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Das tickende Herz

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Zu Beginn des neuen Jahrtausends kehrt Carl Bischoff aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin zurück, doch nur, um bald wieder aufzubrechen. Seine Pilgerschaft folgt Aysha, der Tochter eines kasachischen Amsterdam, Rotterdam, die Kurische Nehrung und die nuklear verstrahlte winterkalte Steppe Kasachstans sind die Stationen ihrer märchenhaft-magischen wie zweifelhaften Liebe. Einen surrealen Ausgang findet ihre Geschichte mitten im alten kasachischen Atombombentestgelände, in dem sich Ayshas Sippe verschanzt hat, um ein Opfer zur Rettung der Erde vorzubereiten – während Carl der Welt abhandenkommt.

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Published October 8, 2026

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Lutz Seiler

26 books60 followers
Lutz Seiler grew up in the Langenberg district of Gera, Thuringia (former East Germany). After training as a skilled building construction worker, he worked as a bricklayer and carpenter. During his national service in the National People’s Army (NVA) of the DDR, he started to take an interest in literature and wrote his first poems.
In the summer of 1989 Seiler worked as a seasonal employee on the island of Hiddensee, a popular former East German holiday resort located west of the island of Rügen off the north-eastern coast of Germany, an experience that later formed the basis of his first novel published in 2014, Kruso.
Seiler read German Studies at the universities of Halle (Saale) and Berlin up to 1990.
His 2014 debut novel, Kruso, won numerous awards.
Lutz Seiler is considered one of the most important German-speaking poets of today.

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98 reviews7 followers
October 12, 2026
Im Bann der Schamanin

Im Zentrum des neuen Romans von Lutz Seiler »Das tickende Herz« steht erneut der Protagonist Carl, dessen Geschichte der Autor hier nicht nur konsequent fortsetzt, sondern auf eine entscheidend erweiterte, beinahe metaphysische Ebene hebt. Die Erzählung beginnt im tristen, winterlichen Berlin der Jahrtausendwende, wo sich Carl nach der Trennung von seiner Frau Alma einsam und abgekapselt als illegaler Maurer verdingt, um die astronomisch hohe Miete für seine Wohnung in der Jablonskistraße zu finanzieren. Dieser fesselnde Auftakt, der Carls melancholisches, aber ungemein poetisches Dasein zwischen Mörtelstaub, stillen Kneipen und dem monotonen Ticken im Gehäuse der Vergangenheit beschreibt, zieht den Leser sofort in den Bann und meißelt ein zutiefst berührendes Panorama der Isolation. Doch die vermeintlich realistische Milieustudie erfährt bald einen abrupten, abenteuerlichen Wechsel, als Carl nach einer schicksalhaften Lesung in Erfurt an der Seite der geheimnisvollen Schamanin Aysha eine surreale Reise antritt, die ihn weit in die asiatische Steppe führt. Während der Roman anfangs noch durch seine atmosphärische Dichte besticht, nimmt er mit diesem Aufbruch plötzlich schillernde Formen an und wandelt sich zusehends in ein traumartiges Geflecht. Inmitten dieser fiebrigen Trance verliert Carl zeitweise die Orientierung zwischen Realität und Illusion, als eine mysteriöse Verletzung unter seiner Haut zu wuchern beginnt und er tiefer in die unergründlichen Rituale einer archaischen Welt hineingezogen wird. Seiler hat hier einen faszinierenden Roman geschrieben, der mit seinen vielen surrealen Details zu begeistern vermag, ohne dabei den politischen Scharfsinns zu verlieren, den man von ihm kennt. Hervorragend charakterisiert der Autor wie gewohnt die politischen Umwälzungen der Vergangenheit, namentlich die traumatischen Nachwirkungen des sowjetischen Uranabbaus und die Wunden der Nachwendezeit. Diesmal jedoch gelingt es Seiler stärker noch als in seinen früheren Werken, auch hochaktuelle, gegenwärtige Herausforderungen und globale Bedrohungen wie den „Krieg gegen den Terror“ und die tiefe Verletzlichkeit unserer heutigen Existenz einzuweben. Am Ende erweist sich das Werk als ein vielschichtiges, sprachlich berauschendes Epos, das trotz seiner Balanceakte zwischen Traum und Wirklichkeit durch seine pointierte Darstellung menschlicher Abgründe und die poetische Schärfe überzeugt, mit der es die Absurditäten einer im Umbruch befindlichen Welt entlarvt.
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113 reviews18 followers
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October 7, 2026
Nach "Kruso" und "Stern 111" ist ein neuer Roman von Lutz Seiler für mich ein Ereignis. Wird hier doch die Geschichte von Carl Bischoff aus "Stern 111" weitererzählt - und auch Kruso wird im Buch erwähnt. Anders als die beiden Vorgängerromane, die sich doch vor allem an historischen Entwicklungen orientierten, nimmt dieser Roman aber eine ganz andere Richtung. Zwar kommt mit dem 11. September 2001 auch ein historischer Wendepunkt im Buch vor. Erzählt wird aber doch eine ganz andere Geschichte. Carl lernt in einem Hotel eine rätselhafte "Fellfrau" kennen, die ihm durch eine Berührung ein Stigma zufügt. Carl begegnet bei einer Lesereise dieser Frau wieder und folgt ihr - zunächst nach Litauen, dann nach Kasachstan. Sie entpuppt sich als Schamanin, die zusammen mit anderen die Geister wieder befrieden will, die durch die Attentate in Unordnung geraten sind, am Ende geht es auch um nichts anderes als die große Gaia-Theorie und allerlei schwer verständliche Esoterik.

Carl gerät in den Sog dieser Kreise und Ereignisse, er verliert sich völlig darin, was ihn an die Grenze seiner eigenen Existenz bringt - physisch und geistig.

Daneben ist der Roman auch die Suche eines Dichters nach künstlerischer Inspiration und Form. Das wird durch zahlreiche Reflexionen über das Schreiben, über Dichtung und ihren Sinn, über das dichterische Sehen und Reden thematisiert. Und nicht zuletzt durch ungeheuer viele literarische Bezüge von Aitmatow über Ernst Jünger (Strahlungen, Das abenteuerliche Herz), Stefan George und unzählige andere. Es ist ein Buch, in dem sich Themen und Motive unendlich dicht durchdringen und überlagern - das Motiv der verletzten und strahlenden Erde, in Carls Heimat durch den Uranabbau und in Kasachstan durch Bombentests etwa.

Das alles ist durchaus beeindruckend und passagenweise auch eindrücklich. Das verdiente mindestens vier Sterne. Trotzdem habe ich mich mit dem Roman schwergetan und fand ihn doch mühsam zu lesen, ohne dass sich bei mir als Leser eine angemessene Befriedigung für die Mühe eingestellt hätte. Die gesamte Gaia- und Schamanismusthematik hat mich völlig kalt gelassen. Da hatte ich eher die Frage im Kopf, was das eigentlich alles soll...

Daher dann im Mittel doch nur drei Sterne. Bei "Kruso" und "Stern 111" habe ich auch nach Jahren noch Bilder, Szenen und Atmospähre im Kopf. Ob das bei diesem Roman auch so sein wird - daran habe ich große Zweifel.
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