Einer der grössten Missverständnisse ist es, dass man sich als junge(r) Erwachsene(r) ja schon mit den Eltern, dem Elternhaus und ihren Geschichten, der Familie an sich auseinandergesetzt und Klarheit gewonnen hat. Als "reifer" Erwachsener wurschtelt man sich dann durch sein eigenes Leben mal gut mal schlecht, aber das hat dann nichts mehr mit dem eigenen Elternhaus zu tun. Und wenn jemand in seinen 40er, 50er oder mit 60 noch angfängt, Dinge aus dem Elternhaus zu hinterfragen, sei diese Person eben noch nicht als Erwachsener gereift. Naja, so oder so ähnlich war zumindest meine Auffassung, ich hatte mein Elternhaus mit Anfang/ Mitte 30 "abgehakt", was nicht heisst, dass das Verhältnis schlecht war, im Gegenteil. Ich dachte, ich wüsste mehr oder weniger, wie die Rollen waren/sind, was passiert ist etc.. Aber dann kam die Krise und mir wurde mit Ende 40 noch so einiges bewusst.
Dieses Buch zeigt einem, wie wichtig es ist, immer wieder offen zu sein, um dazuzulernen. Bei anderen Themen oder in der Berufswelt ist einem das vollkommen klar. Aber in der Familie? Speziell bei der Kriegsgeneration gibt es so viele unbeantwortete aber auch ungestellte Fragen. Die Kriegsenkel hatten und haben ja immer noch Verständnis dafür, dass Menschen, die einen Krieg und alle die Horror Konsequenzen erlebt haben, nicht ständig daran erinnert werden wollen und auch nicht mehr darüber sprechen wollen. Dieses Buch zeigt einen, wie wichtig die Auseinandersetzung oder zumindest das Bewusstwerden ist. Es motiviert mich, meine eigenen Erfahrungen auch jetzt noch (bin Jahrgang 1967) aufzuschreiben, wenn auch "nur" für mich. Tagebuch schreiben ist eine Sache, aber bewusst zurück blicken und nochmal sein Elternhaus genauer anschauen, und zwar schriftlich, das ist etwas anderes. Die Erfahrungsberichte dieses Buches zeigen das auf und es ist erschütternd aber auch erleichternd zu lesen, dass andere auch ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Bravo! Eine tolle Herangehensweise an ein sehr schwieriges Thema!