„Jeder glaubt, ich hätte mein Leben schon oft erzählt, dabei habe ich eben erst damit angefangen. Ich wünschte, dass dieses Buch gelesen wird, als wäre es mein erstes. Nicht dass ich meine früheren Werke verleugnen wollte, im Gegenteil, ich hoffe, dass man irgendwann einmal erkennt... blablabla. Nur habe ich bisher einen Mann beschrieben, der ich nicht bin, der ich gerne gewesen wäre, den arroganten Ver-führer, der, den der verklemmte Spießer in mir sich immer erträumt hat. Ehrlichkeit kam mir langweilig vor. Nun habe ich zum ersten Mal versucht, jemanden aus einer viel schlimmeren Gefangenschaft zu befreien.“
Dieser feinfühlige, melancholische autobiografische Roman ist zusammen mit 39,90 sein bestes Werk. Zwar ist der üblich provokante Witz, den man in jedem Roman von ihm kennt, vorhanden; man merkt jedoch sehr früh, dass diese Lektüre eine sehr viel ernstere ist. Im obigen Zitat deutet er etwas an, dass auch tatsächlich stimmt. Nach diesem Buch scheinen seine Bücher anders; kühler würd ich sagen. Es ist ganz und gar Beigbeders Geschichte, sein Roman, seine Familie, seine Erfahrungen, seine Vergangenheit, konstruiert aus seiner Sicht.
„Ich ahne, dass ich zahlreiche Verwandte, tot oder lebendig, hier verwickeln muss. Diese lieben Menschen haben nicht darum gebeten, in dieses Buch zu geraten wie in eine Razzia. Vermutlich hat jedes Leben so viele Versionen wie Erzähler - jeder hat seine Wahrheit; halten wir also von vornherein fest, dass dieser Bericht nur meine darstellt.“
Beigbeder versucht hier seine Kindheit zu rekonstruieren, da er sich nicht so recht an sie erinnern kann. Ohne Spannung aber mit viel Interesse folgt man, angefangen vom Familienstammbaum, über das Verhältnis zum größeren Bruder, über das Leben als Scheidungskind, bis zum Steine flitschen mit der Tochter, sein Leben und wie er wichtige Stationen kontextualisiert und bewertet. „Die einzige Hoffung, die ich an diesen Hechtsprung knüpfe, ist, dass Schreiben die Erinnerung weckt. Die Literatur erinnert sich an das, was wir vergessen haben: Schreiben heißt in sich selbst lesen.“
Aber nicht falsch verstehen. Es gibt hier trotzdem genug zynische Aphorismen a la Beigbeder, spitze und witzige Dialoge, wenn er zum Beispiel von einem Polizist verhört wird, weil er zuvor auf der Haube von einem Streifenwagen Koks gezogen hat:
„Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass sich irgendwo in den Archiven der Bundespolizei eine Aussage befindet, in der ein gewisser Frederic Beigbeder erklärt, er intoxifiziere sich ,auf der Suche nach einem flüchtigen Glück‘? Ihre Steuern haben einen Zweck!“
Uneingeschränkte Leseempfehlung!
Gegen Ende ist mir auch ein Gedanke gekommen, der bereits bei der Lektüre von "Buddenbrooks" aufgetaucht ist: Warum lese ich eigentlich? Oft suche ich nach mir selbst in den Werken, als könnten klügere Menschen in schönen Worten pointiert zuspitzen, was mich an mir und eigentlich auch am ganzen Rest stört. Ich suche oft nach Ähnlichkeiten, Überschneidungspunkte bei den Charakteren, um mich mit ihnen identifizieren zu können. Doch bei den "Buddenbrooks" und vor allem hier ist mir aufgefallen, dass die Fremdheitserfahrung einen ungemein größeren Gewinn für mich darstellen kann. Ich bin nämlich recht arm in Deutschland aufgewachsen, aber trotzdem behütet und sicher. Weiter weg als von einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie kann ich nicht sein, aber trotzdem war ich fasziniert und gefesselt. Und auch hier in Frankreich: Beigbeder ist wohlhabend und behütet aufgewachsen, und auch wenn es Ähnlichkeiten zu meiner Kindheit gibt (Scheidungskinder), ist es gerade die Divergenz und der Umgang sowie das Leben, das daraus entstanden ist und welches Frédéric Beigbeder hier mit viel Fingerspitzengefühl nachzeichnet, das diesen Roman so wertvoll macht.