David Rolfe Graeber was an American anthropologist and anarchist.
On June 15, 2007, Graeber accepted the offer of a lectureship in the anthropology department at Goldsmiths College, University of London, where he held the title of Reader in Social Anthropology.
Prior to that position, he was an associate professor of anthropology at Yale University, although Yale controversially declined to rehire him, and his term there ended in June 2007.
Graeber had a history of social and political activism, including his role in protests against the World Economic Forum in New York City (2002) and membership in the labor union Industrial Workers of the World. He was an core participant in the Occupy Movement.
He passed away in 2020, during the Covid-19 pandemic.
Wie immer provoziert Graeber mit überraschenden, konsequent (!) die Perspektive "von unten" einnehmenden Thesen zu sonst fraglos akzeptierten "Grundbeständen" der Theoriebildung. Die Aufsatzsammlung beginnt mit einem biografischen Abriss, der zu erklären versucht, warum so einer Anarchist wird. Überraschend ist hier nur das Lob sozialistischer Schlamperei, also die positive Hervorhebung der Tatsache, dass Arbeiter sich im Sozialismus "zur Arbeit eigentlich nicht blicken lassen mussten" (16). Das irritiert freilich nur denjenigen, der (auch als Sozialist/ Kommunist) das z.B. Marx zutiefst fremde, aber von Lenin aus praktischen Erwägungen heraus für "sozialistisch" gehaltene "protestantische Arbeitsethos" (dazu gibt es ein paar gute Überlegungen) so weit verinnerlicht hat, dass ihm oder ihr der Grundsatz "arbeiten um zu leben" gar kein bisschen aufstößt. Das sieht natürlich davon ab, dass der Sozialismus auch deswegen die Konkurrenz zur kapitalistischen Welt nicht überstanden hat, was Graeber jedoch nicht interessiert, weil er vom Menschen her denkt und ihm Staaten, Staatengemeinschaften, ja sogar Parteien und Ideologien sowieso egal sind. Er denkt seinen Anarchismus eben "von unten" und da ist es konsequent, sich mit dem die Arbeit verweigernden Proleten zu solidarisieren und sich mit ihm an dem schönen freien Tag zu freuen, den er saufend in der Kneipe oder am Strand mit der Liebsten verbracht hat. So feiert man das Leben.
Danach geht es im zweiten Beitrag um die Sozialwissenschaften. Graeber möchte zeigen, dass diese (er bezieht sich insonderheit auf die Soziologie) im 19. Jahrhundert aus dem Bedürfnis heraus entstanden sind, die Nichtübereinstimmung des Resultats mit den Ansprüchen von Revolutionen zu erklären. Daraus ergeben sich Forderungen an die Entwicklung von Herrschaftstechniken (was sind die Widerstände, die wie zu überwinden sind?) wie auch gesellschaftskritisches Potential: Indem sich die Sozialwissenschaften an gescheiterten oder wenigstens nicht eingelösten Versprechungen von Revolutionen abarbeiten, können sie - das ist Graeber wichtig - zu der Erkenntnis kommen, dass Revolutionen sowieso nie "siegreich" sind und es gar nicht sein können, sondern dass ihre gesellschaftsverändernde Kraft aus Niederlagen und deren Bearbeitung gewonnen wird. Das ist originell, widerspricht der m/l Revolutionstheorie (zu Recht) und absolviert die gesellschaftliche Linke, die immer scheitert, sich aber im Scheitern doch noch was drauf einbilden kann. ;-) Nichts einbilden kann sie sich freilich auf ihre notorische Zerstrittenheit und ihren unreflektierten, heute mehr denn je hervortretenden Akademismus, der zwar behauptet im Namen der arbeitenden Klassen zu Handeln, sich dabei aber regelmäßig darüber täuscht, wie diese Klassen leben, was sie wollen und wie man sie zu Handlungen ermächtigen könnte. (Das auch, weil akademische Linke in ihren Entwürfen meist Bücher kommentieren/ kritisieren, in denen es um das Leben des Prekariats geht, um dann bloß wieder ein neues Buch darüber zu schreiben.) Darüber hinaus gibt es ein paar anregende Bemerkungen zu dem Umstand, warum eine vergleichende Anthropologie implizit den Rassismus kolonialer Ausbeutung voraussetzt, denn wirkliche Vielvölkerstaaten der Antike etwa haben sich nicht um Rassen und den Vergleich von Kulturen geschert, weil sie insofern tolerant waren, als sie Unterschiedlichkeit fraglos leben konnten und lebten. Das kann und muss man alles weiterdenken, da man sich sonst kaum Gedanken darüber macht.
