort, dass wir uns in den 70ern oder 80ern befinden) sehnlichster Wunsch: im Sommer einen Monat lang im unbenutzten Schrebergarten seiner Oma leben. Allein, ohne einen Menschen zu sehen.
Okay, der klassische Eigenbrötler ohne Freunde also. Macht sich als Protagonist in der KJL immer gut. Und natürlich unterstützen Ewalds Eltern diesen Wunsch nicht, sondern nehmen über die Ferien ein Austauschkind aus London auf - für die Verbesserung der ohnehin guten Englischkenntnisse ihres Sprößlings und besonders für seine social skills. Ewald (13) is not amused, das verwundert niemanden. Der geneigte Leser erwartet nun eine von zwei Varianten.
A: Das Austauschkind ist nett und auf Ewalds Wellenlänge und es entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft.
B: Das Austauschkind ist der Horror, es entwickelt sich aber trotzdem eine Freundschaft, weil das Austauschkind eigentlich total in Ordnung ist.
Es kündigt sich Szenario A an, doch letztlich tritt B ein. Statt Tom kommt spontan dessen Bruder Jasper. Jasper läuft nackt durch die Wohnung, hat klischeehafte Essgwohnheiten, knurrt und sorgt durch sein Verhalten dafür, dass sogar Ewalds Eltern Jasper am liebsten direkt wieder in den nächsten Flieger nach London setzen würden.
Um es kurz zu machen: Jasper hat psychische Probleme und seltsame Familienverhältnisse, ist eigentlich aber eine dufte Type. Am Ende haben sich alle lieb.
Was lernen wir daraus? Beurteile die Menschen nicht, bevor du sie wirklich kennengelernt hast und zwing anderen nicht deine Lebensweise auf.
Das klingt gut, für Erwachsene wie für Heranwachsende.
Leider ist die Geschichte sehr vorhersehbar und überrascht lediglich im Ausmaß ihrer dramatischen Ereignisse. Im Gegensatz zu anderen Erzeugnissen Nöstlingers ist ihr Erzählstil hier recht angenehm, wenn auch nicht herausragend. Sie übertreibt es mit der Artikelei nicht wie etwa bei "Am Montag ist alles ganz anders" und schenkt sich auch die inflationäre Verwendung von Kosenamen wie "Süße".
Fazit: ganz nette Geschichte, an die ich mich in einem Jahr vermutlich kaum noch erinnern werde.