Der dritte Aufsatz fragt nach dem Begriff "Konsum", für den eine Definition eigentlich nicht existent sei und dessen Bedeutung sich meist nur aus der Gegenüberstellung zur Güter-Produktion ergibt. Das sei falsch, denn Graeber skizziert, dass nicht alles, was nicht Produktion ist, auch "Konsum" im Sinne von Vernutzung oder Verbrauch ist. Er fragt eigentlich nach dem Sinn von Produktion, die doch zuallererst in der Befriedigung von Lebensbedürfnissen, dann aber auch in der Produktion von Begehrenswertem besteht. Seit der Antike und den frühchristlichen Denkern ist "Begehren" jedoch eine zweifelhafte bis abgelehnte, also negativ konnotierte Strebung, was dem Konsum-Begriff bis heute anhängt. Graeber verweist linke Konsumkritik in der Nachfolge von Adorno etc. auf den Umstand, dass sie gerade die Klasse kritisiert, deren in der Güter-Produktion deformierte Identität in der Freizeit und als Status sich an die Dinge bindet, die sie herstellt, weil sie anders Anerkennung von anderen nicht bekommen kann. Sartre kriegt sein Fett weg, weil Graeber in der Konstruktion des "Anderen" nur die Konsequenz bürgerlicher Konkurrenz sehen kann und meint, dass wir aber nur durch "den Anderen" wir selbst werden, weshalb Status-Produktion der eigentliche Antrieb jedes (!) menschlichen Handelns sei. Das verdeutlicht er am Beispiel der Selbstentfaltung Jugendlicher in einer Musik-Band, denen man kaum vorwerfen könne, den Kauf und die Benutzung von Musikinstrumenten als "Konsum" zu betreiben. Unentfremdete Status-Produktion, die unmittelbar Anerkennung bzw. das Gesehen-Werden durch andere mit sich bringt (Musik machen, Bücher schreiben, lehren usw.), sei aber ein Privileg der intellektuellen und der herrschenden bzw. der administrativ tätigen Klassen, die sich dieses Privilegs jedoch nur ungenügend bewusst seien und daher auf die Klasse, in deren Namen oder für die zu handeln sie vorgeben, Nase rümpfend herabschauen. Für Graeber haben aber Alkohol-oder Drogenkonsum, ja selbst das Rauben und Stehlen und das "Frauen-Gebrauchen" in den unteren Klassen einen analytischen Wert, da hier das Streben nach Freiheit (siehe das Leben der Piraten) offen zu Tage tritt, die diesen Klassen in der täglichen Maloche verwehrt wird. Dort sei anzusetzen, nicht, indem man paternalistisch belehrt, sondern die Formen der Produktion so umgestaltet, dass emanzipative Produktion von vorgestellten Lebenswelten in einer Weise möglich wird, die "Konsum" als deren Vollzug begreift. Meint: Zu produzieren sei nicht, was nachgefragt wird, schon gar nicht ein immer neues und erweitertes Angebot, sondern schlichtweg das, was Bedürfnisse befriedigt und dem Begehren nach gelingender Sozialität dienlich ist. Auch das Thesen, die weiterzudenken wären, was Graeber nicht mehr gelungen ist, da er (zu früh) verstarb.
Einziges Manko der Texte sind also ihr noch tastender Entwurfscharakter (was noch nicht fertig durchdacht ist, kann man schwerlich einfach auf den Punkt bringen) und der Umstand, dass sie zwar in die auch meiner Meinung nach richtige Richtung weisen, allerdings selbst noch nicht widerspruchsfrei sind und auf möglichen Widerspruch noch nicht zu reagieren vermögen. Aber was soll's? Graeber hat Anregungen gegeben, an uns ist es sie aufzunehmen. Ich warte daher auf Studien, die seine Gedanken weiter ausführen und hoffe solange auf weitere Nachlasspublikationen durch das Graber- Institut. Wir haben diese Anstöße dringend nötig: Mit Graeber kann man mehr Anarchismus wagen!